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an ihre Mutter dachte, an dieſe Frau, die mehr in der Kirche als zu Hauſe war, und die ſich ſelbſt mit entſetzlichen Zweifeln quälte, die jede Freude dieſer Welt, jedes Vergnügen ver⸗ dammte, die im Alter mit bittern Thränen Tag und Nacht die Verirrungen ihrer Jugend beweinte,— und dann an Ottmar— dieſen jungen, ſchönen Mann, der für die Freiheit glühte, die Freiheit des Geiſtes, der Gedanken! An dieſen Mann, der in Zeitungen und Reden gegen Trug und Aber⸗ glauben die ſcharfe Geißel ſchwang und bereits einen theils gefeierten, theils gefürchteten Namen führte, der jeden Zwang, jede Unterdrücknng haßte, der die Heuchelei und Kriecherei auf das Tiefſte verachtete und mit unerbittlicher Härte ver⸗ folgte— an dieſen Mann, den ſie auf dem Tanzboden zum erſten Male geſehen hatte, auf dieſem„Tummelplatz des Satans, wo er die Seelen dutzendweiſe zu fangen pflegt!“
Ach, und dieſen Mann liebte ſie— ſich ſelbſt freilich hatte ſie das längſt geſtanden und wenn auch noch kein Wort darüber gefallen war,— ſie wußten doch Beide, daß ſie ge⸗ liebt waren! Was ſollte, was konnte aus dieſer Liebe wer⸗ den als Schmerz, Jammer und Thränen! All das beſtürmte das arme ſiebzehnjährige Herz des ſchönen Kindes, und das Schluchzen wurde immer ſtärker, ſo daß die gute Tante, die kein Wort mehr aus ihr herausbringen konnte, wahrhaft in Verzweiflung gerieth.
Wir ſind jedoch den Leſern noch Aufklärung ſchuldig, wie die Tochter der überfrommen Frau zu ihrer weltlich ge⸗ ſinnten Tante in die Stadt gekommen war.
Da müſſen wir freilich weit, weit zurück.
In den zwanziger Jahren lebte zu Matrei der Fleiſcher⸗ meiſter Franz Mair mit ſeiner Frau, einem Sohne, der in Kurzem das Geſchäft ſeines alternden Vaters übernehmen ſollte, und zwei bildſchönen Töchtern, Zwillingsſchweſtern, die ſich zum Verwechſeln ähnlich ſahen. Marie, die ältere genannt, da ſie das Licht der Welt um zwanzig Minuten früher als ihre Schweſter Adelheid erblickt hatte, half häufig an Sonn⸗ und Feiertagen im Gaſthauſe ihres Vetters, des Bruders ihrer Mutter, Gäſte bedienen, während Adelheid vorzugsweiſe im Hausweſen der Mutter zur Seite ſtand. Beide waren friſche, fröhliche Kinder, die mit der Lerche um die Wette ſangen, dabei fleißig, unſchuldig und gutmüthig, wie nur immer ſechzehnjährige Landmädchen ſein können. Ach, daß es doch immer ſo bliebe! Aber es blieb nicht ſo— war es in den Sternen anders geſchrieben, hatte es die Vorſehung anders beſtimmt, oder lag es im gewöhnlichen Lauf der Welt, daß es nicht ſo bleiben konnte,— genug es blieb nicht ſ.
Vetter Michel hatte keine Kinder, aber ziemlich viel Ver⸗ mögen, ſein Geſchäft ging gut, um ſo mehr, da er nebſt dem Gaſthauſe noch einen ziemlichen Grundbeſitz hatte. Dieſer hatte nun an ſeiner hübſchen Schweſtertochter Marie, wie man zu ſagen pflegt, einen Narren gefreſſen und machte plötz⸗ lich dem Schwager den Vorſchlag, das Mädchen ihm zu überlaſſen.
„Du weißt gar nicht, Schwager Franz“, ſagte er,„was man mit den Dienſtboten Galle und Aerger haben muß; zu Lichtmeß hab' ich einen Knecht aufgenommen, die Berger Cenz hatt' ich als Kellnerin und mein, was ich für einen Schatz aufgabelt— ja— pums di— ſchneid' di nit— der Kerl war noch kein Vierteljahr bei mir, ſo lauft er mir davon, und die Cenz— na ja— die hab' ich vier Monat ſpäter nach
Trient ſchicken müſſen,— ſo geht's mir hin und hin, der Lieſ' hab ich heut den Laufpaß geben, die ſtiehlt wie ein Rab'— ſchau, laß mir deine Marie, ich bin ein alter Kerl,
hab' keine Kinder und meine ſiebzig Jahr auf dem Buckel, und wenn mich unſer Hergott einmal holt, ſo ſoll die Marie meine Erbin ſein. Lang dauert es ſo nimmer, bis mich die Gall umbringt. Wär' ich nur ſo gſſcheit g'weſen und hätt' gheirathet, als ich noch ein rüſtiger Burſch war, ich könnt' jetzt auch eigene Kinder haben und brauchte mich nicht mit fremden Leuten zu ärgern und zu quälen.“
Die letzte Betrachtung ſchien der Frau Metzgerin nicht
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ſehr zu gefallen; Herrgott, wenn es ihm am Ende gar ein⸗ fiele jetzt noch zu heirathen! Der Vetter Michel war trotz ſeiner ſiebzig Jahre noch immer ein ſtarker, rüſtiger Mann, und der Aerger ſchien ihn gerade auch noch nicht an den Rand des Grabes gebracht zu haben, denn ſein dickes Geſicht glänzte wie der Vollmond und die kurzen, fleiſchigen Arme vermochten kaum das wackelige Schmerbäuchlein zu umſpannen. Vielleicht konnte er ſich ein Beiſpiel nehmen an dem achtzig⸗ jährigen Boten Waſtl nebenan, dem ſein kaum ſechsundzwanzig⸗ jähriges Weib nach fünf Jahren der Ehe bereits das vierte Kind geboren— nein, die Heirathsgedanken mußten dem Vetter Michel aus dem Kopf getrieben werden.
