Jahrgang 
1867
Seite
636
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nur alles Wild, welches zur niedern Jagd gehört, um es zu erwürgen, ſondern auch den Wildkälbern und Friſchlingen geht ſie nach und thut ihnen beträchtlichen Abbruch. Die Wild⸗ katze, die ſich nur ſo viel Ruhe gönnt, als ſie zum Sammeln neuer Kräfte bedarf, ſchleicht zu jeder Zeit umher, um nach Wild zuwinden, welches ſie bei ihrer ſo ſcharfen Witterung ſchon aus weiter Ferne verwindet, da ſie immer gegen den Wind ſchleicht. Feſt angeſchmiegt, liegt ſie auf den Aeſten der

Bäume, wo ſie weiß, daß Wild vorüberwechſelt. Jetzt hebt ſie ſich wie zum Sprunge; doch jedenfalls war das Opfer noch zu fern oder auch zu flüchtig, denn nur bis an den

Ausgang des Aſtes vorſchreitend, äugt ſie wild dem Geretteten nach. Wieder kauert ſie dicht nieder, nur die Seher funkeln nach rechts und links, ein Zucken der äußerſten Ruthenſpitze gibt dem Beobachter kund, daß ſie wieder etwas wittert. Abermals hebt ſie ſich leiſe in die Höhe, und jetzt ſtürzt ſie ſich plötzlich herab. Sicher hat ſie ihr Opfer gepackt: klagend tönt einen Moment der ſchmerzliche Ruf des Wildkälbchens nach der Mutter durch den Wald, aber unrettbar iſt es ver⸗ loren, denn im Augenblick des Herabſpringens ſchlägt ſie ſich mitFängen undWaffen ein, durchbeißt mit ein paar raſchen Biſſen die Nervenbündel im Genick und fängt gleich zu reißen an.

Ungeachtet die Wildkatze ſehr ſcheu vor Menſchen und Hunden iſt und ſchon in weiter Ferne vor ihnen flieht, iſt ſie eines der gefährlichſten Thiere, wenn ſie angeſchoſſen und noch ſo kräftig iſt, einen Menſchen anzunehmen. Ihr Sprung iſt nach Geſicht und Hals gerichtet, und gräßlich ſind die Zer⸗ fleiſchungen, die ſie da mit Gebiß und Waffen macht. Folgen⸗ des Beiſpiel möge die Richtigkeit der aufgeſtellten Behauptung beweiſen. Im ſtrengen Winter des Jahres 18.. wechſelte eine Wildkatze in den Jagdbezierk des Grafen L. ein. Der Revierjäger, ihr ſchon mehrere Tage raſtlos nachgehend und die Flinte mit Poſten geladen, ſchoß nach ihr, als ſie, von den Hunden im Bodendickichtaufgeſtochen, an einer hohen Fichte auffuhr und beiläufig die Hälfte des Stammes erreicht hatte. So ſchnell wie ein abgeſchoſſener Pfeil ſich umwendend und den ſtarken Anſchuß gar nicht achtend, holzte ſie ab, ſprang dem Jäger, der zum Unglück nur eine einfache Flinte hatte, an den Hals und wüthete ihm mit Gebiß und Klauen im Geſicht und am Kopfe. In der Todesangſt raffte er alle ſeine Kräfte zuſammen und packte ſie an der Kehle; es gelang ihm, ſie loßzureißen und ſo an den Boden zu drücken, daß ſeine beiden, ſehr ſcharfen und äußerſt biſſigen Hunde die Katze beim Unterleib faßten und ihr das Geſcheide aus dem Leibe reißen konnten, und noch ließ ſie nicht cher nach, bis ſie faſt in Stücke zerriſſen war. Der Verluſt eines Auges, tiefe, nach der Vernarbung bei jeder Wetterveränderung ſchmerzende Wunden und eine mit den Waffen faſt lahmge⸗ riſſene Hand waren für den Revierjäger die Folgen des Anſpringens einer Wildkatze.

Die Wildkatze hat verſchiedene Eigenheiten. Sie ſcheut die Neſſel, geht aber dem Baldrian und dem Katzenkraut ſehr nach. Ihre Haare ſind elektriſch. In der Behendigkeit des

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Auffahrens und in der Weite und Sicherheit des Springens wird ſie nur vom Luchs übertroffen. Sie dünſtet ſo heftig aus, daß ſie bei ihrem Einwechſel in ein Revier vom Haar⸗ wilde gleichverwindet wird. Stark angeſchweißt und außer Stande ſich durch Auffahren vor den Hunden zu retten, wirft ſie ſich auf den Rücken und vertheidigt ſich bis zum letzten Athemzuge gegen die Hunde, deren ſie oft wenige Augenblicke noch vor ihrem Verenden durch die rieſige Kraft und furcht⸗ bare Schärfe ihres Gebiſſes, noch manchen zu Schanden macht. Die Stimme der Wildkatze iſt ſehr verſchieden, gleicht ſehr der der Hauskatze und iſt nicht ohne Ausdruck. Siemiaut, wenn ſie nach etwas verlangt; dasSchnurren, welches durch zwei zart geſpannte Häutchen im Kehlkopfe hervorgebracht wird, verräth ein gewiſſes Wohlbehagen, eine Freude, eine Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, denn es wurde ſchon oft bemerkt, daß die Wildkatze ſich an einem Stück Haarwild oder größerem Wildgeflügel, z. B. Auerhuhn, Faſan, das ſiegeriſſen, mit

