„Noch dieſen Morgen“, ſagte Julia, welche ſchon die Thür halb geöffnet hatte,„erſchien ein Individuum, das be⸗ harrlich darauf beſtand, mich zu ſprechen. Da Marietta mich beim Ankleiden beſchäftigt wußte, ſchlug ſie ſein Begehr ab. Er hinterließ ſeine Karte und erklärte, er werde wieder⸗ kommen.“
„Und wie heißt der Mann?“
„Ich glaube, Vibert.“
„Vibert“, wiederholte Gourbet nachdenkend.„Ah, ich kenne ihn. Darf ich Ihnen einen Rath geben, ſo gewähren Sie ihm die erbetene Unterredung. Er iſt ein kluger, ge⸗ ſchickter und thätiger Mann, der mir dringend empfohlen iſt und uns gelegentlich von Nutzen ſein kann.“
In dieſem Augenblick trat ein kleiner, magerer Mann in das Zimmer, der dem Richter einige Worte ins Ohr flüſterte. Dann ſetzte er ſich an einen Nebentiſch.
„Man meldet mir die Vorführung des Bewußten“, ſagte Gourbet.
„Wohl, ich gehe“, erwiderte Julia. Aber plötzlich einem anderen Impuls nachgebend, wendete ſie ſich abermals zu dem Richter und bat dieſen:„Laſſen Sie mich ihn ſehen.“
Der kleine Schreiber hob erſtaunt den Kopf in die Höhe und hielt in ſeiner Beſchäftigung, eine Feder zu ſchneiden, inne.
Gourbet war weniger erſtaunt. Er ſah Julia feſt an, und antwortete:
„Ich möchte Ihren Wunſch wohl erfüllen.“
Die Ueberraſchung des kleinen Schreibers, dem dies Nachgeben des ſtrengen Unterſuchungsrichters geradezu unbe⸗ greiflich wurde, war ſo groß, daß er ſich mit dem Federmeſſer in den Finger ſtatt in die Feder ſchnitt.
„Werden Sie aber wohl den Muth haben, Madame“, fuhr Gourbet fort,„hinter dieſem Vorhange zu verweilen, ohne durch ein Wort, eine Bewegung Ihre Anweſenheit zu verrathen?“
„Ich werde ihn haben.“
„Auch wenn ich Savari zu dem Geſtändniß bringen ſollte, daß er der wirkliche Mörder Ihres Gatten iſt?“
„Gewiß, mein Herr; ich würde vielleicht vor Abſcheu ſterben, aber ſchweigen“, rief Julia in der ihr eigenen, echt italieniſchen Exaltation.
Gourbet wechſelte leiſe einige Worte mit dem Schreiber. Dieſer ergriff Julia's Hand und führte ſie, ohne eine Silbe zu ſprechen, ohne ſie einmal anzuſehen, hinter einen Vorhang, bot ihr dort einen Stuhl und wandte ihr, nachdem er den Vorhang ſorgfältig verſchloſſen, den Rücken, um ſeinen Platz wieder einzunehmen. In dieſem Augenblick wurde Albert Savari in das Zimmer geführt.
Der Concierge des Hauſes in der Rue de la Paix, in welchem Vidal gewohnt, hatte in einem Verhör eine Perſön— lichkeit beſchrieben, die am Tage vor ſeinem Tode zu ihm gegangen ſei, und dieſer Beſchreibung entſprach Albert Savari genau. Er war ein großer, blonder Mann von feinen Manieren, 34 bis 35 Jahre alt, und von wüſtem, verlebtem Ausſehen. Seine Kleidung war einfach, aber elegant. Der ihn begleitende Beamte entfernte ſich ſofort wieder.
Albert Savari grüßte den Richter höflich, nahm den ihm angewieſenen Stuhl ein und ſagte, ohne eine Aufforderung abzuwarten, in empfindlichem Tone:
„Werde ich vielleicht jetzt endlich erfahren, aus welchem Grunde man mich geſtern verhaftet hat und weshalb ich mich hier befinde?“
„Mein Herr“, verſetzte Gourbet,„Sie befinden ſich hier, um mir auf die Fragen, die ich Ihnen vorlegen werde, zu
antworten, nicht aber, um an mich Fragen zu richten, wie
Sie es zu beabſichtigen ſcheinen.“
„Es iſt doch jedenfalls nur recht und billig, wenn ich zu erfahren wünſche, welchen Vergehens oder Verbrechens man mich beſchuldigt. Vergeblich habe ich die Beamten, welche mich verhafteten, darum gefragt.“
„Sie haben nur ihre Pflicht gethan“, antwortete der Richter ſtreng.„Ich werde es ihnen ſagen, oder hätte es vielmehr ſchon gethan, wenn Sie nicht zuerſt das Wort ge⸗
— 628„—
nommen hätten, ein Benehmen, das mit dem in dieſem Zimmer herrſchenden Gebrauch in vollkommenſtem Widerſpruch ſteht.“
„Ich kenne die hier herrſchenden Gebräuche nicht, ich habe dieſelben bis jetzt nicht kennen gelernt.“
„Ich wünſchte, Sie brauchten auch jetzt nicht hier zu ſein. Sie ſind—“ fuhr Gourbet nach einer Pauſe und Savari genau fixirend fort,„keines Vergehens, ſondern eines Verbrechens angeklagt.“
„Ah! und welchen Verbrechens?“
Mann ermordet zu haben, Namens Maurice idal.“
Als Albert Savari dieſe kurze, präciſe Anklage ins Geſicht geſchleudert wurde, verrieth kein Zug, keine Bewegung die geringſte Aufregung.
