Louis Napoleon hat das alte Paris mit ſeinen bour⸗ boniſtiſchen Erinnerungen verwüſten laſſen, um ein neues, ein napoleoniſches, aufzubauen; mit langen, breiten Straßen, da⸗ mit die Kartätſchen die Barrikaden vernichten; mit prächtigen Bauten, damit ſie von der Macht und dem Glanz des Kaiſer⸗ reichs zeugen.
Vorher vernichtete die Laune oder die Berechnung der franzöſiſchen Herrſcher wenig oder gar nichts von dem alten Paris: es blieb unberührt mit ſeinen alten Straßen, ſeinen alten Hotels, mit ſeinen Thürmen und Mauern und feſten Burgen. Im Jahre 1789 war es das Volk, welches die Baſtille als Zwingburg des königlichen Despotismus nieder⸗ riß; im Jahre 1815 waren es die Bourbons, welche die Reſte des alten Temple abtrugen, wie um das Denkmal der Demüthigung fortzuſchaffen, welche hier Einem von ihnen, Ludwig XVI. und der ganzen königlichen Familie, von dem ſouveränen Volk bereitet worden war. Aus dem uralten, noch einſam daſtehendem Templethurm, von dem heut nur noch
das Fundament exiſtirt, welches eine Kapelle zum Andenken
an Ludwig XVI. trägt, ging dieſer unglückliche König zum Schaffot; in dieſem Thurm des alten Temple ſaß die Königin Marie Antoniette, bis ſie nach der Conciergerie in den Vor⸗ ſaal der Guillotine kam; hier ſchmachtete das Kind, welches man Ludwig XVII. nannte und das wahrſcheinlich hier ſtarb; hier brachte die Tochter Marie Antoniettens eine Zeit ihrer Kindheit zu, die dann 1815 als Dauphine wieder in die Tuilerien zog und 1830 wieder von einer zweiten Revolution ins Exil getrieben wurde.
Dies ſind die größten Andenken an dieſen uralten Temple, der nun nicht mehr iſt und aus deſſen ungeheuren Ruinen Ludwig XVIII. ein Kloſter machte; aber er hat eine Geſchichte intereſſant genug gehabt, um ſie der Vergeſſenheit nicht anheim⸗ fallen zu laſſen.
Der alte Temple war eine ganze Stadt mit Thürmen, Thürmchen, Mauern und Zugbrücken, dicht bei dem alten Paris und in ungeheurer Feſtigkeit von dem Tempelrittern erbaut, die im zwölften und dreizehnten Jahrhundert eine ſo große Macht in der Chriſtenheit bedeuteten und überall, auch in Paris, ihre gewaltigen Ordensſitze hatten. Sie waren aus den Kreuzzügen hervorgegangen als eine Ritterſchaft, die an⸗ fänglich zur Beſchützung der chriſtlichen Pilger in Jeruſalem neben dem Tempel Salomonis ihren Sitz hatten, die aber dann in den Schlachten ſich als die beſten Rittersleute her⸗ vorthaten, mit ihrem wachſenden Ruhm auch an Macht und Anſehen zunahmen und ſich nun auch in Europa als eine Art kirchlich⸗militäriſcher Ritterſchaft feſtſetzten. Das Concil von Troyes 1128 beſtätigte ihre Ordensrechte, Papſt Honoré II. gab ihnen eine Verfaſſung und als Rittertracht das lange weiße Kleid mit dem rothen Kreuz, indeß ihr Ordensbanner ſchwarz und weiß als Farben trug, wie ein Zeugniß von Tod und Leben.
In Paris gab ihnen Philipp III. 1279 ganz beſondere Rechte und Macht; ſie durften über einen gewiſſen Theil von Paris die Juſtiz üben, über einen Theil des Weichbildes ſtand ihnen ſogar das Recht über Tod und Leben zu. Sie waren ſo gefürchtet, daß ſie mit dem Könige wie Macht mit Macht verhandelten, daß ſie ihn mit ihren Waffen und ihren Schätzen unterſtützten, daß ſie die Vornehmſten des Landes bei ſich, wie an dem Hofe eines Souveräns, empfingen. Sie führten nützliche und große Bauten aus, wie ja auch ihr gewaltiges, mit Gärten und Park umgebenes Ordensgebäude auf einem Sumpf errichtet worden war.
