Jahrgang 
1867
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657
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Auſtrirtes Vollsblatt. Herausgeber: Hans Wchenhuſen.

X. Jahrgang.

1867. 42.

Der Privatdocent.

Erzählung von Ad. Lichtenfeld.

er Kampf des Tageslichtes gegen das nächtliche Dunkel Whatte begonnen. Langſam und vorſichtig tauchten die Derſten ſchimmernden Wolkenvorpoſten am Horizont auf und drangen bald keck gegen die Avantgarde der Feinde vor. Unbeweglich und koloſſal ruhte das Gros dieſer am Himmel und über der Erde, als wolle es ewig da lagern, unbeſieg⸗ bar für jeden Gegner. Aber die ſcharfen, blitzenden Strahlen⸗ ſpitzen drangen ſchneidend ein in die düſtere Phalanr des Feindes. Immer mehr verlor er an Terrain, immer weiter ſchoben ſich die Vorpoſten des Lichtes vor; immer ausge⸗ dehnter wurde ihre Kette. Bald erkannte die Nachtarmee, daß ſie ihrem Feinde nicht gewachſen ſei. Doch ein ehren⸗ hafter Rückzug mußte gewahrt werden. Langſam und unter fortwährendem Plänkeln begann das Weichen; aber der Feind wurde dadurch kühner, die Macht, die er entfaltete, immer größer; der Rückzug wurde raſcher, eilender, bis er endlich in wilde, zügelloſe Flucht ausartete.

Glänzend und ſiegestriumphirend überſtieg die Sonne den fernen Gebirgswall, und ihre Strahlen durchblitzten mit Gedankenſchnelle den Aether, die letzten Feindesſpuren ver⸗ ſcheuchend und verzehrend.

Die Einwohner der Univerſitätsſtadt H. hatten, wie faſt alle

ihre Mitmenſchen, ſich faſt gar nicht um dieſen ſtummen Kampf über ihnen bekümmert. Schlafend, ſchnarchend und träumend warteten ſie das Reſultat deſſelben ab, um dann mit mehr oder minder großem Behagen, je nachdem ſie Gutes oder Böſes von dem ſiegreichen Tage erwarteten, in den Empfangs⸗ jubel einzuſtimmen. Nicht ſo das Thiergeſchlecht, beſonders die Vögel. Da war nichts als Freude. Beim erſten Dämmern ſchon ſchlüpften ſie hervor, um von den Firſten und Rinnen der Dächer herab in tauſendſtimmigem, ohrbetäubendem Chorus und mit unabläſſigem Gezwitſcher den emporſteigenden Freund zu bewillkommen und in hochwichtigem Conſeil zu berathen, was an dem heutigen Tage vorzunehmen ſei.

Unten auf dem Markte regte ſich's auch. Ein ſchwer⸗ fülliger Poſtwagen kam aus einem Thorwege hervorgerollt und pflanzte ſich vor dem Poſthauſe auf. Einzelne Beamte machten beim Schein einer Laterne den Karren zur Abfahrt fertig, wobei jedes Geräuſch wie in einem Gewölbe über den öden Platz hin hallte. Aus einem andern Thorwege trieb der Poſtillon vie Pferde herbei, die träg und mit geſenkten Köpfen, noch halb im Traume, daherſchritten. Endlich

Wachenhuſen's Hausfreund. X. 14.

verkündete ein ſchmetterndes Signal, daß die Paſſagiere ſich bereit zu halten hätten. Einen Augenblick verſtummte das Spatzenheer vor dieſer noch unſchöneren Muſik, um aber ſofort weiter zu ſchwadroniren.

In einer Straße, die auf den Marktplatz führte, patrol⸗ lirte der Dr. Brandt vor einem Hauſe auf und ab. Ein paar Fenſter des erſten Stockes waren erleuchtet, und da hinauf ſandte er dann und wann Blicke, die ſeine Ungeduld verriethen. Endlich mochte es ihm doch zu lange währen, und als er das Signal hörte, da raffte er eine Hand voll Kies auf und ſchleuderte ſie wider eins der Fenſter. Eine Minute wol verſtrich, da öffnete ſich dies und ein bedeckter Männerkopf wurde ſichtbar.

Aber Theobald! rief Brandt,Umſtandscommiſſarius! Biſt du denn noch nicht fertig?

Gleich, gleich! antwortete eine ängſtliche Stimme. Iſt's denn ſchon ſo weit? Wir ſuchen nur noch den Schirm. Du brauchteſt mich übrigens nicht ſo zu erſchrecken!

Habe ich dich erſchreckt? Nun, das freut mich. Jeder geringe Schreck übt einen belebenden Reiz aus, und deren, ſo wie Rippenſtöße, kannſt du nicht genug empfangen.

Nur ein Seufzer war die Antwort. Dann verſchwand der Kopf. Es vergingen wieder einige Minuten, da klapperte endlich ein Schlüſſel in der Hausthür, dieſe öffnete ſich und Theobald erſchien zur Reiſe gerüſtet und gefolgt von einem Burſchen mit einer Reiſetaſche, einer Hutſchachtel und einem Handkoffer von ziemlichen Umfange.

So, da bin ich, Karl! Jetzt komm! Nun, was ſiehſt du mich ſo an? Habe ich noch etwas vergeſſen?

Und ſo willſt du deine Erholungsreiſe antreten? ent gegnete Brandt, dem erſt ein Lachen aufſtieg, der aber dann ſichtbar mit dem Unmuth kämpfte.So macht man eine Erpedition an den Nordpol oder ſonſt wohin einige tauſend Meilen weit, aber keine Vergnügungstour!

Theobald prüfte ſeine Ausſtattung nochmals und ſagte dann:

Aber es iſt doch nichts Ueberflüſſiges dabei. Man muß doch glle Eventualitäten berückſichtigen.

Ei was! Wenn man eine Vergnügungsreiſe auf's Gerathewohl in die Welt hinaus macht, dann berückſichtigt man gar keine Eventualitäten, ſondern überläßt ſich ganz dem blinden Glück des Zufalls. Wozu brauchſt du z. B. einen Schirm mitzuſchleppen?

Theobald ſah den Freund groß an.