Jahrgang 
1867
Seite
638
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münde. Rechts davon Misdroi, links Heringsdorf. Misdrvi iſt eine wahre Colonie der Berliner geworden, und wer einige Zeit dort die Saiſon mitgemacht hat, rühmt die Annehmlich⸗ keiten des Aufenthaltes, der waldreichen Umgebung, des See⸗ bades, welches ſehr gut gelegen und eingerichtet iſt, und des hier traditionellen gemüthlichen Familienverkehrs. Bei flüchtigerm Beſuche bleiben dieſe allerdings ſehr ſchätzenswerthen Reize zum großen Theil verborgen und Misdroi macht vielmehr den Eindruck einer künſtlichen Speculation, einer Berliniſchen Geſchmackloſigkeit. Auf kahler, noch ſchattenloſer Düne erheben ſich ſeitwärts von den reinlichen Häuſern der Ureinwohner, die aus Fiſchern ſo etwas wie kleine Rentiers geworden ſind, die Villen, welche ſich hier das von der Oſtſee entzückte Berlinerthum erbaut hat. Unter ihnen gibt es ſehr ſtattliche, ſehr anmuthige und romantiſche; aber ein gut Theil der letzteren blickt wunderlich in dem geſchmackloſeſten Burgſtil auf die Düne. Gärtchen umgeben dieſe Villen, in denen freilich die Bäume und Roſenſtöcke noch keinen Schatten gewähren. Denn Alles iſt hier neu und mit einer gewiſſen Gewaltſam⸗ keit hervorgebracht; es heißt ſogar, ein ſpeculativer Berliner habe hier große Landſtrecken erworben, um ſie mit Villen für die Badegäſte zu bepflanzen. So dringt die höhere Cultur ſchnell bis unter die verſchmitzten Heringsfiſcher und dorthin ſchickt man die Berliner Frauen ins Exil, dorthin läßt man Töchter und Bonnen furchtlos gehen, und die kleinen Juden⸗ mädchen lernen hier große Dame ſpielen, eſſen vornehm an der Table⸗d'hoͤte bei Herzberg oder im Geſellſchaftshauſe, bilden, noch nicht einmal Backfiſche, hier den Mittelpunkt intereſſanter Geſpräche mit Jung und Alt und ſpielen dann beim Deſſert mit ihrem vierbeinigen Ami oder mit ihrer Puppe, die ſo alt und ſo groß wie ſie ſelber iſt, indeß eine pouſſirte Gouvernante ſich an das Pianino des Speiſeſaals ſetzt und ihren Verehrern etwas vorſpielt oder vorſingt. Es iſt reizend gemüthlich hier, wie man ſieht, und die kleinen Rebekken ſchwärmenfür Misdroi.

Ungleich romantiſcher iſt das faſhionable Heringsdorf gelegen, eine gute Stunde nördlich von Swinemünde. Ein hübſcher Waldweg führt dorthin, oder man kann auch am Strande entlang die Promenade machen. Ehe man das Ziel erreicht, gelangt man an das ebenfalls als billiges Seebad benutzte Fiſcherdorf Aalbeck inmitten einer befichteten Wüſte. Nicht ohne eine Art Pönitenz kommt man am Strande über den Punkt weg. Denn, wie ſtark auch die Grundſätze der Moral in dem behaglich hier Wandernden ſein mögen, das unſchuldige Verlangen iſt noch größer, dem Spiel der baden⸗ den, in weiße Mäntel gehüllten Damen vergnügten Sinnes zuzuſehen. Hier necken und ringen ſie ſich in dem klaren Seewaſſer dicht am Strande, auf dem man dahinſchreitet. Wer denkt ſich Arges dabei, hier eine kleine Raſt zu halten? Aber wehe! Die alte Duenna, die Wächterin der Badezellen und der weiblichen Scham, gebietet in nordiſchem Fiſcherpathos, ſich ungeſäumt davon zu trollen und keinen Blick nach der Waſſerſeite zu thun. Aber was will ſie machen, wenn man doch hinüberſchielt, doch nachher ſich umwendet? Das ewig Weibliche zieht uns hinan.

Nach dieſer öden Strandgegend iſt es um ſo überraſchender, gleich darauf einen ſchönen Laubholzwald zu betreten, welcher zugleich den Park von Heringsdorf bildet, deſſen allerliebſte alte wie auch ſtattliche neue, Häuſer bis zum Geſtade hinunter einzeln und lauſchig wie eingeſchachtelt darin liegen. Bei aller Lieblichkeit und poetiſchen Natur dieſes Ortes charakteriſirt ihn doch auch eine gewiſſe anheimelnde Vornehmheit. Seit einigen Jahren liebt es die Ariſtokratie, vornehmlich hier ihre ländliche und Seebad⸗Saiſon zu halten, und die eindringenden Misdroier Hauptelemente bleiben daher etwas iſolirt und finden ſich dann auch nicht behaglich. Jeder lebt hier für ſich, wie ja auch jedes Häuschen, jede Villa inmitten des Waldes für ſich daſteht, ohne Zuſammenhang mit den anderen Häuſern. Der gemüthliche, geſellige Verkehr im Stil von Berliner Landpartien, wie er in Misdroi Sitte, exiſtirt in Heringsdorf nicht. Man ſpeiſt meiſtens für ſich, promenirt

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für ſich und badet nur zuſammen, wenigſtens in einem Waſſer, und im Uebrigen Männliches und Weibliches, wie überall an den deutſchen Meeren, je auf den ihnen eingehegten Stellen, einen Büchſenſchuß von einander entfernt.

