Jahrgang 
1867
Seite
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Stutznaſe umher baumelt.

Heimat in der Mulacksgaſſe haben, jedenfalls bin ich ihnen ſchon in

öffentlich betrinken zu können. Die Kammern aber wollen ihm nur

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auf dem Kopf, ſo daß ihr der goldene Troddel fortwährend vor der Ihr Körper, namentlich ihre Bruſt, iſt vortrefflich möblirt, aber ihre Zunge verleugnet das Vaterland. Eine Andere erſcheint im böhmiſchen, noch eine Andere im mähriſchen oder ungariſchen und endlich Eine ſogar im ſerbiſchen Coſtüm.

Herr Dreher und die Chineſen ſind die größten Humbuger. Ich hege eine gegründete Vermuthung, daß dieſe chineſiſchen Elowns ihre

Deutſchland auf irgend einem Jahrmarkt begegnet. Mit Ausnahme der beiden unglücklichen Würmer, die Herr Arnoult in ſeinem Theätre⸗ Chinvis zum Oeffnen des Vorhangs angeſtellt, iſt Alles Contre⸗ fagon. Das iſt indeß nur noch der Anfang der internationalen Maskerade, denn noch ſind alle die Deputationen aus dem tiefſten Oſten und Weſten, die ſich angemeldet, unterwegs.

Man erwartet Geſandtſchaften aus Cochinchina und die einiger anderer aſiatiſcher Souveräne. Die Zeitungen meldeten auch eine Deputation der Iles sous le vent, doch ſoll in jenem Reiche Unzu⸗ friedenheit herrſchen. Der Inſel-König hat ſeinen Kammern eine Vorlage gemacht, laut welcher er die Freiheit verlangte, ſich täglich

die Machtvollkommenheit gewähren, ſich heimlich in ſeinem Palaſt zu betrinken, ſo viel er wolle.

So kann es denn in conſtitutionellen Monarchien niemals Frie⸗ den geben!

Auch die Königin von Madagascar mußte bekanntlich bei ihrer Thronbeſteigung ſchwören, dem Abſynth und der Aniſette entſagen zu wollen, was ohne Zweifel eine demüthigende Beſchränkung ihrer königlichen Rechte iſt.

Die intereſſanteſte Deputation hat uns Italien geſandt. Neben den Tauſenden von italieniſchen Bettelkindern, die ſeit lange ſchon mit der Geige in der Hand jedem Vorübergehenden in den Weg treten und ihm den Arm ausſtrecken, hat eine Geſellſchaft von Specu⸗ lanten in Italien fünfhundert neue ſolcher kleinen Strolche, Knaben und Mädchen, aufgetrieben und ſie auf ihre Rechnung nach Paris zur Ausſtellung geſandt, um die Fremden auszubeuten.

Rudelweiſe ſieht man überall dieſe Murillos umherlaufen und Alle moleſtiren. Sie ſind ſämmtlich Ialiener, und die Geſellſchaft glaubt mit ihnen gute Geſchäfte zu machen. Was kann auch aus Nazareth kommen!

Die Zeitungen ſind langweilig und inhaltslos geworden. Held Girardin, der alte Bajazzo, hat brummend ſeinen Säbel abgeſchnallt und iſt wieder in ſeine Küche gegangen, die ſeine Kirche iſt. Der Figaro wurde indeß wegen eines Artikels über die Zuſammenkunft der Könige in Paris verboten, iſt aber wieder zu Gnaden gekommen.

Nur zerſtreut findet man in den Journalen noch Mittheilungen über Deutſchland, Berichte, die ebenſo gut auf den Mond wie auf die deutſchen Staaten paſſen. Da der Pariſer nur ſeine Boulevards kennt, nimmt er mit gläubigſter Miene den größten Blödſinn hin. Daß wir bei uns ſelbſt im Sommer nur in Pelzſtiefeln gehen und in Berlin bis an die Knie im Sande waten, iſt eine alte Tradition; daß wir juſt auch ſo ungebildete Leute ſind, wie uns Tacitus ge⸗ ſchildert, gilt als feſtſtehend. Wir nähren uns von Sauerkraut, gehen in Preußen mit den Lorbeeren von Sadowa auf dem Kopf ſpazieren und verſpeiſen Sonntags lebendige Hühner.

Daß wir nichts Anderes leiſten können, als höchſtens Kanonen gießen, auf denen wir ſpazieren reiten, das beweiſen ſie uns aus unſerer preußiſchen Abtheilung im Induſtrie⸗Palaſt, und zu unſerer Beſchämung muß ich eingeſtehen, daß dieſe das Aſchenbrödel der ganzen Weltausſtellung iſt.

