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geſichtet, und alle harten,
Hemde bekleidet. Sie hatten die Kleider abgelegt, welche an der Wand aufgehängt waren. Die unerträgliche Hitze, welche in der Stube herrſchte, mochte ſie dazu bewogen haben. Mädchen von 16, 18 Jahren mit wirklich hübſchen Geſichtern und aufgelöſtem Haar ſaßen neben alten Weibern mit ver⸗ kommenen Zügen, auf denen das Laſter, die Verworfenheit und die Noth ihre Furchen gezogen hatten. Eine Frau von corpulenter Geſtalt, im ſchwarzen Wollenkleide, mit einem weißen Tuch Hals und Schultern verhüllt, ſaß an einem Schreibepult und ſchrieb ein Aufnahmeprotokoll über ein großes, elegant gekleidetes Mädchen, welches mitten in der Stube ſtand und ſveben in den Polizeigewahrſam gebracht war. Die Frau am Schreibepult war die Aufſeherin, welche von Abends 6 Uhr bis Morgens 6 Uhr den Dienſt in dieſer Stube hat. Für 15 Thaler monatlich auch ein wenig beneidenswerthes Amt, noch weniger beneidenswerth, wie das Amt des Auf⸗ ſehers, den ich in der erſten Stube gefunden hatte; denn Hitze und und Dunſt waren hier noch weit unerträglicher. Die Toilette des Mädchens, welches mitten im Zimmer ſtand, bildete einen ſonderbaren Contraſt mit den Lumpen der Weiber und Kinder, welche auf der Erde kauerten und mit den Mäd⸗ chen, welche nur mit einem Hemde und mit einem Unterrock bekleidet waren. Sie hob das ſeidene Kleid vorn in die Höhe, als wenn ſie befürchtete, es hier durch die Berührung mit den Lumpen zu beſchmutzen.— Ihre Jacke war von dunkel⸗ braunen Sammt, der Hut nach der neueſten Mode garnirt. Sie kam aus dem Tanzſaale des Orpheum und war auf der Straße aufgegriffen worden, wo ſie die Vorübergehenden be⸗ läſtigt und ſich ſchließlich einem Conſtabler widerſetzt hatte, der ſie aufforderte, zu Hauſe zu gehen. Ihr Benehmen war frech und gemein; unbedingt war ſie moraliſch tiefer ge⸗ ſunken wie jene Mädchen, welche dort in elenden Kattun⸗ leidern weinend auf den Bänken ſaßen. Morgen früh be⸗ fand ſie ſich vielleicht im Charitskrankenhauſe oder in der Stadtvogtei, oder ſie tanzte Abends wieder im Spiegelſaale des Orpheum, Champagner und Burgunder trinkend.
Nach einer halben Stunde befand ich mich wieder in dem Geſchäftszimmer des Criminalcommiſſars, der ſoeben von der Brandſtätte zurück gekommen war. Einige angebrannte Fenſter⸗ gardinen und durch dieſelben in Brand geſetzten Möbelſtücke waren von der Feuerwehr in einer Viertelſtunde gelöſcht wor⸗ den. Der Criminalcbmmiſſar war durch den ſtarken Schlag⸗ regen vollſtändig durchnäßt worden und ſtand eben im Begriff, die Kleider zu wechſeln. Eine neue Epiſode aus dem Leben eines Berliner Criminalcommiſſars während der Nacht! Ich
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lichkeiten deſſelben für Berlin vollkommen unzulänglich ſeien, daß der Aufenthalt daſelbſt auch nur für eine Nacht für einen anſtändigen und gebildeten Mann, der doch auch dort einmal hingerathen könne, unerträglich werden könne, ſtimmte er mit mir vollkommen überein; aber, als ich das Geſpräch auf die Beſſerung und Unterſtützung entlaſſener Strolche und Ver⸗ brecher wandte und von den Verſuchen ſprach, die der Prediger Boſſe im Arbeitshauſe neuerdings in dieſem Sinne und nach dieſer Richtung hin mache, wollte er nicht viel davon wiſſen. „In der Theorie klingt das Alles ſehr ſchön“, ſagte er,„wie werde ich denn dieſe Humanitätstheorien verwerfen? Leider iſts in der Praxis aber anders; das Material, auf welches Sie dieſe Theorien anwenden wollen, iſt leider zu ſchlecht. Ich meine die Strolche und Verbrecher. Seit 34 Jahren bin ich Criminalcommiſſar; von allen ſolchen Verſuchen, die ich angeſtellt habe, ſind vielleicht nur zwei gelungen, und ſelbſt für dieſe zwei kann ich heutsnoch nicht ſtehen.“ Ich wollte gerade widerſprechen, als ein junger Mann von verkommenem Aeußeren durch einen Conſtabler in das Bureau geführt wurde, der ihn auf einem Diebſtahle ertappt hatte.„Bolte“, rief der Commiſſar, als er ſeiner anſichtig wurde,„ſchon wieder? Habe ich dir nicht kürzlich geſagt, als du entlaſſen wurdeſt und ich dich unterbrachte:„Höre auf und fange ein ordent⸗ liches Leben an!“—„Ja, Herr Commiſſar, die Noth; ich treibe mich ſeit mehreren Tagen ohne Arbeit und ohne alle Mittel umher.“—„Aber, habe ich dir nicht geſagt, daß du in einem ſolchen Falle zu mir kommen ſollteſt; ich hätte dir ja einen Thaler gegeben, bis du ein anderes Unterkommen ge⸗ funden hätteſt.“
Der junge Verbrecher ſchwieg und gerieth offenbar einen Moment in Verlegenheit.„Ja“, ſagte er,„ich wußte doch nicht, daß Sie gerade hier ſein würden, Herr Com⸗ miſſar.“
„Sie ſehen“, ſagte der Criminalpolizeibeamte zu mir, als er das Protokoll aufnahm und den Arreſtzettel für die Stadt⸗ vogtei ſchrieb,„wie recht ich leider mit der Anſicht hatte, die ich Ihnen ſoeben ausſprach. Die Theorien ſind ſehr ſchön; aber in der Praxis iſt's leider anders. Sie ſehen hier wieder ein Beiſpiel.“
Der Regen hatte aufgehört. Ich ging zu Hauſe. Die Uhr auf dem Thurme in der Kloſterſtraße ſchlug zwei und begann dann ihr Glockenſpiel. Als ich durch die dunkeln Straßen ging, dachte ich an eine ähnliche Unterredung, welche ich kürzlich mit dem Director des Arbeitshauſes hatte, welches die Berliner den„Ochſenkopf“ nennen. Er hatte mir von einer Frau erzählt, welche zum hundertſten Male im Arbeits⸗
ſprach mit ihm von dem, was ich ſpeben in den beiden Stuben des Polizeigewahrſams geſehen hatte. Darin, daß die Räum⸗
hauſe geweſen war.
