„Ja, wegen eines Duells.“
„In welchem Sie Ihren Gegner tödteten?“
„Ich hatte das Unglück, wurde jedoch freigeſprochen.“
„Die Acten bezeichneten Sie ſchon damals als einen entarteten Menſchen.“
„Ich war weder mehr noch weniger entartet als die jungen Leute, mit denen ich umging und die inzwiſchen recht⸗ ſchaffene und geachtete Männer geworden ſind. Ich will ſie Ihnen namhaft machen und fragen Sie ſie dann, wie ſie vor zwanzig Jahren gelebt haben, wo ſie ihre Abende zubrachten, welche Geſellſchaften ſie beſuchten, und Sie werden eingeſtehen, daß Alle das Prädicat„entartet“ mit demſelben Rechte ver⸗ dienten.“
„Man warf Ihnen außerdem einen äußerſt leicht reiz⸗ baren Charakter vor.“
„Und diesmal nicht mit Unrecht. Ich bin leider ſehr heftig.“
Gourbet ſchwieg einen Augenblick. Er hatte während ſeiner langen Laufbahn manchen geſchickten Schauſpieler kennen
gelernt, mit Leuten zu thun gehabt, die obgleich ihre Schuld
erwieſen war, um ihre Freiheit und ihr Leben Schritt für Schritt kämpften; hier aber befand er ſich einer ganz neuen Taktik gegenüber. Der Angeklagte geſtand offen ſeine Fehler ohne Beſchönigung, aber auch ohne Schwäche ein, und der er⸗ fahrene Richter ſagte ſich ſehr bald, daß er hier einen Unſchuldigen oder einen Verbrecher vor ſich habe, der, mit
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ſeltener Intelligenz begabt, ſehr ſchwer zu überführen ſein würde.
„Sie ſind“, fuhr Gourbet im Verhör fort,„noch bei einer andern Gelegenheit mit der Juſtiz in Berührung ge⸗
kommen.“
„Ich wollte, wie Sie mir befohlen haben, Ihre Frage abwarten. Es handelte ſich in dieſer Angelegenheit um einen jungen Mann, der in einer Nacht ſechszigtauſend Francs im Spiel verloren hatte, am folgenden Tage dieſe nicht bezahlen konnte und ſeine Mitſpieler nun anklagte, falſch geſpielt oder mit andern Worten ihn beſtohlen zu haben. Aber das iſt der gewöhn⸗
liche Lauf der Dinge. Die unglücklichen Spieler, anſtatt ſich ſelbſt
allein die Schuld beizumeſſen, ziehen es oft vor, ſich für das Opfer eines Betruges auszugeben. Dieſe Manipulation ent⸗ ſchuldigt ſie, wenn ſie dann ihre Spielſchulden nicht bezahlen. In dem Falle, von welchem Sie ſprechen, forderte man mich mit etwa zehn Andern vor das Tribunal, man verhörte uns, unterſuchte die angeblich falſchen Karten, und der ganze Lärm hatte weiter kein Reſultat, als daß unſer Ankläger ſeine Schuld nach ſechs Monaten anſtatt am Tage nach ſeinem Verluſt bezahlte. Ich will noch hinzufügen, daß er uns zu⸗ gleich mit den Banknoten eine Entſchuldigung ſeines Benehmens zuſandte.“
Albert Savari gab alle Details mit ſolcher Offenheit, in ſo gemüthlichem Tone, mit ſolcher Ungenirtheit, daß es ſchwer war, in ihm den Urheber eines ſo furchtbaren Ver⸗ brechens zu erkennen.(Fortſetzung folgt.)
C * Welt lungs-ßilder uusſte XIV. Die Remorqueurs und die Möbelwagen der Ausſtellung.— Die Kutſcher und voitures de rémise.— Das Tourniquet nach Schluß der Expoſition.— Die pickpockets noch einmal.— Die engliſche Bibelgeſellſchaft auf dem Marsfelde und ihre Heidenbekehrungen.— Die Soirken und die verfänglichen Einladungen:— Aus wie vielen
Gründen eine Pariſerin liebt.— Die Büffets der Ausſtellung.
Der Kaiſer hat die Circulation von Locomobilen geſtattet. Wir werden alſo demnächſt auf beiden Ufern der Seine dieſe Remor⸗ queurs mit einer Anzahl Wagen hinter ſich ihren Dienſt beginnen ſehen, und wenn die Unternehmer Wort halten, werden ſie in jeder Stunde 40,000 Perſonen vom Concordienplatz und dem Inſtitut aus nach dem Marsfelde und zurück befördern.
Die Noth der Transportmittel ſteigt natürlich in demſelben Grade, in welchem der Verkehr ſich mehrt. Schon nimmt man ſeine Zuflucht zu den Möbelwagen, welche den Omnibuſſen zu Hülfe kommen, denn über die Fiaker iſt keine Gewalt zu üben, da dieſe einmal mit der Expoſition nichts gemein haben wollen.
Schickt der Himmel am Sonntag Regenwetter, ſo ſind die elegan⸗ teſten Damen genöthigt, den langen Weg im tiefſten Koth zu Fuße zurück zu legen. Auch die geniale Einrichtung des in der Expoſition errichteten Bureau, welches ſich vermaß, gegen 50 Centimes Gebühren jedem Gaſt einen Fiaker herbei zu telegraphiren, iſt ein Gegenſtand des Spottes geworden.
