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Director dem Andringen ſeiner Künſtler nachgegeben und die Claque
wirklich abgeſchafft. Was aber geſchah ſchon am erſten Abend? Die beiden bedeutendſten Künſtler wurden ausgeziſcht.
hatten ſich heimlich auf eigene Hand eine Claque erworben, um ſich
gegenſeitig ausziſchen zu laſſen, und ſo mußte denn die officielle Clague eröffnet. Der Alcazar im Faubourg⸗Montmartre hat ſeine Räume
wieder eingeführt werden. Ich ſchrieb bereits von dem Ueberhandnehmen der Cafés concerts
oder Cafes-spectacles, wie ſie fortan heißen werden, da ſie ebenſo gut Theater geworden ſind wie alle übrigen.
Auch die Geſellſchaft der dramatiſchen Schriftſteller hat ſich bereits
herbeilaſſen müſſen, mit ihnen in Unterhandlung zu treten und einen Vertrag mit ihnen zu ſchließen, wonach ſie ſo und ſo viele Procente eide
für die Aufführung gewiſſer Scenen, für das Singen von Couplets ꝛc. an ſie entrichten werden. Inzwiſchen haben die Sommer-Cafés-chantauts ihren Feldzug
geſchloſſen und ſeine Concerte in den Champs⸗Elyſces begonnen.
Suſanne Lagier ſingt ihre Zoten und Gaſſenhauer mit der Lerche
unter demſelben blauen Dach. Himmel, haſt du keine Blitze? Hans Wachenhuſen.
Aus Ungarn.
In den jüngſt verfloſſenen Tagen waren die Spalten aller Zeitungen angefüllt mit Beſchreibungen der Krönungs⸗ feierlichkeiten in Ungarn. Die ganze phantaſtiſche Pracht der eigenthümlichen Nation, von der man nur noch träumte, entfaltete ſich von neuem, ja ſie erſchien um ſo glänzender, je ſchwerer dieſer Tag erkämpft war.
Wer jemals dieſes zauberhafte Land geſehen hat, wird gewiß ein Sehnen empfunden haben, gerade in dieſer Zeit noch einmal wieder dort zu ſein, um alle dieſe, die Sinne ſo beſtrickenden Bilder an ſich vorüberziehen zu laſſen. Wer könnte wol den Eindruck verwiſchen, den der Anblick der Schweſterſtädte Peſt⸗Ofen auf den Fremden macht, wie prangt nicht die Königsburg auf hohem Berge in der Abendſonne, ſich zugleich zu ihren Füßen in der mächtigen Donau ſpiegelnd, wie majeſtätiſch erheben ſich die Paläſte des reichen Peſt an den Ufern, wie feſſelt nicht der maleriſche Verkehr, hüben und drüben durch das Rieſenwerk der Kettenbrücke vermittelt, und wie mag das Alles gerade in dieſer Zeit in doppeltem Glanze geſtrahlt haben, denn dieſe Tage ſind ja für Ungarn der Anfang einer ganz neuen Epoche!
Wie wunderbar, wie ungeahnt ſich doch zuweilen die Ge— ſchichte abwickelt; auf demſelben Platze der Ofener Feſtung, auf dem in dieſen Tagen das bewegteſte Feſtgewoge war, floſſen im Jahre 1848 nach der Erſtürmung des Feſtungs⸗ berges durch ungariſche Freiwillige Ströme von Blut. 500 Kroaten verbluteten hier für das Haus Habsburg, für die ungeſchmälerte Einheit des Kaiſerreichs im Kampfe gegen die Ungarn. Derſelbe Herrſcher, der heute die Krone des heiligen Stephan trägt, ſetzte den Tapfern ein Denkmal, als Belohnung für ihre Heldenthaten im Kampfe gegen die Erhebung der Ungarn, das heute ein ſtummer und doch vielſagender Zeuge der Wiedergeburt Ungarns iſt; hoffen wir, daß eine beſſere und glücklichere Zeit für das ſchöne Donauland beginne.
Doch ich will und kann ſo wenig Geſchichte wie Politik ſchreiben, ich will nur eine flüchtige Erinnerung an meinen einſtigen Aufenthalt in Ungarn wiedergeben, die mir mehr wie manche andere lieb und werth geworden iſt.
