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horizontal fortziehen und unter demſelben ſieht man auf rauhes Geſtein hinab. Der Riß läuft von Oſt nach Weſt. Nördlich von der Vertiefung für das Chriſtuskreuz iſt die für das Kreuz des bekehrten Schächers, ſüdlich die für das des Ver⸗ ſtockten. Die zweite Kapelle ſoll den Platz überdecken, wo Chriſtus ans Kreuz genagelt wurde, bevor man es aufrichtete. Unter den Kapellen befindet ſich noch ein Kellergeſchoß mit einer beſonderen Kapelle und einem Refectorium, in welchem der Felſenriß ebenfalls ſichtbar iſt; über den Wölbungen der Kreuzigungskapellen hat das Gebäude noch ein von den Be⸗ wohnern des griechiſchen Kloſters benutztes drittes Stockwerk.
3) Das eigentliche heilige Grab unter der großen Kuppel der Hauptkirche erſcheint wie eine kleinere Kirche in der größeren. Es iſt von Wänden eingeſchloſſen, die einen Raum von etwa 30 Fuß Länge und 15 Fuß Breite in ſich aufnehmen; dieſe Wände ſind außen mit Marmorplatten be⸗ kleidet und mit Marmorſäulen verziert, auf denen eine acht⸗ eckige, mit einem Umgang verſehene Kuppel ruht. Auf der Oſtſeite hat dieſer eigenthümliche Prachtbau ſeinen Eingang, neben welchem rechts und links eine ſteinerne Ruhebank ſowie zwei hohe ſilberne Kandelaber zu je ſechs Kerzen ſtehen. Das Innere des Grabgebäudes iſt nach der Weiſe der alten Gräber in zwei Abtheilungen getheilt, von denen die vordere die Engelskapelle genannt wird, weil der den Stein vom Grabe wegwälzende Engel hier geruht haben ſoll, die hintere dagegen das eigentliche Grab bildet. Die Engelskapelle, aus Hauſteinen gebaut, iſt ein Raum von 17 Fuß Länge und 10 Fuß Breite, in deſſen Mitte ein etwa 1 ½ Fuß hoher Stein als derſelbe gezeigt wird, auf dem der Engel ſaß, als er den Frauen(Maria und Magdalena) erſchien. Von dieſer Kapelle führt ein unregelmäßiger, kaum 2 Fuß breiter und 4 Fuß hoher Eingang, durch den man nur gebückt ſchreiten kann, in die Grabesgrotte, deren Dimenſionen 8 Fuß Höhe, 7 Fuß Länge und 6 Fuß Breite betragen. Ihre Wände ſind mit weißem Marmor bekleidet und iechts vom Ein⸗ gange ſteht eine Art Sarkophag, der die Hälfte des Boden⸗ raumes einnimmt, ſo daß höchſtens drei bis vier Perſonen in der Grotte Platz finden.—
Alle dieſe Herrlichkeiten wurden uns auf das Freund⸗ lichſte gezeigt und erklärt. Wir hatten nämlich eine Empfehlung des Grafen Adlerberg an den ruſſiſchen Biſchof, der uns infolge derſelben auf das Zuvorkommendſte empfing und beim Patriarchen von Jeruſalem vermittelte, daß mir ſogar ge⸗ ſtattet wurde, zur Zeit, wann die Kirche geſchloſſen und ich alſo gänzlich ungeſtört war, beim heiligen Grabe zu malen. Die Freundlichkeit ging ſo weit, daß der in der Kirche wohnende Prieſter vom Patriarchen die directe Anweiſung erhielt, mir jede nur mögliche Bequemlichkeit zu verſchaffen. Dieſer Prieſter, der zugleich die Stellung eines Kirchenwächters einnahm, be⸗ handelte mich nun wie ſeinen Gaſtfreund. Sobald ich zu ihm kam, bewirthete er mich nach orientaliſcher Sitte, indem er mir zuerſt einen Mandelteig, dann Branntwein und endlich Kaffee vorſetzte.
Eines Tages hatte ich Gelegenheit zu ſehen, mit welchen Schwierigkeiten die Oeffnung der Kirche zu ungewöhnlicher Zeit verbunden iſt. Ich kam etwas ſpäter, als eigentlich feſt⸗ geſetzt war, und fand daher Alles verſchloſſen. Da ſich der Schlüſſel zum Eingange in den Händen der türkiſchen Polizei befindet, ſo hatten einige Prieſter, die mich bemerkt hatten und mich kannten, ſofort einen Boten abgeſandt, der um die Heffnung bitten ſollte; indeſſen verging doch mehr als eine Stunde, ehe der Schlüſſel zur Stelle war. Und dabei mußte ich zugeſtehen, daß ſich Jeder bemühte, mir nützlich zu ſein⸗ die Zeit war eben mit Erfüllung der vorgeſchriebenen höchſt läſtigen Formalitäten vergangen.
Nach zwölftägigem Aufenthalt hatte ich meing Skizzen beendet, und nun begaben wir uns, nachdem wir iöch unſre Abſchiedsbeſuche gemacht, auf demſelben Wege über das Juda⸗ gebirge zurück nach Jaffa.
