Jahrgang 
1867
Seite
639
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639

Feuilleton.

Siüdafrikauiſche Küche.

Dem BVerichte eines engliſchen Reiſenden entnehmen wir Folgendes: In wenigen Dingen beſitzen die Menſchen größere Vorurtheile

denn im Eſſen und über die Speiſen. Wir haben oft genug geſehen,

wie die Ureinwohner des ſüdlichen Afrika oder andere Wilde Fleiſch zu ſich nahmen, das wir Anſtand genommen hätten, unſern Hunden anzubieten, während dieſe von einem wahren Schrecken und Abſcheu befallen wurden, als ſie uns unſer tägliches Auſtern⸗Frühſtück ge⸗ nießen ſahen. Nun mag es ſicherlich auch viele Leute geben, welche uns für nicht viel beſſer anſehen werden als Kannibalen, wenn wir ihnen folgende Auszüge aus unſerm Speiſezettel vorlegen, wie er während unſerer Steifereien in den Karvo's Hrangengebietes oft componirt werden mußte.

Acht Stunden waren wir bereits unter den Strahlen der afrikani⸗ ſchen Sonne über die Ebene geritten, als wir die Hütte eines hollän⸗ diſchen Anſiedlers erblickten. Der Voer empfing uns freundlich und lud uns zum Eſſen ein, deſſen Einfachheit er mit den Worten ent⸗ ſchuldigte.Dar is niets, as en Naashoornſtück en Zeekoe. (Seekuh d. i. Flußpferd). Ein Diner von Rhinoceros⸗Rippen und Hippopotamus⸗Schinken war ebenſo neu als wenig einladend, allein das Gefühl eines tüchtigen Hungers half uns über alle Bedenklich⸗ keiten hinweg. Wir fanden das Steak vom Rhinoceros, jedenfalls von einem noch ganz jungen Thiere herrührend, über Erwarten zart und wohlſchmeckend und könnten ihm in England eine hinreichende Zahl von Verehrern verſprechen, wenn ſich das Rhinoceros nur nicht zu wenig als Hausthier empfiehle. Das Fleiſch des Hippopotamus iſt in Afrika kein ungewöhnliches Nahrungsmittel und wird gewöhn⸗ lich gekocht. Sein Geſchmack hält die Mitte zwiſchen Rind⸗ und Schweinefleiſch, und es iſt wahrſcheinlich, daß Jemand es verzehren könne in dem Glauben, er verſpeiſe das Lungenſtück eines Preis⸗ ochſen.

Wenige Tage ſpäter ſchlugen wir unweit einer andern Farm unſere Wagenburg auf. Alsbald erſchien ein Hottentot im Auftrage des Farmers und brachte ein Packet mit den Worten: Der Baas ſchickt Ihnen dies Kamelfleiſch. Alſo abermals einer Bereicherung unſer gaſtronomiſchen Erfahrungen! Sofort begaben wir uns an die Unterſuchung, Leider war das Fleiſch geſalzen und an der Sonne gedörrt, im Uebrigen aber fanden wir die Speiſe vortrefflich, ein Gutachten, das wir ſpäter, als wir ſelber einige Giraffen(hier oft Kamele oder Kamellevpard genannt) erlegt und zubereitet hatten, mehr als beſtätigen konnten. Ohne Zweifel liefert die Giraffe, wenn ſie jung iſt, den herrlichſten Braten von allen in Südafrika heimiſchen Thieren, und es iſt zu beklagen, daß die Seltenheit und die Lebens⸗ weiſe des Thieres es uns nicht verſtatten, uns oft dieſen Genuß zu verſchaffen; Giraffenſteak würde ſonſt zweifelsohne für alle europäi⸗ ſchen Gourmands ein geſuchter Artikel werden, namentlich das köſtliche Mark der Schenkelknochen. Zwiſchen Natal und Tugela raſteten wir abermals in der Nachbarſchaft eines englihen Anſiedlers, deſſen ein⸗ geborene Diener vom Stamme der Runavah Zulus nahebei ihren Kraal erbaut hatten. In dieſem fand gerade eine Feſtlichkeit ſtatt, der wir bei⸗ zuwohnen beſchloſſen. Man hatte einen jungen Elephanten geſchlachtet, und ſein ganzer Körper ſtand zur Dispoſition der freudig erregten Kaffern. Es war das gewiß etwas Neues für uns, in einem Hottentottenkraal Elephantenfleiſch zu eſſen, auch wir waren alſo ge⸗ ſpannt. Die Scene bot einen wilden Anblick. Inmitten der runden, bienenſtockartigen Hütte brannte ein mächtiges Feuer, um welches ſich einige zwanzig Kaffern jeden Alters und Geſchlechtes lagerten, und über welchem in zwei mächtigen irdenen Gefäßen Maſſen von Elephantenfleiſch unter Aufſicht eines alten Knechtes geſotten wur⸗ den. Wie wir ſpäter erfuhren, war dies bereits die dritte Auflage, welche die gefräßige Menge zu ſich nehmen ſollte. Endlich erklärte der erwähnte Alte das Fleiſch für gar, wir erhielten ein mäch⸗ tiges Stück im Gewicht von mehreren Pfunden, und gingen an den Verſuch. Als wir unſere Meſſer in Thätigkeit ſetzen wollten, bemerkten wir ſofort, daß dieſelben für Elephant au naturel zu ſtumpf ſeien, und daß die Zinken der Gabel ſich unfähig erwieſen, in die Maſſe einzudringen. Als es unſerer Energie endlich gelungen war, einen Biſſen loszulöſen, machten wir die Entdeckung, daß ſelbſt eine minutenlange Arbeit unſerer Zähne ſich zu ſchwach erwies, auf die Fleiſchfaſern auch nur irgend einen Eindruck hervorzubringen, ſo daß wir zu der feſten Ueberzeugung gelangten, daß der Braten von dem Waldrieſen ſchwerlich je von Gaſtronomen einiger Beachtung werde gewürdigt werden, und daß die Keule eines vierjährigen Schöpſes be n derjenigen eines vierhundertjährigen Elephanten vorzu⸗ ziehen ſei.

