Jahrgang 
1867
Seite
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Abdul⸗Aziz⸗Khan..

Die Rundreiſe des Großſultans durch Europa iſt ein Ereigniß von größerer Tragweite, als dies wohl Mancher glaubt. Sonſt ver⸗ ließen die Sultane ihre Reſidenz nur, wenn es galt, die Armee gegen den Feind zu führen. Es wurde ſchon als großer Fortſchritt begrüßt, als Abdul⸗Meſchid im Jahre 1846 die Provinzen beſuchte, um ſich perſönlich von der Ausführung der befohlenen Reformen zu über⸗ zeugen.

Abdul⸗Aziz iſt der Bruder Abdul⸗Meſchid's. Er wurde am 9. Febrnar 1830 geboren. Nach türkiſchem Thronfolgerecht ſuccedirt nicht der älteſte Sohn des Sultans, ſondern der Aelteſte der Familie. Vis Abdul⸗Aziz den türkiſchen Thron im Jahre 1861 beſtieg, war er in voller Abgeſchiedenheit in der ſtrenzen mohammedaniſchen Lehre erzogen; er trat ſeine Regierung an mit der Ueberzeugung, daß der⸗ ſelbe Fanatismus, der den Halbmond zu ſo vielen Siegen geführt hatte, auch jetzt ſeine regenerirende Kraft ausüben würde. Die ſtrengſte Befolgung aller Vorſchriften des Koran wurde befohlen, der Harems⸗ wirthſchaft ein Ende gemacht; da plötzlich trat eine Wandlung ein. Abdul⸗Aziz wurde ein eifriger Verehrer und Nachahmer Napoleon's III. Wie in Paris die Hofhaltungskoſten, die Ausgaben für Heer und Flotte, für die Verſchönerung der Hauptſtadt erhöht wurden, geſchah daſſelbe in Konſtantinopel.

Wir erwähnten oben, der Haremswirthſchaft ſei gleich nach dem Regierungsantritt Abdul⸗Aziz's ein Ende gemacht worden. Auch dieſe Neuerung war von kurzer Dauer; 1862 ſchon wurde der Harem durch 150 auf dem Sklavenmarkte gekaufte Tſcherkeſſinnen neu bevölkert. So ſchwankt Abdul⸗Aziz ſeit ſeiner Thronbeſteigung zwiſchen Fort⸗ ſchritt und Stillſtand, der ſogar oft zum Rückſchritt hinneigt, hin und her und ſeine Regierung ſcheint es geradezu darauf anzulegen, der Herrſchaft des Islam in Europa ein gewaltſames Ende zu bereiten. Tunis iſt bereits von türkiſcher Botmäßigkeit befreit, die Donau⸗ fürſtenthümer und Serbien ſtehen nur noch unter einer ſcheinbaren Hoheit der Pforte, Candia kämpft in dieſem Augenblick ſeinen Unab⸗ hängigkeitskampf gegen den erprobteſten Feldherrn der Türkei, Omer⸗ Paſcha, die Unzufriedenheit unter den Türken nimmt immer mehr zu; vielleicht belehrt ſeine Reiſe den Großſultan, daß nur die Einführung von europäiſchen Sitten und allen Reformen der Neuzeit ſeinen wankenden Thron zu halten im Stande iſt. W. O.

Vrautwerbung an det Küſte der Normandie.

