Jahrgang 
1867
Seite
606
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keiſebriefe eines Berliner Künſtlers ans Aegypten und Rleinaſien.

Mitgetheilt durch Wilhelm Angerſtein.

(Fortſetzung.)

NW.

Cairo, den 1. Februar 1862.

Salamu alaikum!(Gegrüßet ſeiſt Du!) rufe ich Dir, lieber Vater, und Euch, meinen lieben Geſchwiſtern, zu. In meinem vorigen Schreiben habe ich der Zeit etwas vorge⸗ griffen, indem ich Euch lediglich eine Beſchreibung unſerer zwölftägigen Reiſe nach dem Suezkanal gab und alles Uebrige, was mir in der Zwiſchenzeit paſſirt iſt, übergangen habe. Ich will das Fehlende heute nachholen und fange darum ſo⸗ gleich an.

Am 20. December beſuchten wir das hieſige Kloſter der Derwiſche, um deren eigenthümlichem Gottesdienſt, der alle Freitage ſtattfindet, beizuwohnen. Das Gebäude liegt bei Alt⸗Cairo, hart am Nil, und hat einen kleinen Garten, in welchem die Derwiſche, wenn ſie nicht betteln gehen, auf Divanen liegen und Pfeifen rauchen oder Kaffee trinken. Durch einen Vorſaal, wo wir, wie in allen Moſcheen, die Stiefel ausziehen mußten, gelangten wir in den Hauptſaal. Gottesdienſt hatte ſoeben begonnen. In dem runden, oben kuppelförmig gedeckten Raum befanden ſich ungefähr vierzig bis funfzig an den Ceremonien theilnehmende Männer in einem an einer Stelle offenen Kreiſe aufgeſtellt und verbeugten ſich in gleichmäßigen Takt, der von einer hölliſchen Muſik ange⸗ geben wurde, mit der Stirn faſt bis zur Erde, während ſie jedesmal beim Sichaufrichten einen dumpfen Schrei ausſtießen. In der Mitte ſtand ein alter Prieſter mit einem Tambourin in der Hand, auf dem er angab, wenn der Takt ſchneller oder langſamer ſein ſollte. Dieſe Verbeugungen, untermiſcht mit Anrufungen Allah's, währten etwa eine halbe Stunde, bis Einer nach dem Andern und endlich die ganze Geſell⸗ ſchaft erſchöpft zu BVoden gefallen war. Ein Derwiſch, der ſich vor den Uebrigen durch ſehr langes Bart- und Kopf⸗ haar auszeichnete, machte ſich dann noch das Privatvergnügen, mit dem Kopfe verſchiedene Male gegen die Wand zu laufen. Dieſer Menſch war ſchließlich in eine vollſtändige religiöſe Raſerei gerathen, ſo daß er tobend umherlief, unter den ſcheuß lichſten Zuckungen ſich auf dem Boden wälzte und nur mit Mühe von mehreren Männern gebändigt werden konnte. Nach⸗ dem wir dieſe Scene mit angeſehen, wurde uns bedeutet, der Gottesdienſt ſei nunmehr zu Ende.

Von dem Kloſter ritten wir nach der Citadelle, der Wohnung des Vicekönigs. Dieſelbe liegt auf einem Berge, ſeitwärts von der Stadt; ſie enthält außer mehreren anderen Gebäuden den Palaſt des Paſcha's und eine prachtvolle Moſchee. Die Letztere iſt beſonders auf das Reichſte ausgeſtattet, die Wände und die Mauerpfeiler haben eine Bekleidung von glänzend polirtem grauem Bandachat. Eine nicht weniger auffallende Pracht zeigen die Prunkgemächer des Paſcha's, die jedoch bei allem Reichthum, den ſie entfalten, ſehr unwohn⸗ lich und höchſt geſchmacklos in einem Miſchmaſch von orien taliſchen und franzöſiſchen Moden eingerichtet ſind.

Auf der Citadelle befinden ſich zwei Brunnen. Der eine, in neuerer Zeit im Vorhofe des Palaſtes angelegt, entſpricht bezüg⸗ lich der daran verſchwendeten Pracht dem letzteren. Der andere iſt uralt und durch die Sage eine mythiſchehiſtoriſche Merk⸗ würdigkeit. Es ſoll dieſer BrunnenCiſterne wäre richtiger derſelbe ſein, in den Joſeph von ſeinen Brüdern nach der Erzählung der Bibel geworfen worden.

DerJoſephsbrunnen iſt eine Eiſterne von furchtbarer Tiefe, die in ihren rieſigen Dimenſionen allein genügt, die ganze Feſtung mit Waſſer zu verſorgen. Die Grundrißform des großartigen Baues iſt viereckig. Rings um die Umfaſſungs⸗ mauer des Waſſerbehälters läuft ein abſchüſſiger Gang, von dem man an einzelnen Stellen einen Durchblick in das Innere hat und bis in die Bodent' ver Eiſterne gelangen kann.

