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Soeben geht mir ein lithographirtes Schreiben folgenden In⸗ haltes zu:
„Madame K. wird erfreut ſein, während der Eppoſition jeden Montag auch ausgezeichnete Fremde in ihren Salons zu ſehen, und erlaubt ſich, Sie zu dieſen Soircen einzuladen.“
Hinzugefügt iſt mit einer weiblichen Geſchäftshand:
„Sie werden auch diſtinguirten Damen Ihrer Nation be⸗ gegnen.“
Ich glaub's ſchon; aber ich will lieber doch nicht hingehen, die gebrannten Kinder ſcheuen das Feuer, und auf dieſem Fahrwaſſer iſt mir ſchon ſo mancher Leuchtthurm angezündet worden.
Es iſt nichts reizender und verlockender als dieſe Soirken. Man geht als Faſan hinein und kommt als flügellahmer Gimpel wieder nach Hauſe; ja, wenn man im beſten Falle mit Verleugnung aller perſönlichen Liebenswürdigkeit glücklich davon kommt, hat man eine oder mehre Eroberungen gemacht, die den„ausgezeichneten Fremden“ in die verzweifelte Lage bringen, ſich entweder für einen pauvre diable auszugeben oder vor dem reizenden Kaper die Segel zu ſtreichen. Das Eine iſt demüthigend, das Andere ſehr koſtſpielig.
Ich hatte vor etwa acht Jahren einmal das Glück, mit einer ſchönen Sängerin hier in einem Hauſe zu wohnen. Sie kaufte das Hotel für ihre Mutter und erklärte mir, ſie habe auch mich natür⸗ lich mitgekauft. Als ich ſie fragte, was ſie für mich gezahlt habe, erklärte ſie mir, ſie habe das noch nicht reparirt, und lud mich zum Diner ein.
„ Ich weiß nicht, wie viel ich ihr nach demſelben werth er⸗
ſchienen; wenn ich aber nach Hauſe zurückkehrte, ſaß ſie in meiner Wohnung und nähte eigenhändig die neuen Rideaux, die ſie mir be⸗ ſtimmt.
Anfangs war das Alles ganz gut, aber ein Schneeball kann ein ganzes Dorf verſchütten. Sie ſtellte mich nach und nach ihren Freundinnen vor und verwickelte mich dadurch in gefährliche Be— aus denen nur eine ſchmähliche Flucht mich retten onnte.
Der Deutſche macht ſich ſo wenig eine Idee von dieſen tauſend kleinen Launen, Finten und Fineſſen, mit welchem die Pariſerin einen Mann in die glückſeligſte Verzweiflung zu bringen und ihm mit der betäubenden Umarmung des Vamphrs das Blut aus der Seele und das Geld aus der Börſe zu ſaugen vermag, und dies gben rechtfertigt den ſchnellen Ruin der jungen Männerwelt in Paris.
Aber ſie lieben nur erſtens aus Laune, zweitens aus Langer⸗ weile und drittens bis zehntens aus Rückſichten der Doilette, der Equipagen und der Theaterlogen.
Aus allen dieſen zehn Gründen aber ſoll man ihnen aus dem Wege gehen.
Das Eſſen und Trinken iſt, wie überall, auch in der Pariſer Welt⸗Ausſtellung die Hauptſache. Ich habe davon bereits erzählt, werde davon noch ſo Manches erzählen und der Leſer möge daher die in heutiger Nummer befindliche Zeichnung, die wir einem Pariſer Künſtler verdanken, nur als eine kleine eingeſtreute Illuſtration anſehen welche aus allen den zahlloſen internationalen Büffets h ihre Thpen herausgegriffen und ſie hinter einer Roaſtbeefſchüſſel vereinigt hat.
Langſam, aber deutlich entpuppten ſich Woche nach Woche im ganzen Ringe des Induſtrie⸗Palaſtes die Reſtaurants aller Nationen, welche den Völkern irgend etwas Originelles aufzutiſchen hatten. Da kamen zuerſt die franzöſiſchen Reſtaurants, Caffetiers und Limo—
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nadiers, eine lange, ungeheure Front mit unüberſehbaren Büffets, zahlloſen Tiſchen und Stühlen, ſtolz friſirten Pames du Comptoir und unzähligen Kellnern aller Nationen, unter welchen die deutſche am ſtärkſten vertreten ſcheint.
Die größeren dieſer Reſtaurants wurden durch Aſſociation gebildet. Drei, vier der erſten Wirthe von Paris vereinigten ſich, um 1— 400,000 Franecs Miethe zu zahlen! Ihre Preiſe wurden natür⸗ lich ganz dem entſprechend notirt, und Manchem vergeht ſchon der Appetit, wenn er die Speiſekarte zur Hand nimmt.
An die franzöſiſchen Reſtaurants ſchließen ſich auf der einen Seite die belgiſchen und holländiſchen, in welchen letzteren ein paar niedliche, ſtumpfnäſige Landeskinder die Gäſte bedienen, auf der andern Seite die Engländer und Amerikaner und zwar in einer ſo anſpruchsvollen, großartigen Weiſe, wie es eben dieſen beiden großen Nationen geziemt. Blond- und rothlockige, braune, ſchwarze Miſſes mit ungeheuren Chignons, langen, wilden Locken auf dem Rücken, verabreichen hier allen Völkern ihre Sandwichs, ihre Porter und Ale. Spiegel, Blumen, Silbergeſchirr bedecken die Büffets, die den ganzen Tag von ſpleenigen Engländern belagert ſind.
