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reicht hatten.
Platz, wo Chriſtus gekreuzigt und begraben ſein ſoll, iſt ſo
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fluchend und polternd. Er war früher heimgekehrt als ſonſt und hatte von irgend einer gefälligen Schwätzbaſe erfahren, daß Marie ſo viele Kerzchen verbrenne. Er hielt ihr ihre Verſchwendung vor, und verbot ihr das künftig noch zu thun. Marie, deren Frömmigkeit nichts weniger als ſanft und duld⸗ ſam war, ſagte, ſie habe von ihm nichts dazu verlangt und könne mit ihrem Gelde thun was ſie wolle; ihr zeitliches Glück
habe ſie um ſeinetwillen verſcherzt, ſie wolle nun wenigſtens
für ihr ewiges Heil ſorgen. Fritz warf heftig die Thüre zu und ging davon. Das war um 5 Uhr Abends. Um Mitternacht brachte man ihn ſterbend nach Hauſe— die Kugel eines Wildſchützen hatte ihm die Bruſt durchbohrt, und ſeine Stunden waren gezählt;— von Reue gefoltert, bat er Marien all' das Böſe ab, was er ihr zugefügt, und hier am Sterbe⸗ bette ihres Gatten erwachte neuerdings die frühere Liebe in. ihrer verdüſterten Seele,— ſie fühlte jetzt erſt das eigene Unrecht, fühlte leider zu ſpät, daß auch ſie einen großen Theil der Schuld trug, die ſie in ſelbſtſüchtigem Groll auf den Gatten gewälzt, und eine brennende Reue folterte das ſchmerz⸗ zerriſſene Herz— aber leider iſt die Reue faſt immer nutz⸗ los— und die bitterſten Thränen, die glühendſten Gebete vermochten den ſchwachen Athem in der durchbohrten Bruſt des Gatten auch nicht eine Secunde länger feſtzuhalten. Es war eine entſetzliche Abſchiedsſcene. Fritz lag todtenbleich und von Blut überſtrömt auf dem Bette, Marie kniete
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in unnennbarer Angſt zu ſeinen Füßen, die Hände gefaltet, während ihre brennenden Augen jeder leiſeſten Bewegung des Gemordeten folgten. Die kleine, neunjährige Marie Adelheid umfaßte laut weinend die Knie des geliebten Vaters und bat ihn mit den rührendſten Worten, ſie und die Mutter
ſchnell herbeigerufene Arzt, auf deſſen ernſtem Geſichte das Todesurtheil des Kranken zu leſen war— auf der andern der Geiſtliche, auf einen Augenblick wartend, wo der Sterbende im Stande ſein werde, durch die Beichte das Gewiſſen zu er⸗ leichtern. Dieſer winkte dem Prieſter und verſuchte ſich ein wenig zu erheben— aber er konnte nicht drei Worte ſprechen, als ein Blutſtrom aus ſeinem Munde hervorquoll. Ein wil— der Aufſchrei der Verzweiflung entrang ſich Mariens bebenden Lippen—„mein Gott, mein Gott!“ rief ſie,„gib mir ein Zeichen deiner Vergebung! ſchenke mir den Gatten, erhalte mir den Vater meines Kindes, laß mich gut machen, was ich an ihm verbrochen!“
Umſonſt— ſie hatte die Worte kaum ausgeſprochen, als das Todesröcheln erſtarb und das ſchwache Leben aus der wunden Bruſt entfloh. Eine wohlthätige Ohnmacht entzog die arme Frau für einige Stunden ihrem Jammer. Wir ver⸗
laſſen ſie einen Augenblick und kehren indeß zu ihrem Aeltern⸗ hauſe zurück.
(Fortſetzung folgt.)
— Reiſebriefe eines berliner Künſtlers aus Aegypten und Kleinaſien.
Mitgetheilt durch Wilhelm Angevſtein.
(Schluß.)
V
Behruth, den 10. März 1861.