Feuilleton.
Kaffee und Wein der Orientalen.
In ſeiner eben erſchienenen überaus intereſſanten Reiſe in Arabien erzählt uns W. G. Palgrave: Man muß wiſſen, daß der Kaffee, obwol er nur einerlei Namen trägt, doch von jſehr verſchiedener Art iſt; nicht jede Bohne kann auf die vortrefflichen Eigenſchaften Anſprüche machen, welche man dem Kaffee im Ganzen beilegt. Der beſte Kaffee, die Tadler mögen ſagen, was ſie wollen, wächſt in Jemen und wird gewöhnlich Mokha genannt, nach dem Hafen, von wo aus er haupt⸗ fächlich verſchifft wird. Allein wenig, ſehr wenig von dem echten Mokha⸗ oder Jemen⸗Kaffee findet ſeinen Weg weſtlich über Konſtan⸗ tinopel hinaus. Arabien ſelbſt, Syrien und Aegypten conſumiren volle zwei Drittheile, und das Uebrige wird faſt ausſchließlich von türkiſchen und armeniſchen Kehlen verſchlungen.
Aber auch dieſe bekommen nur einen ſehr kleinen Theil des reinſten und beſten. Bevor er die Häfen von Alexandria, Jaffa, Beirut u. ſ. w. erreicht, um weiter ausgeführt zu werden, ſind die
Ballen bereits mehr als einmal durchgeſiebt und Bohne für Bohne runden, halb durchſichtigen, grünlich braunen Vohnen, die allein verdienen geröſtet und geſtoßen zu werden, ſind ſorgfältig und von geübten Fingern ausgeleſen worden und nur der geringere Reſt von flachen, undurchſichtigen, weißlichen Bohnen übrig gelaſſen. Dieſer Sichtungsproceß geht ſo regelmäßig vor ſich, daß man in der Qualität des Mokha, d. i. des Jemen⸗Kaffees, innerhalb
der Grenzen Arabiens ſelbſt eine Gradation beobachten kann, ſo regelmäßig, wie die Grade auf einer Landkarte, je nachdem man ſich dem Wadi Negrän und der Nachbarſchaft von Mekka, den erſten Stufen des nach allen Seiten ſich ausbreitenden Kaffeehandels, nähert oder ſich davon entfernt. Ich ſelbſt bin unzählige Male Augenzeuge dieſes Ausſiebens geweſen; die Operation wird mit der größten Genauigkeit vorgenommen und erinnerte mich an die Sorgſamkeit der amerikaniſchen Diamantenſucher bei Durchſtöberung des Sandes nach dem winzigen, aber koſtbaren Schatze.
Der Kaffee wird auf drei Hauptlinien von Jemen ausgeführt— über das rothe Meer, durch das innere Hegäz und durch Kaſim. Die erſte Linie führt nach Aeghpten, die zweite nach Shrien, die dritte nach Neged und Schomer. Daher kommt es, daß von allen Ländern, außerhalb der Grenzen Arabiens, Aeghpten und Shrien noch am beſten mit dieſem ſpeciſiſch arabiſchen Producte verſorgt ſind. Ueber Alexandrien und die ſyriſchen Häfen erhalten Konſtantinopel und die nördlichen Länder ihren ſchon ſehr verringerten Antheil. Aber dieſes letzte Stadium des Transports fördert ſelten echte Waare weiter, es müßten denn beſondere Maßregeln getroffen und perſönliche Freund⸗ ſchaft oder Intereſſe im Spiele ſein. Wo der Handel allein dabei betheiligt iſt, findet in den verſchiedenen Waarenlagern an der Küſte häufig eine Vertauſchung mit geringerer nalität oder eine Ver⸗ fälſchung ſtatt, die nicht beſſer iſt als Vertauſchung, ſo daß das, was den Markt von Mokha zur Ausfuhr nach Europa und dem Weſten
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