Jahrgang 
1867
Seite
625
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Hlluſtrirtes Volksblatt. H

erausgeber: Hauns Wachenhuſen.

X. Jahrgang.

1867. 40.

Ein geheimnißvolles Drama.

Von A.

ſtiegen im Poſthofe der Rue Notre⸗Dame des Victoires S in Paris zwei junge Damen aus der eben von Marſeille angekommenen Diligence.

Beide waren jung und ſchön und Beide hatten jenes ſo ſchwer beſchreibliche Etwas, das den Ausländer ſofort dem Einheimiſchen als ſolchen charakteriſirt.

Ueber die Nationalität der einen der beiden Frauen hätte man zweifelhaft werden können; ihre reine weiße Stirn und ihre tiefblauen Augen verliehen ihr das Gepräge der deutſchen Frauen, wenn nicht das brennende Incarnat ihrer Lippen, ihre dichten, kühn geſchweiften Augenbrauen und ihre blauſchwarzen, ſchönen Haare ſie als Tochter Italiens ge⸗ kennzeichnet hätten.

Und in der That waren Julia ſowol wie ihre Gefährtin, eine ſchlanke, reizende Brünette, Genueſerinnen. Deſſenunge⸗ achtet ſchienen Beide nicht unbekannt mit Paris und ſeinen Gewohnheiten zu ſein.

Julia zögerte einen Augenblick, man ſah ihr an, ſie war unangenehm bewegt, daß Niemand zu ihrem Empfange bereit war, dann aber ſtieg ſie aus und ging nach dem Empfangs⸗ zimmer. Augenſcheinlich ſah ſie auch hier nicht die erwartete Perſon, denn nachdem ſie mit einem langen, forſchenden Blick die Anweſenden gemuſtert hatte, wandte ſie ſich der nächſten Straße zu. Nach wenigen Augenblicken trat ſie wieder zu ihrer Gefährtin, welche ſich noch mit dem Gepäck zu ſchaffen machte, und ſagte in enttäuſchtem, ungeduldigem Tone:

Er iſt nicht da, was in aller Welt kann der Grund hiervon ſein?

Geduld, Signora, er wird kommen.

Geduld! Wenn ich nicht ſchon zwei Monat lang hätte geduldig ſein müſſen, wenn ich mich nicht ſchon zwei Monate lang darauf gefreut hätte, ihn ans Herz zu drücken.

Hier, vor allen Leuten? 6

Nun, iſt er denn nicht mein Gatte?

Gewiß, Madame, Sie haben Recht

Madame? Du nennſt mich Madame?

Wir ſind in Paris.

Und ſoll dies etwa in unſern perſönlichen Beziehungen etwas ändern? Marietta, du beginnſt dein altes Spiel, das mich ſchon in Genua zur Verzweiflung brachte, von Neuem;

einem herrlichen Octobermorgen des Jahres 1847

Belot.

als meine Untergebene betrachteſt. Warte, wenn nur Maurice hier wäre aber da kommt ein Wagen, er iſtes.

Mit reizendem Eifer trat ſie an den Schlag des Wagens, der in den Hof rollte, eben ſo ſchnell kam ſie zurück und ſagte ſchmollend:

Er iſt es nicht, es ſitzt nur ein ſehr häßlicher Mann darin.

Biſt du denn auch ſicher, daß er deinen Brief erhalten hat? fragt Marietta.

Wie ſollte er nicht, ich habe ihn zwei Tage vor unſerer Abreiſe von Marſeille ſelbſt zur Poſt gegeben.

Ein Beamter forderte zur Empfangnahme des Gepäcks auf.

Was nun thun? fragte Julia, nachdem auch dieſe Angelegenheit geordnet war.

Ich denke, wir nehmen einen Fiaker und fahren nach Eurer Wohnung. Hat dein Gatte ſich verſpätet, ſo wird er hier erfahren, daß wir fort ſind und auch nach Hauſe kommen.

Julia ſah das Richtige von Marietta's Vorſchlag ein, dieſe ſtieg in einen der auf dem Poſthofe haltenden Fiaker und Julia ſchickte ſich mit einem Seufzer an, neben ihr Platz zu nehmen.

Ach, ſagte ſie,ich hatte mich auf meine Rückkehr in die Wohnung, wo ich ſeit meiner Verheirathung ein ſo unge⸗ trübtes Glück genoß, ſo ſehr gefreut.

Aber, in wenig Minuten wirſt du ja dieſes Glückes wieder theilhaftig werden!

Ich weiß nicht, mich beſchleicht ein ſo unbehagliches Gefühl, ich fürchte mich. Dieſer Kutſcher fährt auch ſo ent⸗ ſetzlich langſam, er macht einen großen Umweg.

Du irrſt dich, Julia, nur deine Ungeduld läßt dir die Fahrt ſo lang erſcheinen.

Endlich hielt der Wagen in der Rue de la Pair P 6

Julia's erſter Blick war auf die Fenſter ihrer Wohnung gerichtet. Die Rouleaux waren herabgelaſſen.

Ah, der Nachläſſige, rief ſie lachend,er ſchläft noch. Deſto beſſer, ich will ihn überraſchen.

Und ohne ſich weiter um ihre Geſellſchafterin, oder den herauseilenden Portier zu kümmern, ſprang ſie aus dem Wagen, hüpfte mehr, als ſie ging, eine Treppe empor und zog ungeſtüm die Glocke.

Drinnen regte ſich nichts. Julia ſchellte wiederholt, aber

du biſt meine Milchſchweſter, und ich will nicht, daß du dich Wachenhuſen's Hausfreund. R. 14.

allèés blieb ſtill, wie zuvor. 79