Der

Nachdem wir all dies beſichtigt, wurden wir noch auf den Wall der Citadelle geführt, von wo uns ein prächtiger Anblick wurde. Zu unſern Füßen lag die Stadt mit ihren

nächſten Umgebungen; weiterhin konnten wir die Windungen.

des Nils bis fern in die Wüſte hinaus verfolgen, und am Horizont erhoben ſich fünf grell von der Luft abſtechende Pyramiden.

Am Weihnachtsabend oder vielmehr am Vormittage des Weihnachtsheiligabends traten wir die ſchon in Berlin verabredete Fahrt nach den Pyramiden an. Ein Dragoman, den wir gemiethet hatten, ließ uns an dieſem Tage im Stich, und ſahen wir uns daher und weil wir unſerm Vorhaben treu bleiben wollten, veranlaßt, den Ritt ohne denſelben auf zwei Eſeln, nur begleitet von den beiden Eſeltreibern, auf gut Glück anzutreten. Etwas kalte Küche, eine Flaſche Champagner und eine Flaſche Rothwein befand ſich in unſern Taſchen, um uns die Möglichkeit zu geben, an Ort und Stelle würdig das Feſt mit Speiſe und Trank begehen zu können. In Alt⸗Cairo, wo man ſich über den Nil ſetzen läßt, kauften wir noch einige Apfelſinen und mehrere Wachslichte, die im Innern der Phramiden nothwendig ſind. An dem Ueberfahrtspunkte herrſchte ein höchſt reges Leben, eine Unmaſſe von Barken gingen und kamen, voll beladen mit Männern, Weibern, Eſeln und allen möglichen Producten. Es dauerte deshalb ziemlich lange, bis wir mit einem Barkenführer handelseins werden

konnten. Endlich kamen wir an einen Mann, der auf einen mäßigen Preis einging. Die Fahrt ging nun raſch von Statten. Drüben in Ghyzeh angekommen, beſtiegen wir

wieder unfere Eſel, und fort ging's im ſtarken Trabe am Ufer entlang im Schatten dicht belaubter Akazien. Dann führte uns der Weg durch einen Palmenwald an mehreren von Beduinen bewohnten Dörfern vorüber, bis wir endlich die beiden großen Pyramiden vor uns ſahen. Die Bäume hörten jetzt auf und unſer Blick konnte weit in die Wüſte hinein⸗ ſtreifen, über die Fläche hin, die trotz ihrer Einförmigkeit und Troſtloſigkeit auf den Fremden einen wunderbaren Reiz übt.

Auf der andern Seite bot die Gegend ein eben ſo hohes

Intereſſe. Dort lag in der Ferne Cairo mit ſeiner Unzahl von Minarets. Wo wir ritten, war der Boden von der letzten Ueberſchwemmung noch ſchlammig, an einzelnen Stellen ſtand ſogar noch tiefes Waſſer. Hier wäre der Weg für uns gefährlich geworden, wenn ſich nicht eine Anzahl Araber, die allmählich auf etwa fünfundzwanzig ſtieg, zu uns geſellt und dieſe Leute nicht die richtigen Pfade genau gewußt hätten. Mehrmals nahmen uns die gefälligen Menſchen auf die Schultern, damit wir die Kleider nicht beſchmuzen ſollten.

Obgleich wir die Pyramiden ſchon eine ganze Zeit vor uns ſahen, erreichten wir dieſelben doch nicht ſo bald. In der Wüſte fehlt dem fremden Reiſenden vollkommen der Maß⸗ ſtab zum richtigen Schätzen der Entfernungen, das ſollten auch wir erkennen, als ſich der Weg endlos auszudehnen ſchien, immerfort zwiſchen ödem Sand, zwiſchen Steinbrüchen, Tempelreſten und zum Theil verſchütteten Mauerreſten.

Endlich gelangten wir an die Stelle, wo zwiſchen den beiden Pyramiden der große Kopf der Sphinx hoch aus dem loſen Sande hervorragt. Von hier wandten wir uns rechts nach der größten Pyramide, an deren Fuße wir um 1 ½ Uhr Mittags eintrafen.

Hungrig und angeſtrengt von dem weiten Ritt lagerten wir hier zunächſt und nahmen unſer Frühſtück ein. Die Beduinen, die übrigens den ärmſten Klaſſen angehörten, warfen ſich in maleriſchen Gruppen an den Boden nieder oder ſuchten ſich uns, vielleicht in der Hoffnung auf ein Trinkgeld, in irgend einer Weiſe nützlich und gefällig zu erweiſen. Einer von ihnen war ganz ſtill abſeits gegangen, hatte ein Feuer angezündet und, als wir mit unſerm Mahle fertig waren,

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