Lang hin ſtrecken ſich dieſe engliſchen und nordamerikaniſchen Büffets mit den blonden Ladies, dann aber präſentiren ſich uns plötzlich ſchwarze Geſichter mit krauſem Haar und aufgeworfenen, wulſtigen Lippen, die mit den Gläſern und Platten bedienend umher laufen. Es ſind die ſüdamerikaniſchen Republiken, die hier ihre Büffets auf⸗ geſchlagen haben. Dann kommen die Mauren, ein tuneſiſches Kaffee⸗ haus, dann die Rumänen, die Ruſſen, die Spanier, die Italiener, die Ungarn und endlich das liebe Deutſchland mit ſeiner Sündflut von bairiſchem und öſterreichiſchem Bier, das jetzt ganz Frankreich überſchwemmt und ſicher in den franzöſiſchen Sitten eine allmähliche große Umwandlung hervorbringen wird.
Brauch' ich's zu ſagen: Dieſe deutſchen Bierhäuſer ſind über⸗ füllt von Morgens bis Abends; das Wiener Bier hat den Preis ge⸗ wonnen, der große Brauereibeſitzer Dreher in Kl. Schwechat bei Wien ſendet jede Woche zwei große Bierzüge von Wien nach Paris, und ſelbſt dieſe vermögen den großen Durſt nicht zu löſchen.
Wiener Biermädeln und bairiſche Kellnerinnen in National⸗ Coſtümen ſitzen an den Kaſſen dieſer Reſtaurants oder bedienen die Gäſte; es iſt eine Comödie, aber ſie geſällt den Leuten und paßt in den großen Jahrmarktsſchwindel, den der Kaiſer einmal gutge⸗ heißen hat.
Die Krone dieſer ſämmtlichen Büffets ſind die beiden Chineſinnen mit ihrer Duena, die der Director des Hippodroms eigens für ſein Café Chinois aus ihrem Vaterlande kommen ließ, um den Nationen den Thee zu ſerviren. Arnoult, der Unternehmer, iſt der Barnum von Paris, er kennt ſeine Leute und reüſſirt auch mit dieſem Humbug.
Endlich iſt noch zu erwähnen das mauriſche Kaffeehaus dicht daneben im Park, in welchem ein halbes Dutzend Tuneſen, auf einer Pritſche ſitzend, auf allen möglichen und unmöglichen Juſtrumenten eine confuſe Muſik veranſtalten und dazwiſchen näſelnd ihre ewige, unveränderliche, monotone Melodie ſingen, während im Innern eine Tuneſin faullenzend auf einem Teppich gähnt und ſich von den Europäern als ein Wunderthier betrachten läßt.
Das iſt der ganze Kaffeehaus-Schwindel der Expoſition, in Kürze zuſammengefaßt; aber man muß ihn eben ſehen, um ſich einen Begriff von dieſer Maskerade zu machen.
Hans Wachenhuſen.
S—
Der Pago-maggiore und ſeine Inſeln.
See⸗ und Landſchafts-Scizze von Fr. Tietz.
Kein freundlicherer, anmuthigerer Blick des Willkommens, den la Bella Italia dem gen Süden wallfahrenden Nord⸗ landsſohn entgegenlächelt, als der ſchöne See am Eingange zu dem Paradies der Hesperiden. Es iſt das blaue Auge der wunderbaren Zauberin Natur, das aus dem ſtillen Alpen⸗ grunde berückend und verlockend uns tief in die Seele ſchaut. Ein Wunderbild aus dem Album der ſchönen Mutter⸗Erde.
An des Lago⸗maggiore Ufern eint ſich die höchſte romantiſche
Wildheit mit der jungfräulich ſanften Schönheit des ſüdlichen Himmels. Hohe Granitgebirge rahmen den Kryſtallſpiegel im Norden und Weſten ein, ſenken ſich nach Süd und Weſt zu
ſanften Rebenhügeln in das fruchtbare Thalgelände der lom—
bardiſchen Ebene nieder.. Die blühenden, üppigen Inſeln, die weit über den See bis zu ſeinen Ufern zarten Blumen— und Blütenduft aushauchen, wetteifern mit dem adriatiſchen Meereseiland„Zante, fiore de Levante“; aus nackten Felſen hat die Freigebigkeit einer menſchlichen Hand ſie zu dieſen Zaubergärten Armidens verwandelt. Faſt zwei Jahrhunderte
ſind vergangen, als Vitaliano, der hohe Herr aus dem Ge⸗ ſchlechte der Borromäer, das felſige Geſtein mit fruchtbarer Erde ſättigend als blühendé Wunderterraſſen aus dem ſonnen⸗ beglänzten See, in dem ſich der ſchöne Himmel widerſpiegelt, aufſteigen ließ. So ſind von fünf Inſeln als die reizend⸗ ſten Iſola⸗Bella und Iſola⸗Madre entſtanden, zu viel und mit vollem Recht, das ihnen die Schönheit verleiht, geſuchten und beſuchten Ruheſtätten der Wanderer nach Italien. Beide Eilande ſchmücken ſich aus wunderbarem Grün, umduftet von Blumenhainen, auf Terraſſen pyramidal emporhebende Schlöſſer der Borromäer, im Innern geſchmückt mit köſtlichen Kunſt⸗ ſchätzen, die das reiche Geſchlecht der Beſitzer ſorgſam ge— ſammelt. Das ganze wunderherrliche See⸗ und Landſchafts⸗ bild bietet dem Blicke des Wanderes nichts Kleinliches in ſeinen Verhättniſſen dar. In einer Länge von 8, in einer Breite von 2 Meilen— auf einem über die Meeresfläche ſich mehr als 600 Fuß erhebendem Plateau— gehört der glänzende Wogenſpiegel dreien Ländern an; dem Schweizercanton Teſſin,


