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ſchauert! Wie er ein andermal, bei Schaffhauſen, da Ihr eben vor einem ſchwindelnden Abgrund ſteht, plötzlich die Locken ins Genick wirft, einen Satz macht und in wage⸗ halſigem Uebermuthe ſich überſtürzend hinunterwirbelt, daß Euch Hören und Sehen vergeht— und wenn Ihr fein vor⸗ ſichtig hinuntergeklettert, er Euch luſtathmend entgegenruft: „Hätt'ſt mir es nachmachen ſollen!“ Wie er gleich andern
„Tags wieder— juſt vor Laufenburg— von Eurer Seite weg⸗
tollt, und wenn Ihr betroffen umſchaut, ihn dort mitten in einem Felshaufen entdeckt, wo er mit keuchenden Sprüngen ſich Bahn bricht, als langweile es ihn, immer nach kluger Philiſterart die eintönig grade Straße zu humpeln! Wie geſagt, er hält Euch weidlich in Athem; aber es iſt eine Luſt, eine zerſtreuende unbezahlbare Luſt, in ſeiner Begleit⸗ ſchaft zu wandern!
Erſt wenn Ihr gen Baſel mit ihm kommt, da nimmt er ſich zuſammen, ſtreicht ſich die Haare glatt, rückt den Hut ſpießbürgerlich auf dem Kopfe zurecht und legt ſein Geſicht in ehrbare Falten, denn, ſagt er:„wir kommen unter den Bann der freien Schweiz, allwo die Polizei nicht minder trefflich zu Wege iſt und mit Vagabunden nicht viel mehr Federleſens macht als in dem monarchiſchen Paris, Berlin und London!“ Und da Ihr drinnen ſeid und durch die proſaiſch geradlinigen Straßen mit den hohen, glatten, abge⸗ zirkelten Häuſermaſſen ehrſam hindurchſchreitet und mistrauiſche Geſichter ringsum Euch froſtig anſtarren, als wollten ſie nach Paß und Heimathſchein fragen; da grollt es in der Bruſt des feurigen Stromjünglings und er flüſtert Euch zu:„Laß' uns eilig wieder hinaus! Dieſer geſchnörkelte Steinklumpen er⸗ drückt mich— dieſes eau de culture, womit die geckenhaftè Menſchheit ſich über und über parfümirt hat, ſtinkt mir in die Naſe— ich werde ohnmächtig! Hinaus aus dieſen Mauern!“ Ein ſchneller Satz, mit dem er Euch fortträgt, und Ihr ſeid draußen: hinter Euch, in Dunſt gehüllt, liegt die große, die lärmende Stadt; hier iſt Natur, hier umfließt Euch ein reiner Aether wieder! Und nun wieder vorwärts, vorwärts in fröhlicher Freiheit! Ach, umſonſt mein jubelnder Mahnruf! Der arme Geſell kann nicht mehr wie ehedem: ſein Feuer iſt halb erloſchen; ſeine Sprungkraft iſt erlahmt; der Blütenſtaub iſt von ſeinen Flügeln gewiſcht; und ihre Adern ſind der dörrenden Sonne bloß gegeben; er iſt ſehr zahm geworden über Nacht; er hat von der Bildung etwas ab⸗ bekommen!—
Meine Fußtour von Konſtanz bis Baſel aber iſt ein immer grünes Blatt in meinem Reiſe⸗Album. Macht ſie mir nach! und ich brauche Euch dies Blatt nicht vorzuleſen.
„Grüß Gott, Bruder Stranbinger!“
Ich ſaß im Wirthshauſe zu Krozingen und zählte meine Baarſchaft; 56 Kreuzer!?— Ja, hatt' ich mich denn ver⸗ zählt? Geſchwind noch einmal! 56 Kreuzer— es ſtimmte— du lieber Gott! Nein! es ſtimmte nicht! Waren's nicht blanke 30 Gulden geweſen, die mir in der Taſche klangen, als ich auszog? Wo waren denn die 29 hin ſammt 4 Kreu— zern?„Es gibt Dinge im Himmel und auf der Erde“— würde Hamlet perorirt haben, wäre er jetzt bei mir geweſen; ich aber citirte in Hamlet's Charakter ſeinen grübelnden Mo⸗ nolog:„Sein oder Nichtſein?“ wobei ich freilich nicht viel mehr ergrübelte als den Grund zweier Bierſchoppen— eine Unterſuchung, die mir abermalige 6 Kreuzer koſtete— blieben nur gar 50 als mitleidiger Reſt übrig!
Plötzlich ſpürte ich eine knochige Hand auf meine Schul— tern gelegt, und meinem aufgewandten Geſicht begegneten ein Paar freundliche, treuherzige Augen.
„Wo geht die Reiſ' hin?“ forſchte der, dem ſie ange— hörten, ein jovialer Graukopf und Schwarzwäldler— ſeiner Tracht nach.
„In's Blaue!“ war meine verzagte Antwort.
