Jahrgang 
1867
Seite
634
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fräuleins, welche den leichten Firniß von Kunſt und Wiſſen⸗ ſchaft ſchnell einbüßten, und in der Geſellſchaft nur Klatſchen, aber nicht die Geſchäfte der Häuslichkeit lernten.

Bald nannte die alte Dame Adelheid mit Freuden⸗ thränen ihre liebe Tochter, und das junge Paar lebte glücklich und zufrieden. Ihr Glück war dauernd, obwol ihnen die Erfüllung eines ſehnſüchtigen, gemeinſamen Wunſches verſagt blieb. Sie entbehrten der Kinder, ſuchten jedoch Beide Troſt in dem gemeinſamen Bemühen, einander das Leben nach beſten Kräften zu verſchönen.

Unterdeſſen war die traurige Kataſtrophe über Adelheid's Schweſter Marie hereingebrochen. Bald nach dem Tode des Förſters, deſſen Mörder trotz aller Nachforſchungen unentdeckt blieb, war Adelheid nach Matrei geeilt, um der Witwe tröſtend zur Seite zu ſtehen. Aber Marie verſank ſtumm in ſich. Eine tiefe Schwermuth hatte ſich der armen Frau be⸗ mächtigt, entſetzliche Zweifel quälten ſie, ſie glaubte, Gott habe ſie ganz verlaſſen, ſeit er am Sterbebett ihres Mannes ihr glühendes Gebet nicht erhört hatte. Der letzte Todesſeufzer ihres Gatten, der ihrer inbrünſtigen Bitte um ſein Leben unmittelbar gefolgt war, tönte wie ein Fluch des Himmels in ihren Ohren, und nichts war im Stande ſie aufzurichten. Sie ließ zahlloſe Meſſen leſen, betete Tag und Nacht, quälte ſich mit den ſchärfſten Bußübungen und vergaß darüber dasjenige, was ihr am meiſten hätte am Herzen liegen ſollen die Sorge für ihr Kind. Wie war es anders möglich, als daß die zarte, Licht, Luft und Wärme bedürftige Pflanze in dieſer dumpfen Atmoſphäre verkümmern mußte? Als Tante Adelheid nach mehreren Jahren denn die Kränklichkeit ihrer Schwiegermutter hielt ſie im eigenen Hauſe feſt wieder die Schweſter zu beſuchen kam, fand ſie die nun dreizehnjährige Adele, das einſt ſo friſche, blühende Kind, als ein bleiches, ſcheues und faſt immer weinendes Mädchen, das ſich hinter den Ofen ver⸗ kroch, als die Tante ſie herzlich umarmen wollte, und in Thränen ausbrach, als ihr die Mutter ſtreng befahl, hervor⸗ zukommen.

So darf es nicht bleiben! gelobte ſich Adelheid, und ſuchte Marie zu bewegen, mit dem Kinde auf einige Wochen zu ihr nach Innsbruck zu kommen. Sie erwartete von einer Veränderung des Ortes, der Umgebungen und Gewohnheiten das Beſte für Mutter und Kind. Aber die Erſtere wies dieſen Antrag mit einer Schärfe zurück, daß ihn Adelheid nicht zu wiederholen wagte. Dieſe hoffte jetzt nur mehr für das Kind. Sie ſtellte der Schweſter vor, daß Adele krank ſei, und die bleichen Wangen und trüben Augen derſelben beſtätigten das unwiderleglich. Anfangs ſträubte ſich Marie ihr das Kind anzuvertrauen, dann aber überlegte ſie, daß dadurch eine weltliche Sorge von ihrem Herzen abfalle, daß ſie dann nur einzig und allein für ihr eigenes Seelenheil werde leben können und ſie gab nach.

Das iſt der Egoismus der Frömmigkeit Marie ſchied

ohne eine Thräne von ihrem einzigen Kinde, das ſchluchzend

in den Wagen gehoben wurde ihre Augen kannten nur noch die bitteren Zähren der Reue.

Anfangs koſtete das ſcheue, unzugängliche Weſen Adelens der guten Tante manchen Seufzer, aber ihre Liebe, Milde und Geduld trug endlich den glänzendſten Sieg davon. Wie eine im finſtern Kellergewölbe erſtarrte Pflanze, die in feuchte Erde verpflanzt, dem wohlthätigen Strahle der Frühlings⸗ ſonne ausgeſetzt wird, das Köpfchen freudig hebt und dem Lichte zukehrt, ſo thaute das Kinderherz auf unter dem milden Strahle der Liebe einer edeln Frau, die wie eine wahre Mutter für ſie ſorgte. Von echter, uneigennütziger Frömmig⸗ keit beſeelt, flößte dieſe in die empfängliche Seele des Kindes das wahre Chriſtenthum, die echte, von der dumpfen Formen⸗ frömmigkeit himmelweit entfernte Religion der Liebe ein, von ihrem edeln Gatten und guten Lehrern unterſtützt, bildete ſie den Verſtand und das Herz des Mädchens heran, und dieſes zeigte bald eine glühende Begeiſterung für alles Schöne, Edle und Gute.

