Jahrgang 
1867
Seite
613
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ſpazieren.

welchem wir neben dem preußiſchen Conſul wohnten, von den in Smyrna anweſenden Preußen der Geburtstag des Königs Wilhelm I. gefeiert durch Gottesdienſt und ein Banket. Der Conſul nahm natürlich an dem Feſte Theil, hatte aber trotz⸗ dem noch Zeit finden können, für unſere Abreiſe in ſehr freundlicher Weiſe Vorbereitungen zu treffen. Um uns auf dem kürkiſchen Dampfer, der uns nach Konſtantinopel führen ſollte, die mindeſtens läſtige Durchwühlung unſerer Sachen durch die Zollbeamten zu erſparen, wurde auf dem Bote, welches uns nach dem Schiffe hinüberführte, die preußiſche Flagge aufgehißt und es begleiteten uns der Kanzler und der Dragoman, ſowie mehrere Diener des Conſuls. Der Effect dieſer Maßregeln war durchaus unſern kühnſten Wünſchen

entſprechend.

Wir fuhren durch die Dardanellen, die überall, wo nur irgend ein Punkt der Küſte ins Meer hineinſpringt, mit Feſtungswerken verſehen ſind. In Gallipoli erfuhren wir, daß in der vorhergehenden Nacht ein ruſſiſcher und ein engliſcher Dampfer im Marmorameer zuſammengefahren und der erſtere faſt augenblicklich zu Grunde gegangen ſei, ohne daß ſeine, aus etwa funfzig Perſonen beſtehende Beſetzung gerettet werden konnte. Und dabei war das Meer vollſtändig ruhig geweſen.

Gegen Abend wurde auf unſerm Schiffe von einer böhmiſchen Muſikanten Geſellſchaft ein Concert veranſtaltet, welches uns ganz heimatlich berührte und in die heiterſte Stimmung verſetzte. In der Nacht hatten wir jedoch wieder einen Sturm zu überſtehen, der unſer Schiff ſo umherwarf, daß wir glaubten, den Morgen nicht mehr zu erleben. Mit

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Tagesgrauen änderte ſich das Wetter indeſſen; es trat Regen ein, was uns verhinderte, Konſtantinopel vom Meere aus zu ſehen.

Konſtantinopel beſteht aus zwei Theilen: Stambul, nur von Muſelmanen bewohnt, und Pera, dem Aufenthalt derFranken. Beide Stadttheile ſind durch eine breite Bucht,das goldene Horn, getrennt; ſie ſind beide auf ſteilen Hügeln erbaut und wetteifern mit einander in der Unreinlichkeit. In Stambul ſind eine große Zahl Moſcheen, die mit ihren Minarets weit über die Häuſer emporragen. Hier befindet ſich außerdem der große Bazar, prachtvoll ein⸗ gerichtet und überall überwölbt, wo die koſtbarſten vrientaliſchen Waaren zum Verkaufe ausgeſtellt ſind, aber meiſt unver⸗ ſchämte Preiſe gefordert werden. Pera ſieht einer italieniſchen Stadt ähnlich. Außerordentlich iſt der Anblick des Hafens, in welchem eine Unzahl von Schiffen, darunter auch viele Kriegsſchiffe, zum Theil dicht an der Brücke, die beide Städte verbindet, lagen. Die Bevölkerung iſt hier nicht mehr rein orientaliſch gekleidet, und überall macht ſich im Leben und Treiben ſchon der europäiſche Einfluß geltend.

Konſtantinopel verließen wir am 27. März. Unſere weitere Reiſe ging ohne beſonders bemerkenswerthe Ereigniſſe von Statten; wir fuhren durch den Bosporus und das ſchwarze Meer bis zu den Donaumündungen, dann die Donau hinauf bis Peſth: eine Fahrt, die allein im Stande wäre, die Mühen einer weiten Reiſe zu belohnen. Am 9. April langten wir in Peſth an, und wenige Tage ſpäter waren wir wieder in der Heimat, in unſerer Vaterſtadt Berlin.

Weltansſtellungs-Bilder.

XIII. Puder und Eichorie. Die Bier-Mädel⸗Maskerade. Die aſiatiſchen Geſandtſchaften und die Königin von Wadagascar. König Wilhelm und Graf Bismarck. Die preußiſche Ausſtellung. Der Park von Asnières. Der Frack. Die Conférences. Die Chevaliers in den Windeln. Die Clubs und ihre Opfer. Wie man

hier auf⸗ und untergeht. Die Theater⸗Agenturen und die Claque. Die Cafés spectacles.

Es iſt Alles jetzt Friede und Freude. Die Sonne brennt auf den Mac⸗Adam herab und läßt uns auf einem glühenden Roſt Die Spargel ſind gereift und die Kirſchen lachen ſchon in den Fenſtern der marchands de quatre saisons. Auf den Boulevards bietet man uns die ſchönſten Roſenſträuße und im Palais des Mars⸗ feldes hat die Sonne das üßppigſte Ungeziefer ausgebrütet die Blumenmädchen, kurz geſchürzt à Venise, mit kokettem Lächeln in den verblühten, aufgeſchminkten Zügen. Herbſt iſt's in ihnen und an ihnen; ſie haben ihren Sommer längſt vergeſſen und die Roſen und Maiglöckchen in ihren Händen bemitleiden die Schminke und den Puder auf ihren Wangen.

