„Ich dachte es mir gleich, er will mich abholen und nun haben ſich unſere Wege gekreuzt.“
Schnell ſtieg ſie die Treppe herab und fragte den Concierge:
„Iſt mein Gatte ausgegangen?“
„Ah, Madame!“ rief der Portier. Reiſe zurückgekehrt?“
„Ich danke— aber mein Gatte?“
„Ich habe den Herrn heute noch nicht geſehen.“
„Hat er beim Weggehen nichts hinterlaſſen?“
„Ihr Herr Gemahl iſt noch gar nicht weggegangen.. Madame wird nicht ſtark genug geſchellt haben. Mit Ihrer Erlaubniß gehen wir noch einmal hinauf.“
Julia wiederholte ihre Bemühungen von vorhin ohne anderen Erfolg.
„Das iſt ſonderbar“, bemerkte der Concierge. Herr Gemahl erwartete Madame—“
„Er hat alſo meinen Brief erhalten?“
„Bereits vorgeſtern.“
„Dann iſt er auch hin, um uns abzuholen“, ſagte Marietta hinzutretend.„Wenn es dir recht iſt, fahre ich noch einmal nach der Poſt.“
Marietta beſtieg aufs Neue den Wagen. Julia's Unge⸗ duld wuchs mit jeder Minute. Sie ging die Straße auf und ab, immer wieder die verſchloſſenen Vorhänge betrachtend. Eine namenloſe Angſt überfiel ſie. Wie wenn ihrem Gatten irgend etwas zugeſtoßen wäre! Dieſer Gedanke bringt ſie faſt in Verzweiflung, ſie ſchickt nach einem Schloſſer, um die Wohnung öffnen zu laſſen, zugleich mit dem Schloſſer kommt der Wagen mit Marietta zurück.
„Nun?“ fragt Julia in athemloſer Haſt.
Marietta ſchüttelt verneinend das Haupt.
Schnell eilt Julia dem Schloſſer voran, die Thür wird geöffnet und die gequälte junge Frau ſtürzt in das Zimmer. Sie durcheilt das Vorzimmer, den Speiſeſaal, den Salon, Alles iſt in der ihr bekannten Ordnung.
Endlich erreicht ſie das Schlafzimmer, deſſen Thür weit geöffnet iſt.
Plötzlich hört Marietta einen Mark und Bein durch⸗ dringenden Schrei. Sie fliegt herbei, Julia liegt ohnmächtig am Boden— nicht weit von ihr befindet ſich, halb aus dem Bett heraushängend, ein in ſeinem Blute ſchwimmender Leichnam, in ſeiner Hand ein offenes Portefeuille haltend, in welchem man die Worte ſieht:
„Julia, räche— der Mörder heißt—“
Der Tod hatte die Hand in dem Augenblicke ſtarr ge⸗ macht, wo das Opfer den Namen ſeines Mörders ſchreiben wollte.
„Glücklich von Ihrer
h
Die Ermordung von Maurice Vidal machte ſelbſt in jener wildbewegten Zeit, wo bereits die erſte Strömung der Revolution ſich bemerkbar machte, großes Aufſehen. Die Motive zu dieſem Morde waren völlig unverſtändlich. Eine Beraubung hatte nicht ſtattgefunden und es lag nicht in Vidal's Charakter, ſich Feinde, deren Haß vor einem ſolchen Verbrechen nicht zurückbebte, zu ſchaffen. 1815 geboren und lebte ſeit ungefähr zwölf Jahren in Paris. Er verband mit vielem Glück eine große Intelligenz und hatte ſich durch kühne Börſenſpeculationen ein bedeutendes Vermögen erworben. Seine ſtrenge Rechtlichkeit, ſein heiteres, einnehmen⸗ des Weſen machten ihn zum Lieblinge Aller, die mit ihm umgingen. Maurice war dabei Lebemann durch und durch,
er ſchlürfte den Becher der Freude und des Vergnügens mit⸗
vollen Zügen, ſein Vermögen und ſeine felſenfeſte Geſundheit unterſtützten ihn dabei, und ſo waren denn ſeine Freunde nicht wenig erſtaunt, als ſie plötzlich die Nachricht von ſeiner Ver⸗ heirathung mit einem Mädchen erhielten, das er während eines Aufenthalts in Genua kennen gelernt hatte. Nur wenige ver⸗ traute Freunde Maurice's genoſſen den Vorzug, ſeiner Gattin vorgeſtellt zu werden, und dieſe wunderten ſich dann allerdings nicht länger. Maurice liebte Julia zärtlich, und dieſe erwiderte
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Er war im Jahre
ſeine Neigung mit einer Glut, deren nur die Frauen Italiens fähig ſind. Drei volle Tage lang waren dieſe Liebe und die Schönheit Julia's ſtehendes Geſpräch an der Börſe, da jedoch Maurice es vermied, ſich mit ſeiner Gattin in größeren Geſell⸗ ſchaften zu zeigen, ſo vergaß man bald den jungen Ehemann und erinnerte ſich nur noch des Börſenſpeculanten Vidal, der ſeine gewöhnlichen Geſchäfte mit unvermindertem Eifer wieder aufnahm.
