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große Thurm des Temple wurde denn auch die erſte Baſtille von Paris, und hier ſaßen zu Ehren der franzöſiſchen Könige die Herzöge von Aquitanien und Brabant, die Grafen Dammartin und von Flandern— die großen Seigneurs, mit denen nach und nach die Könige wie mit dem Templer⸗ orden aufräumten.
Auch das Gedächtniß an eine intereſſante, liebenswürdige Gefangene hat die Geſchichte des alten Templethurm bewahrt. Odette ſchmachtete hier einige Monate lang nach dem Tode ihres Geliebten, Karl's VI. von Frankreich. Odette war die Tochter eines Pferdehändlers, ein junges, ſchönes Mädchen, welches Karl VI. einſt aus den Fenſtern des Louvre über den Quai gehen ſah und deſſen Anmuth ihn beſtrickte. Der König war damals ſchon in Geiſtesſtörung und die Liebe zu dem jungen Bürgermädchen artete ebenfalls in eine Art Wahnſinn aus. Die leichtſinnige, verbrecheriſche Königin Iſabeau von Baiern brachte Odette nach dem Hofe und gab ſie ihrem Gemahl als die„kleine Königin“ zur Maitreſſe, weil ſie es überdrüſſig war, ſich von Karl VI. ſchlagen und mishandeln zu laſſen. Karl VI. liebte Odette wirklich, er ließ ſich von ihr leiten wie ein Kind, und aller Eigenſinn, aller wider⸗ wärtige Trotz, den er ſonſt beſaß und der ſo weit ging, daß er nicht die Wäſche wechſeln wollte, verſchwand vor den Liebenswürdigkeiten ſeiner kleinen Königin, die ihren Einfluß auf ihn auch nur in der edelſten Weiſe ausübte. Sie konnte Alles von ihm erreichen, wenn ſie nur mit ihrem Fortgehen, mit dem Verluſte ihrer Liebe drohte. Von Niemandem nahm er Speiſe und Trank, wenn nicht von ihr: ſie konnte ſeinen Trotz brechen, ſein Blut beruhigen und ſeine Leiden lindern. Als die Engländer ſiegreich in Frankreich vordrangen, nahmen ſie dieſe arme kleine Königin gefangen in den Temple, weil ſie ihrem Geliebten manchen guten Einfall gegeben und weil ſie mit dem neuen König Karl WMII. eine Verbindung unter⸗ halten. Der Jungfrau von Orleans ging's ſchlimmer; die wurde als Hruberin von den Engländern bekanntlich ver⸗ brannt.
Dann iſt von dem Templethurm nicht eher wieder etwas Intereſſantes zu erzählen, als bis zu Ludwig XVI. Bis da⸗ hin war die Baſtille vorzugsweiſe der Kerker, zu welchem die franzöſiſchen Könige den Schlüſſel beſaßen. Franz I. hatte das alte Templergebäude prächtig renoviren laſſen und es wurde auf lange Zeit für die Großpriors von Frankreich eine ebenſo glänzende Reſidenz, wie es für die Großmeiſter der Tempel⸗ ritter geweſen war. Vendöme, ein königlicher Prinz, war der erſte dieſer Großpriors und er machte aus dem Temple eine ähnliche luſtige und frivole Reſidenz, wie ſie das Palais⸗ Royal zu jener Zeit ſchon wurde. Hier wie dort ſchöne ver— liebte Frauen, Gaſtmähler, Bälle, Soupers, Orgien, und auch dazwiſchen Geſellſchaft mit Schöngeiſtern. In allen Temple⸗ gebäuden zuſammen, die ein abgeſchloſſenes Ganzes bildeten, wohnten im vorigen Jahrhundert an viertauſend Seelen, dar⸗ unter der Großprior mit ſeinen Würdenträgern und Edelleuten. Auch beſaß der Temple das Aſylrecht für Schuldner, und es hielten ſich daher immer eine große Zahl derſelben hier auf. Im Jahre 1779 hob Ludwig XVI. dies Recht auf und be⸗ fahl auch die Abtragung der Feſtungswerke des Temple; nur den großen Thurm ließ er iſolirt ſtehen, in welchem er mit ſeiner Familie Gefangener der Revolution ſein ſollte.
Mit Ludwig XVI. wurde der Temple bis zu ſeiner gänz⸗ lichen Abtragung ein Staatsgefängniß Frankreichs, von dem zu⸗ erſt das Directorium Gebrauch machte. Es hielt hier z. B. den berühmten engliſchen Admiral Sidney Smith gefangen, den grimmigſten und gefährlichſten Feind der franzöſiſchen Flotte, der ſich durch die furchtbare Zerſtörung der republi⸗ kaniſchen Schiffe im Hafen von Toulon und durch ſeine ver⸗ wegenen Unternehmungen in Breſt und Havre einen ſchreckens⸗ vollen Namen in Frankreich gemacht hatte. Man triumphirte daher in Paris nicht wenig, als man, 1796, dieſen Seehelden der Engländer ſicher im Templethurm hatte. Aber die Freude dauerte nicht lange. Am 10. Mai 1798 ſtellten ſich einige Freunde Smith's in franzöſiſchen Offiziersuniformen bei dem Vc des Templethurms mit einem gefälſchten Befehl des
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Kriegsminiſters ein, der ihm befahl, Sidney Smith den Offizieren zum Transport nach einem anderen Gefängniß zu übergeben. Arglos that es der Wächter, und Sidney Smith war frei. Er ward in England mit Begeiſterung empfangen und erhielt ein Linienſchiff, mit dem er die franzöſiſche Flotte vor Aegypten beunruhigte und St.⸗Jean dAcre dem Ehrgeiz des jungen Bonaparte entriß.