„Ich geſtehe“, wendete er ſich an den Richter,„ich war weit entfernt davon zu glauben,„daß man mich mit dieſer Affaire in irgend eine Verbindung bringen könnte. Iſt es indiseret“, fuhr er in ſo leichtem höflichen Tone fort, als be⸗ fände er ſich in irgend einem Salon, zu fragen,„weshalb man mich eines ſolchen Verbrechens beſchuldigt?“
„Sie werden es erfahren; aber nachdem Ihre erſte Neu⸗ gier befriedigt worden iſt, laſſen Sie uns dem gewöhnlichen Geſchäftsgange folgen. Sagen Sie mir Ihre Vor⸗ und Familiennamen.“
„Ich heiße Albert Savari“, verſetzte dieſer, indem er
ſich zu dem Schreiber wandte, den er mit Intereſſe beob⸗ achtete.
„Haben Sie nicht noch einen andern Namen?“ fragte der Richter.
„Allerdings, mein Herr, man nennt mich außerdem de Montbriſe!“
„Soviel ich weiß, haben Sie nicht das Recht, dieſen Namen zu führen; wie kommen Sie dazu?“
„Es iſt dies der Name einer Beſitzung, welche einſt meiner Familie gehörte.“
„Das begründet noch kein Recht. ſind Sie?“
„Sechsunddreißig Jahre.“
„Ihr Gewerbe?“
„Ich habe keines.“
„Aber Ihre Exiſtenz.“
„O, dieſe iſt ziemlich gut, mein Herr.“
„Ich hätte kaum geglaubt“, ſagte Gourbet ſtreng,„daß es Ihnen in dieſem Augenblick möglich wäre, zu ſcherzen. Sollten Sie indeß geneigt ſein, den Ton, welchen Sie an⸗ ſchlagen, beizubehalten, ſo iſt es mir ganz recht, wenn Sie in das Gefängniß zurückkehren, ich werde Sie dann ein anderes Mal vorführen laſſen, wo Sie vielleicht ernſthafter ſind. Ich frage Sie wiederholt, welches ſind Ihre Exiſtenzmittel?“
„Wenn Sie unter Exiſtenz⸗Mittel nur Staatspapiere, Grundbeſitz oder irgend regelmäßige Einnahmen verſtehen“, antwortete Savari,„ſo muß ich bekennen, daß ich nichts von allen dieſen Dingen beſitze. Ich bin ein echter Sohn meiner Zeit und lebe, wie viele Andere, von einem Tage zum andern, bin oft reich durch Zufall, oft arm aus Gewohnheit. Mir gelingt bisweilen eine Speculation an der Börſe, oder ich gewinne im Spiel. oft über funfzehntauſend Franes und kann am funfzehnten meine Miethe nicht bezahlen. So bizarr und unregelmäßig dies auch erſcheinen mag, ſo iſt es doch wahr; da Sie aber zu wiſſen wünſchten, ſo habe ich ſie Ihnen geſagt.“
„Eine traurige Wahrheit, mein Herr, die Sie bei den Geſchworenen nicht in das günſtigſte Licht ſtellen wird.“
„Bei den Geſchworenen“, wiederholte Albert Savari, ohne irgend eine Bewegung zu verrathen.„Ich hoffe nicht, vor dieſem Gerichtshofe erſcheinen zu müſſen, denn ich bin der feſten Meinung, daß Sie ſich bald von meiner vollkommenen Unſchuld überzeugen werden.“
„Wir kommen hierauf wohl ſpäter zurück. Sind Sie nicht bereits im vierundzwanzigſten Jahre eines Vergehens angeklagt geweſen?“
Doch weiter, wie alt
Am zehnten des Monats disponire ich
—————