Im Laufe unſerer Abenteuer lernten wir noch gar manches heimiſche Gericht kennen, vor Allem einen Roaſtbraten von Zebra, welchen die Eingeborenen und auch manche Anſiedler dem Rinds⸗ braten vorziehen, und ein Beefſteak von Wildebeſt(Gnu), von welch letzterem wir indeß wenig Günſtiges zu ſagen hätten. Das Zäheſte aber, was wir jemals unſern Zähnen anzuvertrauen den Muth hatten, und welchem gegenüber ſelbſt Elephantenfleiſch zart und lieblich ge⸗ nannt werden muß, war das Schenkelſtück eines alten Straußenhahns.

Die Kaffern indeß, deren Zähnen unſerer Ueberzeugung nach ſelbſt Draht und Leder nicht widerſtehen, wiſſen auch mit dieſem Lecker⸗ biſſen fertig zu werden. Oft verwandeln ſich die häßlichſten und unanſehnlichſten Thiere, durch geſpickte Zubereitung des Widerwillens, den ſie im natürlichen Zuſtande einflößen, entkleidet, in ganz artige Leckereien. So gibt das Stachelſchwein z. B. einen durchaus accep⸗ tabeln Braten oder eine Paſteten-Füllung, welche anderen nicht nach⸗ ſteht, was auch von ſeinem Zwillingsbruder, dem Igel, gilt. Was nun die ſüdafrikaniſche Vogelwelt anbelangt, ſo halten wir, die wir ſo glücklich waren, die berühmte nordamerikaniſche Cauvas⸗Ente auf unſerer Tafel geſehen zu haben, dennoch den Coran oder kleinen Buſſard für die ausgezeichnetſte Delicateſſe aus dem Bereiche der Federwelt; der Genuß dieſes Raubvogels iſt unvergleichlich.

Die merkwürdigſte Speiſe der Afrikaner iſt unzweifelhaft die Wanderheuſchrecke, von der man ſagt, daß ſie bereits das Haupt⸗ nahrungsmittel der Alten gebildet habe und daß ſie vortrefflich munde. Das Letztere nun können wir keineswegs beſtätigen. Eidechſen bilden nicht minder ein geſuchtes Nahrungsmittel der Einwohner, das ſie oft ſo leidenſchaftlich lieben, als ſie andere Fleiſchnahrung verabſcheuen.

Der ruſſiſch-amerikaniſche Telegraph.

