Jahrgang 
1867
Seite
635
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Und wirklich, die innige Umarmung der Tochter, die herzlichen Worte der Schweſter, ſchienen die Eisrinde um das erſtarrte Herz der Büßerin zu ſchmelzen, ſie gab ſich einen Augenblick der Freude hin und hielt ihr Kind an ihrem Herzen aber nur zu kurz dauerte dieſe ſanfte Regung ihr Blick fiel auf Adelens modiſch elegante Kleidung; auf der Schweſter geſchminkte Wangen, und mit einer Bewegung des Abſcheus wendete ſie ſich von Beiden ab. Arme Adele!

Tante Adelheid vermochte es nicht lange in dieſer Atmoſphäre auszuhalten, nur ihrer Nichte zu Liebe ver⸗ weilte ſie einige Tage und reiſte dann wieder nach Hauſe, nachdem ſie Adele beſchworen hatte, ſo bald als möglich wieder zu ihr zurückzukehren. Aber das ging nicht an, Marie kränkelte lange ſchon, und Adele war viel zu edel, um aus Selbſtſucht die Kindespflicht zu verletzen. Sie blieb alſo, duldete und ſchwieg.

Zwei Jahre verbrachte Adele hier an der Seite ihrer Mutter und gehorchte den Forderungen einer unduldſamen Frömmigkeit mit einer engelhaften Geduld. Der einzige Balſam für ihr Herz waren Ottmar's Briefe, welche ihr die Tante, der dieſe Liebe als die einzige Rettung der Nichte er⸗ ſchien, heimlich zuzuſtecken wußte. Dürfen wir ihr zürnen, daß ſie ihre Mutter hinterging? Ach, ihre Liebe war ja ſo rein, ſo edel, ſo frei von jeder Schuld, und doch wußte ſie, daß ihre Mutter bereits darüber gerichtet hatte, ohne davon zu wiſſen; Marie hatte ihr bereits eröffnet, daß ſie nur dann ruhig ſterben werde, wenn ſie ihre Tochter in der Stille eines Kloſters vor den Verführungen der Welt geborgen wiſſe. Adele hatte noch nichts verſprochen, aber ſie hatte auch nie gewagt zu widerſprechen ſie wartete noch immer auf einen günſtigen Moment, auf einen Sonnenblick mütterlicher Liebe, der ihr den Muth geben ſollte, ihr Herz auszuſchütten vergebens!

Es war im Frühling 1848. Marie lag bereits ſeit mehreren Wochen auf dem Krankenbette. Adele pflegte ſie mit all der Sorgfalt, deren ihr kindliches Gemüth fähig war. Sie ſaß eben an ihrem Bette, und die Mutter hielt ihre weiche, kleine Hand zwiſchen den abgezehrten Fingern.

Adele, ſagte ſie mit matter Stimme,ich fühle, daß ich ſterben werde du kennſt meinen Wunſch in Beziehung auf deine Zukunft ich' weiß am beſten, wie deine junge Seele vor den Gefahren dieſer argen Welt zu retten iſt. Verſprich mir, Adele, ſchwöre mir, wenn ich im Grabe liege,

daß du ſogleich in das Kloſter der K...... zu J. gehen und dort dich aufnehmen laſſen wirſt nur dann werde ich Ruhe finden können..... 4

Adelens Herz zog ſich zuſammen auf ihren Lipper ſchwebte ein ſüßes Geheimniß aber der Athem der Mutter wurde immer ſchwerer und ihr Auge trüber mit erſterben⸗ der Stimme ſprach ſie noch einmal:Schwöre mir's!

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Ich ſchwör's! hauchte Adele, riß ſich los von dem Bette, um die ſtrömenden Thränen zu verbergen, und trat ans offene Fenſter des anſtoßenden Ganges, da tönte Geſang von der Straße herauf:

Leb wohl mein Liebchen,

Wir müſſen ſcheiden!

Treu bis zum Grabesrand

Bleib ich dir und dem Vaterland!

Es war die Schaar der ausziehenden Studenten Ottmar als Hauptmann an ihrer Spitze die ſich der Landesvertheidigung anſchloſſen. Ein Blick und ſie hatte die Kraft gefunden, die ihr bisher gefehlt, ſie wollte hintreten vor ihre Mutter und ſie anflehen, das Wort zurück⸗ zugeben, das dieſe erpreßt:

Mutter, ich kann nichts erfüllen, rief ſie unter heißen Thränen und faßte die blaſſen Hände; doch entſetzt fuhr ſie vor der Eiſeskälte derſelben zurück, ein Blick auf die gebrochenen Augen, die bläulichen Lippen, und mit einem gellenden Schrei der Verzweiflung ſank ſie ohnmächtig nieder. Marie war todt!