Der Kanal trennt Frankreich und England, an ſeinen beider⸗ ſeitigen Ufern begegnet ſich aber franzöſiſche und britiſche Sitte. Robert der Teufel, Herzog der Normandie, deſſen nähere Bekanntſchaft wir dem verſtorbenen Herrn Meherbeer verdanken, ſingt wie ein leicht⸗ fertiger Franzoſe:Gold iſt nur Chimäre! documentirt ſich aber nebenbei als ein von britiſcher Brüskerie angehauchter Gentleman da⸗ durch, daß er ſogar todte Nonnen nicht in ihren Gräbern in Ruhe läßt. Alle Bewohner der Normandie ſind aber nicht ſolche unſolide Teufelsbraten, wie ihr cidevant Herzog war. Es iſt ein tüchtiger, kräftiger Menſchenſchlag, der jene Küſte bewohnt und etwas viel Cider was wir zu deutſchPetſch'ſchen Apfelwein nennen trinkt, aber nur aus Sparſamkeit, weil er ſich dies Medicament ſelbſt be⸗ reitet, der ferner aus ſeiner Mitte ein treffliches Sortiment von Matroſen und Fiſchern liefert, die den Meeresſtürmen zu trotzen ver⸗ ſtehen, und nicht nur auf den Auſternfang courageux ausgehen, ſon⸗ dern auch auf den Mädchenfang, d. h. auf den moraliſchen, was man einfach Heirath zu nennen pflegt.

Heirathen iſt nichts weniger als eine Sünde, obgleich Pierre, der junge normanniſche, mit ſeinem blonden Haar an die britiſche Populace erinnernde Fiſcher, mit einem Armen⸗Sünder⸗Geſicht vor Madelaine und deren Familie hintritt. Wir möchten ihm zurufen:Nur nicht ängſtlich! Was du zu thun entſchloſſen, dein Vater hat es auch ge⸗ than, wovon du ſelbſt ein lebendiger Beweis biſt!

Es iſt ein ſchmucker Burſch, der Pierre, und hauptſächlich in ſeinem Seemanns⸗Sonntags⸗Habit, wie geſagt, nur etwas ſchüchtern, was man nicht nur in der Normandie, ſondern auch anderwärts zu ſein pflegt, wenn man aus dem heitern Gebiet der Liebe in das ernſte Territorium der Ehe zu emigriren entſchloſſen iſt, Ein Glück, daß Pierre's alter, aber dem Anſchein nach noch ſehr ſeetüchtiger Vater den Sohn beim beabſichtigten Einlaufen in den Eheſtands⸗ hafen ins Schlepptau nimmt, und die Quali⸗ und Quantitäten des ſtämmigen Burſchen in das gehörige Licht zu ſetzen verſteht. Der alte Meauclair, Madelaine's Vater, hat ſicher ſchon längere Zeit um

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Feuilleton.

das zarte Verhältniß der Tochter gewußt, und iſt vollſtändig damit zufrieden,daß der Lieb' mit der Hochzeit ein Ende gemacht werde, eine Aeußerung, die auf die idhlliſchen Empfindungen an der Nord⸗ weſtküſte Frankreichs, für unstiefer fühlende germaniſche Gemüther, ein befremdliches Streiflicht fallen läßt. Mutter Catrin hat gegen dieſe Anſicht ihresAlten auch nichts einzuwenden. Brautvater und Bräutigam reichen ſich zum Abſchluß desGeſchäfts die Hände, und wenn die hübſche Madelaine mit ſittſamem Augenniederſchlag noch zaudert, das bindendeJa! auszuſprechen, das der neben ihr am Voden ſitzende Schwager Jean der ſich in der Beſchäftigung des nothwendigen Stiefelanziehens durch die feierliche Handlung unter⸗ brochen ſieht lächelnd ſoufflirt und für dieſe Einmiſchung in fremde Herzensangelegenheit von ſeiner drallen Gattin mit drohender Finger⸗ erhebung freundlich geſcholten wird, ſo iſt dieſes momentan zurück⸗ gehalteneJa! bräutlicher Uſus, der in der Regel noch im Palaſte wie in der Fiſcherhütte der Normandie aufrecht erhalten zu werden pflegt. Man zaudert ja immer, bevor man ſeine Freiheit aufgeben ſoll. Wer von beiden Pierre oder Madelaine ſie verlieren, ob er Herr im ſtrohgedeckten Hauſe bleiben, ob ſie Herrin werden wird, können wir nicht verrathen. Wenn wir dem Bilde vertrauen, das uns dieſes Vorſpiel derTrauung gibt, trauen wir Ihm viel Gutmüthigkeit, Ihr die angeborene Eva⸗Schlauheit zu, die Alles zum Guten lenken wird.