Die beiden jungen Gatten genoſſen n ihrer Häuslichkeit ein ungetrübtes Glück. Ein Jahr war vergangen und noch hatte kein Wölkchen daſſelbe getrübt, da rief ein Brief Julia an das Sterbebett ihrer Mutter nach Genua.
Maurice wollte ſeine Gattin erſt dorthin begleiten, aber dringende Geſchäfte hielten ihn in Paris zurück. Die Reiſe Julia's war erſt nur auf Tage berechnet, doch der Tod ihrer Mutter verzögerte ſich ſo lange, daß faſt zwei Monate ver⸗ gangen waren, als Julia die Rückreiſe nach Paris antrat; ein wie furchtbarer Empfang hier dem jungen, liebeglühenden Weibe bereitet worden war, haben wir bereits geſchildert.
Die Behörden ſtellten die umfangreichſten Nachforſchungen nach dem Mörder an. Aber keine Spur leitete auf irgend einen Verdacht. Maurice Vidal hatte niemals Jemand wiſſent⸗ lich übervortheilt, er hatte ſein Vermögen nicht durch den Ruin Anderer erworben, mit einem Worte, er beſaß in ge⸗ ſchäftlicher Beziehung keinen Feind.
Konnte verſchmähte Liebe oder Eiferſucht vielleicht das Motiv zu der grauſigen That geweſen ſein?
Man kannte aus ſeinem Gargonleben kein auch nur einigermaßen ernſthaftes Verhältniß von Maurice; für ihn war, ehe er Julia kennen lernte, die Liebe immer nur eine Zerſtreuung, ein Zeitvertreib und keine Liaiſon war ſo ernſt⸗ haft gewefen, daß er ſie nicht ſtets nach Gefallen hätte ab⸗ brechen können.
Mit Ausnahme der wenigen Freunde, welche Maurice Julia vorgeſtellt hatte, kannte dieſe faſt Niemand. Er hatte ſeine Gattin keinem Nebenbuhler entreißen müſſen, und dieſe verließ Genua ohne Bedauern, ſie wurde nur durch die Familienbande an ihre Geburtsſtadt gefeſſelt.
Die verſchiedenartigſten Gerüchte durchliefen die Stadt. Man ſprach von Julia's hoher Schönheit, von der Leiden⸗ ſchaftlichkeit ihres Schmerzes, von ihrer genueſiſchen Abkunft und ſetzte ſogar hinzu:„Dieſe Italienerinnen ſind zu Allem fähig.“
Es gibt leider eine Sorte von Menſchen, denen es in ihrer eigenen Verworfenheit eine wahre Genugthuung iſt, das Unerhörteſte als wahrſcheinlich, wenigſtens als nicht unmög⸗ lich darzuſtellen. Wenn rechtlich Denkende Julias Unſchuld am evidenteſten dadurch beweiſen wollten, daß ſie zur Zeit der That gar nicht in Paris geweſen ſei, hieß es: Gerade deshalb, um jeden Verdacht von ſich abzulenken, hat ſie den Mord durch einen Mitſchuldigen während ihrer Abweſenheit ausführen laſſen.
Selbſtverſtändlich richteten ſich die erſten Nachforſchungen der Polizei auf den gewöhnlichen geſellſchaftlichen und geſchäft⸗ lichen Umgang Vidal's. Es wurde feſtgeſtellt, daß dieſer im Augenblick ſeiner Ermordung keine bedeutenden Summen bei ſich gehabt hatte, denn er hatte in der Woche vorher den Ueberſchuß aus ſeinen letzten Geſchäften, ungefähr dreißig⸗ tauſend Francs, einem Wechſel⸗Agenten mit dem Auftrage übergeben, dafür Staatspapiere auf den Namen ſeiner Gattin
zu kaufen. Die ihm von Andern anvertrauten Summen hatte
Maurice ſeiner Gewohnheit nach bei der Bank von Frankreich niedergelegt. Man wußte, daß er in Geldgeſchäften außer⸗ ordentlich vozſichtig war, ſeitdem er vor ungefähr zwei Jahren einen Verluſt durch einen nach Amerika entflohenen Kaufmann Namens Blondeau erlitten hatte. Eine andere an der Börſe unter dem Namen Albert Savari de Montbriſé
bekannte Perſönlichkeit ſchuldete Vidal ſeit drei Jahren 3 d ſ
₰
Summe von ungefähr funfzigtauſend Francs und es dieſerhalb vor etwa einem Jahre zwiſchen Beiden eine heftige Scene an der Börſe ſtatt. Vidal ſagte ſeinem Gegner öffentlich, daß es unehrenhaft ſei, ſich noch an der Börſe zu


