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dann den beiden, jetzt in Einer Herrſcherhand befindlichen Gebieten Piemonts und der Lombardei. Eine Fahrt mit dem dampfbeflügelten Boote von Magadino, dem nördlichen Hafen⸗ orte, über den See hinterläßt wol für das ganze Leben einen der ſchönſten Reiſeeindrücke. Da geht es an Asconna vorüber; anmuthig winkt uns Briſſago mit ſeinen weißleuchtenden Häuſern zu, umgeben von Anhöhen, geſchmückt mit Reben, Feigen⸗, Oliven- und Granatbäumen, ſelbſt mit der hier im Freien blühenden Myrthe. Dann gewahren wir Luino, Canero, reizend an Weingelände, die hoch den Berg hinaufziehen, ſich lehnend. Das ganze weſtliche Ufer iſt eine Reihe von ſanften Bergſchwingungen in üppigſter Fruchtbarkeit prangend, aus deren Grün unzählige Villen und Landhäuſer hervor⸗ ſchimmern. Wir erblicken nun Intra mit dem Felsvorſprung, auf dem eine Säulenrotunde das zu Villa Prina gehörende Standbild umſchließt, während ein Thaleinſchnitt uns die nördlichen Bergnachbarn des Monte⸗Roſa, zuerſt Cima di Jazi(Strahlhorn), dann den dreigipfeligen Miſchabel gewahren läßt. So, indem das Auge faſt von Schönheiten ermüdet, erreichen wir Pallanga, um von dort in einer Barke Iſola⸗Bella und Iſola⸗Madre zu beſuchen. Hundert Fuß hoch ſteigen wir auf den Terraſſen der erſten empor, umgeben von Schimmer und Luft der ſüdlichen Pflanzenwelt, in die ſich die Werke der der Natur zu Hülfe kommenden Kunſt— Statuen, Fantainen, Muſchelgrotten, Hecken uud Laubgänge, hineindrängen. Am Lorbeerbaum, in deſſen Rinde einſt Na⸗ poleon vor der Schlacht von Marengo das Wort„Bataglia“ einſchnitt— die Zeit hat die blutige Mahnung faſt ganz unter grünem Moos verborgen— raſten wir, damit im Abendſonnenſchein das Auge an See und Berg und Flur ſich ſättige. Weniger von der Kunſt berührt finden wir Iſola⸗Madre; hier waltet die Natur in ihrer primitiven Schönheit vor.
Die Umgebungen der Borromäiſchen Inſeln wetteifskn jedenfalls an Großartigkeit mit dem nördlicher gelegenen Comer⸗See; an Lieblichkeit übertreffen ſie ihn. Die Ausſicht
auf die in ſüdlicher Ueppigkeit prangenden Ufer, den tief⸗ blauen See, den ſchönen Kranz von Bergen, dieſe Vereinigung der Hochalpennatur auf den Berggipfeln mit dem Milden der Uferhügel iſt wohl geeignet, den nordiſchen Wander poetiſch
anzuregen. Wir können es uns nicht verſagen, unſere kleine Skizze dieſes„zur Erde niedergeſunkenen Stückchen Himmels“ mit der Reproduction der poetiſchen Empfindungen zweier deutſcher Dichter zu ſchließen, von denen der erſte— Franz Gaudy— dem kälteren Norden angehörte, der zweite— Otto Prechtler— ſich in der weicheren Erregung des gemüth⸗ lichen deutſchen Süden ausſpricht. Das poetiſche Blatt aus Gaudy's ernſt⸗heiterm„Römer⸗ zug“ lautet: Auf dem Lago⸗maggiore.
Träumend ſchwanken die Kronen
Der Cypreſſen auf der Höh',
Goldſchimmernde Citronen
Glühn aus dem Laub am See.
Vom Berg und aus den Klüften Quillt leiſer Glockenklang,
Wie wenn hoch in den Lüften Verhallt der Schwäne Sang.
