Jahrgang 
1867
Seite
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ſchloſſen und nur der Park iſt geöffnet, mit Ausnahme des ein Drittel des ganzen Parks einnehmenden reſervirten Gartens.

Für dieſe Promenade im Park aber verlangt die Commiſſion ebenfalls 1 Franc. Mit welchem Recht? Weil es ihr Belieben iſt! Für dieſen Franc hat man am Abend die Erlaubniß, ein Glas Bier zu bezahlen, an den mexikaniſchen Opfertempel heranzutreten und wieder 25 Eent. zu zahlen, die gothiſche Kirche anzuſehen, die wieder 50 Cent. verlangt, den chineſiſchen Humbug der Herren Arnault, eine Schmach für die ganze Ausſtellung, mit 1 Frane 50 Eent. zu bezahlen, in das Theätre International zu gehen und 5 Franc Entreée zu zahlen; von der eigentlichen Induſtrie⸗Ausſtellung aber bekommt man nichts zu ſehen und für dieſen Franc Entrée bietet uns die Commiſſion nicht einmal einen Stuhl im Park! Es iſt die alte, ewige Jagd nach dem Sou, im Großen wie im Kleinen.

Macht's doch auch die Poſt auf dein Marsfelde nicht beſſer. Mit jeder Stunde wächſt das Porto, das man für einen dort aufge⸗ gebenen Brief zu zahlen hat, und die cabinets d'aisance auf dem Promenoire des Induſtrie⸗Gebäudes müſſen vorausſetzen, daß man täglich ein Diner für 10 Franes einnehme, da ſie ſich 25 Centimes, alſo 2 Sgr., bezahlen laſſen.

Großen Verdruß bereitet den Pariſern diepickpocketage, die Einwanderung der engliſchen Taſchendiebe, die ihre Geſchäfte in großem Umfange treiben. Fremde, die hier auf den Bahnhöfen an⸗ langen, müſſen vor den Reiſegefährten, mit denen ſie unterwegs Be⸗ kanntſchaft gemacht, ihre Taſchen zuhalten und Jeden, der in ihrer Nähe iſt, für einen pick pocket anſehen, wenn einer der Beamten im Bahnhof mit lauter Stimme das Wort erhebt:Man bittet um Vorſicht! Es ſind Taſchendiebe in den Warte⸗ und Bagage⸗Sälen!

Sie ſind alle Gentlemen, dieſe pick-pockets, liebenswürdige, elegante Jünglinge mit blondem Haar, blauen und rothen Kravatten, im modernſten Promenaden⸗Coſtüme. Sie ſitzen mit uns an einem Tiſche in den feinſten Reſtaurants, ſie ſind unſere Nachbarn im Theater und auf der Eiſenbahn nach Asnières und nach Verſailles; ſie machen Bekanntſchaft mit den ſchönſten und graziöſeſten Biches, beſchenken ſie mit Bracelettes, die ſie geſtern einer andern geſtohlen, und ſtehlen ihnen dafür wieder ihre Diamant⸗Bouches. ſucht, ſie im Bois und in den Champs⸗Elyſces für Mitglieder des Jockey⸗Clubs zu halten und würde keinen Anſtand nehmen, bei Tiſche ihr Couvert auszulegen, falls ſie zufällig ihre Börſe vergaßen ſofern wir nicht die Entdeckung machen, daß die unſrigen ſoeben aus der Taſche geſtohlen worden.

Die Zeitungen erzählen die abenteuerlichſten Vorfälle, in denen dieſe eleganten Herren ihre Rolle ſpielen. Kommt ein nobler junger Mann zu einem Familienvater, um die Hand ſeiner Tochter zu bitten, ſo überzeugt ſich dieſer erſt, ob er auch noch Uhr und Börſe in der Taſche habe, und bittet dann erſt den Fremden, ſein Anliegen vor⸗ zutragen.

Einer der hieſigen Redacteure erzählt, er habe die Hand eines ſolchen Elegants neulich auf dem Marsfelde in ſeiner Taſche er⸗ wiſcht, ſie feſtgehalten und ihm drohend geſagt:Mein Herr, ich warne Sie!

Mein Herr, ich ſehe, Sie ſind ein Gentleman! antwortete der pichpocket, den Hut ziehend, und ſchlug ſich ſeitwärts in die Büſche.

