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zeigen, wenn man längſt fällige Verpflichtungen nicht einlöſen könne. Hierdurch wurde Savari gezwungen, um ſein weiteres Erſcheinen an der Börſe zu ermöglichen, Vidal auf Höhe ſeines Guthabens Wechſel zu geben, welche in dieſem Monat fällig waren.
Dieſe Wechſel waren den angeſtellten Ermittelungen zufolge nicht in Eirculation geſetzt. Maurice hatte dies ſelbſt einem ſeiner beſten Freunde, einem Herrn von Roſtain, mitgetheilt. Er hatte ſich darüber ausgeſprochen, daß er dieſe Papiere für völlig werthlos halte, da er die Ueberzeugung habe, ſie wer⸗ den bei Verfall nicht bezahlt werden, aber um Andere wenigſtens vor Verluſten zu ſchützen, werde er die gerichtliche Klage ein— leiten und dadurch die Inſolvenzerklärung Savari's er⸗ zwingen.
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Julia war durch den Schlag, welcher“ ſie ſo plötzlich, ſo unerwartet getroffen hatte, völlig niedergeſchmettert. Ein ein⸗ ziger Augenblick hatte ſie von der Höhe ihrer Glückſeligkeit herabgeſtürzt. Sie kehrte nach langer Abweſenheit zurück, trunken von dem Gedanken, mit dem Geliebten wieder ver⸗ einigt zu ſein, und fand ihn todt— ermordet wieder. Der Arm, der ſie umſchlingen ſollte, war ſteif und kalt, die Bruſt, die ſie an die ihrige drücken wollte, ſchlug nicht mehr, der Mund, welcher ſo oft den ihrigen geſucht hatte, war bleich und ſtumm geworden!
Wenn eine harte Krankheit eine uns theuere Perſon heim— ſucht, ſo können wir ſie mit unſerer Liebe, unſerer Sorgfalt umgeben. Wenn das Leiden ſich verſchlimmert, wenn ſelbſt das Aergſte naht, wenn der Tod ſchon als unheimlicher Gaſt an die Pforte klopft, dann können wir noch die letzten Befehle, die letzten Wünſche erfüllen, uns gilt der letzte Gedanken, das letzte Liebeswort und das letzte Lächeln. Iſt dann end⸗ lich Alles vorüber, hat der erſte Schmerz der Verzweiflung ausgetobt, dann iſt die Erinnerung an jene letzten Stunden und Tage bei aller ihrer Grauſamkeit ſelbſt ein Troſt, ein Linderungsmittel. Aber getroffen zu werden wie Julia, ſo unerwartet, den Gatten, den ſie über Alles liebte, verlaſſen zu haben in der vollen Kraft des Lebens, ſeinen blutenden, ſtarren Leichnam wiederzufinden, und dann allein zu ſtehen in der Welt— nur Der, den das Schickſal ſo unerbittlich verfolgt hat, vermag die Größe des Schmerzes des unglück⸗ lichen Weibes zu ermeſſen.
Wiewir bereits mittheilten, nahmen die Gerichte das thätigſte Intereſſe an der Ermordung Maurice's, und die erſten Ver⸗ dachtsmomente führten immer wieder auf Savari zurück. Der Letztere war übrigens eine im Gerichtsſaal nicht unbekannte Perſönlichkeit. Wegen verſchiedener Vergehen bereits ange⸗ klagt, war er wegen mangelnden Beweiſes allerdings freige— ſprochen, doch war irgend etwas in ſeinem Leben nicht recht klar. Er ſchuldete Maurice Vidal, wie wir wiſſen, eine bedeutende Summe, und die Accepte waren im Nachlaß nicht aufzufinden. Dieſe Thatſache genügte zum Erlaß eines Ver⸗ haftsbefehls gegen Savari. Als Inſtructionsrichter fungirte ein Herr Gourbet, eines der anerkannteſten Talente der Pariſer Gerichtshöfe. Wir begeben uns in ſein Cabinet und ſinden dort außer dem Richter eine in tiefes Schwarz gekleidete Dame. Seit dem Tage, an welchem wir Julia Vidal, denn ſie war es, aus der Diligence ſo freudig und erregt haben ſteigen ſehen, iſt eine große Veränderung mit ihr vorgegangen. Ihre Haltung war gebeugt, die Augen von großen Ringen umgeben und ihr ſonſt von Geſundheit ſtrahlendes Antlitz war leichenblaß. Der Schmerz hatte Körper und Geiſt über⸗ wältigt. Doch ſie war ſo jung, ihre Züge hatten eine ſo vollendete Regelmäßigkeit, daß ſie dadurch nichks an ihrer Schönheit einbüßte, man möchte ſogar ſagen, ſie hätte einen Reiz mehr durch die Ereigniſſe der letzten Tage erhalten.
