vielen Zweigen, ſpeciell in den einfacheren, die Pariſer bereits eingeholt.
Wie hat ſich dies gemacht, muß man fragen. Sind die Berliner geſchmackvoller geworden, induſtriöſer? Haben die Floriſten und die Floriſtinnen bei uns zierlicher arbeiten ge⸗ lernt? Dies Alles kann man nicht läugnen; aber der Haupt⸗ grund dieſes Aufſchwungs liegt in dem immer größer wer⸗ denden Sieg des eigentlichen induſtriellen Princips der Theilung der Arbeit. Nur durch dieſe Theilung der Arbeit, nur da⸗ durch, daß ſich größere Fabriken lediglich auf Anfertigung einzelner Specialitäten legten, konnten ſie die möglichſte Voll⸗ kommenheit des Fabrikats bewirken und die Concurrenz mit Paris überhaupt erſt aufnehmen. Der Blumenfabrikant hat damit heute den Geſellendienſt für Mutter Flora übernommen; er macht ſeine Stücke, eine beſtimmte Art von Blumen, von Blättern, nur dieſe, und bringt es darin zu einer Meiſter⸗ ſchaft. Der Händler pfuſcht ihm hierbei ebenſo wenig ins
Handwerk, wie der Uhrmacher den Uhrenfabrikanten, die ihm
die Uhren fix und fertig zuliefern. Alles, was er zu einem Bouquet, zu einem Kranze, zu einer Hutgarnitur gebraucht, wird ihm aus den Werkſtätten Flora's fir und fertig in die Hand gegeben; und wie der Gärtner beim Winden eines Kranzes von Strauch zu Strauch geht, um hier ein lebendiges, ein natürliches Blatt, eine Blüte zu ſchneiden, ſo entnimmt der Blumenhändler aus ſeinen Käſten und Cartons die nach⸗ gemachte, die künſtliche Flora.
Thieme und Hochſtetter, Wallſtraße 13, gehören zu den jüngern und rührigen Blumenfabrikanten Berlins, welche in Herſtellung ſpecieller Blumenarten und beſonders von Blättern die Vollkommenheit der Pariſer Fabrikate ſo weit erreicht haben, daß ſie ſogar nach Paris ſelbſt exportiren und von dort oft nach Deutſchland mit franzöſiſcher Firma zurück⸗ kommt, was gute Deutſche hier viel billiger ſelber verkaufen. Aber in Sachen der Mode und des Geſchmacks verlangt die Ein⸗ bildung ihre Befriedigung und ein Damenhut, eine Robe iſt noch einmal ſo viel werth in den Augen der deutſchen Frau, wenn er Pariſer Firma trägt. Er koſtet zwar viel mehr und iſt auch nicht eleganter— aber das Letztere bildet ſie ſich für den theuern Preis wenigſtens ein.
Indeß, laſſen wir uns in die Werkſtatt von Thieme und Hochſtetter führen, um zu ſehen, wie die Nachahmer Flora's ihre Blätter und Blumen wachſen laſſen. Sie zeigen uns alle zur Herſtellung von künſtlichen Blumen und Blättern nöthigen zahlreichen Dinge, Zeugſtoffe, Stroh, Silber⸗ und Wachsplatten, Farben und Pinſel, Glas und Draht; vom ungefärbten Batiſt und Jaconet bis zum fertigen Blatte oder Blumen⸗ kelch, vom feinſten Staubfädchen der wilden Roſe bis zur großen Blüte der Lilie findet man dort zahlreiche Muſter fertig vor. Es iſt ſo etwas, wie die Requiſitenkammer eines Gartens Blätter und Blüten, an die man riecht, weil man ſie für duftende Kinder Flora's hält; große Blumenkronen in den verſchiedenſten Formen, natürlichen und phantaſtiſchen, und in den beſtechendſten Farben; geſchloſſene Knospen oder halb geöffnete, wie zum Leben erwachte Roſen; Mohn und Myrten, Gräſer, Früchte ſelbſt, Thautropfen, Käfer, Fliegen— nichts fehlt, als der Odem des Lebens in dieſen lieblichen Kunſt⸗ werken.
