Jahrgang 
1867
Seite
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Nach dieſen herviſchen Worten wendete ſie ſich ab und überließ die unwürdige Nonne ihrem Schickſale.

Die Oberin konnte nicht klüger handeln; ſo ungern ſie geſtattete, daß eine Nonne das Kloſter wieder verlaſſen ſollte, ſo wußte ſie doch recht gut, daß der Ausſpruch des Arztes befolgt werden mußte, und daß, hätte ſie das nicht gethan, und wäre Adele, was ſehr möglich war, an dieſer Krankheit geſtorben, dies für ſie ſehr unangenehme Folgen haben konnte. Ueberdieß war Schweſter Roſa erſt eingekleidet worden, hatte alſo noch nicht Profeß gethan, es ſtand ihr daher noch immer frei, in die Welt zurückzukehren; es war doch beſſer, wenn es ſo aus Geſundheitsrückſichten geſchah, als wenn ſie ſpäter frei⸗ willig gegangen wäre, was ſie nach den gehörten Aeußerungen einerirdiſchen Leidenſchaft für mehr als möglich hielt. Sie hüllte ſich deßhalb in den Schleier frommer Entrüſtung und geſtattete, was ſie nicht verbieten konnte.

An der Thüre kehrte ſie ſich noch einmal um:Ich habe Ihnen nur noch zu ſagen, gnädige Frau, daß das Fräulein, wenn Sie ſie mit ſich nehmen, in unſerem Kloſter nicht mehr aufgenommen werden kann; wenn unſere Pforte ſich hinter ihr geſchloſſen hat, ſo wird ſie ſich ihr nie mehr öffnen!

Gott ſei Dank! hätte Tante Adelheid beinahe laut ausgerufen.

Die Oberin ging mit langen, tönenden Schritten fort.

Wie kann ich Ihnen danken, Doctor? ſagte die Tante freudig,Sie haben mir das liebe Kind wiedergegeben! Sie faßte die heiße Hand der Kranken und bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen.

Machen Sie nur ſchnell, Frau Räthin ſagte der Arzt, es wird bereits Abend, und ich möchte die Kranke keine Nacht mehr hier laſſen.

Machen Sie Ihr gutes Werk vollſtändig, Doctor, be⸗ ſorgen Sie mir eine Sänfte, ich verlaſſe dieſe Zelle nicht mehr ohne meine Nichte!

Eine halbe Stunde ſpäter ſtand die Sänfte vor der Pforte, Adele wurde hineingehoben, Adelheid folgte ihr; als es dunkel wurde, lag die Kranke bereits weich und friſch ge⸗

bettet in dem freundlichen Schlafzimmer ihrer Tante, der milde

Juliabend ſandte balſamiſchen Duft aus dem Garten durch das geöffnete Fenſter, und die Vögelein zwitſcherten in den Bäumen und erzählten von Frühlingsluſt und Liebesglück.

Nach einigen Wochen finden wir Adele bereits außer dem Bette, bei ihr ſitzt ein greiſer Prieſter aus dem Orden der Serviten, der ſchon Adelens Mutter und Tante als Kinder gekannt hatte. Er redete milde, tröſtende Worte der Liebe und des Friedens, und verſuchte dies junge, ſchwerbeladene Herz zu erleichtern und zu beruhigen.

Hat dir Gott denn nicht ſelbſt gezeigt, mein Kind, ſprach er,daß er dies Opfer nicht will? Wer rief Ottmar im letzten Augenblicke hin an die Pforte des Kloſters, wer lenkte deinen Blick hin in jenen Winkel, wo er ſchmerzvoll mit ſeinen Herzen kämpfte, und dich zum letzten Mal ſehen, dir das letzte Lebewohl ſagen wollte, und kein Wort, keinen Ton finden konnte? Wer ſchickte dir dieſe Krankheit, um dich zu retten von der Qual eines verfehlten Lebens? Dein Gott und Vater that es, meine Tochter, er, der nicht wollte, daß

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du elend und unglücklich ſeieſt, der ſich erfreut am Glücke ſeiner Geſchöpfe, der die Menſchen zur Freude und zum Glücke geſchaffen!

Ach, aber mein Schwur, meine Mutter!

Dein Schwur? Hatteſt du nicht früher mit dem Herzen dem Manne Treue geſchworen, den du liebteſt, den du noch liebſt? Konnte der erpreßte Schwur des Mundes, den du be⸗ reuteſt, als du ihn kaum geſprochen, den des Herzens auslöſchen? Und deine Mutter! Glaube mir, Kind, ſie, die jetzt am Throne Gottes alle Schwächen und Gebrechen dieſer Erde abgeworfen hat, ſie wird dein Glück mit Freuden ſehen.

