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„Es könnte doch regnen!“
„Ja, es könnte regnen.— Aber wenn's regnet geht man in ein Wirthshaus oder beanſprucht die Gaſtfreundſchaft irgend eines Philanthropen und macht ſo zugleich Bekannt⸗ ſchaften.— Keine Stunde des ungeſtörten Genuſſes wird dir die Sorge um dein Gepäck laſſen. Eine Taſche, ein derber
Stock, die Feldflaſche und das Fernrohr, das hätte genügt,
aber ſo—“ Das zweite Signal ſchnitt die Fortſetzung der Strafpredigt ab.„Meinetwegen denn“, fuhr er verdrießlich fort,„jetzt iſt nichts mehr zu ändern. Hab' ich dich doch wenigſtens ſo weit, und das hat ſchon Mühe genug ge⸗ koſtet.“
Damit ſchritt er dem Marktplatze zu, gefolgt von Theobald. Wie zu einer Vergnügungstour von wenigen Wochen gerüſtet ſah dieſer auch wirklich nicht aus. Es war Auguſt und trotz⸗ dem trug er, ohnedies mit doppelten Röcken bekleidet, noch ein Plaid und einen mächtigen Regenmantel auf dem Arm. Die Hand führte ein Futteral mit Stock und Regenſchirm; über die Schulter hingen mehrere Riemen mit Fernrohr, eine Feldflaſche und zwei kleinen Taſchen. Und dazu kam die Maſſe Gepäck, die der Burſche keuchend der Poſt zuſchleppte.
Von Seiten der Beamten ſetzte es beim Eintreffen des ſpäten Paſſagiers natürlich mürriſche Geſichter und ſpitze Be⸗ merkungen. Doch hatte Theobald zu viel mit ſich zu thun, um darauf zu achten. Er mußte ſeine Börſe in mindeſtens einem Dutzend Taſchen ſuchen, und das war wegen all der Röcke und Riemen nicht leicht. Brandt beſorgte indeſſen das Gepäck; bei jedem Stück ſchüttelte er ärgerlich den Kopf, aber es war nicht mehr zu ändern.
Endlich hatte Theobald ſein Billet in Händen und ſchickte ſich an, in den Poſtwagen zu klimmen. Schon halb war er in deſſen Innern verſchwunden, als Brandt, der ſich jetzt erſt wieder zu ihm hinwandte, ihn am Rockſchoß zurückzog.
„Nicht hier hinein! Das fehlte noch! Friſche Luft ſollſt du ſchöpfen, darum ſchicke ich dich auf Reiſen. In dem dumpfen Kaſten, und noch dazu allein, würdeſt du für deine Grillen die beſte Nahrung finden. Der Poſtillon hat den ſchönſten Sitz. Warum ſollſt du es nicht ebenſo gut haben wie er? Alſo hinauf mit dir!“
An Widerſpruch war nicht zu denken. nur wie
ein Märtyrer und kletterte empor zu des Kutſchers Thron.
Kaum aber hatte er ſich mit vieler Mühe zurechtge⸗ ſetzt, als er wieder emporfuhr und rief:
„O Himmel! Ich habe ja meine blaue Brille vergeſſen! Sie liegt auf dem Arbeitstiſch. Ich bitte dich, Karl, laß die Leute warten, bis der Burſche ſie geholt.“
Brandt ſtampfte mit dem Stocke auf das Pflaſter.
„Die blaue Brille bleibt wo ſie iſt, und wenn ſie der Teufel holen ſollte. Die grünen Wälder und den blauen
Himmel ſollſt du angucken und weiter nichts das ſtärkt die
Augen mehr als alle Brillen der Welt. Lampenlicht hat vorderhand ein Ende.“
Wieder ſeufzte Theobald, doch ein wenig verlegen. Er mochte an den Koffer denken, deſſen Inhalt mit dieſem Verbot des Freundes nicht ganz übereinſtimmte.
„So leb' denn wohl, lieber Karl!“ ſagte er.„Bleib hübſch geſund. Vom nächſten Ruhepunkt aus ſchreibe ich dir.“
„Iſt gar nicht nöthig. Vor Ablauf der nächſten vier⸗ zehn Tage will ich keinen Brief, hörſt du?— Und nun adieu! Als Menſchen hoffe ich dich wieder zu ſehen.“
Das dritte Signal ertönte, und fort ging's, die ſtillen Straßen entlang, zum Thore hinaus in den friſchen, wonnigen Morgen hinein.
Brandt machte kehrt und ging ſeiner Wohnung zu.
