Jahrgang 
1867
Seite
663
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indem ich die unſchuldige Urſache bin, daß die größte muſika⸗ liſche Sauerei(Verzeihung für den Ausdruck!) die je componirt wurde, dem mexicaniſchen Volk als National⸗Hhymne ange⸗ hängt wurde.

Alle die Chicanerien, Niederträchtigkeiten und boshaften Kindereien, mit denen ich täglich in Mexico zu kämpfen hatte, verſetzten mich übrigens recht en train. Dieſe Leute waren hinſichts der Reclame noch ſo unſchuldig und unbefangen, daß ich meiner Phantaſie die Zügel ſchießen ließ.

Auch hiervon ein Beiſpiel.

Als ich mit Henri Herz nach San Louis de Potoſi kam, fand ich die Stadt in großer Aufregung.

Im letzten Jahre war die Cholera in Durango ausge⸗ brochen und blieb in Fresnillo ſtehen und zwar aus dem einfachſten Grunde. Die Erfahrung hatte gezeigt, daß dieſe Seuche ſtets die Richtung der Andes verfolgte. Kinder, wie die Mexicaner ſind, behaupteten ſie jedoch, die Allmacht der Madonna in der Kirche von Fresnillo habe der Cholera das weitere Vordringen verboten.

In dieſem Jahre war nun wiederum die Epidemie in Durango ausgebrochen. Die Madonna indeß mußte von ihrer Macht verloren haben, denn die Seuche drang rückſichtslos vorwärts.

In San Louis de Potoſi herrſchte natürlich der größte Schrecken. Man beſchloß, die Madonna von Fresnillo nach San Louis kommen zu laſſen, und dieſe wurde ſtündlich er⸗ wartet.

Ich, der ich in San Louis de Potoſi eingetroffen war, um unſere Concerte hier vorzubereiten, auch Herz an dieſem Tage erwartete, veranlaßte die in der Stadt wohnenden Clavier⸗ lehrer, unter Begleitung von Militärmuſik dem großen Virtuoſen Henri Herz bis vor die Stadt entgegen zu gehen.

Man wrilligte bereitwillig ein. Wie in Mexico gebräuch⸗ lich, waren Alle, ſammt der Muſik⸗Bande, zu Pferde. Um

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2 Uhr rückten ſie durch die Stadt, denn die Diligence ward um 4 Uhr erwartet.

Kaum war der Zug in Scene geſetzt, als ſich unter den funfzigtauſend Leperos der Stadt ausſprengen ließ, dieſe Caval⸗ cade begebe ſich hinaus, um die Madonna zu empfangen. Sie können mir glauben, daß von dieſen funfzigtauſend nicht Einer zu Hauſe blieb.

Selbſtverſtändlich ging die Nachricht durch das Land, dieſe Funfzigtauſend ſeien dem berühmten Virtuoſen Herz ent⸗ gegen geritten, um ihn feſtlich zu empfangen, und die Wirkung dieſer Reclame blieb nicht aus.

Noch ein Scherz, den ich mir mit der Einfalt der Mexicaner erlaubte.

Ich hatte neben Herz noch einen jungen Violinſpieler Namens Franz Cvenen bei mir. Dieſen richtete ich mir für meine Concerte ab und ließ ihn u. A. ein Rondo arrangiren, an deſſen Schluß er eine Cadence anbringen mußte, in welcher das Gezwitſcher eines Vogels vorkam, der die verſchiedenen National⸗Melodien ſang.

Dieſe Spielerei hatte ungeheuern Erfolg. Sivori und ein gewiſſer Michel Hauſer, deſſen proſaiſchen Namen ich in New⸗York in Miſchka Hauſer überſetzte, unterſtanden ſich ſpäter, dieſelben in Europa in ihren Concerten vorzutragen und da⸗ durch das europäiſche Publikum mit den mexicaniſchen Leperos gleichzuſtellen. Doch das nur nebenbei. Für Herz war dieſer Erfolg ein doppelt willkommener, da Coenen nur einen kleinen monatlichen Gehalt bezog.