Eine Weile ſchwiegen Beide.

Dann fragte der Prieſter plötzlich:Könnkeſt du je auf⸗ hören Ottmar zu lieben? Könnteſt du ihn wohl gar ver⸗ geſſen?

O nie, nie könnte ich das! rief Adele bewegt.

Nun denn, was willſt du, mein Kind? Willſt du eine Braut Chriſti werden mit dem Bilde eines Menſchen im Herzen? Du würdeſt eine ſchlechte Nonne werden, Adele, eine ſchlechte und eine unglückliche, und Niemand würde dadurch beſſer oder glücklicher werden. Du würdeſt ein Leben durch⸗ kämpfen voll Qual und Reue, während ein anderes Herz, das kein Schwur bindet, ein edles, großes Herz vielleicht brechen und brechend dich anklagen würde!

Adele ſchlug die Hände vor das Geſicht und weinte,

aber ihre Thränen floſſen mild und wohlthuend wie Früh⸗ lingsthau.

Der Prieſter ergriff ihre Hand und ſagte:Folge denn der Stimme deines Herzens, mein Kind, ſei glücklich und mache glücklich, ein ſchöner, großer Wirlungskreis öffnet ſich vor dir! Gott ſelbſt hat ihn dir angewieſen, thue ſeinen Willen, werde eine brave, glückliche Gattin und Mutter, und der liebe Gott wird ſegnend auf dich und die Deinen herab⸗ ſehen, denn er freut ſich ja, wenn ſeine Geſchöpfe ſich unter⸗ einander lieben und beglücken.

Jetzt ſank Adele mit Thränen der Freude in den hellen Augen auf die Knie:O Dank, Dank dir, mein guter Gott, für dieſen Boten deines Willens! Dank Ihnen, mein Vater, für jedes Ihrer Worte, denn jedes war Balſam für mein Herz. O Ottmar, ich darf alſo dein ſein!

Und ein jubelnder Aufſchrei aus einer wonnetrunkenen Menſchenbruſt antwortete:Ja, mein biſt du, Adele, meine. Braut, mein Weib!

Unbemerkt hatte Tante Adelheid den überglücklichen Ottmar hereingeführt, er hatte Adelens letzte Worte gehört, und nun lag ſie ſelig an ſeiner Bruſt. Die Sonne ſendete ihre goldigſten Strahlen über die Häupter der Liebenden, wie eine ſegnende Mutterhand lag ſie warm auf dem Scheitel Adelens, deren Locken der Scheere zum Trotz wieder das lieb⸗ liche Geſichtchen umrahmten, und auf Ottmars ſchön gewölbter Stirne und ſchien ihnen frohe, glückliche Zeiten zur verſprechen.

Und ſie hielt Wort.

Noch heute lebt das Paar froh und heiter, umſpielt von fröhlichen Kindern; während der älteſte Sohn Ottmar's, in die Fußtapfen ſeines Vaters tretend, in nicht zu ferner Zeit den Doctorhut auf den dunkeln Lockenkopf drücken wird, ſteht die vierzehnjährige Marie der Mutter in allen weiblichen Arbeiten bereits helfend zur Seite.

C

Loſe Blätter aus dem Wanderbuche eines Schauſpielers.

Mitgetheilt von Carl Glabiſch.

Sie transit gloria mundi!

hatte ich vor ein paar Wochen ausgerufen, als ich, mit dem Münchener Hoftheater⸗Regiſſeur R...... und meinem Collegen S vor der Thür des Löwenbräu ſitzend, die ſteile Dorfſtraße hinaufſah, an deren Ende ſich das einſame Schloß des ehemaligen Reichsgrafen von W..... unſern Blicken

zeigte. Vor einer Stunde noch waren wir in den kloſterähn⸗ lichen Hallen jenes düſtern Gemäuers umhergewandelt. Eine öde Trauer lagerte um die Granitſockel ſeiner Säulengänge, und der freundliche Sonnentag, der draußen um die Baum⸗ wipfel des Parkes ſpielte, warf nur ein paar ſcheue Licht⸗ ſtreifen herein, die ſich ängſtlich an die gewölbte Steindecke

klammerten. Uns fror, als wir in dieſem feuchten Halbdunkel.