„Fort iſt er, Gott ſei Dank!“ murmelte er im Gehen. „Jetzt Himmel, thu' dein Möglichſtes. Schicke ihm miſerable Wege, ſchlechte Bedienung, daß er die Geduld verliert, und dann gib ihm Sonnenſchein und öffne ſein Herz, daß er die Pracht der Natur empfindet und an ihrem Herzen erwärmt und weich wird. Ein tüchtiger Sentimentalitätsrauſch ſogar könnte nicht ſchaden. Nur keinen Gelehrten ſeines Schlages wirf ihm in den Weg, dann iſt er verloren; ſondern friſche,
Das Bücherleſen bei
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Theobald ſeufzte
kernige Naturmenſchen, die das Herz da haben, wo es hin gehört und ihm auch gelegentlich auf die Hühneraugen treten. — Sed di bene vertant!“
Luſtig trabten die Pferde des Poſtwagens die Land⸗ ſtraße entlang. Es war ein herrlicher Weg. Rechts ein breiter Fluß, eingerahmt bald von ſaftigen Wieſen, bald von ſich eng an ihn heran drängenden Bergen, deren Gipfel mit weithin ſich erſtreckenden Wäldern, hier und da auch mit den Trümmern einer Burg geſchmückt waren. Die Luft war friſch und belebend. Theobald empfand das anfangs auf ſeinem freien Sitze mit Behagen, und das feine, geiſtreiche aber blaſſe Geſicht röthete ſich lebhaft. Doch Stubenluft und Lampenlicht hatten Haut und Augen ſchon zu empfindlich ge⸗ macht, als daß er ſich nicht bald überreizt fühlen ſollte. Auf der erſten Station ſchon verließ er den luftigen Platz neben dem Schwager und drückte ſich in eine Ecke des bequem aus⸗ gepolſterten Poſtwagens. Er ſchloß die Augen, die ihn ſchmerzten, würdigte das ſchöne Flußthal weiter keines Blickes und überließ ſich ſeinen Gedanken.
Er fühlte ſich recht unglücklich. Die Unruhe der letzten Tage, das frühe Aufſtehen heute, der ungewohnte Aufenthalt in der allzu friſchen Morgenluft: alles das hatte ſeinen Körper über Gebühr angegriffen und ihn, der eine äußerſt geregelte Lebensweiſe zu führen gewohnt war, in eine Stimmung der höchſten Unbehaglichkeit verſetzt. Es erfaßte ihn eine förm⸗ liche Sehnſucht nach der Stille ſeines Arbeitszimmers, nach der traulichen Lampe, der ſtillen Genoſſin der einſam durch⸗ wachten Rächte, und nach den Regalen mit ſeinen Schätzen, den Büchern. Einen Narren nannte er ſich, daß er ſich ſo wrillig in des Doctors Gebot gefügt hatte, zumal da er mitten aus einer ihn ſehr intereſſirenden Arbeit herausge⸗ riſſen worden war. Die anfängliche Abneigung gegen dieſe „Vergnügungsreiſe“ wuchs zum Widerwillen, und er wäre unzweifelhaft umgekehrt, wenn er nicht das Geſpött ſeiner Bekannten und den Zorn des trotz alledem gefürchteten Doctors geſcheut hätte.
Und was war der Grund, daß er alle dieſe Leiden über ſich ergehen laſſen mußte? Blos des Doctor Brandt's Schrulle, dieſe Reiſe ſolle und könne ihn allein von den Leiden, die er wirklich hatte und noch von andern, die er beſitzen ſolle, heilen. Er war, obwol erſt 28 Jahr alt, nun ſchon ſeit einigen Jahren Privatdocent an der Univerſität, hatte ein ehrenvolles Amt, ein ſicheres Brot und genoß die höchſte Achtung ſeiner Collegen, ja, ſchon einen gewiſſen Ruf in der philologiſchen Gelehrtenwelt.— Was wollte er mehr?— Und doch ſagte Brandt, er befände ſich auf dem beſten Wege, körperlich und geiſtig zu verkommen, er ſei ein Philiſter geworden im wahren Sinne des Wortes und bedürfe einer gründlichen Cur, um von dieſem ärgſten aller Fehler befreit zu werden. Und das ſei gar nicht ſo ſchwer, wenn er nur ſelbſt wolle; äußere Einflüſſe und die Gewohnheit allein hätten ihn in jene Todſünde fallen laſſen. Er ſolle ſich an ſeine Vergangenheit erinnern und nur ein Theil von dem zu wer⸗ den verſuchen, was er geweſen ſei.
Freilich, wer ihn einſt geſehen, der würde ihn als das pſychologiſche Räthſel, das er jetzt bildete, nicht wieder er⸗
kannt haben. Er hatte ſeine Jugend genoſſen mit all der
Tollheit und Ausgelaſſenheit, zu der überſprudelnde Lebens⸗
kraft und glühende Empfindung hinreißen. Aber er hatte auch geſchwärmt, wie nur ein weiches Herz, ein tiefes Gefühl und lebendige Einbildungskraft ſchwärmen können. Was es Großes und Erhabenes, Schönes und Würdiges gab, das zog
ihn an mit unſichtbaren Banden und erhob ihn auf die
Schwingen der Begeiſterung. Sein Gemüth war geſchaffen, die Poeſie des Lebens zu fühlen und zu ergreifen, wo er ſie fand. Darum blieb er auch nicht verſchont von den Seelen⸗ kämpfen und dem ſtürmenden Gähren der Seele, die das Erb⸗ theil aller poetiſchen Geiſter ſind. Auch er glaubte die innere
Stimme zu vernehmen, die ihm zurief, daß das Lorbeerreis
des Dichters das Ziel ſei, dem er nachzuſtreben habe, und er beſchloß, dieſem Rufe zu folgen.
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