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zu halten.
dem bloßen Nichtsthun opfern zu dürfen.
Aber da wurde auf einmal alles anders. Traurige Schickſale und Zufälle der mannichfachſten Art drängten ihn herab von der Bahn, die er kaum betreten, und nöthigten ihn unwiderſtehlich, ſein ganzes Streben dahin gerichtet ſein zu laſſen, daß er ſobald als möglich ein Amt mit einem ſichern Brot erlange. Der Vater war plötzlich geſtorben und hatte ihm die Sorge für die Mutter und jüngern Geſchwiſter über⸗ tragen. Keinen Augenblick ſchwankte er in dem Entſchluß, dieſe Pflicht wie ein Mann zu erfüllen. Aber er hatte ſchon viel verſäumt, und ſeine Studienjahre waren bald zu Ende. Er glaubte daher nur dann auf dem richtigen Wege zu ſein, wenn er das Gegentheil von dem würde, was er geweſen. Was ihn an ſeine frühere Lebensweiſe erinnern konnte, das hielt er von ſich fern, alle Vergnügungen floh er und nur die Arbeit feſſelte ihn. Nachher wirkten die Gewohnheit und der Ehrgeiz, was er ſei, auch ganz zu ſein, ſowie noch manche andere Umſtände zuſammen, um ihn auf der betretenen Bahn Aber bei der Milch der Alma mater allein ge⸗ deiht weder Körper noch Geiſt; der Wein gelegentlicher, fröh⸗ licher und ſorgloſer Lebensſtunden muß ihre Wirkung paralli⸗ ſiren. Und das verſäumte Theobald, ja er ſchauderte davor zurück. So wurde er ein Pedant, ein Stubenhocker. Er fühlte ſich nur wohl in ſeiner Abgeſchloſſenheit, die er für Jeden unnahbar zu machen wußte, in der Sucht, nur das Ebſtracteſte, Trockenſte intereſſant zu finden und in der Rolle eines alternden Mannes, der längſt alle Jugendthorheiten hinter ſich, ja wohl nie dergleichen begangen habe.
Da kam der Doctor Brandt in die Stadt, um ſich hier niederzulaſſen, und damit begannen Theobald's Leiden. Denn er, noch ein Freund aus der tollen Zeit, hatte ſich's in den Kopf geſetzt, den Gelehrten aus ſeiner ſchönen, ruhigen Lebens⸗ weiſe herauszureißen. Er drängte ſich bei ihm ein und wußte ihm bald ſo zu imponiren, daß er widerſtandslos ſich von ihm in den Wäldern und Bergen faſt täglich herumſchleppen ließ, und daß er ihm in die Geſellſchaft heiterer und lebens⸗ luſtiger Menſchen folgte. Ja, endlich hatte der Doctor es dahin gebracht, daß ihm Theobald das Verſprechen gab, einen Theil der beginnenden Sommerferien zu einer Reiſe in die Schweiz zu verwenden.
Aber— Theobald wußte, freilich ohne des Doctors Wiſſen, dem Verſprechen doch noch eine Klauſel hinzuzufügen. Bei näherem Ueberlegen glaubte er es vor ſeinem Gewiſſen nicht verantworten zu können, eine ſo lange Zeit— ſechs Wochen waren ausgemacht— der Wiſſenſchaft entziehen und Er beſchloß daher, einen Theil der zu ſeinem Ausfluge beſtimmten Zeit zu einem Beſuche auf dem Schloſſe Falkenſtein zu verwenden, um in der dortigen Bibliothek nach einigen Handſchriften, welche ſich
beſtimmten, von ihm entdeckten Andeutungen zu Folge da be⸗
finden mußten, zu ſuchen.