Die Zwiſchenzeit, die ich nicht zum Malen gebraucht, be⸗ ſonders die Nachmittage, hatten wir zu Ausflügen in die Um⸗ gegend verwandt. So beſuchten wir den Oelberg, das Thal Joſa⸗
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phat, die Reſte des ſalomoniſchen Tempels und auch das zwei Stunden entfernt liegende Bethlehem. Hier iſt die Stätte, wo Chriſtus geboren ſein ſoll, wie alle bemerkenswerthen Punkte, mit einer ſehr reich ausgeſtatteten Kirche überbaut. Der Ort ſelbſt bietet eigentlich nichts Bemerkenswerthes dar, liegt aber an einem Hügel und erhält dadurch ein recht hübſches, reundliches Ausſehen.
Die Vegetation um ganz Jeruſalem iſt ſehr traurig; außer einigen halbverkümmerten Olivenbäumen ſieht man nichts als Felsmaſſen und Steingeröll. Die ganze Gegend und auch die darin wohnenden Menſchen machen einen höchſt melancho⸗ liſchen Eindruck: die Erſtere iſt phyſiſch, die Letzteren ſind moraliſch zerfallen.—
Es war unſre Abſicht, von Jaffa nach Beyruth zu fahren, und es traf ſich ſo glücklich, daß wir gutes Wetter fanden, denn nur bei ſolchem können die achttäglich einmal in Jaffa eintreffenden Dampfer dort anlegen, und wir hätten andernfalls einen fünftägigen höchſt beſchwerlichen Landweg zurücklegen müſſen, während wir ſo nur ſechzehn Stunden brauchten, um bis Beyruth zu gelangen.
Dieſe Stadt liegt hart am Meere, am Fuße des Libanon, wo einſt die berühmten Cedern geſtanden, von denen mur noch ſehr wenige übrig ſein ſollen. Beſuchen konnten wir dieſelben nicht wegen des tiefen Schnees, der alle Gebirgswege ungang⸗ bar machte.
Beyruth hat die größte Aehnlichkeit mit einer italieni⸗ ſchen Stadt, vom Meere aus macht es ganz den Eindruck; reich iſt es beſonders an Cafes und Omnibuſſen, deren Eigen⸗ thümer größtentheils Franzoſen ſind. Indeſſen bietet der Ort doch für einen Aufenthalt von elf ganzen Tagen, zu dem ich ge⸗ zwungen war, ſehr wenig Intereſſantes, und ich habe mich daher ganz erſchrecklich gelangweilt. 1
Mit demſelben Dampfer, der mir Euren Brief brachte, werde ich nach Smyrna und von dort nach Athen oder Conſtantinopel reiſen.
Viele Grüße!
Euer
Die Heimreiſe.
Am 10. März Nachmittags fuhren wir nach Smyrna ab. Da das Meer ſehr erregt war, ſo währte es kaum eine halbe Stunde, bis faſt ſämmtliche auf dem Dampfer befind⸗ liche Paſſagiere ſeekrank waren. In der Nacht trat zu unſerm Schrecken noch ein Gewitter ein und ein Blitz ſchlug kaum zehn Schritte vom Schiffe in das Meer. Erſt gegen Morgen legte ſich das Unwetter einigermaßen.
Am Vormittage des folgenden Tages legten wir bei Larnaca auf Cypern an und gingen hier, da wir einige Stunden Zeit hatten, an's Land, um uns am Cyperwein zu laben. Dann dampften wir weiter, wieder die Nacht hin⸗ durch, aber diesmal bei ruhigerer See. Auf der Inſel Rhodos blieben wir auch mehrere Stunden, fanden jedoch hier eigentlich nichts, was unſer Intereſſe hätte anregen können. Die darauf folgende Fahrt im griechiſchen Archipelagus machte auf uns, die wir ſie zum erſten Male zurücklegten, einen eigenthüm⸗ lichen Eindruck. Faſt überall ſieht man Land oder richtiger, ſteile Felſenmaſſen, die in grotesken Formen ohne jede Vege⸗ tation aus dem Waſſer emporſtarren. 63
Am 14. Mittags erreichten wir endlich Smhrna.
Die Stadt liegt ſehr anmuthig auf einer Ebene, welche ſich zwiſchen der See und dem Gebirge hinzieht. Von ihren Sehenswürdigkeiten intereſſirten mich am meiſten alte, groß⸗ artig angelegte, jetzt aber meiſt gänzlich verfallene Waſſer⸗ leitungen. Das griechiſche Element iſt hier vorherrſchend, und der türkiſche Theil der Bevölkerung wohnt und hält ſich voll⸗ kommen abgeſchloſſen. Die griechiſchen Frauen und Mädchen ſind faſt alle ſehr ſchön, aber von einer Faulheit, die ſich gar nicht beſchreiben läßt.
Am 22. März, an demſelben Tage, an welchem wir Nachmittags weiterreiſten, wurde in demſelben Hotel, in
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