Und wenn die Zöne der Glocken Hinſäuſeln über die Flut,
Dann hebt von den ſchwarzen Locken Der Steuermann den Hut.
Es murmeln ſeine Lippen Halblaut ein Ave⸗Marie,
Er kreuzt vor den ſcharfen Klippen Die Bruſt und beugt das Knie.
Am Riff auf zackigen Steinen Steht der Madonna Bild, Umzirkelt von goldnem Scheine, Und ſegnet den Schiffer mild.
4 Von ihrer Stirne glänzet
Die Krone von Flitter und Schmelz, Und ihren Fuß umkränzet Mit Epheu der ſtarre Fels.
Im Spiegel des Sees zittern Die zum Segen erhobene Hand, Der Krone Silber⸗-Flittern,
Die braune Felſenwand.
Mein Herz bebt wie in der Welle Das Bild der Königin—— Ueber Italiens Schwelle
Gleitet die Barke hin.
Und nun das aus ſtillerer Herzenstiefe entſprungene Lied Otto Prechtler's:
Du Paradies, von eines Gottes Hand Gepflanzt in einſam ſtillem Alpengrunde, Auch ich genoß an deinem Blüten⸗Strand Des Wanderlebens ſüße Wonneſtunde.
Sah deinen Himmel in des Abends Glut Sich liebend ſenken in der Wogen Tiefe; Wie bräutlich zitterte die goldne Flut,
Es war, als ob ſich Well' und Welle riefe!
Die„ſchöne Inſel“ ſchwamm, chpreſſenreich, Gleich einem Katafalk auf lichten Wellen!
Ich ſah in ihrem kleinen Zauberreich
Von goldnen Früchten Baum und Erde ſchwellen.
Was ich daheim in Liedern hört' und ſang, Lebendig trat es meinem Aug' entgegen, Ich hörte, wie der Nixen Weiſe klang,
Und ſah die Schleier ſie an's Ufer legen.
Die Sonne ſank, die Wellen wurden grau;
Noch einmal ſah ich's aus den Fluten winken,— Der ſchönen Inſel wundervollen Bau
Wie einen Sarg ſtill in den See verſinken!
Gott ſchuf aus Italien ein irdiſches Paradies. An
ſeinem Eingang hält der tiefblaue See Wacht. Es iſt kein dunkler Acheron, über den wir in Hesperiens Zaubergarten
ſchiffen dürfen.
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Berz und Schwur.
Tiroliſche Kloſtergeſchichte von J. M—n.
(Fortſetzung.)
Bald nach der Geburt des Kindes war Adelheid nach Innsbruck gekommen, um in einem renommirten Gaſthauſe die edle Kochkunſt zu erlernen. Dort machte ſie durch Zufall die Bekanntſchaft des Gubernialſecretärs Dorig, der trotz Küchenſchürze und Rußflecken raſch für ſie entbrannte. Seine alte Mutter war zwar Anfangs über dieſe Leidenſchaft be⸗ ſtürzt, weil ſie jedoch das Lebensglück ihres Sohnes höher hielt als Familienvorurtheile, beſchloß ſie was in ihren Kräften ſtand zu thun, um ſeine Liebe zu fördern. Sie erkundigte ſich
um das Mädchen, fand ihren Ruf vollkommen rein, und als ſie zum erſten Mal Adelheid ſelbſt ſah, hatte dieſe auch ſchon das Herz der alten Frau gewonnen. Sie ſchrieb an die Aeltern des Mädchens, nahm dieſes in ihr Haus, hielt ihr die beſten Lehrer— und Adelheid, die dem hübſchen Mann herzlich gut war, lernte mit Eifer und Leichtigkeit. Bald konnte ſie ſich mit Ehren in der faſhionabeln Welt Innsbrucks ſehen laſſen und hatte dabei, den Vortheil, daß ihre Bildung
weit weniger oberflächlich war, als die der meiſten Inſtitut⸗