Der Lepero, als er den Vogel ſingen hörte, ließ ſich nicht ausreden, Cvenen habe einen pajaro in ſeiner Kehle, und dies ſteigerte ſich zur Gewißheit, als ich mir in Queretaro den Spaß machte, meinen Secretär mit einem kleinen Käfig, in welchem zwei Kanarienvögel, auf die Galerie zu ſchicken, von wo aus er, als Cvenen an die Cadence kam, die Thierchen ins Publikum hinein flattern ließ.

Ein geheimnißvolles Drama. Von A. Belot.

(Fortſetzung.)

Am Tage nach den im vorigen Abſchnitte beſchriebenen Verhandlungen las man in derGazette des Tribunaux folgenden Artikel:

Herr Albert Savari, von dem wir geſtern meldeten, daß er, compromittirt in dem Mordproceß der Rue de la Paix, verhaftet ſei, iſt ſofort wieder in Freiheit geſetzt worden; er hatte ein einziges Verhör zu beſtehen, welches keinen Zweifel an ſeine Unſchuld mehr zuließ. Nach uns zugegangenen, be⸗ ſtimmten Nachrichten hat ſich der Verdacht der Juſtiz nach einer andern Seite gewendet. Der Mörder iſt bereits bekannt, hat ſich jedoch der augenblicklichen Verhaftung durch die Flucht entzogen. Doch iſt auch bereits ſein Aufenthalt entdeckt, und der Auslieferung wird nichts im Wege ſtehen.

Wir werden nicht verfehlen, unſere Leſer ſtets auf dem Laufenden zu erhalten, wenn die uns zugehenden neuen Mit⸗ theilungen nicht derart ſind, daß ihre Veröffentlichung die Action der Behörden durchkreuzt.

Man glaubte allgemein an die Wahrheit dieſer Nach⸗ richt. Die Zeitungen druckten dieſelbe ab und Savari wurde allgemein wegen der gegen ihn beobachteten Härte bedauert.

Drei Tage ſpäter läutete ein Mann im Alter von unge fähr dreißig Jahren, von ſehr eleganten Aeußern, mit einem Pince⸗nez von blauen Gläſern, mehreren Orden an der Bruſt, an der Thür von Madame Vidal.

Marietta öffnete.

Ich möchte Ihre Herrin ſprechen, ſagte der Unbe⸗ kannte.

Es iſt erſt neun Uhr, Madame empfängt noch nicht, verſetzte Marietta.

Ich komme in dringenden Angelegenheiten.

Ihr Name?

Madame Vidal braucht meinen Namen nicht zu wiſſen. Sagen Sie ihr nur, ich ſei die Perſon, welcher ſie im Zimmer des Unterſuchungsrichters begegnet ſei.

Ich weiß genug. Madame hat mir davon erzählt, und mir aufgetragen, Sie ſofort zu bitten, näher zu treten.

Sie machte die Thür weit auf, die ſie bis jetzt ängſtlich gehütet hatte und ging dem Fremden voran. Ehe ſie eine fernere Thür öffnete, fragte ſie:

Wünſchen Sie Madame allein zu ſprechen?

Wenn möglich, ja.

Es warten bereits Andere auf Madame. Seit dem Tode ihres Gatten wird das Vorzimmer nie leer, haben Sie die Güte mir zu folgen.

Sie durchſchritt einen kleinen Corridor und öffnete am Ende deſſelben eine Thür.

Ich werde Madame von Ihrer Anweſenheit benachrich⸗ tigen, ſagte ſie, ſobald Vibert ſich in dem Gemach befand. Marietta entfernte ſich. Vibert hatte Muße, ſich in dem reizenden Zimmer, das mit allem möglichen Luxus ausge⸗ ſtattet war, umzuſehen. Es verging eine kleine Viertelſtunde, Marietta wieder erſchien und den Beamten zu Julia ührte.

Julia entſchuldigte ſich bei dem Letzteren, das ſie ihn ſo lange habe warten laſſen, doch Vibert ſchien dies gar keiner Entſchuldigung werth zu halten, denn er fragte, ohne weiter darauf einzugehen:

Haben Sie geſtern die Abendzeitungen geleſen?

Ja, ich habe daraus erſehen, daß Savari freige⸗ laſſen iſt.