Aber im Jahre 1676, als eben ein päpſtliches Jubiläum ausgeſchrieben war, wurde der König von Neuem von dem Eifer ergriffen, ſein Bekehrungswerk zur Ausführung zu bringen. Der Katholik Peliſſon, der früher reformirter Prediger geweſen war, ließ es nicht an ſeiner Mitwirkſamkeit und an ſeinem Einfluſſe fehlen. Er beſaß Gelehrſamkeit, Witz und einſchmeichelnde Beredtſamkeit und bot Alles auf, die Reformirten in ſeinen Schriften zu bekriegen und als Abtrünnige zu verdächtigen. Hierbei bediente er ſich auch noch eines niedrigen Mittels, das bei gemeinen Seelen unfehl⸗ bar wirkt und daher für die reformirte Kirche ſehr gefährlich wurde. Ludwig hatte ihm Geld für Diejenigen, welche ſich bekehrten, übermacht. Für eine Bekehrung, je nachdem die Familie angeſehen oder zahlreich war, verwendete man zwei bis fünf Louisd'or und rühmte ſich, mit 6000 Livres 800 Ketzer gewonnen zu haben. Die langen Verzeichniſſe, die dem Könige über den glücklichen Erfolg vorgelegt wurden, beſtärkten ihn immer mehr in ſeinem Plane und in dem Entſchluſſe, auch ſtrenge Mittel zu ergreifen.
Schon im Jahre 1681 erſchien der Befehl, man ſolle den Reformirten ihre Kinder vom ſiebenten Jahre an weg⸗ nehmen, wenn ſie gerne katholiſch werden wollten. Als der⸗ ſelbe in einigen Provinzen in Ausführung kam, in die Häuſer ſolcher Aeltern Soldaten geſchickt wurden, flüchteten ſogleich viele reformirte Familien aus Poitou, Samitonge und anderen benachbarten Gegenden.
Der König von England erklärte ſich zur Aufnahme derſelben in ſeinem Reiche bereit; der König von Dänemark bot ihnen freie Religionsübung in eigenen Kirchen und andere Vortheile an, und die Stadt Amſterdam erbot ſich, ihnen tauſend Häuſer zu bauen, in welchen ſie mit geringen Koſten wohnen könnten.
Der franzöſiſche Staatsrath, der ſeinen begangenen Fehler erkannte, bedrohte hierauf diejenigen Künſtler und Handwerker mit der Galeerenſtrafe, welche das Reich zu verlaſſen gedächten. Es wurden den Reformirten immer mehr Kirchen weggenommen und ihre Schulen eingeſchränkt; ſie wurden der wichtigſten Poſten im Staate beraubt und durften nicht einmal mehr die geringſten Aemter verwalten. An einigen Orten, wo ſie früher Kirchen gehabt hatten, verſammelten ſie ſich deſſen ungeachtet zum Gottesdienſte; man griff ſie an,— ſie ver⸗ theidigten ſich; ſie wurden zerſtreut und die Gefangenen unter ihnen, worunter auch Prediger waren, ihrer Stellen entſetzt.
Aber mit dem Augenblicke, wo Louvois ſich um die Religions⸗Angelegenheiten bekümmerte, wurde das Schickſal der Reformirten noch trauriger, ja unerträglich.
Er beredete den König, Kriegsvölker in die Gegenden zu ſchicken, wo die Reformirten die zahlreichſten und ange⸗ ſehenſten Einwohner ausmachten, um ihre vermeinte Bekehrung, über die man den König getäuſcht hatte, deſto ſchneller zu er— reichen. Es war dies der erſte Anfang jener Gewaltthätig⸗ keiten, welche ſich ein Jahr ſpäter über das ganze Land er— ſtreckten und die man les Dragonades(Dragonerbekehrungen) und die geſtiefelte Miſſion la Mission bottée) nannte. Louvvis, der ſeinem Könige die harten Bedrückungen, die ſich die Re— formirten von ſeinen Soldaten gefallen laſſen mußten, zu ver⸗ bergen ſuchte, ſchrieb an einen Vollſtrecker ſeiner Wuth:
„Der König will, daß man Diejenigen die höchſte Strafe empfinden laſſe, welche ſeine Religion nicht annehmen oder die thörichte Ehre haben wollen, die Letzten zu ſein.“
Freilich häuften ſich auf dieſe Art die ſogenannten Bekehrungen, d. h. die ſchrecklichſten Gewaltthätigkeiten zu vielen Tauſenden. Mit dem Jahre 1682 begannen Grauſamkeiten, +ie man ſie nicht leicht bei einem Volke in irgend einer Zeit wiederfindet. Die Miſſionäre, in der einen Hand ein Kreuz, in der anderen einen Geldbeutel, zogen voran; die Soldaten eröffneten unter Trommellärm die Häuſer, die dann, wenn ſich die Bewohner nicht bekehrten, geplündert und verwüſtet wur⸗ den. Geräthſchaften wurden zertrümmert, Waaren herausge⸗ worfen und verkauft, die Weinleſe verheert, Greiſe, Kinder,
Mädchen und Frauen auf die ſchrecklichſte Weiſe gemishandelt und der größten Schmach preisgegeben. Man rief den armen Menſchen unter Prügeln zu:„Entweder die Meſſe, oder ſchlagt ſie todt!“ Die Dragoner hingen Männer und Weiber bei den Haaren an die Wände oder in die Kamine und räucherten ſie durch angebranntes Heu, bis ſie es nicht mehr aushalten konnten; Anderen raufte man die Haare aus oder tauchte ſie ſo lange ins Waſſer, bis ſie verſprachen, katholiſch zu werden. Andere ſchraubte man ein und goß ihnen Wein ein, bis ſie betäubt wurden, oder ſie wurden mit einer glühenden Zange an der Naſe herumgeführt oder mit Nadeln zerſtochen, oder man ließ ſie ſieben bis acht Tage nicht ſchlafen, um ſie zu bekehren.
