Jahrgang 
1867
Seite
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unterbrochen mit dem liederlichſten und übermüthigſten Matroſenge⸗ eine große Anzahl leichtſinniger Söhne das Geld ihrer Väter und

ſindel bevölkert, das dem Corſet entſprungen, in der rothen oder

blauen Gondoliere auf der Seine ſeine Tollheiten treibt und die Nacht hindurch den Park mit ſeinem Evos erfüllt.

Der Fremde wird ohne Zweifel während der Expoſitions⸗Saiſon dieſen kleinen graziöſen Jean Vart's mit den zierlichen Füßchen ſehr oft begegnen, und wer die Biche auf dem Boulevard und im Bois beobachtet, wird ſie auch hier in ihrem Elemente finden.

Auffallend iſt in Paris die Einfachheit der Männerwelt gegen⸗ über der maßloſen Verſchwendungsſucht der Frauen. Auf der Pro⸗ menade ſowohl wie im Geſchäftstreiben auf den Boulevards ſehen wir die Männer jedes Alters ohne allen Aufwand in der Kleidung. Schlicht und anſpruchslos gehen ſie Alle einher, das rothe Bändchen iſt ihr einziger Luxus; ſelbſt der Dandy verſchmäht gewöhnlich die Handſchuhe, deren man nirgendwo ſo wenig conſumirt wie hier.

Man beobachte, wenn der Pariſer mit ſeiner Geliebten im Reſtaurant ſitzt. Er muß den großen Suppenlöffel ergreifen und beide Aſſietten füllen; ſie ſieht zu und läßt ſich bedienen. Er muß den Braten tranchiren, den Salat zurecht machen; ſie ſieht zu und läßt's ſich wohl ſchmecken. Süße, goldene Sklaverei!

Ein Frack und ein ſchwarzer Pantalon ſind für jeden Gentleman de rigueur. In den kaiſerlichen Opern iſt es ſogar ein vom Uſus vorgeſchriebenes Ceremoniell, im Frack zu erſcheinen. Die Poſe be⸗ ginnt immer erſt da, wo viele Franzoſen ſich bei Lampenlicht oder im Kerzenſchein, d. h. einer Soirée zuſammen finden.

Eine Geißelbieſer Soiréen ſind die Concerte, die muſikaliſche Manie, von der ich ſchon geſprochen. Wer eine Svoirée beſucht, kann darauf geſaßt ſein, ſich einer ſtundenlangen muſikaliſchen Execution unterwerfen zu müſſen. Irgend ein Pianiſt des Tages haut zu unſrer Qual auf dem Inſtrument herum; eine Sängerin mit italieniſchem Namen, hinter dem ſich eine ehrliche Deutſche verſteckt, martert uns mit einer endloſen Arie; dann kommt ein Quartett, um uns den Angſtſchweiß auf die Stirn zu treiben, und mit zerriſſenen Nerven ergreift man endlich die Flucht, um in irgend einem Kaffeehauſe ſeine zerfolterten Sinne wie geſchlagene Truppen wieder zu ſammeln.

DieCauſerie geht in Frankreich unter: dagegen graſſiren die Conferenzen, d. h. die geiſtreichen Vorträge, mit denen man eine ganze Generation in den Schlaf lullen kann!

Beiſpielsweiſe hat Ullmann den Redacteur desPetit Journal, Th. Trimm, gegen eine Summe von 100,000 Frans engagirt, um ihn durch die franzöſiſchen Provinzen zu ſchleppen, und verſpricht ſich von den Conferenzen dieſes Mannes, der das Jahr 395 Pariſer Chroni⸗ quen ſchreibt, einen glänzenden Erfolg.

Auch Alexander Dumas peére iſt für 40 50,0 0 Francs nach Amerika engagirt, um den Yankees Anekdoten zu erzählen. Uebrigens wird der alte Herr wahrſcheinlich fortab Dumas grand-péère unter⸗ zeichnen, da Dumas fils von ſeiner Gattin, geb. Nariſchkin, ſoeben mit einer Tochter beſchenkt worden.

Apropos dieſes Familien-Ereigniſſes ſei hier eine der größten Narrheiten unſerer Zeit erwähnt, die vielleicht viel Nachahmer findet. Ob Scherz, ob Wahrheit, ſie klingt originell genug und paßt in den Ton der Gegenwart.

