lichen Thränen wieder heimwärts und vergräbt ſich wie zum Winterſchlafe in ihr dunkles Stüblein— und pflegt die ver⸗ trockneten Blumen ihrer Erinnerungen— und ſummt leiſe vor ſich hin, ohne Aufhören, jene lieblichen Geſänge ihres Hebel, jene Lieder vom„Vreneli und Fridli“, bis endlich—— doch halt, noch ſind wir ſo weit nicht!
Wie geſagt, am letzten Sonntage, juſt am Johannisfeſte iſt das Vreneli über unſere Bretter gegangen— nämlich ein Stück Schauſpiel, welches Herr Dr. Goll in Freiburg aus obiger Geſchichte gemacht hat. Der Saal war zum Erſticken voll und das Spiel verlief unter unzähligem begeiſterten Beifall unſerer Zuſchauer.
Längſt war der Vorhang gefallen, kein Zuſchauer mehr im Saale, und die fünf Stearinflammen des Kronleuchters waren ausgeblaſen, als wir Acteure aus der Garderobe her⸗ austraten, voran Freund Adolf, der, uns zu leuchten, ein Stümpfchen Talglicht hochtrug. Der matte Lichtſchein warf einen geſpenſtigen Streifen durch den öden Saal hin. Halt da! Wer ſitzt dort noch? Kaum erkennbar, daß es ein Menſch ſei! Laßt uns näher gehen!— Sieh da! hier auf der letzten Bank— ein altes, ſteinaltes Mütterchen. Ihr greiſes Haupt ruht auf der vordern Banklehne, ſie ſcheint eingeſchlafen?— Doch Ihr irrt! ſie ſchläft nicht— ſie träumt. Vom Lichte geblendet, ſchlägt ſie die Augen auf und erhebt ihr Antlitz— Thränen glitzern in ſeinen Furchen, doch ſie lächelt. Dann erhebt ſie ſich mühſam, reicht uns die Hand, will ſprechen, aber ihre Worte ſterben in einem Schluchzen hin, ſie kann nichts ſagen, als:„Dank! Dank! von dem Vreneli!“
Wir ſtehen betroffen. Mit ſanfter Stimme frägt Adolf: „Woher des Weges, Mütterchen? Wer ſeid Ihr?“
„Wer ich bin?“ ſeufzt ſie,„ach; ich bin's wohl nicht mehr:'s Vreneli.“
„SVreneli?“ ruft es rings voll Erſtaunen,„Ihr das Vreneli?“
„Ja!“ lächelt die Alte,„ich ſehe wohl nicht mehr da⸗ nach aus, daß man mir's glauben ſollte. Es iſt auch ſchon ſo lange her, daß die Geſchichte paſſirt iſt— und ich weiß kaum ſelbſt mehr, daß ich einmal ſo blühend und friſch anzu⸗ ſehen war, wie das liebe ſchöne Fräulein hier, das mich heute geſpielt hat. Aber heute iſt die alte Zeit wieder lebendig in mir worden— und es iſt halt doch kein Traum: ich bin wahr und wahrhaftig das Vreneli!“
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Das gab nun auf die Nacht noch ein herrliches Nach⸗ ſpiel. Das Vreneli, obgleich eine Greiſin über die Achtzig, war noch immer rüſtig bei Wege. Als in ihr einſames Witwen⸗ ſtüblein die Nachricht geflogen war, heut ſolle ſie in Schopf⸗ heim auf die Breter kommen— ei! da mußte ſie ja dabei ſein, und hätte ſie auf allen Vieren hinkriechen müſſen; aber ſie war den einſtündigen Weg doch tapfer aufrecht gegangen— und auch jetzt fehlte nicht viel, daß ſie ſchon gleich bei Nacht und Nebel wieder den Weg nach Hauſe gemacht hätte. Das gab nun Keiner von uns zu— au contraire! Wir mußten das Vreneli noch ein Stündchen in unſerer Mitte haben!
Arm in Arm ging es hinunter nach Adolf's Stube. Bald ſaßen wir im muntern Geplauder um den runden Tiſch her, inmitten das Vreneli auf einem Ehrenſeſſel, der mit Hülfe einiger Bänder und Theaterguirlanden improviſirt war— und die Brautkrone, die heute Abend Fräulein K. getragen hatte, ſchmückte ihr greiſes Haar. Das gefurchte, blutloſe Antlitz ſtrahlte von einem Nachglanz jugendlicher Anmuth wieder, wie eine öde Winterlandſchaft, die von dem Feuer der ſcheiden⸗ den Abendſonne noch einmal verklärt iſt.
Inzwiſchen war eine mächtige Bowle requirirt worden, und als der duftige dampfende Punſch die Runde machte, da war das Vreneli erſt gar geſprächig, und manch luſtiges
Geſchichtlein aus alter Zeit floß über ihre Lippen. Es war Mitternacht, als wir uns trennten.— Dem Vreneli war ein bequemes Stübchen zum Nachtquartier angewieſen.— Wir
begleiteten ſie hinauf, und ſie nahm Abſchied,„denn“, ſagte ſie ſcherzend,„das alte Vreneli wird ſchon längſt der Morgen⸗ ſonne entgegen ſein, wenn die lieben Herrſchaften noch im trägen Schlafe liegen!“ Und als ſie ſchon die Thüre zu hatte, klang noch einmal ihr freundliches„Gute Nacht! auf Wieder⸗ ſehen!“ an unſere Herzen.