DiePetersburger Börſenzeitung enthält einen Bericht, der einen Beweis liefert, daß die Schwierigkeiten der Kabellegung dieſes Telegraphen kaum geringer ſind als beim atlantiſchen Kabel. Alle nothwendigen Unterſuchungen zur Feſtſtellung des Weges, auf welchem der Telegraph von der Mündung des Amur bis zu der des Anadhr geführt werden ſoll, ſind im verfloſſenen Winter ausgeführt worden. Die Richtung dieſes Weges iſt von Herrn Abaſa, dem Director, unter Mitwirkung dreier amerikaniſcher Ingenieure feſtgeſetzt worden und geht größtentheils durch Gegenden, welche zum erſten Male durch⸗ forſcht worden ſind. Im Küſtengebiet von Oſtſibirien gibt es keine Wege. Fahrten ſind nur in gewiſſen Richtungen möglich und wer⸗ den größtentheils mit Hunden ausgeführt. Der Weg, auf welchem einmal im Jahre die Poſt aus Ochotſk über Giſhiga nach Kam⸗ tſchatka befördert wird, erwies ſich als untauglich zur Führung des Telegraphen. Es wurde daher ein etwas von der Küſte entfernt liegender Weg gewählt, welcher zwiſchen der Hauptkette des Stano⸗ woi⸗ oder Jablonoi⸗Gebirges und den Küſtenzweigen deſſelben liegt. Dieſe Linie hat den Vorzug, daß ſie die tiefen Einſchnitte bedeuten⸗ der Gebirgsketten vermeidet und durch die Küſtengebirgszüge vor den Nebeln bewahrt wird, welche das Ochotſkiſche Meer während ganzer neun Monate des Jahres bedecken. Südlich von Ochotſt iſt auch ein neuer Weg gewählt worden, der in möglichſt gerader Linie über Ajan durch die Gegend am Fluſſe Ud nach Nikolajewſt am Amur führt. Nördlich von Giſhiga wurde der Weg bis zum ehemaligen Fort Ana⸗ dyrſt, welchen die wenigen Bewohner von Giſhiga benutzen, die ſich mit dem Tauſchhandel mit den Eingebornen beſchäftigen, gleichfalls unbrauchbar gefunden, und es wurde daher beſchloſſen, die Linie längs der Flüſſe Aklan, Penjhina und Main zu führen. Weiter wird ſie anfangs längs des ſüdlichen, dann längs des nördlichen Ufers des Anadyr bis zu deſſen Mündung fortgehen, wo der unterſeeiſche Telegraph beginnt. Bei Organiſation dieſer Expedition zu Ende des verfloſſenen Jahres(1865) hielt die öffentliche Meinung nicht nur in Rußland und Amerika, ſondern auch in Petropawloſk und Nikola⸗ jewſt den Bau eines Telegraphen im Küſtengebiet für unmöglich. Viele waren überzeugt, daß die Expedition entweder gar nicht zurück⸗ kommen und in den ungangbaren Schluchten und Schneeeinöden zu Grunde gehen, oder beim Anblick des ganzen Schreckens dieſer Gegen⸗ den bald das Unternehmen aufgeben werde. Unter Anderm wies man auch auf den Widerſtand hin, welchen die wilden Bewohner der nordöſt⸗ lichen Ecke Oſtſibiriens der Expedition entgegenſetzen würden. Aber ungeachtet die Partie, welche nach der Anadyrmündung geſchickt wurde, nur aus 5 Perſonen beſtand und vom October bis zum Februar in einer ſchnell erbauten Hütte zubrachte, haben die Tſchuk⸗ tſchen, welche ſich oft in der Stärke von 500 Mann um ſie ver⸗ ſammelten, den Leuten nicht nur keinen Schaden zugefügt, ſondern ſich in beſtändigem freundſchaftlichen Verkehr mit den Amerikanern befunden, welche ſie mit warmer Kleidung, Schuhwerk und friſchem Rennthierfleiſch verſahen. Man ſuchte ihnen den Plan ſo gut wie möglich zu erklären, aber dies gelang anfangs nur ſchwach: ſie glaubten, daß es ſich um Aufführung eines Zaunes handle, und das gefiel ihnen nicht, weil ſie fürchteten, daß ſie in ihren Nomadenzügen von dem Eismeer nach dem rechten Ufer des Anadhr gehindert werden könnten. Später begriffen ſie die Sache beſſer, und Herr Abaſa glaubt auf ihre Mithilfe rechnen zu können. Da die Vorarbeiten durch den Beſuch des Anadhr im April beendet waren, konnten die Arbeiten zum wirklichen Bau am Main und Anadyr in bedeutenderem Maßſtabe als an den anderen Punkten begonnen werden. Der Ober⸗Ingenieur, der im Juli in Petropawlowſt angekommen war, entſendete große Vorräthe von Materialien und einen Flußdampfer nach dem Anadhr, und ſo gehen denn die Arbeiten im nördlichen Abſchnitt dieſer Abtheilung gedeihlich vorwärts. Sobald die Fahr⸗