hoher Ruthe ſich geſtrichen und dabei geſchnurrt habe. Aber

ſiemurrt, ſiekreiſcht, wenn ſie im Zorne iſt, wobei ſie mit geſperrtem Rachen, mit gekrümmtem Rücken, mit aufgerichteter Ruthe, mit geſträubten Haaren, entweder auf ein und derſelben Stelle ſich bewegt oder ſich zum verderblichen Sprunge drückt; im höchſten Grimme gibt ſie einen Laut von ſich, der im ver⸗ jüngten Maßſtabe ſehr dem Laute des zürnenden Tigers gleicht.

Die Wildkatze übertrifft faſt alle Thiere an Lebenszüh⸗ heit; auch davon wollen wir den geehrten Leſern ein Bei⸗ ſpiel vorführen. Vor mehreren Jahren jagte der freiherrl. von Seſche Revierjäger W. eine Wildkatze bei aufgeſtellten Fuchshauben aus. Sie hatte ſich gleich verwickelt und wurde von zwei ungemein ſtarken und biſſigen Dachshunden ab⸗ wechſelnd beinahe eine Stunde lang gewürgt, dann als ſie auch nicht das mindeſte Lebenszeichen mehr gab, in den nahe vorüberfließenden Regen geworfen und nach dieſer Waſſer⸗ probe ſo zu ſagen ſteintodt in der Waidtaſche nach Hauſe ge⸗ tragen, wo ſie nebſt zwei, auch an dieſem Tage erlegten Füchſen ihren Platz im Wildgewölbe erhielt. Ein paar Stunden darauf ging W. dahin, um das Wild zum Streifen zu holen. Bei Oeffnung der Thüre funkelten ihm aus dem Hintergrunde des ganz dunkeln Gewölbes zweiSeher wie brennende Kohlen entgegen. Schnell ſchloß er die Thüre und öffnete den Laden, um Licht ins Gewölbe fallen zu laſſen. Da ſtand ganz hinten im Gewölbe die Wildkatze auf den vierBranten, den Rücken hochgekrümmt, dieRuthe nach aufwärts ge⸗ ſtreckt, ſo feſt und kräftig, als wäre ihr auch nicht das Mindeſte geſchehen. W. ließ ſie noch einige Tage leben, um dieſes feltene Wild mehrere Schauluſtigen im lebendigen Zuſtande ſehen zu laſſen, dann erſchoß er ſie auf einem der Füchſe, von dem ſie mit Heißhunger fraß.

Die Wildkatze kommt vor in Europa, in Aſien bis nach China hin, in mehreren Theilen von Afrika, beſonders häufig in Nordamerika; in Deutſchland wird ſie immer ſeltener, und der Waidmann freut ſich mit Recht, dieſen Tiger im Kleinen immer mehr verdrängt zu ſehen, da ohnehin dem ſchutzloſen Wild von allen Seiten der Untergang droht.

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Oſtſee-

Vom Fels zu Meer geht der herrliche norddeutſche Bund und jeder Bundesbruder, wenn er Luſt, Bedürfniß und Geld hat, ein paar Wochen auf Reiſen zu gehen, kann zwiſchen Fels und Meer wählen. Eins iſt ziemlich von der Mittelzone des norddeutſchen Bundes ſo weit entfernt wie das Andere, nimmt man den Harz aus; ja die Felſen des Rieſengebirges, der ſächſiſchen Schweiz, Thüringens, des Fichtelgebirges liegen zum größten Theil an den fernen ſüdlichen Grenzen der neueſten Staatsſchöpfung, wie die Meerflut an den nördlichen. Iſt nun Reiſen als ein comfortables Bedürfniß für uns ſchlichte, beſcheidene Nord⸗ deutſchen überhaupt noch nicht allzu lange anerkannt und in Mode genommen worden, ſo gehört das Reiſen nach unſeren

Bäder.

beiden Meeren in allgemeinerer Hinſicht wirklich erſt zu den neueren Errungenſchaften. Die Geſtade der Nord⸗ und Hſtſee, ihre Inſeln, wenige ausgenommen, haben noch eine gewiſſe Jungfräulichkeit ſich bewahrt und ſind ſeit wenigen Jahren erſt in Gefahr, dieſelbe zu verlieren. Denn ſeitdem die Berliner und darunter ein ſtarkes Contingent der lebensgenuß⸗ ſüchtigen Kinder Iſraels, zu der Einſicht gelangt ſind, daß ihnen eine Sommerreiſe nicht ſchaden könne und ihnen nach der ſtaubigen Heimatsatmoſphäre die friſche Seeluft recht er⸗

quicklich ſei, ergießt ſich in der heißen Jahreszeit ein Strom

Berliner Auswanderer nach der Oſtſee und den thranigen

Fiſcherdörfern, aufgepäppelten Seebädern und Schwemmen an