Der Temple war die Reſidenz des Großmeiſters der franzöſiſchen Tempelritter und es gab in ſeinem Innern mehr Pracht als in dem Schloſſe irgend eines europäiſchen Königs jener Zeit. Der Saal des Großmeiſters wurde von vierund⸗ zwanzig maſſiv ſilbernen Säulen getragen, deren ausgezeichnete Arbeit und Zierrath das Erſtaunen der Beſucher erregte. Im Kapitelſaal war der Fußboden von Moſaik, die Bekleidnng
Der Temple.
von Cedernholz aus dem Libanon mit wunderbar feiner Sculpturarbeit. Sechzig große Vaſen von gediegenen Gold ſtanden hier und eine ſo große Maſſe von arabiſchen, mauriſchen und türkiſchen Waffen, mit koſtbaren Steinen beſetzt und in der edelſten Arbeit, ſchmückte dieſe Halle, daß, wie ein Zeit⸗ genoſſe ſich ausdrückt, davon die Augen geblendet wurden. Das Zimmer jedes Ritters zeichnete ſich durch irgend ein Kunſtwerk aus, und die Wohnungen der Offiziere und Commandeurs enthielten Schätze und Koſtbarkeiten ähnlich denen ihres Großmeiſters. Die Tempelbrüder freilich lebten ärmlich und in harter Arbeit unter der ſtrengen Disciplin ihres Ordens.
Am 27. April 1147 hielten die Tempelritter von Paris ihr erſtes Kapital im neuen Ordenshauſe, welches einer voll⸗ ſtändigen Feſtung glich. Sie beherrſchten in Wahrheit bald Paris mehr als der König, und die Könige ſuchten ſie auch durch Aufmerkſamkeiten aller Art für ſich nützlich zu machen. In dem Temple, wo alſo die ſtolze Ritterſchaft Hof hielt, wohnte daher auch einmal Heinrich Ill. von England, obgleich er ein Gaſt des Königs von Frankreich war. Aber der König von Frankreich war damals nur ein großer Herr wie es noch manche große Seigneurs in ſeinem Königreiche gab.
Ein halbes Jahrhundert ſpäter war es freilich ſchon anders: Philipp der Schöne wollte keine Macht neben ſich dulden; er wollte als König der Mächtigſte in ſeinem Staat ſein. So führte er denn mit rückſichtsloſeſter Feindſeligkeit den vernichtenden Schlag auf den Templerorden, den er in Verbindung mit dem Papſt im Jahre 1307 nicht nur in Frankreich ausrottete, ſondern auch in der geſammten Chriſtenheit.
Um jene Zeit war Jakob von Molaye Großmeiſter des Temple und 139 Ritter wohnten in demſelben. Philipp der Schöne klagte ſie an,„reißende Wölfe zu ſein, eine treuloſe Genoſſenſchaft, deren Werke, deren Worte ſelbſt fähig ſeien, die Erde zu beſchmutzen und die Luft zu vergiften.“ Die Bewohner von Paris wurden im Garten des Königs zuſammen⸗ berufen und hier durch Hofleute, Mönche und Beamte gegen den Orden aufgeſtachelt. Die ſämmtlichen Ritter wurden ge— fangen genommen, mit Ketten belaſtet und auf die grauſamſte Art der Folter unterworfen, um einzugeſtehen, daß ihr Orden ketzeriſch ſei. Sechsundzwanzig franzöſiſche Prinzen meldeten ſich dazu, ſie im Namen des Königs von Frankreich anzu⸗ klagen, und die meiſten Biſchöfe, Klöſter, Burgflecken und Stadtgemeinden ſtimmten dem Verfahren zu. Sogar der Papſt, aufgebracht durch die ehrgeizige Macht des Ordens, trat als deſſen Feind auf und befahl die Unterdrückung deſſelben in allen Staaten Europa's. Vergebens verſuchten 75 Tempelritter, ſich zu vertheidigen— ſie mußten alle im März 1313 den Scheiterhaufen beſteigen. Auch der edle Großmeiſter Jakob von Molay, der vierzehn Jahre zuvor noch an der Eroberung Jeruſalems ſo großen Antheil genommen hatte, der dem Prinzen Robert von Frankreich kurz zuvor noch die Taufe gegeben. Die Tortur entriß ihm Selbſtanklagen, wie man ſie ihm abverlangte; und als er dann alle ſeine unſinnigen Geſtändniſſe, als durch den Schmerz der Folter erpreßt, wider⸗ rief, ſetzte man an Stelle des Kerkers ebenfalls den Scheiter⸗ haufen. Noch von dem Flammenſtoß herab betheuerte der edle Großmeiſter ſeine Unſchuld gegen die Menge und rief die Rache des Himmels auf Papſt Clemens V. und den König von Frankreich herab. Mit ihm zuſammen ſtarb auf dem Scheiterhaufen der junge Dauphin der Aubergne, ſein kind⸗ licher Verehrer.
Der König von Frankreich gab nach dieſer Niedermetzelei des Templerordens in Paris deſſen Güter und Schätze meiſt den Jeruſalem⸗Rittern vom Heiligen Johann; er ſelbſt behielt aber die Thürme des Temple, um ſie zu Gefängniſſen zu be⸗ nutzen oder, wie er ſich im Stil unſerer Zeit ſchon aus⸗ drückte,„um damit zu thun, was er für gut im Intereſſe der Sicherheit des Thrones und der Hauptſtadt erachte.“
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Der .
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