Man veröffentlichte folgende Geburtsanzeige:

Monsieur de X. a l'honneur de Vous faire part de sa naissance, qui a eu lieu avant-hier. Il se porte à merveille et sa meère aussi.

Der kleine Herr von X. zeigt alſo an, daß er vorgeſtern geboren worden, und ſich ſehr wohl befindet. Seine Mutter auch.

Sind doch die Kinder hier ſchon längſt emancipirt; nur aus alter Angewohnheit läßt man ſie noch von einem Hausmeiſter unter⸗ richten, obgleich ſie es nicht nöthig haben.

Die Pariſer Journale ſchreiben über einen Kinderball mit der⸗ ſelben ernſten Miene wie über einen Empfang in den Tuilerien. Als kürzlich der Oberſtallmeiſter des Kaiſers, Fleurh, eine Kinder⸗Redoute gab, waren am nächſten Tage alle Pariſer Chroniqueurs außer ſich vor Entzücken über die Anmuth des Fräulein A., über die Grazie des Fräulein Y. und über das bezaubernde Lächeln, über die unnach⸗ ahmliche élégance und souplesse des Fräulein Z. und endlich über den ritterlichen Applomb, über die Tournure der Herrn O. und P. und endlich über die Aufmerkſamkeit, welche die Herrn Q. und R. den Damen S. und T. erwieſen, durch welche die Eiferſucht der Herren U. und V. erweckt worden u. ſ. w. Lauter Behés von fünf bis zehn Jahren, denen die Pariſer Tagespreſſe mit der ehrenfeſteſten Miene ihre Huldigung darbringt!

Was läge Erſtaunliches darin, wenn einer dieſer Chevaliers fünf Jahre vorher den Freunden und Verwandten ſeine Geburt anzeigte! Mit funfzehn Jahren haben dieſe Cavaliere ſchon ihre Maitreſſe, mit zwanzig Jahren haben ſie ein ho ene Vermögen durch⸗

gebracht!

Ich glaub it Rückſicht hierauf Be⸗ denken trägt, d zu ſanctioniren. Es iſt tgeweſen, da die Sache

wol möglich, do

noch einma l und in dieſer das Bedenken de Man mu m Leichtſinn, mit welchem hier

das ihrer Gläubiger unter die Leute bringt.

Die Elubs machen faſt jeden Abend Unglückliche durch das hohe Spiel, das in allen dieſen geſchloſſenen Geſellſchaften getrieden wird. Die Summen, die man am Abend auf Ehrenwort verloren, müſſen am andern Tage beſchafft werden, um nicht ein Ausgeſtoßener und als ſolcher der elendeſte Menſch der Welt zu werden.

An demſelben Abend verſpielt vielleicht die Maitreſſe des Unglück⸗ lichen gerade ebenſo viel, oder ſie vergeudet auf andere Weiſe ihre letzten Tauſendfrancsbillets, und der ſchon Verzweifelte erhält von ihr am andern Morgen ein zärtliches Schreiben, in welchem ſie ihn um 20,000 Franes, eine Bagatelle, erſucht.

Das Leben als Dandy koſtet unter Brüdern ſeine 50 dis 100,000 Francs des Jahres, wenn man ſelbſt dem theuerſten Laſter, dem Spiel, nicht ergeben iſt. Eine Maitreſſe, die chie hat, um die man beneidet werden kann, verbraucht bei großer Sparſamkeit ihre 30 bis 50,000 Francs; dahinzu kommen noch die passion hippique, die Wettrennen und die Luſt an ſchönen Pferden, die Theaterlogen, die Equipagen, die Geſchenke das größte Vermögen muß ſich unter ſolchen unabweislichen Nothwendigkeiten verkrümeln, gar nicht zu ſprechen von den Summen, welche die Börſe verſchlingt, wenn es der erſteren durch kühne Speculation die Contrebalance zu alten.

Ich kenne einen jungen Polen, der vor ſechs Jahren mit einer reizenden Maitreſſe ſein Vermögen im tollſten Rauſche verjubelt und ſich plötzlich dem Bettelſtab nahe ſah. Einer der Börſen⸗Agenten, der ſeine Verhältniſſe durchſchaute, rieth ihm, ſein Letztes zu einem⸗ unfehlbar glücklichen Börſencoup zu verwenden, und dieſer Coup ge⸗ lang über alle Erwartung. Er war wieder reich.

