Berz und Schwur.
Tiroliſche Kloſtergeſchichte von J. M—n.
Os war ein herrlicher Frühlingstag voll Sonnenſchein und „Blütenduft, als eine ſchwerfällige Poſtchaiſe den Schön⸗ Sberg langſam hinanfuhr. Die ſteile Straße war ſehr ſchlecht— noch ganz weich und lehmig von dem erſt kürzlich geſchmolzenen Schnee; der Poſtillon trabte gutmüthig neben den müden Pferden her; obwol er bis über die Knöchel im Koth watete, wollte er den armen Thieren nicht auch noch ſeine Laſt aufbürden. Endlich war das Poſthaus erreicht, die Gäule wurden ausgeſpannt, und bald rollte der Wagen mit friſchen Kräften weiter— ſeinem Ziele zu.
Wenden wir uns nun zu den Inſaſſen deſſelben. Wir finden nur zwei Damen; die ältere, eine leidlich conſervirte Vierzigerin, war dicht in einen Mantel gehüllt; die Füße ſteckten im pelzgefütterten Fußſack, die Hände in einem koſt⸗ baren Muff. Sie mußte einſt recht ſchön geweſen ſein— einſt, als ihre Zähne noch echt, die Rabenſchwärze ihrer Locken natürlich, und die Roſenröthe ihrer Wangen noch nicht über — ſondern unter der Haut lag. Doch wir thun Unrecht, den erborgten Jugendſchimmer ſo grauſam von der freundlichen Perſon der guten Tante Adelheid abzuſtreifen— hat doch jeder Menſch ſeine Schwächen, die ihrige war nun einmal die, daß ſie immer jung bleiben wollte, wie ihr Herz, deſſen Güte und Liebe nie roſtete. Doch neben ihr ſitzt ein Mädchen, ein ſchönes Kind in der vollen Blüte der ſiebzehn Jahre; ein himmelblaues Seidenhütchen umſchloß das liebliche Geſicht, darunter fielen dichte, blonde Flechten über den weißen Hals und ließen ſich nicht darin feſthalten, ſo oft auch die kleinen Hände ſich bemühten ſie hinaufzuſtecken. Endlich nahm ſie unwillig das Hütchen ab, wand die langen Flechten wie einen Kranz um den Kopf und ſetzte die kleine Bedeckung wieder darüber. Die Tante lächelte.
„So“, ſagte ſie,„ſo Adele, nun biſt du wieder ganz das Landmädchen, drückſt mit deiner häßlichen Friſur das hübſche Hütchen breit wie einen Kochtopf und verunſtalteſt dein ovales Geſicht zu einer Butterkugel. Sind das die ganzen Früchte meiner ſtädtiſchen Erziehung?“
So gutmüthig der leichte Tadel gemeint war, ſo rief er doch aus den hellen blauen Augen Adelens Thränen hervor.
„Ach liebe Tante“, ſagte ſie,„was wird mir denn das Alles nun nützen? Ich muß nun doch bei meiner Mutter in Matrei bleiben, und werde eben wieder ein Bauermädchen
Wachenhuſen's Hausfreund. R. 13.
ſein wie früher. Ihnen!“
Aber ſchon ſchämte ſie ſich vor ſich ſelbſt dieſes Stoß⸗ ſeufzers und fuhr fort:
„Eigentlich iſt das wohl recht abſcheulich von mir, nicht wahr Tantchen, daß ich weine, da ich doch heimkehren ſoll zu meiner Mutter, die ich vier volle Jahre nicht geſehen habe, und die ich doch gewiß recht herzlich liebe; aber es iſt ſo ſtill, ſo einſam zu Hauſe, ſie ſpricht ſo wenig und weint ſo viel, und da muß ich dann auch immer weinen und weiß gar nicht warum— und bei Ihnen war es ſo fröhlich, ſo geſellig“—
„Ach ja“, meinte die Tante,„für ein junges, frohes Gemüth, wie das deine, meine kleine Adele, iſt das freilich ein trauriger Tauſch, aber irre ich mich denn, mein Kind, wenn ich glaube, daß mehr als ich und die ganze Geſellſchaft dir ein gewiſſer Jemand fehlen wird“— ſie hielt inne und ſah der Nichte forſchend in das erglühende Geſicht.
„Wie, liebe Tante“, ſtotterte dieſe,„wer könnte—“
„Nun, ich denke Ottmar——
„Nein, nein“ rief Adele erſchreckt, ſchlug beide Hände vor das Geſicht und lehnte ſich in ihre Ecke zurück, aber ien den runden Fingern tropfte Thräne auſ Thräne hervor.
„Warum weinſt du denn, mein Kind“, fragte die Tante liebevoll,„wenn du ihn liebſt, iſt denn da was Böſes daran? Im Gegentheil, Ottmar wird in wenigen Jahren eine ſehr vortheilhafte Partie ſein— und daß er dich liebt, gibt es denn da noch einen Zweifel— ſieht er denn etwas Anderes als dich? Geht er je in eine Geſellſchaft, wo du nicht biſt! Sei aufrichtig Mädchen, ſag mir, ſeid ihr einig?“
„Aber liebe Tante“, ſchluchzte Adele,„wie können Sie ſo fragen, ich habe nie ein Wort von Liebe von ihm gehört, nie eines zu ihm geſprochen, auch was Sie von ihm ſagten, habe ich nie bemerkt.“
„Nun ja, freilich, wozu braucht man Worte, wenn man Augen hat wie du und er? Ihr habt Euch genug geſagt,— ich habe das geſehen,— ſoll ich bei deiner Mutter von ihm ſprechen?“
„Um Gotteswillen Tante!“ rief Adele erbleichend; dieſe eigentlich nur neckende Frage hatte in dem Herzen des Mädchens ein Bild entrollt, das ſie in tiefe Hoffnungsloſig⸗ keit verſetzte. Mit ihrer Mutter von Ottmar ſprechen! Hieß das nicht mit dem Waſſer vom Feuer reden? Wenn ſie 77
Ach wie ſchön, wie gut war es bei