„Bi Gott!“ lachte er,„e luſchtige Reif! Da könne mir allewil noch z ſamme fahre! s verſchlagt Ihne nüt—
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wenn's au e Bitzeli vom Ziel abweiche!— He, Meidli! e Schöpfli Markgräfler!“
Und die muntere Wirthstochter hatte im Umdrehen Wein und Gläſer gebracht, und im zweiten Umdrehen war ſchon ein lebhaftes Geſpräch zwiſchen uns angeſponnen, das der perlende Landwein luſtig im Gange hielt. Bald erfuhr ich, daß mein edler Wohlthäter bei Staufen zu Hauſe ſei und daß in Staufen ſelbſt— deus ex machina!— eine Geſell⸗ ſchaft Komödianten ihr Weſen treibe. Das erzählte er vice versa, nachdem er ziemlich überraſcht vernommen, wer ich ſei. Ich hatte keinen Hehl aus meiner Lage und ſpeciell aus der Schwindſucht meiner Börſe zu machen! ja, ich dankte meiner ehrlichen Offenheit im Stillen, als der Brave ſich anbot, mich ſammt Stab und Ränzel koſtenfrei in den lockenden Hafen zu bugſiren.
Er hat's redlich gethan— ſegne der Himmel den ganzen Schwarzwald dafür!— und da ſitz ich nun in der achten Abendſtunde, ſcheu in einen Winkel gedrückt, im„Goldenen Kreuz“ zu Staufen und erwarte klopfenden Herzens das Hereintreten des Directors(er wohnt im Hauſe), dem ich einen„zugereiſten Schauſpieler“ habe melden laſſen.
Da— die Thüre öffnet ſich— er iſt's! Eine kleine, hagere, ſemmelblonde Geſtalt im eleganten Düffel⸗Schlafrock ſteht vor mir und— ja, beim heiligen Thespis! iſt's ein Blendwerk der Hölle— oder„Biſt du's? biſt du's wirklich?“— „Karl! Junge!“ jubelt er mir gleichfalls entgegen,„wo kommſt du her?“
„Das frage ich dich, Adolph!'s iſt mir noch wie geſtern, daß wir auf deiner Bude in der kleinen Kirchſtraße in Brom⸗ berg ſaßen— wie lange iſt's her? keine zwei Jahre, und wir gemeinſam nach den verlornen Myhſterien der Alchymie forſchten— und heute! in dieſer geheimnißvollen Abendſtunde treffen wir juſt im andern Winkel Deutſchlands aufeinander: du— grand directeur d'une petite bande! ich— fahrender Schüler, der deficiente pecunia nicht weiß, wo er ſein Haupt betten ſoll?!“—
„Bleibſt bei mir, Alter! Holla, Ratzmann, ein ganzer Mordbruder für unſere Bande! Dich gerade können wir brauchen! Sind Augenblicks nur drei Mann beiſammen: ein Intriguant— c'est moi! ein erſter und ein zweiter Lieb⸗ haber— fehlte uns immer ein Vater! Da haben wir ja einen wie vom Himmel geſchneit— heißa! jetzt ſind die „Räuber“ beſetzt!— Alſo du bleibſt, Junge, wohnſt bei mir!— Da ſetz' dich nur wieder! die Reiſe hat dich hungrig gemacht. Holla, Herr Wirth, ein warm Abendbrod— und einen Markgräfler— alten!—— So, eingeſchenkt! Proſit, Goldjunge! Willkommen!“
Ja, ich laß' mir's nicht nehmen, wir Komödianten ſind unſers Herrgotts Neſthäkchen! Keines ſeiner Kinder läßt er ſo liebevoll in ſeine Schätze blicken, keinem ſo heiter die Sonne glänzen, keinem ſo vernehmlich die Muſik der Sphären klingen, keinem ſo viel duftende Roſen unter den Stachelhecken des Lebens emporblühen— wie uns, die wir freilich auch be⸗ rufen ſind, dereinſt ſeine erlauchten Himmelsgäſte dafür zu kurzweilen.
So blieb ich. Aber wer dies lieſt, zucke darum nicht mitleidig die Achſeln! Ich, der ich augenblicklich in einem Städtlein von 1600 Seelen den„Franz Welſer“ gaukle,
habe dieſelbe Rolle ja noch kürzlich vor 50000 Köpfen los⸗
gelaſſen! Der Schauplatz thut nichts zur Sache. Und meine ſämmtlichen Collegen— in Summa drei Herren und vier Damen— ſind ſehr reſpectaale Mitglieder des Freiburger Stadttheaters, welche in dieſer von Freund Adolph bewerk⸗ ſtelligten, drolligen Entrepriſe nur ein Mittel erſehen haben, ihre Sommer-Ferienzeit auf unterhaltende Manier todtzu⸗ ſchlagen. Man wittere alſo— keine Schmiere, kein Meer⸗ ſchweinchen, keine Barbierſtube— und wie die techniſchen Ausdrücke für einen Vagabonden⸗Trödel in optima(richtiger pessima) forma ſonſt heißen mögen.
Aber uns Alten macht es viel herzerquiclichen.
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