Viel beſucht iſt auch die Inſel Rügen mit ihren See⸗ bädern, und ſeit der Eröffnung der Stralſunder Bahn kommt man recht bequem und ſchnell über Greifswald dahin. Von dort fährt man in zwei Stunden über den Greifswalder Bodden nach Putbus. Solcher Bodden oder Buchten gibt es bei Rügen mehrere und ſie bieten nach dem Lande hin des⸗ halb ſelten beſonderen Wellenſchlag. Um zu ſeebaden, kann man ſich denn recht gut die Reiſe nach dem ſagenreichen Eiland des Wendengottes Swantevit erſparen, und die herkömmlich gerühmten Naturſchönheiten Rügens beſchränken ſich auch auf ein leidlich beſcheidenes Maß. Die Oſtküſte der Inſel hat davon einige hübſche Punkte, allerdings meilenweit von ein⸗ ander entfernt; ſie zeichnen ſich durch Wald und den Blick auf die See aus. Der vornehmſte darunter iſt Stubbenkammer,

wo die ſonſt nur dürftig an der Küſte hervortretenden Kreide⸗

felſen eine gewiſſe anſtändige Höhe und Steilheit haben und wo der Wald, der ſie krönt, einen ehrwürdigen Charakter aufweiſt.

Der Hauptſammelplatz der Fremden auf Rügen iſt Putbus, wo der Fürſt dieſes Namens nichts geſpart hat, durch künſtliche Anlagen die Dürftigkeit der Natur zu ver⸗

decken. Die Geſchmäcker ſind zwar ſehr verſchieden, aber um

Geſchmack an einem Aufenthalt in Putbus zu gewinnen, be darf es, dünkt uns, noch eines beſonderen Leitfadens. Der Ort hat einen ſchönen, düſtern Park, der immer von jedem lieblichen Wald übertroffen werden wird; die Häuſer ſind blendend weiß und groß wie in einer Reſidenz; aber auch wenn Menſchen darin leben, haben ſie etwas Geſpenſtiſches. Hier zu wohnen kann den fidelſten Berliner um all den Humor bringen, den ſelbſt Graf Bismarck öffentlich zu Ehren brachte. Man lebt hier wie im Mauſoleum zu Charlottenburg und wer hier begraben werden ſoll, kann wohl im Stande ſein, vor Traurigkeit über die Melancholie ſeines Grabes wieder lebendig zu werden. Nichts hier als dieſer ſteife Park mit den alten Bäumen, als ſerviettenwedelnde Kellner und leere Plätze und Alleen; eine halbe Stunde weg iſt erſt ein Oſtſeebodden, das Bad und der Anlegeplatz der Dampfſchiffe; ringsum Felder und guter Kreuzbergſand, ein paar Meilen bis zu Punkten, die mäßigſten Anſprüchen auf Naturſchönheiten gerecht werden. Froh ſind die Meiſten, wenn ſie dies ſteife, geſpreizte Putbus hinter ſich haben, und um ſo traulicher erſcheint das andere und viel beſſere Seebad Rügens, Saßnitz, ein kleines, freundliches Fiſcherdorf zwiſchen laubbewaldeten Bergen dicht an der See. Es liegt dort, wo die Oſtſee frei wird, zwei Stunden unterhalb Stubbenkammer, bis wohin ein ſchöner Weg durch Buchenwaldung führt, die leider im vorigen Jahre vollſtändig von Raupen zerſtört worden war, ſo daß ſie von der See aus wie in ihrer winterlichen Armuth erſchien. Anſpruchslos, iſt der Ort um ſo feſſelnder für längeren Auf⸗ enthalt; dicht dabei weite und ſchöne Wälder, Berge, Dörfer; die offene Sge läßt den Horizont frei und Segelſchiffe ziehen in der Ferne vorüber nach Swinemünde. Das Bad iſt für die Damen weniger als für die Herren, zwar noch primitiven Charakters, aber man verzichtet gern auf den Comfort, wenn man Bedürfniß nach ſchlichter Ländlichkeit hat. Und Saßnitz iſt ein wirklich reizender ländlicher Aufenthaltsort; die Bauern ſind hier ſo wohlhabend wie überall auf Rügen, der ganze Menſchenſchlag kräftig und dabei von anheimelnder Lebensluſt und Heiterkeit; die Wohnungen ſind gut und billig, die zwei Gaſthäuſer nicht ſchlecht und nicht theuer. Unter all den hier erwähnten Oſtſeebädern iſt Saßnitz denn auch wohl das ver⸗ hältnißmäßig beſuchteſte, und auch die Leute, die ſich hier ein⸗ quartieren, pflegen nicht das trauliche Seeidyll zu ſtören, welches ſich hier darbietet. Entweder gehen dorthin nur gute Menſchen, die ſich beſſern wollen, oder ſie werden gut, wenn ſie dort ſind. S.⸗W.

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