Jahrgang 
1867
Seite
651
Einzelbild herunterladen

dahin ſchritten, und die Stille, welche hier herrſchte, ward durch den geſpenſtigen Widerhall unſerer Schritte nur noch ſchauriger.

Das Schloß bewohnte Niemand mehr. Oder doch! Eine alte Frau, die man aus Mitleid hier gelaſſen, ſie war die letzte Erinnerung an jene einſt ſo glänzende Dienerſchaft, die wie ein gefräßiges Paraſitenheer ſich von den Tafelab⸗ fällen ihres verſchwenderiſchen Gebieters gemäſtet hatte. Die alte Frau mit den bleichen, verwitterten, tiefernſten Geſichts⸗ zügen erſchien mir wie ein nothwendiges Attribut dieſer Ein⸗ ſamkeit. In der Welt draußen, im hellen Tageslicht hätte man vielleicht Grauen vor ihrem Antlitz empfunden, hier in dieſem melancholiſchen Stilldunkel erweckte es Ehrfurcht. Die alte Frau ging noch aufrecht unter der Laſt des Grames; ihr Mann, der treue Caſtellan des Schloſſes, war vor Jahr und Tag unter ihm zuſammengebrochen, und ſie hatte ihn ſtill zu Grabe geleitet; ſie trug jetzt den roſtigen Schlüſſel⸗ bund an der Seite, um neugierigen Fremden die alten Hallen zu öffnen, in denen ehemals fremde Ciſtercienſer gehauſt, und die koſtbaren Säle daneben, welche die gräfliche Herrſchaft bewohnt hatte, die Schlaf⸗ und Spielzimmer, die Speiſe⸗ ſalons, die Bibliothek, die Geſellſchaftsräume, die mit ehr⸗ würdiger Pracht geſchmückte Schloßkirche und was es ſonſt Sehenswerthes gab. Und ihre Erklärungen waren ſtets von einem Tone ſchmerzlicher Erinnerung durchhaucht, und immer ſchloß ſie, indem ſie die Augen trocknete, mit dem Ausrufe tröſtlicher Hoffnung:O, er kommt wol wieder! Der gute Herr kann uns nicht auf ewig verlaſſen haben! Er muß wiederkommen!

Die Geſchichte des Grafen von W... iſt wol eins der intereſſanteſten Blätter in der chronique scandaleuse des Baiern⸗ Adels. Sein Reichthum zählte nach Millionen, aber ſeine Verſchwendungsſucht verſchlang ihn mit Heißhunger. Wie viele mit vrientaliſchen Luxus raffinirt ausgeſtattete Feſte leben noch im Gedächtniß des königlichen Hofes, dem er ſie gab. Hunderte von Dienern in goldſtrotzenden Livreen bildeten Spalier zum Eingange; der Hof, die Treppen, die Corridore waren mit den koſtbarſten Teppichen belegt, die geöffneten Hallen in einem tropiſchen Blütenſchmucke prangend, die Luft mit den zarteſten Wohlgerüchen durchwürzt, welche ſpringen⸗ den Fontainen aus Blumenwäſſern entſtrömten; von tau tend Lüſtres und Ampeln und Girandolen flutete ein Licht⸗ meer, in allen Farben ſchillernd, durch Park und Säle, die üppigſten Märchen der Scheherezade ſchienen hier verwirklicht.

Und welche fabelhaften Summen hat ihm jene viel beſprochene Liaiſon mit der Schauſpielerin in München gekoſtet. Von welcher übertriebenen Pracht war beiſpielsweiſe ſeine ganze Zimmereinrichtung, die er ſeiner Courtiſane zu Geſchenk machte! Und jegliches Geräth, vom Tafelgeſchirr und den Beſtecks an bis hinauf zu den Bal⸗ dachinbetten und der Kinderwiege mit der gräflichen Krone geſchmückt! Skandalös genug, daß dieſer Wappenzierrath nicht einmal entfernt ward, als die Donna ſich ſpäterhin mit dem Schauſpieler F..... verheirathete, und daß in der nämlichen Wiege doch ſtill! warum den Schleier zu hoch lüften?

Die Komödie war bald genug zu Ende. Das Fräulein, wohl ahnend, wie bald es um ihren verſchwenderiſchen Lieb⸗ haber geſchehen ſein würde, war ſo klug, ſich noch vor Thores⸗ ſchluß das artige Sümmchen von 20000 Gulden ſicher zu machen er verſchrieb's ihr und dieſer Kröſus⸗Lucullus, der mit ſeinem Golde ein Heer von ſchmeichelnden Schma rotzern ſattgefüttert hatte denn der Leichtſinn iſt ſtets ein Kind an Gutmüthigkeit vor zwei Jahren iſt er, von un⸗ barmherzigen Gläubigern gehetzt und mit dem Schuldthurme bedroht, heimlich entflohen! Seine vierzig Güter ſind in die

Verwaltung des Staats übergegangen, er ſelbſt lebt, einem Verbannten gleich, in irgend einem Schweizerwinkel von kärg lichen 900 Francs, die ihm als Nothdurft von Staats wegen zuerkannt ſind. Sic transit gloria mundi!

