Jahrgang 
1867
Seite
660
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Das induſtrielle ßerlin.

II. Flora's Werkſtätten.

Die alte, die ganz alte Zeit war doch ſchön man muß es wol geſtehen, da man ſich alles Mögliche denken kann, was damals ſchön war. Da gingen die Götter noch mit den Menſchen um und die Göttinnen ließen ſich von den Sterblichen die Cur machen. Es war ein recht vergnügtes Daſein und ſchade nur, daß es zur reinen Mythe für uns geworden iſt. Die alten Götter ſind geſtorben, die Göttinnen ſind verdorben und Kinder haben ſie nicht hinterlaſſen. Wenn die Menſchen, die nicht dafür können, daß ſie auf der Welt ſind, ſich nicht ihre eigenen Götter gemacht hätten, ſie wären wirklich für den Himmel von gar keinem Werth mehr.

Wie hübſch der alte Olymp als Familienhaus war, in dem Jeder ſich auf nützliche oder ihm angenehme Weiſe be⸗ ſchäftigte, entſprechend dem Princip der Arbeitstheilung, ohne welche wol auch Meiſter Zeus mit ſeinen Geſellen und Arbeiterinnen die Welt nicht fertig bekommen hätte. Er ſelbſt, der alte Herr, beſchäftigte ſich mit Menſchenmachen; ſein liebes Weib, ſchon ſein drittes, die Juno, führte die Bücher über die Verheiratheten; Jungfer Minerva war Poſtbotin und Zeitungsträgerin, Vulkun ſchmiedete, Neptun fing Fiſche,

Themis erleuchtete die Staatsanwälte, Ceres trieb Landwirth⸗

ſchaft, und Flora, ſie, an die wir hier am meiſten denken müſſen, amuſirte ſich mit Blumenmachen. Da ging ſie mit dem niedlichen Stumpfnäschen in heiteren Sinnen durch die Auen und Gärten und warf die Körner auf die Erde, welche ſie mit Blumen ſchmücken wollte. Und Nachts kam der Thau und küßte die Erde, und unter ſeinen Küſſen ward's in dem Samenkorn lebendig: es lag in ſüßer Minneluſt da in dem weichen, kühlen Bett, und dann weitete es ſich und ſprengte ſeine Hülle. Aus dem Körnchen waren zwei Scheiben ge⸗ worden, die an einem Leibchen wie⸗Arme hingen, indeß unten die Füßchen der Wurzeln nach Boden taſteten. So hob ſich das liebliche Kind der Pflanze dann aus der ſchützenden Erde und ſteckte das kahle Köpfchen in die Luft; es wuchs und hob ſich höher; aus dem kahlen Kopf ward der grüne Trieb, aus den nackten Aermchen grüne Blätter. Und immer reicher kleidete ſich die Blume in ihrem Blätterſchmuck und Mutter Flora ſah vergnügt auf ſie hin; bald reifte die Blume zur Jungfrau; in herrlicher, wunderbarer Blüte entfaltete ſie ſich, um den Gatten zn locken, den ſie freien ſollte; oder ſie ward gleich den Sabinerinnen geraubt und damit war ihr Lebens⸗ geſchick zu Ende.

Mutter Flora iſt längſt todt Gott hab ſie ſelig! Aber ſie hat die Blumen auf der Erde gelaſſen und die Blumen ſorgen dafür, daß ſie auf der Welt bleiben. Aber, wie geſagt, wie die Götter nicht mehr waren, da machten ſich die Menſchen ſelber welche und übernahmen es zugleich, den Göttern von ehemals ins Handwerk zu pfuſchen.

Flora's Kunſt reizte ſie vor Allem. Gab es doch nicht immer Blumen, blühten ſie doch nicht dauernd, machten Winter und Schnee ſie doch alle todt! Und dann dieſer unvertilg⸗ bare Ehrgeiz der Menſchen, die Natur, die ſie nicht verſtehen, deren Wunder und Geheimniſſe ſie nicht ergründen können, durch ihre Künſte zu erreichen, zu beweiſen, daß auch ſie können, was die konnten, denen ſie und Alles, was iſt, das Daſein verdanken. Alles was ſie ſo machen und ſchaffen es iſt freilich eitel Menſchenwerk gegen die Meiſterſtücke der alten Götter; aber iſt der Menſch nicht eitler auf ſeine Werke als auf die Natur? Sieht er in dem, was er ſchafft, erklügelt und erfindet, nicht das Zeugniß dafür, daß, wenn er es auch nicht den Göttern gleichmacht, nächſt ihm doch kein anderes Geſchöpf es beſſer zu machen weiß? Genug, um mit dem Bewußtſein ins Bett zu gehen, daß, da die Welt entgöttert iſt, der Menſch das Recht hat, ihre Stelle einzunehmen.