Der Gaſt erhält eine Nummer und wartet am Ausgange auf den Fiaker. Nach 20— 30 Minuten trifft ein ſolcher wirklich ein, Man verläßt erfreut die Expoſition, überzeugt ſich aber, daß der Fiaker gar nicht für uns beſtimmt geweſen iſt, und da das Tourni⸗ quet Niemanden wieder zurück läßt, es ſei denn, er zahle wiederum einen Frane Entrée, ſo hat man Zeit, vor der Thür der Expoſition über die Zweckmäßigkeit dieſer Einrichtungen nachzudenken.
Ganz ebenſo ſinnreich iſt die des Omnibus⸗Bureau. Man löſt ſich eine Karte, um ſich einen Platz im Omnibus zu ſuchen, und be⸗ kommt vielleicht eine Anweiſung auf den zehnten oder zwölften Omnibus, der abfahren wird. Auf dieſe Weiſe hat man Gelegen⸗ heit, eine halbe oder ganze Stunde dem Kampfe um die Omnibuſſe zuzuſchauen.
Indeß kann uns ſtündlich ein gleiches Loos in der Stadt, ſogar auf den Boulevards beſchieden ſein. Du ſiehſt die ſchönſten Fiaker an Dir leer vorüberfahren. Du rufſt dem Kutſcher zu; er aber mißt Dich mit einer Miene der Verachtung, gibt dem Roß die Peitſche und jagd knallend vorüber. Iſt er ſehr höflich, was bei einem Pariſer
Rutſcher nicht vorauszuſetzen, ſo zuckt er vielleicht mit der Achſel und
läßt Dich ſtehen.
Es ſind die ſogenannten Voitures de rémise. Sie haben die Verpflichtung, in ihre Remiſen zurückzukehren, da ſie nicht die ſchweren Abgaben für einen Halteplatz auf der voie publique be⸗ zahlen, und die Behörde hat taube Ohren für die Wünſche des Publikums und der Zeitungen, dieſen Fuhrwerken wenigſtens während de das Aufnehmen der Gäſte auf der Straße zu geſtatten.
Ein Pariſer Droſchkenkutſcher kann von Natur ein ganz artiger Mann ſein, denn es gibt ja überall Ausnahmen; er wird aber auf⸗ hören, es zu ſein, ſobald man ihm beim Einſteigen das Wort; a l'heure! zuruft. Ebenſo wechſelt ſeine Laune, wenn er„à Ex- position“ fahren ſoll und er in ſeinem Gaſt einen Fremden erkennt, den er immer im Verdacht hat, er werde das Douceur vergeſſen.
In Paris wird, wie man berechnet, täglich eine Million an Trinkgeldern bezahlt. Es iſt alſo auch zu berechnen, daß ein Drittel
der Bevölkerung von den Trinkgeldern lebt, welche die andern zwei
Drittel zahlen.
Die Droſchenkutſcher ihrerſeits haſſen die Fremden, denn ſie, die doch offenbar mit einem ganzen Sack voll Geld hier eintreffen, beſchädigen ihre Intereſſen, ihre gerechten Anſprüche als Angehörige dieſes erſtens Drittels. Sie ſind ſchon unzufrieden, für 1 Frane 80 Cent. bis 2 Franec ihren Gaſt eine ganze Stunde kutſchiren zu müſſen, glauben alſo einen halben Frane Trinkgeld verdient zu aben.
Die Klagen über die Brutalität dieſer Kutſcher mehren ſich täg⸗ lich; es kommt ihnen nicht darauf an, einem läſtigen Gaſt unter⸗ wegs ihre Peitſche um die Ohren ſauſen zu laſſen und ihm in jeder Weiſe anzudeuten, daß ſie ihn für einen Lumpen halten, der ſchäbig genug iſt, ſich für eine ſo geringe Taxe ſo viel Vergnügen zu bereiten.
Ein Pariſer Blatt führte ſoeben große Beſchwerde über dieſe Brutalität, erzählend, daß einer dieſer Kutſcher einer Dame mit der Peitſche das Auge aus dem Kopf geſchlagen. Anſtatt aber dieſen Patron dem Gerichte zu überliefern, ſetzt die Redaction hinzu, man ſolle doch den armen Kutſchern eine höhere Taxe für die Stunde be⸗ willigen, um ſie bei guter Laune zu erhalten! Ich würde eher die in Wien beliebte Beſteuerungs⸗Manier vorſchlagen, dieſe Patrone nämlich auf die Pritſche zu ſchnallen und ihnen Fünfundzwanzig auf's Leder zu geben.
Uebrigens haben dieſe Leute erhabene Vorbilder für ihre Ge⸗ winnſucht. Macht's doch die kaiſerliche Ausſtellungs⸗Commiſſion nicht viel beſſer.
Bekanntlich läßt ſich dieſelbe 1 Frane Entrée für die Anſchauung aller der Wunder der Induſtrie⸗Ausſtellung zahlen und hat bei dem gegenwärtigen Maßſtab der Frequenz ſchon die Ausſicht auf einen
dreifach höheren Gewinn, als die acht Millivnen, welche ſie garantirt
ſehen wollte. Natürlich, wer dieſen Frane einmal bezahlt, hat das Recht, Alles zu ſehen, mit Ausnahme gewiſſer Schwindel, deren Veran⸗
ſtaltern unverantwortlicher Weiſe noch ein beſonderes Entréezu fordern⸗
geſtattet wurde. Gegen Abend wird indeß der Induſtrie⸗Palaſt ge⸗
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