651

Anf die Wanderſchaſt!

Es waren keine acht Tage vorüber, als ich abermals Grund zu ſeufzen hatte:Sic transit gloria mundi! Dies⸗ mal aber ging's mich an. Seit Oſtern, da ich mit Schluß der Saiſon in A. der alten Reichsſtadt Baierns hatte den Rücken kehren müſſen, war ich Mitglied der L.. ſchen Ge⸗ ſellchaft geworden, die in dem hopfenumkränzten Memmingen ihr Spiel trieb.

Wir waren in die ſonnigen Tage des Maimonats hineingekommen. Was Wunder, daß die Menſchen ſich ihre Feierabende lieber in duftenden Sommergärten beim Bier⸗ kruge ſchmecken ließen, als in den düſtern, feuchtkühlen Räu⸗ men des Muſentempels. Die Geſchäfte fingen an matt zu gehen, und eines Morgens hielt Jeder von uns trüben Antlitzes ſeinen Kündigungsbrief in Händen und ſeufzte wie⸗ oben:Sic transit gloria mundi!

Ich bin kein Revolutionsmenſch, der gegen den tyran⸗ niſchen Abſolutismus gewiſſer Bühnenfürſten zu Felde zieht; wie günſtig wäre mir jetzt die Gelegenheit, eine flammende Philippita gegen ſie loszudonnern! Mußten wir arme Teufel nicht alleſammt fürbaß barfuß hätt' ich faſt geſagt in die Lande hineintrollen, indeß jener Directionshal... ke, der in der Theaterwelt unter dem ſchönen Namen Galgenl..... prangt, noch ſein glänzendes Wagengeſpann im Stall hielt? aber Gott behüte mich!

Es war auch ſo gut! Dreißig baare Gulden klangen noch in meiner Taſche, als ich die Abſchiedsrechnung gemacht. Holla, das gibt ein herrlich Wanderleben! rief ich aus. Auf denn, alter Junge! ſchüttle den Staub ab von deiner vertrockneten Seele! ſpanne ihre Flügel aus! und fort, fröh⸗ lich fort in die weite, ſchöne Welt, die in verlockendem Sonnenglanze vor deinen Augen liegt!

Geſagt, gethan! An einem friſchen Junimorgen, da in der Stadt drinnen noch viel ſchläfrige Augen im Morgen⸗ duſel auf⸗ und zuklappten, fuhr ich mit brauſendem Dampfe ſchon gen Ulm zu von Ulm gen Friedrichshafen ſchiffte über die Wiege des Rheins, den herrlichen Bodenſee, hinüber und fand mich wie bezaubert vor den Thoren des alten, thurm⸗ reichen Konſtanz, als eben die Abendglocke von der Spitze jener Kathedrale herſcholl, in welcher vor vier und einem halben Jahrhundert einſt die purpurne Schaar der Cardinäle und Biſchöfe ihr welterſchütterndes Concil gehalten hatte.

7† von Bonſtanz nach Baſel.*

Den Stab zur Hand! Das Ränzel übergeworfen! Weiter zu Fuß! Schon ſteigt die Morgenſonne empor und gießt ihren leuchtenden Reiſeſegen auf das lockige Haupt des jungen Rheinſtromes, der, gleich mir zur Wanderung gerüſtet, aus den Waſſern des Sees dort hervortritt.Grüß Gott, Reiſegefährte! Nimm mich mit dir! Und die luſtigen Wellen rauſchen mirWillkommen! entgegen.

Seid Ihr einmal mit dem Rhein von Konſtanz ſelbander gereiſt? Ein toller Geſell, kann ich Euch ſagen; er hält Eüch in Athem. Wie jauchzend er neben Euch daherſpringt! Wie er Euch zuweilen mit losgelaſſenem Zügel, mit wallendem Haar und brauſender Lunge weit vorausfliegt und dann ver⸗ haltenen Laufes, fröhlich lachend, Eurer wartet und ſeinen Spott mit Euch treibt, daß die plumpen Menſchenfüße nicht nachkönnen! Wie er dann wieder ernſt, gemeſſen, aber doch den heimlichen Schalk im Nacken, neben Euch herſchreitet und Euch die grusliche Geſchichte ſeiner Liebſchaft erzählt, die er in den Höhlen des Gotthardt mit der Eisjungfrau gehabt; wie kalte Schlangen hätten ihre weißen Arme ihn umklam mert und immer feſter und feſter gepreßt, bis ſie ihm das Herz zerquetſcht hätte, wie allen Männern vordem geſchehen iſt, welche der Zauber ihrer gleißneriſchen Schönheit ihr in den Schoß gelockt, wenn er nicht noch bei Zeiten und ge⸗ waltſam entſprungen wäre; wie er dann in den ſtrahlenden

Sommertag hinauflacht, wenn Euch vor Froſt die Haut 82*