Ich wiederhole, auch wir haben viel Schönes uud Verdienſt⸗ volles geleiſtet und unſere Maſchinen⸗Galerie, die Bergwerks⸗Erzeug⸗ niſſe, die rheiniſchen Tuche geben Proben davon, aber was Hervor⸗

ragendes in unſerer Abtheilung iſt, wird durch das philiſtröſe Arrangement in Schatten geſtellt.

Es kommt in dieſer Welt, namentlich aber in Paris, bei Allem darauf an, wie es ſervirt wird. Der Induſtrielle darf darauf Anſpruch machen, ſeine Erzeugniſſe in der vortheilhafteſten, ins Auge ſpringendſten Weiſe arrangirt zu ſehen. Der Edeiſtein verlangt ein⸗ mal die Faſſung, und der genialen Art und Weiſe gegenüber, mit welcher die Franzoſen, die ſchon den größten Raum zur Entfaltung ihrer Induſtrie haben, Alles zu drapiren, zu exponiren verſtanden, mußte auch bei uns der Geſchmack vorwalten.

Aber es ſcheint ſich auch im Arrangement der Charakter der

Seite abzugewinnen ſucht, während die Geſellſchaft gewiſſenhaft in die Fußſtapfen der Pariſer tritt. Oeſterreichs Lurus⸗Fabrikation ſteht in manchen Zweigen mit Glück neben der Frankreichs, aber auch das Arrangement ſeiner Ausſtellung iſt dem Auge gefällig und mit unleugbarem Geſchmack getroffen worden.

Was nutzt es, ſich in die eigene Taſche zu lügen. Es iſt wol viel Genie in den einzelnen Leiſtungen Preußens, aber in der An⸗ ordnung des Ganzen ſucht man es vergebens. Es ſoll mir leid thun, wenn ich unſerer Commiſſion damit nichts Angenehmes ſage, jeder Andere aber wird ihr daſſelbe ſagen können. Der große Kanonen⸗Elephant kann uns nicht retten, und ſelbſt den preußiſchen Reſtaurant, deſſen Wirth, wenn ich nicht irre, aus Solingen ge⸗ kommen, ſollte man lieber ſchließen, da er eine klägliche Rolle ſpielt. So Mancher iſt ſchon hineingetreten, um bei ihm wenigſtens ein Glas des berüchtigten Berliner Weißbiers zu verlangen, aber ſelbſt das nationale Getränk von Preußens Hauptſtadt iſt hier kaum dem Namen nach bekannt.

Wien überſchwemmt die ganze Ausſtellung mit ſeinem Bier: Baiern wetteifert ziemlich glücklich mit ihm. Warum ſind nicht die ſächſiſchen, thüringſchen u. ſ. w. Gebräue hierher geſandt, die bei dem großen Durſt gewiß gute Geſchäfte gemacht haben würden? Das Intereſſe für die Weltausſtellung muß ſehr lahm in Norddeutſchland geweſen ſein, oder man war zu bequem, um ſich auf dergleichen ein⸗ zulaſſen. Die preußiſchen Rheinweine ſtehen ganz beſcheiden und be⸗ ſchämt in einem kleinen Glas⸗Verſchlage, während Heſterreich mit ſeinen Weinen eine großartige Aufſtellung zeigt. Ueberall ſind wir blöde und beſcheiden, geſchmacklos einfach, als habe es gegolten, einen Jahrmarkt zu beziehen; kein Wunder alſo, wenn wir im Schatten tehen. Uebrigens drängt ſich mir bei jedem Beſuch immer wieder die Ueberzeugung auf, daß dies wohl für lange hin die letzte Weltaus⸗ ſtellung ſein wird. Uebertroffen kann ſie nicht werden, und wenn das ſo fort geht mit den koſtſpieligen Weltausſtellungen, die jeden Geſchäftsmann bei der Ambition faſſen, dürfte der Induſtrie die Elle länger als der Kram werden.

Endlich wurde der Park von Asnières eröffnet. Herr Smith, der Beſitzer von Cremorn-Garden in London, hat dieſes Pariſer Elyſium gepachtet und es ganz nach ſeinem Londoner Etabliſſement eingerichtet. Er ſcheint keinen Ueberfluß an Ideen zu beſitzen, da er ganz daſſelbe noch einmal ſchaffen mußte.

