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daß die Miſteldroſſel in ſolcher Fülle auf einem Baum ver⸗
breitet war, um dieſem wahrhaft ſchaden zu können. In wirklich bedenklicher Weiſe ſah ich ſie nur im Rheinthale zwiſchen dem Bodenſee und Vorarlberg auf Obſtbäumen ver⸗ breitet, auf Bäumen aber, die in jedem Jahre von ihren Beſitzern beſtiegen werden, um die Aepfel zu ernten. Da es nun ſo nahe liegt, ſich den ſchädlichen Einwirkungen der Miſtel zu entziehen, indem man die Miſtel ausſchneidet, muß man ſich mehr über das Phlegma der Bewohner, die das nicht thun, als über die Miſteldroſſel wundern, die die Kerne der Miſtel ſo maſſenhaft verbreitet; vorausgeſetzt übrigens, daß ſie es dort wirklich iſt, welche die Verbreitung übernimmt. Da nun aber alle übrigen Droſſeln bis zur Amſel, die das Verzeichniß unſerer Denkſchrift wohl nur aufzuzählen vergeſſen
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hat, wahrhafte Inſektenvertilger ſind, ſo liegt kein Grund vor, die Miſteldroſſel von dem Schutze auszuſchließen. Eine einzige Art ausnehmen, hieße nichts Anderes, als auch die übrigen Droſſelarten für vogelfrei erklären, da Netze und Schlingen nichts darnach fragen, ob ihnen eine Singdroſſel oder eine Miſteldroſſel naht.
Sonſt ließe ſich ebenfalls darüber ſtreiten, ob nicht alle diejenigen Vögel ausgerottet werden müßten, die zur Obſt⸗ zeit einen beſonderen Appetit für Kirſchen, Birnen, Wein⸗ trauben u. ſ. w. empfinden, nämlich die Kernbeißer, Pirole, Wendehälſe, Sperlinge u. A. Hier kann jedoch einfach an Friedrich den Großen erinnert werden, der ſeiner Zeit die Frage bejahte und die Spatzen um Potsdam gänzlich vertilgen ließ, um ſeine Kirſchen für ſich zu behalten, und dafür erleben mußte, daß jetzt, veranlaßt durch maſſenhaften Raupenfraß, ſich nicht einmal eine Kirſche mehr entwickelte. Es könnte uns dann am Ende geradeſo wie ihm ergehen, daß wir nun nach der Vertilgung jener Obſtfreunde und Inſektenfeinde genöthigt wären, ſie mit unſäglicher Noth wieder zu uns heranzulocken⸗
In die gleiche Kategorie ſind die Raben und Krähen zu ſtellen. Wenn ſie auch manchmal, wo ihnen die Natur durch üppiges Baumwerk entgegenkommt, maſſenhaft auf⸗ treten und dadurch den umwohnenden Menſchen beläſtigen, ſo brauchen wir nur unſer Auge zu erheben, um zu finden, daß dieſe Schaaren, wenn ſie überhaupt leben wollen, auch hinreichende Nahrung in der Umgegend finden müſſen. Da aber ihre Nahrung, Inſekten, Würmer, Larven und Maden aller Art, Aas u. ſ. w. ſind, ſo findet ſich dergleichen Nah⸗ rung ſicher auch geradeſo maſſenhaft in der Umgegend, als die Schaaren zahlreich ſind. Oder was treiben denn die Rabenſchaaren auf den koloſſalen Düngerhaufen, welche der Landwirth zum Verrotten im freien Felde aufthürmt? Nichts Anderes, als daß ſie zahlreiche Thierkeime darin ſuchen,
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welche im entwickelten Zuſtande auf die eine' oder auf die
andere Weiſe dem Landwirth Schaden bringen. Sie ſind
darum wirkliche Gehülfen deſſelben; und wenn darüber noch ein Zweifel herrſchen könnte, ſo würden ihn die Krähen be⸗ ſeitigen, die mit einem rührenden Vertrauen den Furchen folgen, die eben der Landmann mit dem Pfluge durch ſeinen Acker zieht. Es iſt daſſelbe Bild, welches uns Staare und Bachſtelzen zeigen, wenn ſie ſich mitten zwiſchen die Schaaf⸗ heerden begeben, um die von den weidenden Thieren aufge⸗ ſcheuchten Inſekten im Fluge zu erhaſchen oder ſogar die Paraſiten im Pelze der Thiere aufzuſuchen. Was würde wohl ein Schäfer dazu ſagen, wenn man einen dieſer Vögel an ſeiner Seite mit Pulver und Blei tödten wollte! Und doch werden noch Raben und Krähen ſo vielfach verfolgt, als ob ſie diebiſche Elſtern wären, die am liebſten Jagd auf junge ſchmackhafte Vögel machen!
Ein Gleiches iſt von dem Eulengeſchlechte zu ſagen. Weil aber die Eulen ein Nachtleben führen, ſo kettet ſich in dem lichtfreundlichen Menſchen, wie bei der Nachtſchwalbe, augenblicklich auch an ſie der Aberglaube, die Furcht. Zur