„Alſo, Madame“, verſetzte der Richter,„Sie haben mir
heute nichts Neues mitzutheilen?“
„Nichts.“
„Beſinnen Sie ſich wohl; verſchweigen Sie mir nicht die unſcheinbarſten Dinge, oft bringen dieſe Licht in das tiefſte Dunkel. Man hat mir geſagt, Sie beſäßen den Muth,
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ſich fortwährend in dem Zimmer, in welchem Ihr Gatte er⸗ mordet wurde, aufzuhalten?“
„Man hat Ihnen die Wahrheit geſagt, ich werde nicht das Haus verlaſſen, in welchem ich ſo glücklich ge⸗ weſen bin.“
„Verzeihen Sie mir, Madame, daß ich gezwungen bin, die Wunden immer wieder aufzureißen, aber Sie können mir ein großer Beiſtand ſein, um zum Ziele, zur Entdeckung des Verbrechers zu gelangen.“
„Schonen Sie mich nicht!“ rief Julia, lebhaft das Haupt erhebend, dann ſetzte ſie bittend hinzu:„Nicht wahr, Sie werden zu dieſem Ziele gelangen, Sie werden meinen Gatten rächen?“.
„Ich hoffe es, kann Ihnen jedoch nicht verhehlen, daß ich noch niemals einen Fall behandelt habe, der in ein ſo undurchdringliches Geheimniß gehüllt war—“
„Alſo“, unterbrach Julia Herrn Gourbet,„Sie ver⸗ zweifeln daran, den Schuldigen aufzufinden. Wohlan, mein Gatte hat mir befohlen, ihn zu rächen, ich werde ihm ge⸗ horchen.“
„Und ich, Madame, werde Ihnen beiſtehen, vor allen Dingen müſſen wir doch aber den Mörder kennen!“
„Ich las geſtern in der Zeitung, der Verbrecher ſei bereits verhaftet.“
„Die Zeitungen täuſchen ſich, oder täuſchen ihre Leſer, um gut unterrichtet zu erſcheinen. Allerdings iſt geſtern ein Mann auf meinen Befehl verhaftet worden und wird in wenigen Augenblicken hierher geführt werden; es ſind einige Verdachtsgründe vorhanden, welche die Verhaftung rechtfertigen, doch ſind dieſe mehr moraliſcher als ſubſtantieller Natur. Der Polizeibeamte, der die Verhaftung ausgeführt hat, ſagt nur, das Benehmen des Arreſtanten ſei nicht das eines Schuld⸗ bewußten geweſen. Hat der Mann nur Komödie geſpielt, dann iſt er ein äußerſt verſchmitzter Böſewicht, es iſt ihm ge⸗ lungen, einen unſerer älteſten und erfahrenſten Beamten völlig für ſeine Unſchuld einzunehmen.“
Der Richter hatte wiederholt nach der Uhr geſehen; Julia merkte, daß ihr Aufbruch dem Beamten ſehr erwünſcht ſein werde, ſie bat ihn nur noch um den Namen des Ver— dächtigen.
„Albert Savari de Monbriſt“, ſagte Gourbet.„Ich habe Ihnen dieſen Namen ſchon einmal genannt und Sie er⸗ klärten mir, er ſei Ihnen ganz unbekannt. Es wäre von großer Wichtigkeit geweſen, wenn Sie über das Verhältniß dieſes Mannes zu ihrem Gatten hätten Auskunft geben können.“
„Nein“ erwiderte Julia, die vergeblichinihren Erinnerungen ſuchte,„ich glaube nicht, dieſen Namen jemals von meinem Gatten gehört zu haben, und dennoch ergreift mich dieſelbe Bewegung, die ich nicht bemeiſtern konnte, als Sie die Perſon zum erſten Male nannten.“
„Welche Bewegung? Erklären Sie ſich deutlicher.“
„Ich kann nichts erklären, mir ſelbſt iſt dies Gefühl unbegreiflich. Als ich zum erſten Male die Worte: Albert Savari de Montbriſé hörte, fühlte ich mein Herz ſchneller ſchlagen; ich wollte ſehen, ob ich mich getäuſcht hätte, ob daſſelbe Grauen ſich wiederholen würde, und ich habe Sie darum ge— beten, mir denſelben Namen noch einmal zu nennen, obgleich er mit Flammenſchrift in meinem Herzen geſchrieben ſteht.“
„Parin liegt nichts Wunderbares“, ſagte der Juriſt nach einigen Augenblicken ruhigen Nachdenkens.„Savari iſt die einzige bisher in dieſer Sache compromittirte Perſönlichkeit. Sie wiſſen dies und darum erregt Ihnen ſein Name Furcht. Sagten Sie mir nicht bei unſerer letzten Unterhaltung, daß Sie durch ſo viele Beſuche und Dienſtanerbietungen von Unbekannten beläſtigt würden?“
„Leider, und die Phyſiognomien ſind nicht gerade ver⸗ trauenerweckend. Meiſtens geben die Leute vor, Beamte der Polizei zu ſein.“
„Von jetzt gb, Madame, empfangen Sie Niemand, der nicht von mir legitimirt iſt. Ich werde dafür ſorgen, daß
man Ihre Lage reſpeectirt.“ 79*
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