In jener ſchändlichen Zeit des vorigen Jahrhunderts, da die ſogenannte Philoſophie, oder richtiger der geſunde Men⸗ ſchenverſtand alle die ſchönen Autoritäten als eitel miſerabel

Menſchenwahn erklärte; damals, als Völkern und Menſchen zu Gemüth geführt wurde, was in ihnen ſteckt, was ſie ſein könnten, wenn ſie wollten, da war es kein Wunder, daß ſie in ihrem aufgerufenen Dünkel auch in allen Dingen lieber Herr Gott ſpielen wollten. Sie begannen jene gräuliche Induſtrie, welche in dieſem Jahrhundert durch die gottloſe Macht der Ideen ſo weit geſtoßen worden iſt, daß noch kein Ende abzuſehen und die denn doch in vielen Hinſichten den alten Olymp um die beanſpruchte Hochachtung bringen muß. Wäre Vater Jupiter mit ſeiner Familie zur Weltausſtellung nach Paris gekommen, er hätte einſehen müſſen, daß die Menſchen ihm doch mehr abgeguckt haben, als gut war.

Nun, damals erſtand auch der Ehrgeiz unter den Men⸗ ſchen, es mit Flora aufzunehmen. Aus vornehmen Liebhabereien und harmloſen Spielereien, künſtliche Blumen zu machen und damit Putz zu treiben, ward nach und nach eine Induſtrie, die in Italien und Frankreich ſchnell zu einer großen Voll⸗ kommenheit gedieh. Lag nicht etwas Poetiſches, etwas Künſt⸗ leriſches darin, wie ſie dem Charakter jener Völker entſpricht, die Blumen der Natur zu copiren und neue Blumen, nach der Phantaſie der Menſchen, zu machen? Die italieniſchen Blumen aus Coconshäuten, die franzöſiſchen aus Papier, die braſilianiſchen aus Federn, waren kleine Meiſterwerke, welche die Damen in Entzücken ſetzten und die ſie mit Seligkeit in ihr Haar flochten oder auf ihrem Hute anbrachten. Immer neue Blumen erſtanden in dieſen modernen, der Flora ge⸗ weihten Werkſtätten; immer kunſtvoller, ſinniger, vollendeter wurde die Natur nachgeahmt und immer mehr kam dieſe Lurus Induſtrie bei allen Damen der Civiliſation in Auf⸗ nahme, wurde ein nothwendiges Bedürfniß und auch mehr und mehr von den Theatern, den Decorateuren und Feſt⸗ Arrangeurs als unentbehrlicher Schmuck in Betracht genommen. So haben wir Menſchen geſchaffen, nur daß ihnen die Seele fehlt; ſo haben wir Blumen gezaubert für die Menſchen, nur daß ſie todt ſind.

Vor Allem war es Paris, die anerkannte Hauptſtadt des Geſchmacks und der Mode, welche auch in dieſem Modeartikel ihre Ueberlegenheit an den Tag legte und ſchließlich neben Italien im Beſitze des Alleinhandels mit künſtlichen Blumen war. Alle Verſuche in anderen Städten, mit den Floriſten von Paris in einen Wettſtreit ſich einzulaſſen, wurden bald wegen ihrer kläglichen Ergebniſſe eingeſtellt. Gelang es ſelbſt in einzelnen Blumen gleiche Vollendung zu erreichen, ſo blieben dieſe doch gegen die franzöſiſchen immer noch theurer und ermangelten auch jenes Lüſtre, jenes franzöſiſchen Esprit in der Geſtaltung, ſodaß ein merklicher Induſtriezweig nirgends anderswo zur Ausbildung gelangte. Alle Welt handelte ſchließlich mit Pariſer Blumen und alle Welt ſah ein, daß Paris darin von der ſeligen Göttin Flora am meiſten be⸗ günſtigt werde. Es war erſtaunlich, welche ſauberen Blüten und Pflanzen aus den Pariſer Werkſtätten hervorgingen; ja, die Kunſt ging ſo weit in dem Atelier von M. Verh in Paris, daß die hier nach Originalen täuſchend verfertigten Blumen ſogar zum Behuf des Studiums der Botanik eine verdiente Würdigung fanden.

Heute iſt es ſchon anders: man macht Paris die Herr⸗ ſchaft in Modeſachen ſchon ſtreitig, wenn auch nicht immer mit entſchiedenem Erfolg, doch mit mehr oder minder. Paris muß raſtlos ſinnen und arbeiten, um an der Spitze zu bleiben, denn keine Pferdelänge hinter ihm folgt der ehrgeizige Con⸗ current anderer Länder. Heute gibt es eine große und aner⸗ kannte, den Pariſer Markt bedeutend verkleinernde Blumen⸗ fabrikation in Wien und Prag, in Berlin, Nürnberg, Hamburg, Dresden, Leipzig, und ſie wächſt und vervollkommnet ſich von Jahr zu Jahr in dem Maße, daß nur das alte Vor⸗ urtheil der Firma Paris in den meiſten Fällen noch den Vor⸗ zug gibt. Namentlich hat die Berliner Blumenfabrikation in

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