Auch die Verſchwörer von Grenelle ſaßen im Temple, jene armen Teufel, in denen das ſchwache Directorium der Republick eine Bande furchtbarer Verſchwörer ſah, die es niederſchießen oder in die Gefängniſſe bringen ließ. Es wollte, weil es ſich ſchwach fühlte, auch etwas Schrecken hervor⸗ bringen, wie der Convent, und raffte ſich deshalb zu dieſen Füſilladen und Deportationen auf, ohne daß es ihm etwas nützte. Bonaparte war ſchon auf dem Weg, ihm den Garaus zu machen.
Die Regiſter des Temple vor 1796 bis 1804, bis zu der Umwandlung der Republik in das Kaiſerreich, enthalten mehrere ſehr intereſſante Namen von Staatsgefangenen,. B. Caraccivli, der geiſtreiche Geſandte des Königs von Neapel, Hottinger, der berühmte Bankier der Rue de Provence, Bertin, der Journaliſt, der das Journal des Debats gründete; Touſſaint⸗ Louverture, der Held von San⸗Domingo, welcher die Fran⸗ zoſen dort verjagte und an Bonaparte ſchrieb:„Der erſte Mann der Schwarzen an den erſten Mann der Weißen“; ferner die beiden jungen Polignacs, der Herzog von Rivière, Georg Cadoudal, Moreau und Pichegru.
Den Letzteren fand man am 28. Februar 1804 todt in ſeinem Zimmer im Thurm des Temple und das letzte Regiſter⸗ blatt des franzöſiſchen Generals, der ſich mit den Emigranten in eine Verſchwörung eingelaſſen, lautet alſo:„Der Neben⸗ bezeichnete hat ſich am 16. Germinal, Jahr XII. in ſeinem Bett während der Nacht entleibt, indem er eine ſchwarz⸗ ſeidene Cravatte um ſeinen Hals legte, welche er mit einem Stück Holz ſo herumdrehte, daß er erſtickte. Sein Leichnam iſt nach dem großen Saal des Juſtizpalaſtes gebracht worden, wie der Befehl der Richter des Eriminalgerichts lautete.“
Ein Journal von damals brachte darnach folgenden, hierauf bezüglichen Artikel:
„Auf die wiederholten Bitten, die er geſtellt hatte, und auf ſein Ehrenwort, nicht Hand an ſich zu legen, hatte Pichegru erreicht, daß während der Nacht ſeine Wächter zurück⸗ gezogen wurden. Jeden Morgen zündete ein Aufwärter das Feuer in ſeinem Ofen an, und Pichegru hatte dieſen Umſtand benutzt, ſich einen Reiſigzweig anzueignen, den er zum Zweck ſeines Selbſtmordes nöthig zu haben glaubte. Am 15. dieſes Monats nahm Pichegru eine ſehr ſtarke Nachtmahlzeit zu ſich und legte ſich gegen Mitternacht nieder; als der Aufwärter, der ihn bediente, ſich dann entfernt hatte, zog Pichegru eine ſchwarz ſeidene Cravatte unter ſeinem Kopfkiſſen hervor, die er um ſeinen Hals legte. Mittelſt des Reiſigſtücks, welches ₰ er in den Kanten ſeines Halstuches einpreßte, führte er nun 6 ſeinen Plan des Selbſtmordes aus, indem er ſo oft das Holz umdrehte, bis er glaubte, daß die Erſtickung durch Abbinden der großen Adern eintreten müſſe. Nahe daran, dem Athem zu verlieren, hielt er das Holz gleich einem Wirbel hinter ſeinem Ohr feſt und legte ſich darauf. Natürlich erſtickte er im Laufe der Nacht. Gegen 3 Uhr hatte noch der neben ſeinem Zimmer wachende Aufwärter ihn mehrere Male huſten und auswerfen gehört, und an der Art und Weiſe, wie dies geſchah, glaubte er den Gefangenen durch irgend eine Beſchwerde beläſtigt; aber da er nichts weiter hörte, glaubte er ihn nicht wecken zu müſſen. Um 7 Uhr trat der Wärter in ſein Zimmer, um wie gewöhnlich Feuer anzumachen, und erblickte auf dem Bett den bewegungsloſen Körper.“
Das Gerücht von Pichegru's Tode verbreitete ſich ſchnell in Frankreich und Europa, und es wurde durch die Gegnephf des erſten Conſuls ſo weiter verbreitet, als wenn der Selbſt mord des unglücklichen Gefangenen genau einem Morde zücheß Bonaparte, ſagte man, habe durch ſeinen Mamelucken einen Rival umbringen laſſen, vor dem er ſich gefürchtet. Napoleon ſelbſt ſchrieb darauf bezüglich auf St.⸗Helena:„Ich würde
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