eine warme Sommernacht. Die Atmoſphäre in den beiden Zimmern wurde immer drückender. Ein Vagebunh wurde vor⸗ geführt, der einige Talglichte geſtohlen zu haben beſchuldigt wurde. Kaum war das Aufnahmeprotokoll beendigt, ſo wurden einige halbtrunkene Kerle gebracht, welche in einer in der der Biſchofsſtraße belegenen Kaffeeklappe eine Schlägerei an⸗ gefangen und ſich den dazukommenden Nachtwächtern wider⸗ ſetzt hatten. Wieder ein Protokoll! Die Perſonen wurden conſtatirt, die Ausſage des Nachtwächters aufgeſchrieben; ein Betrunkener, der ſich gar nicht zur Ruhe geben wollte, mußte zum Iſolirgewahrſam nach der Stadtvogtei gebracht werden, die Uebrigen wurden wieder entlaſſen, da die ganze Sache höchſt unbe⸗ deutender Natur war. Es wurde wieder ruhig in dem finſtern und dumpfigen Raume. Wir nahmen unſer früheres Geſpräch wieder auf. Es handelte von der kürzlich von dem Kaſſen— diener Siebert bei dem Bankier in der Behrenſtraße vollführten Unterſchlagung von 20,000 Thalern. Das Geld war durch die Thätigkeit der Criminalpolizeibeamten wieder aufgefunden; Siebert hatte ſich ſelbſt der Criminalpolizei geſtellt und ſich durch die gewöhnliche, einfältige Ausrede, betrunken gemacht und beraubt worden zu ſein, vor Strafe zu ſchützen geſucht. „Sie müſſen dieſe Ausrede aus Ihrer früheren gerichtlichen Thätigkeit als Unterſuchungsrichter ja kennen“, ſagte der Commiſſar;„vor Jahr und Tag hatte ich einen ganz ähn⸗ lichen Fall zu conſtatiren. Die unterſchlagene Summe betrug ebenfalls über 10,000 Thaler. Der muthmaßliche Thäter war ein Commis eines hieſigen Bankiers. Seine Ausrede war ähnlicher Natur. Um dieſelbe glaublicher zu machen, hatte er ſich ſogar einen Meſſerſtich in die linke Wange bei⸗ gebracht. Ich ſah ſofort an der Beſchaffenheit der Wunde, daß der Stich von oben herab ſtatt von unten auf vollführt war; nach einer Stunde geſtand der Commis ſein Verbrechen. Er war erſt 16 Jahre alt. Mit dem Gelde hatte ſich ein 18jähriges Mädchen, mit dem er eine Bekanntſchaft unterhielt, nebſt ihrer Schweſter nach Hamburg begeben, wo er ſie treffen wollte, um mit ihr nach Amerika zu entfliehen. Am andern Morgen verhaftete ich beide Mädchen in Hamburg. Das Geld wurde bis auf eine unbedeutende Summe bei ihnen vorge⸗ funden. Es iſt immer nur die Wiederholung derſelben Ge⸗ ſchichte. Aber benutzen wir jetzt die paar Minuten Ruhe, welche wir hoffentlich haben werden; ſteigen wir die Treppe zum Polizeigewahrſam hinauf.“
Wir ſtanden auf. In demſelben Moment gab der Tele— graph das Zeichen, daß Feuer ausgebrochen ſei. Der Commiſſar zog ſeinen Rock an.„Feuer“, rief er,„ich muß fort, aber nur Klein⸗Feuer, ganz in der Nähe, wie der Telegraph an⸗ zeigt; wahrſcheinlich bin ich bald zurück; der Schutzmann vorn im Zimmer ſoll Sie hinaufführen.“ Der Commiſſar ſtürzte hinaus. Draußen begann ſich die drückende Hitze des Tages gerade in einem ſtarken Schlagregen zu entladen.„Wie kommen Sie denn in den Regen fort?“ rief ich ihm nach. „Nun, zu Fuß“, hörte ich ihn aus dem Vorzimmer zurück⸗ ruſen,„wenn ich keine Droſchke finde, wie anders?“
Armer Criminalcommiſſar! Gleich darauf trat ein Con⸗ ſtabler in das Zimmer.„Der Herr Commiſſar hat mir be⸗ fohlen, Sie in den Polizeigewahrſam zu führen, Herr Doctor“, ſagte er,„iſt Ihnen gefällig?“
Wir gingen durch ein drittes, dunkles Zimmer, welches ſich auf einen kleinen Flur öffnete, und ſtiegen eine ſchmale Treppe hinan. Die Treppe führte zu einem mit Holzſtäben vergitterten Gange. Hinter dem hölzernen Gitter erſchien ein uniformirter Beamter mit weißem Haar. Als er die Thüre öffnete, ſtiegen drei junge Männer von zerlumptem Ausſehen die ſchmale Treppe hman, um zugleich mit uns einzutreten. Ohne Gruß und ohne daß der die Thür öffnende Beamte ein Wort verlor, gingen ſie vorüber und traten mit uns in den durch eine ſchmale Gasflamme erleuchteten Gang.„Wer ſind denn die Leute?“ fragte ich meinen Begleiter, ganz ver⸗ wundert, daß ſich Menſchen Nachts freiwillig nach dem Polizei⸗ gewahrſam begaben.„Nun“ erwiderte er,„ſie ſind obdachs⸗ os und finden für die Nacht im Polizeigewahrſam einen Aufenthalt.“ Das war für mich etwas Ner Ich hatte
