Jahrgang 
1867
Seite
645
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Beſtandtheil unſerer modernen Exiſtenz.

Er wird ſo auf die Verherrlichung des Sieges von Seiten der Königlichen für alle Zeiten verzichten müſſen. Doch wir haben ja eine Mengekleiner Theater, und dieſe ſind in der That bemüht geweſen, in die Lücke einzutreten und die verſchiedenſten Dankopfer auf den Altar der Siegesgöttin niederzulegen. Wort, Ton und Bild haben gleichmäßig ihr Scherflein beigetragen. Feſtvorſtellung, Feſtſpiel, Feſtprolog, Feſtmarſch, Feſtgeſang, Feſttableau und Transparent und andere Formen der Kundgebung glänzten heute mit koloſſalen Typen an unſernLitfäſſern Selbſt das Charlottenburger Schloßtheater, das, nachdem es einige Dezennien brach ge⸗ legen, erſt jüngſt wieder ſeiner Beſtimmung zurückgegeben worden, brachte durch ein militäriſches Luſtſpiel dem Tage ſeine Huldigung, und nur die Verbindung und Aneinander⸗ reihung der Stücke hatte hier wie dort ihr Beſonderes und Sonderbares. So mag es für Königgrätz wenig ſchmeichel haft ſein, daß man beiſpielsweiſe auf der Bühne der Fried⸗ rich⸗Wilhelmſtadt vonDeutſchlands Erwachen zum Pariſer Leben überging.

Mit dieſem Tage reißt für Viele die letzte Feſſel, die ſie an Berlin bindet. Nun geht es über Hals und Kopf ans Einpacken. Gereiſt muß werden.Es iſt ja im Sommer in Berlin nicht auszuhalten! Dieſe Redensart graſſirt wie eine Cpidemie und wird, wie ein muſikaliſches Thema, in allen Tonarten und Formen variirt. Die höheren Töchterſchulen ſind geſchloſſen, die Herren Söhne bekommenfrei, an Börſe und Markt iſt nichts zu thun, Unterleib und Nerven machen ihre Forderungen geltend, das nöthige Kleingeld iſt einge⸗ wechſelt worauf ſollte man da noch warten! Nun beginnt die Zeit, der die Wiſſenſchaft bezeichnend den NamenSaure⸗ gurkenzeit beigelegt hat. Nur der Deutſche iſt ſo glück⸗ lich, ein ſolches Wort zu beſitzen. Was ſindFerien, was iſtSaison morte, was iſtdolce far niente, gegen unſere Sauregurken? Der ganze Umfang der Ermüdung liegt darin, der Paſſivität, der Erſchlaffung, des Verwaſchenen, des Abgeblaßten, der Abgeſtumpftheit, der körperlichen und geiſtigen Appetitloſigkeit. Es iſt der Katzenjammer der Welt⸗ geſchichte! Wem iſt es zu verdenken, daß er ſich dieſem Zuſtande entwindet, wofern nicht ſein Portemonnaie ein Veto einlegt? Wir gehören nicht zu denen, die das Reiſen lediglich für eine Modeſache erklären. Das Reiſen iſt mit unſerer ganzen Art zu leben eng verwachſen, es iſt ein organiſcher Unſer Leben iſt ein anderes, als es noch vor einem Vierteljahrhundert war. Wir arbeiten mehr, wir denken mehr, wir ſorgen mehr, wir ſtreben und kämpfen mehr, wir genießen mehr. Die Zeit iſt hin, wo Bertha daschi va piano, va sano abſpann, wo Ruhe die erſte Bürgerpflicht war, wo ſich jeder wohlgeſittete und gut⸗ geſinnte Bürger innerhalb der Grenzen ſeines Berufs hielt, ein⸗ gedenk des ſchönen Mahnrufs: Schuſter, bleib' bei deinem Leiſten! Wir leben vielſeitiger, wir leben mehr. Wir führen ein be⸗ wegteres Leben. Wir leben privatim und wir leben öffentlich. Wir leben für die Familie, für den Beruf, für allgemeine Bildung, für Vereine, für die Stadt, für den Staat. Wir wollen reich werden, wir wollen etwas gelten in der Welt, wir wollen einen Namen, wir wollen Titel und Orden haben, wir fühlen uns in der Geſellſchaft und im Staate zurückge⸗ ſetzt, wir werden nichtbeſtätigt, wir haben Preßproceſſe, wir müſſen zur Abwechſelung einmal acht Tagebrummen. Alles das ſtürmt auf uns ein, bringt unſer Blut in Wallung, beſchleunigt unſern Herzſchlag, beunruhigt unſern Schlaf und legt uns die Verpflichtung auf,auch einmal etwas für uns zu thun. Und wir thun es, wenn es Alle thun, wenn wir am wenigſten verlieren, wenn allgemeine Ferien ſind, wir thun es nach einem ſtillen Uebereinkommen, nach dem modernen Contrat social, der ſich zu dem Dogma zuſpitzt: Elf Monate ſollſt du arbeiten und vier Wochen wenigſtens auf Reiſen gehen!