Ja, der Puder! Ich muß dem Leſer eine ganz funkelneue merveilleuſe Geſchichte erzählen, die ſoeben von einer Zeitung des Städtchens Valenciennes ans Tageslicht gebracht worden, ſeit geſtern Abend durch alle Pariſer Journale läuft und an der eben wieder

tragen kann.

Man höre Folgendes:.

In der Umgegend von Valenciennes langten bei den Cichorien⸗ Fabriken plötzlich von Paris aus ſo enorme Beſtellungen ein, daß man nicht mehr im Stande war, ſie zu befriedigen.

War die Cichorie in Paris Mode geworden? War der Mokka gänzlich abgeſchafft? Hatten die Patrone der Kaffeehäuſer die teuf⸗ liſche Abſicht, alle Völker mit Cichorien zu vergiften, um noch ſchneller reich zu werden, als ſie es jetzt ſchon zu werden gewohnt ſind?

Eine Zeit lang blieb das ein ſchwarzes Geheimniß. Da plötz⸗ lich kommt derImpartial von Valenciennes mit einer Enthüllung, die einen großen Theil der Damenwelt des Quartier Breda uud der angrenzenden Sphäre compromittirt und eine große Anzahl von Indianerinnen, Creolinnen und was ſonſt in den matten Nüancen von der Pfirſichfarbe bis zu der des kupfernen Keſſels umherläuft, unbarmherzig demaskirt.

Ich regiſtrire eine neue Ausſchweifung unſeres blaſirten Jahr⸗ hunderts, eine neue Narrheit Derer, die als Drohnen doch den Schweiß der Bienen davon tragen und niemals gefühlt haben, wie ſchwer es iſt, ein Tauſendfrancbillet zu erwerben, das ſie ihrem Reit⸗ knecht als Douceur geben.

Die Damen der Demi⸗Monde und ſogar die der Monde haben den Poudre de Riz und die Schminke abgeſchafft und in der Cichorie ein Mittel entdeckt, ſich eine braune Geſichtsfarbe zu geben. Man deſtillirt aus der Cichorienwurzel, componirt mit toniſchen Zuthaten

1 das Zuſammentreffen aller Menſchenraſſen in Paris die Schuld

ein Cosmetique, das der Haut eine unübertreffliche Indianer⸗ farbe gibt.

Fort alſo mit den Roſenwangen und dem Schwanennacken; fort mit der blonden Farbe im Haar, es iſt die Zeit der Indianer ge⸗ kommen; man wird ſich tätowiren, ſich einen Ring durch die Naſe ziehen laſſen, den Schurz der Wilden tragen, und wenn wir im Sommer ins Bois fahren, wird uns zu Muthe ſein, als machten wir eine Jagd in den dunkelſten Triften von Mexico, wohin noch kein Fuß der Frontier⸗Männer gedrungen.

Man beſchuldige mich nicht der Uebertreibung. Wer da weiß, welcher Exceſſe die Pariſerin fähig, wird auch dieſen begreifen. Der menſchliche Körper iſt ihr eben ein Gegenſtand ununterbrochener Experimente, die ihn im Werthe ſteigern. Mistraut alſo jener Peruvianerin, der ihr im Bois oder im Jardin-Central des Aus⸗ ſtellungs⸗Palais begegnet, denn dieſer letztere iſt jetzt die Promenade der Demi⸗Monde. Mistraut jeder Creolin, denn ſie iſt eben nichts als eine Indienne du pays de la chicorée; ſie gehört zu der Familie der Endivien und ihre Wiege ſtand in einer Concierge⸗Loge.

Während der Ausſtellung iſt es überhaupt nicht mehr guter Ton, eine Pariſerin zu ſein. Was Glück machen will, gibt ſich heute für eine Polin aus und trägt ihr goldenes Paſſionskreuz auf der Bruſt, morgen für eine Spanierin, übermorgen aber muß ſie ſich ihrer geographiſchen Unkenntniß wegen ſchon an einen Gelehrten wenden, um ſich ſagen zu laſſen, was für intereſſante Länder es ſonſt noch in der Welt gebe.

Nit jedem Tage wächſt inzwiſchen die Maskerade der Weltaus⸗ ſtellungs⸗Saiſon. Die Maroeccanerinnen und Tuneſinnen, die man anfangs nur ausgeſtopft in den betreffenden Abtheilungen ſah, laufen jetzt ſchon lebendig in weißen anſchließenden Strumpfhoſen, begleitet von einem männlichen Wächter, umher; die Japaneſinnen kokettiren, als hätten ſie es auf eine Equipage und ein Polyſander⸗Mobiliar abgeſehen; die abgeſchmackteſte Redoute aber leiſtet die Wiener Brauerei des Herzn Dreher aus Klein⸗Schwechat.

rieb bereits von dem Dutzend Mädel, die dieſer Speculant im Lerchen⸗ und Schottenfeld rekrutirt. Jetzt, nachdem er ſeinen Proceß gegen den Bierwirth Fanta gewonnen, hat er dieſe Gänſe mit fremden Federn geſchmückt und ſie in die Nationalcoſtüme Heſter⸗ zi geſteckt, in denen ſie ſich ſelbſt anfangs ſehr kläglich vor⸗ amen.

Die Eine ſervirt als Polin mit der Kaſavaika und auf dem Rücken zuſammengehefteten Aermeln, eine blaue Confederatka ſchief