Aber auch die Geliebte hatte ſeine Verhältniſſe durchſchaut und hinterließ ihm ein kühles Billet des Inhalts, daß ſie mit einem ſeiner Freunde nach London gereiſt ſei.

Der Verlaſſene ſagte ſich: um ein Weib zu vergeſſen, muß man zwei andere lieben. Er that es; aber zwei bringen noch mehr als eine durch, und bald war er wieder auf den Sand geſetzt.

Seitdem iſt er ſtets auf den Boulevards, und glücklich iſt er, wenn es ihm gelungen, ein Hundertſous⸗Stück zu erobern.

Paris iſt der Sammelpunkt aller Glücklichen und Unglücklichen. Du triffſt hier, lieber Leſer, die Schiffbrüchigen von aller Welt Enden, die hier die Chance haben, noch einmal wieder ſflott zu werden. Sft gelingt es ihnen; wenn nicht, ſo ſteht wenigſtens Niemand ihr Elend.

S ich hier von einem Polen ſprach, ſei auch von einer Polin erzählt.

Während der letzten polniſchen Inſurrection lernte ich im Lager des Dictators Langiewitſch ſeine Adjutantin, jene Amazone Fräulein Puſtowohtow, kennen, von der alle Zeitungen erzählten.

Wie der Chef der Inſurrection ward auch ſie nach dem unglück⸗ lichen Ausgange derſelben in Oeſterreich internirt, das ſie ſpäter Beide verlaſſen durften. Langiewitſch ging nach Bern, und wie man ſagt, iſt er kürzlich in das chriſtliche Koſacken⸗Corps des Sultans getreten.

Henriette Puſtowohtow war lange verſchollen. Jetzt aber weiß ich, wo ſie iſt hier in Paris, wo ſie als Blumenmacherin ihren Lebensunterhalt verdient.

Heute das Schwert, Morgen den Blumenſtengel ſo wechſeln die Rollen! Eben höre ich, ſie iſt vor einigen Tagen geſtorben. So hat ſie alſo Frieden geſchloſſen mit Gott und ihren Feinden!

Es gibt hier Leute, die aus unglaublichen Geſchäftszweigen die unglaublichſten Revenüen beziehen; was wir daheim anſtandshalber nur aus Gefälligkeit thun zu können glauben, hier wird daraus ein Geſchäft gemacht. Selbſt der Verkauf von Theaterbillets iſt haupt⸗ ſächlich in den Händen zweier Agenten, die am Boulevard des Italiens ihre großen Bureaux haben.

Sie ſind verpflichtet, in allen Theatern, mit welchen ſie in Ver⸗ bindung ſtehen, eine Anzahl Billets jeden Abend zu kaufen, ſind alſo auch berechtigt, jeden Preis dafür zu fordern. Für ſchlechte Theaterabende werden ſie durch den Wucher an andern Abenden reich⸗ lich entſchädigt, und ihre Geſchäfte müſſen alſo nothwendig glänzend ſein, wenn man bedenkt, daß z. B. das AusſtattungsſtückCendrillon vor einigen Tagen zum 251. Male gegeben wurde.

Auf Monate hinaus ſind bei jedem einigermaßen einſchlagenden Stück die ſämmtlichen Plätze beſtellt, und wer alſo das Stück ſehen will, fällt ohne Gnade dieſen Agenten in die Hände.

Nicht minder einträglich ſind die Geſchäfte der Elaqueurs. Die Chefs derſelben ſind David Vater und Sohn, die von jeder Vor⸗ ſtellung, bei der ſie Pathe ſtehen, ihre beſtimmte Anzahl Freibillets erhalten, von denen ſie an ihre Freunde verkaufen dürfen.

Ohne Claque iſt der Erfolg eines Stückes unmöglich. Die Pariſer ſind daran gewöhnt, hinten im Parterre vor der geſchloſſenen Phalanx derRomains den Applaus ausgehen zu ſehen und ſich dann dieſem anzuſchließen.

So bedauernswerth dieſer Mißbrauch iſt, wagt doch Niemand an die Beſeitigung deſſelben zu denken. Ponſard, Dumas, Sardou, Gounod, Verdi, Alle ſind ſie die Sklaven dieſer Römer, und Vater David iſt längſt ein ſchwer reicher Mann, der ſeine Häuſer beſitzt und den Theater⸗Directoren große Vorſchüſſe macht.

An einem der erſten hieſigen Theater hatte früher einmal der

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