———
— 637„—
ihren freundlich⸗monotonen Geſtaden. Billiger Weiſe muß man anerkennen, daß die Direction der Berlin⸗Stettiner Eiſen⸗ bahn um dieſe zeitweiſe Lüftung des Steinhaufens der nord⸗ deutſchen Reichs⸗Hauptſtadt große Verdienſte ſich erworben hat. Seit Jahren hat ſie Extrafahrten nach Stettin und Swine⸗ münde entrirt, die zu den muſterhafteſten Transporten gepökelter Fleiſchwaaren gerechnet werden müſſen. Wie überhaupt bei uns die Eiſenbahnen ſeitens ihrer Directionen zu einem Inſtitut körperlicher Abhärtung und entbehrungsvollen Aufenthalts für das Publikum gemacht ſind und betrachtet werden, ſo haben wir auch durch die von ihren Verwaltungen arrangirten Extra⸗ züge eine gewiß von allen anderen chriſtlichen Völkern be⸗ neidete Vorſtellung von der Fahrt nach der Dante'ſchen Hölle
nicht mit dem Extrazug zu fahren braucht, um das nächſte Oſtſeebad, die nächſte unſerer Seeſtationen, Swinemünde, zu beſuchen. Man kann auf bequeme Fahrt dahin von Berlin aus an einem Tage gelangen. Das freundliche Städtchen mit ſeinem ſtattlichen Hafen und luſtigen Bollwerktreiben ge⸗ währt durchaus den Eindruck einer Seeſtadt, und es riecht nach Fiſchen und geräuchertem Fett, nach Theer und Thran, wenn man in der vortrefflichen Reſtauration von Eickmeyer am Bollwerk ſpeiſt, daß jede Landratte ſich in eine neue Welt verſetzt glauben wird. Weithin ſtreckt ſich der Molo in die Bucht hinaus, die hier das blaue Waſſer der einfallenden Oſtſee auffängt. Der Leuchtthurm ragt hoch empor und ſeine Reverberen zeigen den Schiffen den Weg zu der nicht unge—
Pariſer Welt⸗Ausſtellung.— Die Biffet⸗Kellnerinnen der Ausſtellung.
erhalten. Wer je eine ſplche Erxtrafahrt auf der Stettiner Eiſenbahn gemacht hat, um dann im Anblick des Papenwaſſers und des Haffs alle ausgeſtandenen Leiden vergeſſen zu können, der wird ſich der tröſtenden Meinung nicht entſchlagen haben, daß man wahrſcheinlich bei einem Eiſenbahnunglück noch ſchlechter hätte wegkommen können. Um Mitternacht fort aus Berlin, übernächtigt dann um 5 Uhr auf den wartenden Dampfer, Fahrt nach Swinemünde, Mittagseſſen daſelbſt, Rückfahrt gleich hernach, um nur ſchnell nach Stettin zurück zu gelangen, wo der Eiſenbahnzug, für den man ſeine Seele verſchrieben, ſchon wartet, und der ſeine müden, abgehetzten, in allen Hin— ſichten ſeekrank gemachten Opfer in früher Morgenſtunde in Berlin wieder abliefert, damit ſie zwei Tage lang ihre Glieder und ihre Erholung ſuchen. Solche Extrafahrt kann man auch nur einem abgehärteten Norddeutſchen zumuthen; andere, verwöhntere Völker würden für dies Vergnügen eine Eiſen⸗ bahn⸗Verwaltung wegen Aufreizung zu Haß und Verachtung gegen Einrichtungen des Staats gerichtlich belangen.
Zum Glück iſt die Freiheit ſo groß bei uns, daß man
fährlichen Einfahrt in den Hafen. Flut hat bekanntlich die Oſtſee gar nicht und ihr Mangel macht ſelbſtverſtändlich die Seebäder hier nicht ſo genußreich, wie die in der ſalzreicheren und mit allen Meereseigenſchaften ausgeſtatteten Nordſee. Weht der Wind vom Lande, ſo iſt die Oſtſee an den Geſtaden faſt ohne Wellenſchlag und die Badenden können eher Aale fangen als eine Waſſerwoge. Doch iſt Swinemünde als Bad noch mit zu den beſten an der Oſtſee zu rechnen; ſeine Lage in der Mitte der großen Bucht gibt ihm verhältnißmäßig viel Waſſer von der See und damit auch Wellenſchlag. Die freundliche Umgegend, namentlich die kleine, bergige Wald⸗ partie des Golm, die guten Reſtaurationen und Kaffeehäuſer, das lebhafte Treiben am Hafen, ſelbſt die kleine Garniſon, welche den Kammerjungfern und Kindermädchen die Zeit ver⸗ treiben hilft, macht den Aufenthalt in Swinemünde als Bade⸗ ort vielfältig angenehm, und er iſt auch alljährlich ſtark beſucht, hat ſein anſehnliches Contingent von Stammgäſten, die ihren alten Adam in den Fluten ſtärken.
Zwei beliebte Seebäder liegen in der Nähe von Swine⸗
———=
„ —
——
————