„Na, laß das nur gut ſein, Bruder“, ſagte ſie,„der liebe Herrgott wird dich hoffentlich noch recht lang leben laſſen; von mir aus kann die Marie zu dir ziehen, wann du ſie willſt, ich wüßt' ſie ja nirgends beſſer aufgehoben als bei dir!“
Der Vater dachte zwar im Stillen anders und meinte, daß ein ſo ſchönes Mädchen gerade in einem Wirthshauſe nicht am allerbeſten aufgehoben ſei, allein dem ſtattlichen Hauſe und den klingenden Gründen des Vetters Michel war nicht zu widerſtehen— und ſo wanderte Marie wenige Tage ſpäter in das„Goldene Lamm.“
Unter den Gäſten des Goldenen Lammes war auch Fritz Lang, ein junger, hübſcher Jägerburſche, bei deſſen zierlichem Gruß Marien ſchon zu Hauſe immer das Blut in die Wangen geſtiegen war; was war natürlicher, als daß hier, wo ſich ſo viels Gelegenheit dazu bot, ein Verhältniß entſtand, das immer inniger und zärtlicher wurde? Das dauerte ſo lange, bis— es ſich nicht mehr verbergen ließ— dann ſtürzte ſich das ſchuldige Paar im Stil eines alten Familienromans den Aeltern zu Füßen und bat um ihren Segen, und dieſe wußten, nachdem ſie ſich vom erſten Schrecken erholt, auch nichts Beſſeres, als möglichſt ſchnell ein brummen.— Glücklicherweiſe erhielt Fritz eben jetzt die ſeit Kurzem erledigte Förſterſtelle von Matrei, und der knappe Gehalt, durch einen Theil von Mariens Vermögen vermehrt, ſicherte dem jungen Paare ein ordentliches Auskommen.
Marien's Schweſter hob ein halbes Jahr ſpäter ihre kleine 5
Nichte aus der Taufe, welche die Namen ihrer Mutter und Pathin vereinend, Marie Adelheid genannt wurde. Anfangs ſchien es, als ob Glück und Liebe dem jungen
Paare zugeſchworen ſeien; ſie lebten wie die Tauben und ihr
Kind gedieh auf das Beſte. Aber im Sturm gewonnen— im Sturm zerronnen! Fritz wurde aus einem glühenden Lieb⸗ haber ein mürriſcher Ehemann, mehrere Kinder, die Marie gebar, ſtarben gleich wieder, ſo daß ihnen nur das einzige Mädchen blieb, eine lebendige Erinnerung an ihren Fehltritt! Die Frau begann das als eine Strafe Gottes anzuſehen, wurde frömmelnd und verdrießlich und dadurch nicht liebens⸗ würdiger. Fritz traf ſie, wenn er Abends müde nach Hauſe kam, nicht ſelten weinend mit Roſenkranz und Gebetbuch und dabei war manchmal das Eſſen verbrannt oder erkaltet. Der Mann fluchte und wurde endlich ſo grob wie ein Eichenklotz aus ſeinen Forſten. Das Verhältniß wurde immer unerquick⸗ licher; nur eine Saite zitterte in beiden Herzen noch gleich ſtark— die Liebe zu ihrem Kinde. Mariens Frömmigkeit nahm immer zu, ſie opferte zahlloſe Kerzchen bei„unſerm
Herren im Elend“ zu Matrei und bei der Muttergottes auf
der Waldraſt. Ein komiſcher charakteriſtiſcher Zug aus dem Volksglauben verdient vielleicht hier Erwähnung: Marie kniete
eines Tages in Thränen aufgelöſt zu den Füßen des„Herrn
im Elend.“ um die Urſache ihres Schmerzes. ihr Ehekreuz.
„Schau“, ſagte die Alte,„da mußt du zu unſerer lieben Frau auf die Waldraſt geſehen; weißt, unſer Herr iſt halt auch lei a Mannsbild, und die Mannsbilder helfen alle z'ſammen!“
Ein altes Weiblein fühlte Mitleid und fragte Marie klagte ihr ſchluchzend
Marie lächelte traurig, drückte der Alten ein Geldſtück in die Hand, indem ſie dieſelbe bat, ſie in ihr Gebet einzu⸗ 1
ſchließen, und ging nach Hauſe. Hier erwartete ſie Fritz
grimmiges„Ja“ zu
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