Ja man hat keine Namen für die Marter und Qual, welche die armen Reformirten in dieſer Schreckenszeit zu er⸗ dulden hatten.
Die katholiſche Königin Chriſtine von Schweden ſagte ſelbſt:
„Geharniſchte Kriegsknechte ſind gar ſeltſame Apoſtel; ſie ſind geſchickter, zu ſtehlen und zu ermorden, als zu be⸗ kehren. Weil der Heiland ſich ſolcher Mittel nicht bedient hat, ſo können ſie wohl nicht die beſten ſein.“
Der König erfuhr freilich von dieſen Schändlichkeiten und Gräueln wenig; ihm ſtellte Louvois vor, die meiſten Reformirten wären ſchon Katholiken, und nun wurden die Maßregeln zu ihrer Bekehrung womöglich noch verſchärft. Viele Tauſende unterlagen der Qual und verleugneten ihren Glauben, Manche wenigſtens äußerlich auf kurze Zeit; aber Viele blieben ſtandhaft, und nichts, auch das Schrecklichſte nicht, war im Stande, ihren Muth zu beugen und ſie ihrem Glauben untreu zu machen. Daß man unter ſolchen Umſtänden daran dachte, ein Land zu verlaſſen, wo die Gewiſſensfreiheit unterdrückt und der Andersglaubende mit Feuer und Schwert verfolgt wurde, das läßt ſich wohl denken. Auch den Feinden der Reformirten konnte das nicht verborgen bleiben. Louvois traf daher alle Vorkehrungen, um die Auswanderung zu ver⸗ hindern. Er ließ in dieſer Abſicht die Grenzen des Reichs beſetzen; aber es entkamen doch innerhalb drei Jahren über 50,000 Familien oder 500,000 Menſchen. Diejenigen, welche man auf der Flucht ergriff, wurden in Gefängniſſe geworfen und als Galeerenſelaven angeſchmiedet. Die Auswanderung dauerte gleichwohl ſiebzig Jahre, wenn auch mit einzelnen Familien oder kleinen Abtheilungen. Ungefähr 400,000 Refor⸗ mirte wurden nun genöthigt, in die Meſſe zu gehen und das Abendmahl zu nehmen. Manche von ihnen warfen die Hoſtie weg, aber wurden dafür lebendig verbrannt.
Während dieſe Gewaltthätigkeiten ausgeübt wurden und in der Nähe und Ferne mit Schrecken erfüllten, hob der König im October 1685 das Edict von Nantes, dem er ohnehin ſchon alle Gültigkeit genommen hatte, feierlich auf.
Ungeachtet dieſer langwierigen Verfolgung gab ſich doch der katholiſche Clerus, der im Jahre 1682 eine beſondere Synode zu Paris gehalten, das Anſehen, als wenn er keine Gewalt gegen die Reformirten gebraucht wiſſen wollte. In einem Umlaufſchreiben an die Biſchöfe nannte er die Refor⸗ mirten ſogar ſeine geliebten Brüder, gegen welche er ſich nur der Waffen der Liebe und der väterlichen Ermahnung bedienen wolle. Die unglücklichen Flüchtlinge oder Refugiés fanden in mehreren proteſtantiſchen Ländern, beſonders in der Schweiz, in Deutſchland, in Holland und England ein zweites Vater⸗ land. Sie erfreuten ſich überall einer freundlichen Aufnahme unter dem Volke, und edle Fürſten boten ihnen ihren Schutz und Hülfe an.
In Deutſchland waren es namentlich der große Kurfürſt von Preußen und Landgraf Karl von Heſſen, welche ihnen eine neue Heimat boten, ſie mit dem Nothwendigſten aus⸗ rüſteten, ihnen Ländereien anwieſen und ſie auf zehn Jahre von allen Abgaben befreiten.
Noch heute beſtehen, wie man weiß, dieſe Colonien, und für Deutſchlands Wiederaufblühen noch den Drangſalen des dreißigjährigen Krieges ſind ſie von großem Einfluß geweſen.
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