Im Jardin des plantes, auf dem Pörea-Chaise, in Paſſh, Argenteuil und der ganzen Umgegend ſtatten dieſe Fremdlinge ihre Beſuche ab, und nie hört man, daß an ihrem äußern Erſcheinen irgend ein Makel geweſen.

Wie die Franzoſen in jeglichen Tugenden allen übrigen Nationen voranſtehen, ſo ſind die Diebe jetzt alle nur von jenſeits des Canals und jenſeits des Rheins gekommen, und wir arme, ehrliche Deutſche, die den Pariſern ſtets nur als der Inbegriff der Dummheit erſchienen, überliſten jetzt die Franzoſen, indem wir ihnen goldene Uhren und ſilberne Löffel ſtehlen!

Indeß unſere deutſchen Taſchendiebe dürften ſchwerlich hier eine Rolle ſpielen, und nur aus Liebenswürdigkeit ſchreibt man auch uns Deutſchen einen Antheil an dieſer Diebes⸗Expedition zu.

Welch einen Lärm würden die franzöſiſchen Zeitungen geſchlagen haben, wenn dieſe Tauſende von fremden Taſchendieben, welche von England herübergekommen, der deutſchen Nation angehörten! Räuber, Diebe und Mörder würde man uns geheißen haben; ein Volk von Gaunern hätte man uns geſcholten, und der Franzoſe würde

während der Luxemburger Affaire vor jedem Deutſchen ſeine Uhr

verſteckt haben.

England hingegen läßt man dergleichen nicht entgelten. Die pick pocketage gehört zu den kleinen Liebenswürdigkeiten der britti⸗ ſchen Nation, mit der es der Pariſer ebenſo ungern verdirbt wie die Wirthe unſerer rheiniſchen Hotels.

Man findet auch gar nichts darin, daß die Engländer ſo eifrig bemüht ſind, die Franzoſen mit der einen Hand in ihren proteſtanti⸗ ſchen Himmel zu führen, während ſie ihnen mit der andern Hand die Taſchen ausleeren. Mit den Britten muß man um dergleichen nicht rechten, denn ſie haben den Spleen und geben in Paris viel Geld aus.-

Und dieſem Spleen entſprang auch ohne Zweifel die Idee der engliſchen Bibelgeſellſchaft, auf dem Marsfelde eine Station für ihre

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Man iſt ver⸗

Heidenbekehrung zu etabliren, in Paris, wohin ſelbſt einem Heiligen aus dem Himmel keine Contremarke verabfolgt werden dürfte! Welch ein Gedanke, inmitten der weltlichſten Beſtrebungen, der materiellſten Intereſſen für das Himmelreich zu agitiren! Wer ſoll hier in das Innerſte ſeiner Seele hinabſteigen, während er doch in jeder Minute nur an die Pflicht gemahnt wird, ſein Portemonnaie zu ziehen? Was ſoll hier an die Allmacht Gottes erinnern, wo Alles uns die Hände entgegenſtreckt, um ſich bezahlen zu laſſen? Was haben die chineſiſche Hanswurſtiade, das mauriſche Kaffee⸗

haus, die Ausſtellungen der franzöſiſchen und engliſchen Kriegs⸗

miniſterien und ihre Kanonen und Haubitzen mit dem Himmel zu ſchaffen, der ſich den Eintritt in die katholiſche Kirche ſogar mit einem halben Frane bezahlen läßt?

Tauſende und Abertauſende von Evangelien St.⸗Lucas und St.⸗Marcus verbreitet dieſe Geſellſchaft täglich an Leute, die mit viel mehr Intereſſe einen Speiſe- oder Theaterzettel in die Hand nehmen würden und lachend die kleine Brochüre in die Taſche ſtecken. Auf Schritt und Tritt verfolgen uns die Colporteure der heiligen Societät, ſie lauern auf uns an den Ecken der islamitiſchen Moſcheen, unter dem Tamtam- und Mandolinen-Geklimper der Tuneſen; ſie beſchleichen uns, wenn wir ermattet und nichts Böſes denkend auf einen Stuhl geſunken, und umzingeln uns, wenn wir ahnunglos vor dem ruſſiſchen Pferdeſtall daſtehen.

Ein Fremder ſchlendert, zerſtreut und überſättigt vom Anblick aller der Wunder, in den Steigen des Parkes daher. Tritt leiſe ein anderer Fremder an ihn heran und lüftet artig den Hut. Sein erſter Gedanke iſt: der Mann bittet um Feuer für ſeine Cigarre; er hält ihm freundlich die ſeinige hin.