Anders wie Flora das Samenkorn zur Pflanze mit
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Blättern und Blüten entſtehen läßt, macht der Blumen⸗ fabrikant ſeine künſtlichen Blätter und Blumen. Um Blätter zu machen, nimmt er grüne Zeugſtoffe, aus denen mittels gravirter Eiſen die einzelnen Stücke in der Form der betreffen⸗ den Blätter ſcharf gepreßt ausgeſchlagen werden. In einem Atelier warten die jungen Mädchen, hübſch und nicht hübſch, freundlich und nicht freundlich, ſauber und nicht ſauber, als die Dienſtjungfern Flora's, was ihnen für ein Anſtrich der Natur vorgeſchrieben werden wird. Pinſelnd geben ſie zuerſt den Zeugblättern Schatten; dann geben ſie ihnen durch Auf⸗ kleben von mit Papier oder Baumwolle umwickelten Drähten die Stiele. Noch ſieht das Blatt leblos aus, flach, welk; aber auch das Leben des Scheins geht nachzumachen und was gemacht werden kann, wird gemacht. Hebelpreſſen ver⸗ leihen den einzelnen von ihnen zärtlich gedrückten Blättern die geſchweifte Form, welche als Zeichen des Lebens den Nach⸗ ahmern der Natur nicht entgangen iſt. Aber noch nicht genug damit, blickt das wie in einer Penſion erzogene und gemarterte, unkeuſch von Hand zu Hand gewanderte Blatt mitleidig auf den Maler.„Mein Herr Maler, mal' er mir!“ Und er malt ihm die hellen Adern auf den Leib, auf daß es ſich vor den Schweſtern da draußen auf den Bäumen oder an den Sträuchen nicht zu ſchämen braucht. Aber noch immer gleicht es ihnen nicht ganz und deshalb tränkt man es mit flüſſigem Wachs, um ihm die natürliche Glätte und den natürlichen Glanz zu verleihen: man macht es trunken und lackirt es dann, ermattet ſein üppiges Lüſtre durch Stärkeſtaub. Und erſt dann verwendet man gleiche Aufmerkſamkeit auf den Stiel, indem man ihn noch einmal mit Papier oder Kautſchuk um⸗ wickelt. So wird dies Kind Flora's mit andern Waiſen dutzendweiſe zuſammengebunden, großweiſe eingeſargt und man gibt es dem, welcher es kaufen will, während Flora Millionen Blätter gutmüthig dem überläßt, der ſie ſich nimmt.
Aehnlich geht das Hervorzaubern der meiſten Blumen vor ſich. Auch ſie werden entweder aus bereits gefärbten Batiſten, Velvet⸗Sammt und dergleichen ausgeſtanzt, gepreßt oder vermittels an Stielen befindlicher kleiner Ballen„gekröſt oder gebullt“ und dann auf die Staubfäden gezogen. Oder man ſetzt ſie aus einzelnen Blättern, die dazu eigens gemacht werden, zuſammen, oder aber die Blüten werden aus weißen Stoffen geſchlagen, mit wäſſerigem Spiritus angefeuchtet und dann mit flüſſigen Farben gemalt, wodurch die Farben ſo zart verſchwommen und abſchattirt erſcheinen. Längſt ſchon iſt dieſer Theil der Blumenfabrikation auch eine Spielerei der Damen geworden, welche von ihrer Zeit den Grazien, den Muſen und auch der Flora etwas opfern, um bei den Göttern Gunſt zu erwerben. Sie ſetzen aus den einzelnen, vom Fabrikanten bezogenen Blättern und Blütentheilchen die Blumen ſinnig und mit Geſchmack zuſammen und freuen ſich, daß die Blumen ſich dies Alles gefallen laſſen. Wollblumen aus Schlangendraht und Zephyrwolle zuſammen zu ſetzen, gehört jetzt ebenſo zur Modeſpielerei der Damen, wie vor zehn Jahren das Vaſenbekleben und Bemalen. Es exiſtiren ſogar eigens Lehrer und Lehrerinnen, welche in der Provinz von Stadt zu Stadt, von Gutshof zu Gutshof reiſen und ſolche Künſte ihren vergnügten Schülerinnen zeigen. Es iſt der Anfang der Schäferſpiele.
— Ullmann in Merico.
Erzählt von Hans Wachenhuſen.
(Schluß.)
II. Erlaſſen Sie mir jede ausführlichere Beſchreibung der
Stadt Mexico. Leſen Sie ganz einfach alle Schilderungen derſelben ſeit zweihundert Jahren bis auf den heutigen Tag
und Sie werden ſich überzeugen, daß Merxico immer daſſelbe geblieben iſt.
Das Wort Fortſchritt exiſtirt in der mexicaniſchen Sprache nicht und wenn ein ſolcher vorhanden iſt, ſo betrifft er nur Sittenloſigkeit und Barbarei.
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