Da Pierre beſtimmt iſt, auf dem Meere ſein Brot daneben Fiſche, Krabben und Auſtern zu ſuchen, und dieſes ſo lange wie möglich friſch und geſund mit ſeiner appetitlichen Madelaine zu eſſen entſchloſſen ſein dürfte, wird er wir hoffen es bei aller nöthigen Seemanns⸗Courage es bleiben laſſen, ſolche romantiſche Waghalſigkeiten und lebensgefährliche Extravaganzen zu begehen, wie Herr Victor Hugo, der Flüchtling auf Guerneſeh, den von ihm in die Welt geſetzten nor⸗ manniſchenMeerarbeitern aufzubürden befliſſen geweſen. Pierre wird nicht in den Höhlen der meer⸗unterſpülten Küſtenfelſen umher⸗ kriechen, um ſich mit fabelhaftenKraken herumzubalgen, er wird auch kaum die beachtenswerthe Kraft ſeiner Arme benutzen, um wie Hugo's Gilliat ganz allein ein eiſernes Dampfboot aus der Tieſe der See zu heben, ſchließlich auch nicht wie dieſer Normanne ſich auf einen Felſen ſetzen, und ſich, dem unvermeidlichen Schnupfen und Katarrh trotzend, von der immer höher ſteigenden Flut langſam vom Leben zum Tod erſäufen laſſen. Pierre ſcheint uns ein viel zu praktiſch⸗proſaiſcher Burſche zu ſein, als ſich zu dergleichen pvetiſch⸗ romantiſchen Fadaiſen herzugeben. Er wird ſein Meſſer nicht gegen Kraken, ſondern gegen Auſtern ſchwingen, mit kräftigem Arme nicht Dampfboote, ſondern ſeine Madelaine an die breite Bruſt drücken, die Flut ſich im Nothfall nicht höher als bis an den Hals gehen laſſen, den blonden Kopf ſtets oben und die Augen, ſo lange es eben Gott will, offen behalten, um ſich durch zärtliche Ocularinſpection zu über⸗ zeugen, daß er wohlgethan, keine andere, als eben Madelaine Meauclair zur Frau zu nehmen.

Da wir ſo der Brautwerbung beigewohnt, liegt uns die Pflicht ob, dem jungen Paare glückliche, lange Fahrt auf dem, freilich auch an der Küſte der Normandie oft ſtürmiſchen Meere des Lebens zu wünſchen.

Amen! wird da der ehrwürdige Herr Cure ſagen, wenn er dem⸗ nächſt die kräftigen Hände des Brautpaars vor dem Altare ineinander

legt. Fr. T * Wie wird man Luxemburg ins Franzöſiſche überſetzen?

In dem Canton von Diekirch liegen drei hübſche Dörfer, welche die Namen führen: Schlindermannſcheid, Oberſchlindermannſcheid und Niederſchlindermannſcheid. Frankreich ſcheint keine Ahnung zu haben, welchen linguiſtiſchen Schwierigkeiten es ſich durch die Annexion Luxemburgs ausſetzt, ſelbſt wenn man den Widerſtand Bismarck's be⸗ ſiegen ſollte. Aus Schlettſtadt haben die Franzoſen Célestat gemacht; was wird man aus Niederſchlindermannſcheid machen?

Kleine Poſt der Bedaction.

Herrn H. R. in Itzehoe. Warten Sie noch ein Weilchen, das iſt der einzige Rath, den wir geben können.

Herrn Richard H. in Berlin. Wir vergeſſen Sie nicht.

Herrn Charles Jonas. Wir werden nächſtens den längſt beabſichtigten Feldzug beginnen und da wird Mulert nicht zu kurz kommen.

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