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geglaubt, die Beſucher des Polizeigewahrſams erſchienen dort nur unfreiwillig. Der Gang führte auf eine Thür. Als mein Begleiter dieſelbe öffnete, ſtand ich in dem Raume, der als Polizeigewahrſam für Männer während der Nacht dient und durch eine Gasflamme erleuchtet wurde. Welche Atmo⸗ ſphäre und welcher Anblick! Ich bedurfte einiger Minuten, um mich an Beides zu gewöhnen. Der ganze Raum mochte höchſtens die Länge von einigen 50 Fuß haben, während die Breite kaum 30 Fuß betrug, und war wieder ſo niedrig, daß ein hochgewachſener Mann mit der Hand die Decke erreichen konnte. Zwei Fenſter öffneten ſich nach dem Hofe. Ein uniformirter Beamter ſtand hinter einem Schreibepult, um ein Protokoll über die neuen Ankömmlinge aufzunehmen. Er hatte auch mich zu denſelben gezählt, wie er mir ſpäter lachend ſagte. Und weshalb auch nicht? Er ſah mich in Begleitung eines Conſtablers und mehrerer Strolche eintreten. Es kann Jedem paſſiren, daß er einmal Nachts auf der Straße aufgegriffen und nach dem Polizeigewahrſam gebracht wird. Deßhalb hätte längſt im Berliner Polizeigewahrſam, wie im Depot der Pariſer Polizeipräfectur, die Einrichtung getroffen werden ſollen, daß man gegen Bezahlung für eine Nacht ein eigenes Zimmer und Verpflegung erhalten kann. Ein ſolches Zimmer nennt man in Paris ſonderbarerweiſe eine„Piſtole.“ In Berlin iſt dies unmöglich. Jeder, der in den Polzeigewahrſam geräth, muß die Nacht in dem Raume zubringen, wo ich mich nun befand. Und dieſer Aufenthalt iſt wirklich widerlich. Ich bedauere den Beamten, der Abends um 6 Uhr hier den Dienſt hat und bis Morgens 5 Uhr in dieſem mephitiſchen Dunſt mitten unter einem Haufen von Geſindel zubringen muß, welches zuweilen die Stube ſo anfüllt, daß es Niemanden möglich iſt, ſich niederzulegen.„Ich kann jene Fenſter nur auf kurze Zeit öffnen“, ſagte der Aufſeher, als ich ihm be⸗ merkte, daß die Hitze und der Dunſt unerträglich ſeien, nach den auf den Hof gehenden Fenſtern zeigend,„wenn ich nicht eine unerträgliche Zugluft veranlaſſen will.“ Das ganze Meublement des Zimmers beſtand aus einer Reihe von ſchmalen Bänken, welche den größten Theil des Raumes einnahmen. Auf dieſen Bänken ſaßen oder lagen Menſchen von allen Altersklaſſen, Knaben, junge Männer, Männer in den vierziger,
funfziger Jahren und gebrechliche Geſtalten, Greiſe mit weißem
Häar und mit mageren Gliedern. Das Gepräge der Armuth, der Noth, der Verkommenheit und des Elendes war auf dieſen Geſichtern, in dieſen Kleidern und Lumpen unverkenn⸗ bar. Jede Geſtalt war charakteriſtiſch, inſofern ſich in ihr ein Stück des ſocialen Elends und der Verkommenheit der großen Stadt abſpiegelte.„Und welche Veranlaſſungen ſind es, welche alle dieſe Menſchen in den Polizeigewahrſam geführt haben?“ fragte ich den Aufſeher.„Nun“ erwiderte er,„ein Theil beſteht aus ſolchen Obdachloſen, welche mit Ihnen die Treppe heraufkamen; ein anderer Theilh iſt infolge von Con⸗ flieten mit der Polizei auf der Straße oder im trunkenen
Zuſtande hierher gekommen. Morgen früh werden ſie ſämmt⸗
lich entlaſſen, natürlich mit Ausnahme von denen, welche ein Verbrechen in die Stadtvogtei führt, oder welche bereits be⸗ ſtrafte Subjecte ſind. Jetzt iſt's noch ruhig hier. Vor einer halben Stunde wurden zwei Betrunkene gebracht, welche gar
nicht zu bändigen waren. Sie tobten ſo, daß ſie nach dem
Iſolirgewahrſam gebracht werden mußten, wo ihnen die Zwangs⸗ jacke angelegt iſt.
Der Aufenthalt in der dunſtigen und heißen Stube wurde mir nach einigen Minuten unerträglich. Ich war froh, wie ſich die Thür hinter mir ſchloß, und forderte meinen Be⸗ gleiter auf, mich in den Polizeigewahrſam für Frauen und Mädchen zu führen. Wir kamen zuerſt in ein dunkles Bureau⸗ zimmer; von dort ging es in eine Stube, welche kaum halb ſo groß war wie der für die Männer beſtimmte Raum. Hier ſah es bunt genug aus. Einige alte zerlumpte Weiber kauerten mit ſchlafenden, halbnackten Kindern auf einigen am Boden ausgebreiteten Matratzenſtücken; Mädchen und Frauen von allen Altersklaſſen ſaßen auf ſchmalen Bänken, dicht aneinander gedrängt; einige ſchliefen, ſich mit dem Rücke gegenſeitig anlehnend; viole waren nur mit Unterrock u