Liebe Hedwig! Endlich empfing ich heute Morgen Deinen lieben Brief, der, wie ich wußte, nur Schreckliches enthalten konnte, den ich aber dennoch mit Sehnſucht erwartete, um das für uns Alle traurige Ereigniß klar vor Augen zu haben. Bereits am 4. Februar, zwei Tage nachdem ich meinen letzten Brief abgeſandt, fand ich, damals noch in Cairo, zufällig in einer Berliner Zeitung die Anzeige vom Tode unſeres guten lieben Vaters. Den Schreck, den ich empfand, kann ich Euch nicht beſchreiben.—
— Ueber meine Reiſe theile ich Euch Nachfolgendes mit: Am 9. Februar fuhren wir von Cairo nach Alexandrien und von dort am 10. per Dampfer nach Jaffa, einer kleinen Stadt an der ſyriſchen Küſte, woſelbſt wir am 12. Vormittags ans Land gingen. Noch an demſelben Tage machten wir uns, da die Stadt nicht das geringſte Intereſſante bietet, auf den Weg nach Jeruſalem. Ein dreiſtündiger Ritt brachte uns bis Rameh. Hier ſtiegen wir im Kapuzinerkloſter ab, um, nach⸗ dem uns ein ſehr gutes Abendeſſen ſervirt war, die Nacht zuzu⸗ bringen. Des andern Morgens 6 Uhr ging's weiter und zwar auf dem halsbrechendſten Wege, der ſich nur denken läßt, fortdauernd durch Steingeröll über das Judagebirge. Zehn Stunden brauchten hier unſre Pferde, bis wir Jeruſalem er—
Von Jeruſalem hatte ich mir einen ganz andern Be⸗ griff gemacht. Die Stadt iſt nichts weniger als ſchön. Sie ſieht verfallen aus, wie die ganze Umgegend und macht einen höchſt melancholiſchen Eindruck, der noch durch das darin ſich auf⸗ haltende, aus aller Herren Länder ſtammende Geſindel erhöht wird. Durch enge, winkelige Gaſſen, die bergauf und bergab führen und nur theilweiſe gepflaſtert ſind, gelangten wir in unſer Hotel, dicht bei dem ehemaligen Golgatha. Der
vollſtändig mit Kirchen und Kapellen überladen, daß von der ehemaligen Formation des Terrains nichts mehr zu erkennen iſt. Die Kirche des heiligen Grabes iſt die bedeutendſte
an dieſer Stelle. Sie beſteht aus drei Theilen oder iſt eigentlich
eine Vereinigung von drei Kirchen. Der erſte Theil, die Haupt⸗ kirche, mit einer bewunderungswürdigen, aber ſchon ſeit mehreren Jahren ſchadhaften Kuppel, umſchließt die angebliche Grab⸗ ſtätte Chriſti, der zweite Theil den Calvarienberg oder den Hügel Golgatha, der dritte die Stätte der Kreuzfindung, d. h. den Ort, wo die drei Kreuze gefunden ſein ſollen. Vor der Kirche iſt ein nicht unanſehnlicher, mit großen, glatten, weiß⸗ gelblichen Steinplatten gepflaſterter, ein Quadrat bildender Vorhof, auf dem ſich ſtets eine große Menge Bettler auf⸗ halten und wo Roſenkränze, Wachskerzen ꝛc., Morgens ſogar Kaffee feil geboten werden.
An beſonderen Sehenswürdigkeiten werden in der Kirche folgende Gegenſtände gezeigt:
1) Der Salbungsſtein, auf dem der Leichnam Chriſti nach dem Tode eingeſalbt ſein ſoll: eine gegen 8 Fuß lange und etwas über 2 Fuß breite Platte von röthlich geſpren⸗ keltem Marmor. Die in die Kirche Eintretenden küſſen diefen Stein gewöhnlich und am erſten Tage der Faſten wird er geſalbt.
2) Die Kreuzigungsſtätte, eigentlich ein Nebenge⸗ bäude der Kirche, zu dem zwei Treppen, die eine von 18, die andere von 13 Stufen hinaufführen. Sie bildet eine 40 Fuß lange und 21 Fuß breite, von einem beſonderen Dach über⸗ wölbte Plattform, welche durch einen von weißen Marmor⸗ ſäulen getragenen Bogen in zwei Theile getheilt iſt, ſo daß dieſelbe zwei Kapellen bildet. An der öſtlichen Seite der erſten von beiden befindet ſich ein Hochaltar, vor dem ein goldenes und mit edlen Steinen beſetztes Gitterwerk angebracht iſt. Hinter dieſem ſieht man unter dem Altar einen ge⸗ ſpaltenen Stein, der den Eindruck eines recht zerriſſenen Fels⸗ ſtückes macht. Darin befinden ſich drei, ein regelmäßiges Dreieck bildende Löcher, in denen die Kreuze geſtanden haben ſollen. as mittlere dieſer Löcher, das für das Kreuz Chriſti, iſt mit berblech ausgelegt und verſehen mit folgender In⸗ ſchrift in griechiſcher Sprache:„Aber Gott, unſer König, be⸗ wirkte vor Jahrhunderten das Heil im Mittelpunkte der Erde.“ 4 ½ Fuß ſüdlich von dieſem Loch beſindet ſich ein Felſenriß im Boden, der nach dem Verſcheiden Chriſti entſtanden. Er iſt mit Mormor gedeckt, aber ein Schieber läßt ſich ſeitwärts
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nicht zu verlaſſen; auf der einen Seite des Bettes ſtand der
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