Die Einladungen zur Eröffnung des Cremorn von Asnières waren über ganz Paris ausgeſäet; man durfte am Nachmittage nicht die Boulevards paſſiren, ohne von einem Bekannten mit Billets für Asnieères überfallen zu werden.

Der Park von Asnieères iſt ſeit lange bei den Pariſern in großem Credit. Früher tanzte man hier den Cancan unter den Bäumen auf einer Art Dreſchtenne, jetzt hat Herr Smith eine Tanzſcheibe herge⸗ ſtellt, in deren Mitte ſich ein mit bunten Lampen illuminirter Pavillon erhebt. Die Eiſenbahn fährt halbſtündlich in wenigen Minuten vom Bahnhofe St.⸗Lazare am rechten Ufer der Seine hinaus; die Feſte beginnen kaum vor 10 Uhr und in den ſchattigen Partien des Parkes kann Jeder ſehr glücklich ſein, der mit einem gut aſſortirten Porte⸗ monnaie hinausfährt.

Ein eigenthümliches Unglück waltete über dem erſten Abend⸗ Man hatte ſich eine Menge von Gäſten hinausgeladen, aber es war nichts zu haben. Der engliſche Mechanismus, mit welchem man den Kaffee herſtellen wollte, verſagte ſeinen Dienſt; Wein, Sodawaſſer und was ſonſt an Erfriſchungen begehrt wurde, waren nicht vorhan⸗ den; das Publikum mußte alſo Allem entſagen, und die engliſchen Damen am Büffet zeigten in dieſer Verwirrung eine Geiſtesgegen⸗ wart, die durch keinerlei Demonſtrationen ſich beirren ließ.

Blondin, der für die ganze Saiſon hier engagirt iſt, beſtieg gegen 11 Uhr das Seil unter großem Feuerwerk, während ein ge⸗ witterdüſterer Himmel ſeine Blitze über Paris kreuzte. Ein ungeheurer Regenguß machte der Feier ein Ende.

Asnibres ſteht, wie ich ſagte, bei den Pariſern in einem unver⸗ wüſtlichen Renommé; es iſt das Mecca der Griſetten und Cocottes, die hier mit ihren Amants die Nacht durchſchwärmen. Der Ort ſelbſt hat für den Fremden keine Reize. Das Seine⸗Ufer iſt nackt und poeſielos, indeß iſt man in den kleinen Chalets ganz leidlich aufge⸗ hoben.

Old⸗England hat durch Herrn Smith jetzt Asnieres zu einer Art

Völker hier auszuprägen. Wir Preußen ſind von Hauſe aus eine praktiſche, ſparſame und nüchterne Nation; wir ſchaffen mehr für den Hausbedarf, für die unumgänglichſten Bedürfniſſe, und haben im Luxus unſere Force nicht. Allerdings haben wir gezeigt, daß man dadurch zu etwas kommt, aber man bezieht doch im Schlafrpck nicht die Völkerfeſte, den Wettkampf der Nationen. 4

Erklärlicherweiſe hatte man ein ſcharfes und nicht immer zünſtiges Auge auf uns, da wir politiſch im Vordergrunde der Gegenwart ſtanden; man iſt aber einſtimmig der Meinung, daß Preußens Ab⸗ theilung hinter den allgemeinen Erwartungen zurückgeblieben.

Unſer Nachb ar Oeſterreich debütirt hier ganz anders. Freilich ſind Heſterreichs Erzeugniſſe großentheils dem Luxus gewidmet und charakteriſtiſch für den Volksgeiſt, der dem Leben mehr die heitere

brittiſcher Colonie gemacht. Die Bedienung im Park iſt engliſch, die Getränke ſind engliſch, die Ladies hinter dem Büffet ſind engliſch, indeß zwingt der internationale Verkehr zu einem inſtinctiven Sprachen⸗ ſtudium.

Die Kellner antworten bald oui, bald Jes, und eine der Ladies, die uns deutſch ſprechen hörte, war zuvorkommend genug, Einen von uns mitWas willſt Du? anzureden, als er ans Büffet trat.

Asnieres iſt auch der Schauplatz der großartigen Regatten, welche die Clubs hier auf der Seine veranſtalten. Nicht nur die Dandies und Gamins von Paris erſcheinen hier an beſtimmten Tagen im Matroſenkoſtüm, auch die flotteſten Biches kleiden ſich zu den Regatten in das Marine⸗Coſtüm, und zur Sommerzeit ſieht man Asnières un⸗