Immerhin bleibt in einer Stadt wie Berlin, in der Metropole der Intelligenz und der Hauptſtadt des künftigen Geſammtdeutſchlands, auch fürdie Zurückgebliebenen immer

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Hat auch ein anſehnlicher Bruchtheil der Einwohnerſchaft das Weite geſucht, haben auch einzelne Inſtitute ihre Thätigkeit eingeſtellt, die Lücke wird kaum bemerkt, und wer Luſt und Kraft und Lunge genug hat, mit dem freilich etwas maſſen⸗ haft verbreiteten Staub und mit dem oft polizeiwidrig die Geruchsnerven verletzenden Straßenduft ſich abzufinden, der wird auch im Sommer über Langeweile nicht klagen dürſen. Ich behalte es mir vor, den Leſer in die verſchiedeuen Theater und Concertgärten zu führen, die bereit ſind, das Stroh⸗ witwerthum des ſommerlichen Berliners zu erleichtern und zu verſchönern. Ich will heute nur daran erinnern, daß das Vereinsleben auch in der todten Jahreszeit fortbeſteht und, wenn auch in beſchränkterer Weiſe, den Geiſt anregt, Stoff zur Arbeit gibt und die Quelle des Vergnügens ſpringen läßt. Wir haben in Berlin an die dreitauſend Vereine, die die verſchiedenſten Richtungen vertreten, die mannichfaltigſten Zwecke verfolgen. Es würde ein gewaltiges Opus abgeben, wollte Jemand ſämmtliche Vereine in einen Brennpunkt ſammeln, ihre Aufgaben, ihre Statiſtik, ihre Geſchichte, ihre finanziellen Verhältniſſe. Das liegt uns im Augenblick ſern. Aber nach Einem Vereine möchten wir den Leſer bitten uns zu folgen, der mehr als alle andern die allgemeine Aufmerk⸗ ſamkeit verdient und gerade ſein Stiftungsfeſt feiert. Wir meinen den Berliner Handwerkerverein. Der Verein iſt ſo glücklich, ein eignes Haus(in der Sophienſtraße) zu beſitzen, wenn er auch auf das Recht anderer Berliner Wirthe, ihre Miether zu chicaniren, verzichten muß, da er ſein einziger Miether iſt. Das ganze Haus dient ſeinen Bildungs⸗ und Unterrichtszwecken. Es hat ſeine Sitzungszimmer, ſeine mit Lehrmitteln und Apparaten aller Art erfüllten Unterrichts⸗ zimmer, ſein prächtiges Leſezimmer mit einer guten, reich⸗ haltigen Bibliothek und einer umfangreichen Journalliteratur, zu der die betreffenden Verleger die bei ihnen erſcheinenden Tages⸗, Wochen⸗ und Monatsſchriften meiſt unentgeltlich her⸗ geben. Gegenſtände des regelmäßigen Unterrichts ſind Sprachen, Rechnen, Geometrie, Orthographie, Kalligraphie und Steno⸗ graphie, Buchführung, Zeichnen, Geſang, Turnen u. ſ. w. Einen großen Aufſchwung nimmt die ſeit einigen Jahren ins Leben gerufene Baugewerkſchule, die, mit den beſten Lehr⸗ kräften ausgeſtattet, auch außerhalb des Vereins ſtehenden jungen Männern zugänglich iſt. Vereinsabende ſind drei in der Woche, die mit Volksgeſang, mit wiſſenſchaftlichen Vor⸗ trägen und Fragebeantwortung ausgefüllt werden. Der Sonntag gehört dem Vergnügen, das die Familien mit den Mitgliedern theilen, und das das ſchönſte Concert, populär⸗ wiſſenſchaftliche und heitere Vorträge und andere Genüſſe bietet, gegen Erlegung von einem Silbergroſchen. Die Vorträge für die Vereinsabende, die aus den verſchiedenſten Gebieten des Wiſſens und der Kunſt ihre Stoffe holen, ſind in einem überſichtlichen Proſpect feſtgeſtellt. Für dieſe bietet ein aus⸗ gedehntes Lehrerperſonal von gegen achtzig Individuen bereit⸗ willig ſeine Kräfte. Zu ihnen gehören beiſpielsweiſe Virchow, Tweſten, Lasker, Franz Dunker, v. Hennig, Löwe⸗Calbe, Lette, Runge, die Statiſtiker Engel und Schwabe, Holtzendorf, Woltmann, Angerſtein, Rodenberg, Frenzel, Spielhagen u. A. Der große Saal iſt zur Stiftungsfeier feſtlich geſchmückt mit Kränzen und Laubgewinden und unzähligen Fahnen. Der zeitige Vorſitzende Franz Duncker hält eine vortreffliche Rede. Lasker begrüßt die Gäſte, die für ſich und in Vertretung anderer Handwerkervereine zahlreich erſchienen ſind. Unter dieſen erregt größeres Intereſſe Herr Paul Nefftzer, Redacteur desTemps, aus Paris. Prolog, ernſte und heitere Vorträge wechſeln mit Geſang, der theils von der Geſammtheit, theils von dem gutgeſchulten Männerquartett des Vereins ausgeführt wird. Nachdem das Programm erſchöpft, ſind es die Mit⸗ glieder noch lange nicht. Es löſt ſich nur das Band der ſtrengen und formellen Ordnung. Die Vertreter der ver⸗ ſchiedenſten Stände ſetzen ſich an kleine Tiſche neben einander. Der Kellner kann nicht Seidel genug anfahren. Toaſte folgen auf Toaſte, Reden auf Reden. Aus den entgegengeſetzten Winkeln kreuzen ſich oft die Lieder in den bunteſten Ton

noch etwas Einiges, was intereſſirt, was reizt, was feſſelt.

arten, aber die Diſſonanzen ſtören die Harmonie nicht, die