Die Mutter war verſchieden und hatte den Schwur des Kindes mitgenommen ins Grab, das Todesurtheil über Adelens Liebesglück. Die arme Waiſe verlebte zwei ſchreck⸗ liche Tage, der Schmerz um die Mutter, die Verzweiflung über das Verſprechen zerriſſen ihr wechſelnd das Herz da kam Tante Adelheid.

Wie ein freundlicher Stern in der Nacht des Leidens erſchien die gütige Pflegerin ihrer Jugend dem verlaſſenen Weſen, ſie konnte ſich ausweinen an einem treuen, mütterlichen Herzen, ſie konnte ihr geſtehen, was noch nie den Weg über ihre Lippen gefunden, und fand endlich Erleichterung und Troſt. Die gute Tante bemühte ſich jedoch vergebens, dem jungen Mädchen klar zu machen, daß ihr Verſprechen, in ſolcher Weiſe erpreßt, nicht bindend ſein könne, daß die Mutter, hätte ſie um Adelens Liebe gewußt, dieſes Opfer wohl nimmer verlangt haben würde; Adele hörte ihr ruhig zu und erwiderte traurig:Es iſt umſonſt, liebe Tante, ich habe es der Mutter auf dem Sterbebette geſchworen, ich muß es halten. Gott gebe mir Kraft dazu!

Und Ottmar? fragte die Tante.

Ach, er denkt gewiß wie ich; glauben Sie, daß er je einen Schwur brechen würde?

Das mußte die gute Tante nun freilich verneinen, und damit ſchloß das Geſpräch darüber.

Marie war begraben, und noch war die Erde locker und der Hügel friſch, als Adele in Begleitung der Tante abreiſte, um ihren Schwur zu erfüllen. Wenige Tage ſpäter war die Waiſe in dem Kloſter der K..... aufgenommen.

(Schluß folgt.)

Die wilde katze.

Von E. Frhr. von Thüngen.

Nur noch äußerſt ſelten ſtreift dieſes gefährliche Raub⸗ thier in ſeiner Echtheit durch unſere Wälder. Wol wird hier und da noch eine ſogenannte wilde Katze geſchoſſen, aber ge⸗ wöhnlich iſt dies nur eine verwilderte Hauskatze, der ſie ſo⸗ wol ih ihrer Geſtalt als auch in ihrer Lebensweiſe ſehr gleich kommt. Der Kopf iſt weniger glatt, als bei der Hauskatze, dieLauſcher ſind ſteifer, der Hals länger, ebenſo die gleich dicke, buſchige, dreifach geringelte, in eine ſchwarze Spitze aus⸗ laufendeRuthe, welche beinahe 1 Fuß mißt, und die Be⸗ haarung iſt feiner und länger, auch das Innere derBranten ganz ſchwarz. Das Gebiß iſt ſchärfer und die ſchwarzlippige Schnauze hat einen aus fünf Haarreihen beſtehenden Schnurr⸗ bart. Die Farbe iſt im ganzen röthlichgrau, an den Seiten ins Gelbliche und am Bauche ins Weiße übergehend; über den

ſchwärzlichen Rücken läuft ein feiner, ſchwarzer Streif und eben ſolche gehen an den Seiten verloren nach dem Bauche zu. Die

Länge beträgt 2 ½ Fuß, die Höhe 1 Fuß 2 bis 3 Zoll.

Das Weibchen iſt geringer als der Kater und unterſcheidet ſich von dieſem noch durch den weniger dicken Kopf, durch die hellere Farbe und durch eine an derRuthe befindliche Drüſe, die mit einer ölichten, übelriechenden Flüſſigkeit ange⸗ füllt iſt.

Die Nähe von Menſchen ſcheuend, wählt die Wildkatze zu ihrem Aufenthalte keine Felder oder Vorhölzer, ſondern einſame, wildbewaldete und felſige Gegenden. Ihr Lager nimmt ſie am liebſten in hohlen Bäumen, die auf ſumpſigen Boden ſtehen, in Höhlungen, alten Fuchsbauen u. dgl. Sie geht bei Tag und bei Nacht auf Raub aus und belauert nicht

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