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In der Pflege für die alte Mutter des nunmehrigen Gubernialrathes fanden Beide vereint eine ſüße Pflicht, und die faſt achtzigjährige Frau ſchied endlich mit tauſend Segens⸗ wünſchen für ihre Schwiegertochter und Adele nicht minder als für ihren Sohn, zufrieden und ruhig aus dem Leben.

Als Adele ihr ſechzehntes Jahr erreicht hatte, führte ſie ihre Tante in die Geſellſchaft ein; hätte ſie Jemand damals geſehen, als ſie das Haus ihrer Mutter verließ, Niemand würde jetzt in dem bildſchönen, heitern und lebensfrohen Mädchen, aus deſſen tiefblauen Augen Verſtand und Herzens⸗ güte ſtrahlten, das ſcheue, zitternde Kind von ehemals wieder erkannt haben. So hatte ſie Ottmar Bergher zum erſten Male geſehen, als ſie in einfacher, aber eben deshalb reizender Toilette in der Geſellſchaft erſchien. Von dem jugendlich naiven Weſen Adelens angelockt, ſuchte er nur eine flüchtige Stunde ungezwungener Unterhaltung; durch die beſcheidenen aber ſichern Antworten derſelben zugleich überraſcht und erfreut, fühlte er Intereſſe für ſie und wagte ſich bald über die gewöhnlichen, Geſpräche hinaus. Er fand die regſte Theilnahme, und wenn das glänzende blaue Auge des holden Weſens an ſeiner Seite ſo fragend und erwartungsvoll an dem ſeinen hing wenn jede Erregung, die ſeine Worte hervorriefen, ſo deutlich auf dem anmuthigen Geſichte widerſpiegelte, wenn das Unglück fremder, längſt todter Menſchen die herzlichſten Thränen des Mitleids aus ihren Augen lockte und die Schilderung großer, edler Thaten ein höheres Roth auf ihre Wangen hauchte, dann durchſtrömte ein neues, noch ungekanntes Gefühl ſeine Seele, und der Gedanke, dies reichbegabte holde Weſen einſt ſein zu nennen, die noch halb ſchlummernden Keime der ſchönſten Tugenden aufblühen zu ſehen und ihre reifen Früchte zu genießen, erfüllte ihn mit Entzücken.

Und Adele? Ach ſie hatte bereits manche Nacht ſchlaflos zugebracht, und doch blühte ſie unter dem belebenden Hauche

einer edeln Liebe ſchöner als je, und der feuchte Glanz des

Auges ſagte dem Geliebten mehr, als Worte je vermocht hätten. Wir haben Ottmar's Charakter bereits kennen gelernt und wiſſen daher, wie ſchon die Wolken des Kummers über dem grünenden Vorfrühling der Liebe aufzogen kehren wir zu den beiden Reiſenden zurück.

Die erſten Häuſer von Matrei waren erreicht, und bald hielt die Chaiſe vor einem alten, ſchlechtausſehenden Gebäude. Adelens Herz ſchlug hörbar obwohl ihre Kindheitser⸗ innerungen nicht von der Art waren, um eine Sehnſucht, ein Heimgefühl in ihr zu wecken, hoffte ſie doch, die Mutter werde ihr freudig entgegeneilen und ſie in ihre Arme ſchließen; doch nichts rührte ſich im ganzen Hauſe. Sie betrat mit der Tante die Treppe und ſtand bald vor der ihr wohlbekannten Thüre. Leiſe öffnete ſie dieſelbe, und das Bild, das ſich ihr darbot, ließ ſie eine Minute auf der Schwelle verweilen. Der einſt, wenn auch nicht elegant, doch wohnlich eingerichtete Raum war kaum mehr zu erkennen. Jede Farbe war von den Wänden verſchwunden, ebenſo die Gemſenhörnchen, Reh⸗ krücken und Hirſchgeweihe, die einſt der Stolz des jungen Förſters geweſen. Die kahlen weißen Wände waren leer, nur an einer hing ein großes Crucifix und einige Heiligen⸗ bilder, davor ein hölzerner Betſchemel. In der einen Ecke ſtand das Bett, ein ſchlechter Strohſack in einer alten Bett⸗ ſtatt auf dem Schemel kniete Marie und ließ die Perlen des Roſenkranzes durch die Finger gleiten; eben war ſie da⸗ mit zu Ende, da ſchlug ſie an ihre Bruſt und ſeufzte laut: Mein Gott, erbarme dich meiner und verzeihe mir meine Sünden! Dann umfaßte ſie ſchluchzend den Fuß des Kreuzes und rief:Mein Gott, mein Gott, gib mir ein Zeichen, daß du mir endlich vergeben!

Und wie der Engel der Verſöhnung flog Adele auf ihre Mutter zu und ſchloß ſie unter ſeligen Thränen in ihre Arme und die Schweſter legte die Hand auf ihre Schulter und ſagte innig:Er hat dir vergeben, Marie! Gewiß, er

hat dir vergeben, und zum Zeichen deſſen, ſendet er dir 5

dein Kind!

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