Am nächſten Morgen war ich der Erſte aus den Federn. Sogleich frug ich nach Vreneli und ob ſie ſchon fort ſei? Man wußte es nicht. Ich ging hinauf; die Thür war offen; als ich hineintrat, lag Vreneli noch auf dem Bette— unausge⸗ kleidet— ſie ſchien zu ſchlummern, aber eine ſeltſame Bläſſe bedeckte ihr Antlitz, das wie in einem lieblichen Traume lächelte. Ich horchte nach ihrem Athemzuge— ihr Mund war ruhig; ich berührte ihr Herz— es ſchlug nicht;„Vreneli!“ rief ich laut, ſie zu wecken; kene Antwort! Das Vreneli war— ſelig entſchlafen!
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Feuilleton.
** Hinrichtungen in Mexico.
Die Todesſtrafe wird an politiſchen Verbrechern durch Erſchießen, an Dieben, allen Indiern und Geſindel, ſowie an Denjenigen, welche man beſonders verabſcheut und daher noch entwürdigen will— durch den Strang vollſtreckt.
Man erſchießt hier auf kürzeſte Entfernung; indem der Verur⸗ theilte auf einen Schemel geſetzt wird und die Soldaten, vier Schritt entfernt, ſich aufſtellen; ſelten jedoch erfolgt ſofortiger Tod, man feuert vielmehr wiederholt, um den Opfer den Garaus zu machen.— Die Hinrichtung ſteht daher durchaus nicht vereinzelt da.
Wenn ein Menſch unter gewöhnlichen Verhältniſſen, d. h. nach allen Anforderungen der immer ſchnellen Juſtiz erſchoſſen werden ſoll und kein beſonderer Beſchleunigungsgrund vorliegt, ſo wird auf einem hölzernen ſchwarzen Kreuze ein Bret angebracht, auf welchem der Verurtheilte mit ausgebreiteten Armen Platz nimmt.
Das Volk läuft maſſenweiſe zu ſolchen blutigen Schauſpielen und drängt ſich in Ermangelung jeder Polizei, ſo ſtürmiſch und bis an den Richtſchemel, daß Unfälle nicht ſelten vorkommen; ja, es beſteigt ſogar, wenn dieſelbe nicht zu hoch iſt, die Mauer, zu deren Füßen der letzte Act vor ſich gehen ſoll, und erwartet auf ihr, mit herunterhängenden Beinen und auffallender Sorgloſigkeit den mörderiſchen Ausgang, nur einige Zoll vom Kopfe des Unglück⸗ lichen entfernt.
Der Verurtheilte wird 24 Stunden vor der Hinrichtung in eine Kirche gebracht— grauenvolles Todtengeläute ertönt— dumpfe Sterbegebete beginnen und ein Geiſtlicher tröſtet den Deliquenten, der in kurzem aus dem Leben ſcheiden ſoll.
Der Mexicaner ſtirbt durchweg mit einer merkwürdigen Gleich⸗ gültigkeit; hier, wo Jedermann mit dem Gewehr vertraut, und gewärtig iſt, dem Rufe irgend welches Parteigängers zu folgen, wo
alsdann entweder im erſten Gefechte der Tod ſeiner wartet, oder ſpäter ihn ſicher ereilt, macht der Gedanke überall drohenden Todes weniger Beben, als bei uns die Befürchtung eines Katarrhs.
Dem Geſetze nach oder vielmehr nach ſpaniſcher Sitte gibt es zwei Fälle der Begnadigung für Verurtheilte, und zwar erſtens wenn der Deliquent nach den bereits mitgetheilten Ceremonien die Kirche verläßt und irgend welche mildernde Umſtände für ihn ſprechen, zweitens wenn es ihm gelingt, während des Abendmahles am Tiſche des Herrn, wohin ihn jedoch zwei Soldaten geleiten, und jede ſeiner Bewegungen überwachen— den Communionskelch zu berühren.
Während der Belagerung von Matamoros durch die Amerikaner wurden acht arme Teufel von den Yankees gefangen, durch das Kriegsgericht zum Tode verurtheilt und wie immer in die Kirche ab⸗ geführt; in dem Augenblicke, als der katholiſche Miſſionär mit dem Hoſtiengefäß, zum letzten Sakrament für ſie beſtimmt, bei ihnen vorbei will, ſtürzen ſie ſich ihm mit dem Schrei:„Rettung, Ret⸗ tung!“ entgegen. Vergebens! eine Abtheilung Yankee'ſcher Carabi⸗ niers reißt ſie dreimal zurück, um ſie dem Tode entgegenzuführen.
Die Geſchichte hat grauenvolle Ereigniſſe verzeichnet, indeſſen laſſen dieſelben die Acte der Rache der Juarez⸗Partei weit hinter ſich zurück; es ſei mir daher vergönnt, an einige empörende Thatſachen zu erinnern, welche die entſetzliche Grauſamkeit eines Calleja er⸗ dachte— er war es, der die haufenweiſen Hinrichtungen anordnete.
Nach der Einnahme von Guanajuato erklärte Calleja, daß Pulver und Blei zu theuer ſeien, und ließ deshalb auf öffentlichem Platze 14,000 Frauen und Kinder zuſammenhäufen, gegen welche er ſeine Soldaten mit dem Befehle los lies, dieſe unglücklichen und ſchutzloſen Opfer abzuſchlachten.
Als Mordos in Mexico zum Tode verurtheilt worden, begleitete General Coucha ihn nach San Criſtoval, wo die Hinrichtung ſtatt finden ſollte. Den Verurtheilten ſchmerzte nichts tiefer, als die an⸗
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