Ein frommes Lächeln himmliſcher Reſignation überfliegt die Züge

des Mannes. Er wagt höflich die Frage, welcher Nation er gegen⸗ über zu ſtehen die Ehre habe, und lehnt die Eigarre dankend ab. Dann zieht er ein gelbes oder blaues Büchlein aus der Taſche, über⸗ reicht es mit einigen Murmelworten, grüßt und geht ſeines Weges. Der Fremde aber lieſt zu ſeinem Erſtaunen den Titel:Les singes sacrés et lhomme-singe.

Donnerwetter! denkt er, hat dich der Mann zum Beſten und hält er dich für einen Affen oder ſoll das eine Stichelei ſein?

Da aber lieſt er im Text, wie Chriſtus die Sünden der Welt auf ſich genommenh, wie Gott den Menſchen zu ſeinem Ebenbilde ge⸗ ſchaffen, wie aber der Menſch zum Affen herabgeſunken und wie er von ſeinen Thorheiten endlich zu Gott zurückkehren ſolle.

Der Fremde ſteckt das Tractätchen in die Taſche und nimmt ſich vor dieſem Menſchen in Zukunft aus dem Wege zu gehen, wenn er ihm wieder begegnen ſollte.

Ganz beſonders ſcheinen die Colporteure der evangeliſchen Miſſion ihr Augenwerk auf die Demi⸗Monde geworfen zu haben, um dieſe wieder der Tugend und dem Himmel zurück zu führen. Jede Cocvtte, die unvorſichtig den Weg am Cercle International vorüber paſſirt und in die Nähe desKiosque des publications populaires ge⸗ räth, wird von einigen dieſer Miſſionäre überfallen und trägt eine Hand voll Himmelsperſpectiven davon, um zu Hauſe ihrer Katze dieſe drolligen Geſchichten vorzuleſen.

Aber nicht genug damit. Die Bibelgeſellſchaft iſt auch bereit, etwaige Convertiten ſofort in ihren Schooß aufzunehmen und ſie für den evangeliſchen Himmel vorzubereiten. Es iſt für ſolche Fälle Sorge getragen; aber ich fürchte, es hält ihr Niemand ſtille. Die Beamten der Geſellſchaft verſichern, daß ſie nichts für eine Bekehrung zahlen, und da in Paris Niemand etwas umſonſt thut, ſo wird ſich kaum ein Auvergnat finden, wenn er weiß, daß der evangeliſche Herr⸗ gott kein pourpoire zahlt.

Wie man ſich mit dem Great⸗Eaſtern verrechnete, den man eigens für die ganze Saiſon engagirte, um halb Amerika nach Paris zu bringen, der aber anſtatt der erwarteten 3000 nur 150 Paſſagiere brachte, ſo ſcheint man auch mit dem Cercle International kein Glück zu haben. Das Gebäude kommt eben nur den Diners und Soupers, zu ſtatten, welche die Jurh veranſtaltet.

Die große Börſenhalle in dieſem Cerele iſt ſtets leer und die Abonnenten haben keine Veranlaſſung, ſich hier zu verſammeln. Man ſoll alſo mit der Abſicht umgehen, Concerte in dieſer Halle zu ver⸗ anſtalten.

Ebenſo unglücklich iſt bisher das Theätre International geweſen. Der Conceſſionär, Herr Regnier, hat, wie ich ſchon ſchrieb, ein groß⸗ artiges Perſonal engagirt, wird aber ſeine Vorſtellungen erſt ſpät beginnen und hat anſtatt derſ ſieben nur fünf Monate vor ſich, während er ſeit ein, reſp. zwei Monaten bereits das Perſonal bezahlt.

(2 Bau, die Gagen, die Coſtüme ꝛc. haben, wie es ſcheint, ſchon jetzt die Kaſſe des Unternehmers geleert, und die Gagen werden nur theilweiſe bezahlt. Wie man in den wenigen noch übrigen Monaten die enormen Koſten wieder herausziehen will, daß iſt eben ein Exempel, das nicht Jeder zu löſen vermag.

Im vorigen Abſchnitt erwähnte ich der Einladungen, welche vom Hofe, von den Miniſtern, vom Seine⸗Präfecten, von den Geſandt⸗ ſchaften und andern Hotels die Feſte der Expoſition einleiten. Es ſcheint aber auch an anderweitigen, intimeren Einladungen kein Mangel zu ſein.

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