Die Erinnerung an dieſe Klauſel war es auch, die ihm, während er in der Ecke des Poſtwagens ſaß, einen Theil ſeiner gewöhnlichen Seelenruhe wiedergab. Denn mindeſtens acht Tage wurden dadurch der Reiſefriſt abgefeilſcht. Und dann, welcher Vortheil erwuchs durch die Auffindung der Handſchriften der Wiſſenſchaft, vor allem aber ſeinem eigenen Rufe. Denn Niemand als er ſelbſt würde die Herausgabe der Werke veranſtalten, natürlich mit einer grandioſen Vor⸗ rede, einem Commentar u. ſ. w.!— Er gerieth in nicht geringe Aufregung. Aber ſogleich kam ein anderer Gedanke, um das Freudige derſelben zu dämpfen. Denn wie, wenn ſein Suchen ein vergebliches ſein würde? Dann waren all die ſchönen Träume und Luftſchlöſſer auf Sand gebaut.— Wie ſehnte er das Ende der langweiligen Schweizerreiſe herbei! Aber konnte der Abſtecher auf den Falkenſtein nicht auf den Beginn der Reiſe verlegt werden, ſtatt, wie er erſt wollte, auf das Ende? O jedenfalls! Der Doctor wußte ja ohne⸗ dem nichts von dieſem Nebenzweck der Tour. Ja, wenn die Ungewißheit über die Exiſtenz der Handſchriften beſeitigt war, dann war eigentlich erſt an einen Genuß in der Betrachtung
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der Gletſcher, Sennhütten u. ſ. w., zu denken. Noch eine Menge anderer Gründe gab es für dieſe Aenderung in dem Reiſeplan, die ihn jetzt unabläſſig beſchäftigte. Er erreichte jedoch, noch ehe er mit ſeinen Erwägungen zu Ende war, die Eiſenbahnſtation, wo ſich die beiden Linien kreuzten, deren eine in die Schweiz, die andere in die Gegend des Falken⸗ ſteins führte. Nachdenkend ging er im Warteſalon auf und ab, wie immer, wenn er etwas überlegte, von dieſem Gegen⸗ ſtande ſo in Beſchlag genommen, daß er alles andere darüber vergaß. So überhörte er jetzt ein Signal nach dem andern, und als kurz vor dem letzten ein Beamter ihn aufmerkſam machte, da war's zu ſpät. Denn ehe er zur Empfangnahme ſeines Gepäcks nur den Schein fand, da war der Zug längſt davon gebrauſt. Verdutzt ſah Theobald der Wagenreihe nach, die ſich in ſteigender Schnelligkeit durch die grünen Gefilde dahinwand. Zwar ſchüttelte er verdrießlich den Kopf, aber er fühlte ſich doch wie von einer drückenden Laſt befreit, daß durch dieſes kait accompli allen Erörterungen ein Ende ge⸗ macht war. Merkwürdig, er, der nie abergläubiſch geweſen war, fühlte ſich ſtark geneigt, in dieſem Verſäumen einen offen⸗ baren Fingerzeig des Schickſals zu ſehen. Als er daher den nächſten Zug beſtieg, der ihn nach Falkenſtein bringen ſollte, war er ruhig und gefaßt, ohne irgend etwas wie innere Vor⸗ würfe zu ſpüren.„Nil admirari etc.“ murmelte er, und meinte Wunder wie zur Anwendung dieſer Verſe berechtigt zu ſein.
Spät am Abend, nachdem er wieder verſchiedene lang⸗ weilige Stunden im Poſtwagen zugebracht hatte, erreichte er das Städtchen, in deſſen Nachbarſchaft der Falkenſtein lag.
Der andere Tag brachte ſchlechtes Wetter. In H. würde nun Theobald aus Furcht vor Erkältung keinen Schritt aus dem Hauſe gethan hahen; aber heute achtete er nicht ein⸗ mal des Regens. Sehr früh ſchon trat er die Wanderung nach dem Falkenſtein an. Der Beſitzer hielt ſich, wie ſchon bemerkt, nicht dort auf, ſondern hatte die Verwaltung der großen Ländereien einem Pächter übergeben, der auch einen Theil des Schloſſes bewohnte. Der Weg zu dieſem führte von dem Städtchen allmählich ſteil auf und war von Linden und Kaſtanien eingefaßt, die, namentlich in der Nähe des Schloſſes, eine herrliche Allee bildeten. Rechts und links eröffnete ſich die Ausſicht auf eine reiche, blühende Gebirgs⸗ landſchaft, der ſich in nicht allzu großer Ferne eine weite Ebene anſchloß. Aber Theobald ſah von dieſen Reizen nichts. Die Augen hafteten der Lachen und Pfützen wegen an dem Boden, und die Sinne waren von der Erwartung deſſen, was da kommen ſollte, abſorbirt.
Er nahte dem Schloſſe, das plötzlich ganz nahe hinter einer Waldecke hervortauchte. Es war ein Complex von weit⸗ läufigen, zum Theil alterthümlichen Gebäuden, eine Muſter⸗ karte aller Bauarten, die im letzten Jahrtauſend Mode ge⸗ weſen waren, rings umgeben von Oekonomiegebäuden aller Art und eingehegt von einer niedrigen Mauer, die das Ganze umſchloß. Der Anblick that ſeinen archäologiſchen Herzen wohl, und er blieb ſtehen, um behaglich das architektoniſche Durcheinander zu betrachten. Doch der Regen geſtattete keinen langen Aufenthalt. Bald hatte er den Eingang erreicht. Eine ſteinerne Brücke, die wol eine ehemalige Zugbrücke erſetzte, führte über einen Graben unter ein alterthümliches Thor hin— weg auf einen großen Hof, um den ſich in unregelmäßigem Viereck Gebäude der mannichfachſten Art gruppirten. Ein moderner Anbau links mochte die Wohnung des Pächters ſein. Wüthendes Hundegebell empfing Theobald, als er den Hof betrat; doch lagen die Kläffer an Ketten. Keine Seele war zu ſehen, und Theobald ſtand einige Augenblicke zögernd, un⸗ gewiß, wo er ſich hinwenden ſolle. Da ſchallte aus einem gewölbten Eingang in dem alten Theile des Schloſſes lautes Gelächter wie von Weiberſtimmen herüber, und Theobald ſchritt darauf zu. Bald hatte er die Schwelle erreicht, aber verwundert ob des Anblickes, der ſich ihm darbot, blieb er ſtehen.(Fortſetzung folgt.) 8
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