Durch Vermittelung eines Freundes erhielt ich eine Ein⸗ ladung nach einem Gute in der Nähe von Szolnock; ich kannte das ungariſche Landleben noch nicht genau und freute mich alſo ſehr darauf, ſo recht in die Mitte deſſelben hinein zu kommen. Die Eiſenbahn brachte mich und meinen Freund in wenigen Stunden zu der Station, auf der wir ausſteigen mußten und wo ſchon ein ſchnurrbärtiger Kutſcher in beſchnürter Livree unſer wartete, um uns die wenigen Meilen nach unſerm Ziele zu fahren. Wir fuhren durch verſchiedene Ortſchaften, ließen uns begaffen und begafften wieder, ich intereſſirte mich
für die eigenthümlichen Mühlen, die von Pferden in Be⸗
wegung geſetzt werden, ſah zum erſten Male, wie man Korn durch Pferde austreten läßt, wie die Tabaksfelder ſauber be⸗ baut und bepflanzt wurden, wie Schäfer auf Eſeln ihre Heerden weideten, kurz Manches, was mir neu und ungewöhn⸗ lich war. Bei unſerer Ankunft auf dem Gute fanden wir die Herren und Damen des Hauſes unter der Halle, die man vor faſt allen Herrſchaftsgebäuden findet, um uns mit wirk⸗ lich ungeheuchelter Herzlichkeit zu empfangen. Es iſt wol eine unbeſtrittene Thatſache, daß wirklich weitgehende Gaſtfreund⸗ ſchaft in Ungarn mehr wie wo anders geübt wird. Die
Stolze Bauern in reicher Nationaltracht
wenigen ſchönen Tage, die ich dort verlebte, haben mich davon überzeugt. Alles, was ein Landaufenthalt nur bieten kann, wurde aufgeboten, um uns die Zeit angenehm zu machen. Reiten, Jagen, Fahren, Scheibenſchießen, Beſuche in der Nachbarſchaft verkürzten uns die Zeit auf die angenehmſte Weiſe, und nur den Wunſch hatte ich, ſie länger genießen zu können. Da wurde eines Tages beſchloſſen, eine Partie nach dem etwa zwanzig Meilen entfernten Badeyrte Parad zu machen, auf die ich mich um ſo mehr freute, als ich das ungariſche Badeleben noch gar nicht kannte. Eine Geſellſchaft, beſtehend aus vier Herrn und ebenſo viel Damen, fuhren wir eines Morgens beim Grauen des Tages in zwei vierſpännigen, prächtig aufgeſchirrten Wagen ab, ich bekam einen Platz neben einem ehemaligen öſterreichiſchen, jetzt mexicaniſchen Rittmeiſter, der, ein etwas flacher aber gutmüthiger Menſch, ſich Schulden halber dem mehr wie kühnen Zuge des Kaiſers Maximilian anſchließen wollte; iſt er ein Opfer dieſer unglücklichen Unter⸗ nehmung geworden, oder iſt er wieder zurückgekehrt, ich weiß es nicht. Seine Erzählungen drehten ſich immer um Reiterkünſte, um die Vorzüge der öſterreichiſchen Cavalerie u. ſ. w. Ich als Fremder wurde mehr von den Damen in Anſpruch ge⸗ nommen, denen ich gar nicht genug von Preußen, von dem ganz im Sandmeer liegenden Berlin und von dem Schlimmſten aller Schlimmen, von Bismarck, erzählen konnte, dabei fuhren wir mit raſender Geſchwindigkeit über meilenlange unwirthbare Haideflächen ohne Weg und Steg, dann einmal wieder durch Dörfer von armſeligem ſchmutzigen Ausſehen, an Pferdeheerden vorüber, die nüſternd und ohrenſpitzend uns vorüberſauſen ließen. Bis Mittag hatten wir auf dieſe Weiſe ſchon die größere Hälfte der Fahrt zurückgelegt. In einem Dorfe wurden die Pferde gewechſelt(ſchon Tags vorher waren ſie vorausgeſchickt), wir reſtaurirten uns in mitgenommenen Eß⸗ waaren, denn unterwegs war ſchlechterdings nichts zu be⸗ bekommen, und fuhren dann in gleichem Tempo weiter und kamen gegen Abend in der Mitte zwiſchen den Städten Erlqu und Gyön⸗gyös in der Nähe des Mutra Gebirges an, wo wir bei einem befreundeten Ispann(Gutsinſpector) Nacht⸗ quartier bezogen. Wieder empfing uns die herzlichſte Gaſt⸗ freundſchaft; ich aber, des langen Fahrens ungewohnt, ſuchte meine zerſchüttelten Glieder ſchnell zur Ruhe zu bringen, am andern Morgen ſollte es ja früh wieder weiter gehen. Ich ſchlief, wie man auf einem köſtlichen Lager nach einer ſolchen Tour nur ſchlafen kann, ſo daß ich am andern Morgen mehr⸗ mals geweckt werden mußte.
Diesmal fuhren wir aber einer romantiſchen Gegend ent⸗ gegen, lachende Dörfer in prächtige Obſtbäume gehüllt er⸗
warteten uns in den Thälern und von den Abhängen herab. begegneten uns mit ihren leichten Fuhrwerken, ſchwarzäugige Zöpfen beſchauten uns ig über di ſtrotzte von Fülle un
Aber gerade ir häufigſten die ſchwa wunderbaren Völkche und wohin es geht. dieſer Freieſten allet pracht, ſie ſäen nicht, Vater ernährt ſie doch.
Mädchen mit langen Gartenzäune, Alles
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