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Zum Schutze der nützlichen Vögel.
Von Karl Müller.
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Es liegt auf der Hand, daß man ſich zu fragen hat, wer denn die ſchutzwürdigen Vögel eigentlich ſeien? Die Inſekten und Mäuſe freſſenden, iſt leicht geantwortet; aber wer ſind denn dieſe? Unſere Denkſchrift nennt nur im Allge⸗ meinen alle diejenigen Vögel, welche ſich unſeres Schutzes würdig zeigen, ohne ſich weiter auf eine Berichtigung der übel verleumdeten Vögel einzulaſſen. Nach ihrem Regiſter ſind es folgende:
Die Singdroſſel(Turdus musicus), die Miſteldroſſel (Turdus viscivorus); alle Arten der Gattung Sylvia, alſo Nachtigall, Rothkehlchen, Rothſchwänzchen, Hausröthling, Blau⸗ kehlchen; der Garten⸗, Wald⸗ und Fitislaubſänger; alle Gras⸗ mücken⸗Arten; die Arten der Gattung Saxicola, nämlich der ſchwarzkehlige und der braunkehlige Wieſenſchwätzer; der Zaun⸗ könig, der Wieſenpieper(Anthus pratensis), die weiße, gelbe und graue Bachſtelze, die Haus⸗ und Rauchſchwalbe, die Fliegen⸗ ſchnäpper, die Baumläufer, alle Arten der Gattung Parus, namentlich die Kohl⸗ und Blaumeiſe, ferner die Kleiber(Sitta Buropæa), das Goldhähnchen, von den finkenartigen Sing⸗ vögeln der Haus⸗ und Feldſperling, der Buchfink, Stieglitz und Zeiſig, die Gold⸗, Grau⸗ und Gartenammer, die Feld⸗, Hauben⸗ und Baumlerche, der Staar, die Rabenkrähe, ſowie die Nebel⸗ und Saatkrähe, die Dohle, der Pirol oder Bülau, der Ziegenmelker oder die Nachtſchwalbe, die Mauerſchwalbe, der Wiedehopf, die Blaurake oder Mandelkrähe, der Kukuk und Wendehals, alle Spechtarten. Aus der Ordnung der Raubvögel ſind es: der Mäuſebuſſard, der rauhfüßige Buſſard, die Schleiereule, der Kautz, die Sumpfeule, der Regenpfeifer und der Kiebitz.
Der gewöhnliche Einwand gegen manchen der hier ge⸗ nannten Vögel bleibt immer der, daß mancher dieſer Vögel nicht allein mit Inſekten vorlieb nimmt, ſondern auch Appetit für Körner zeigt, welche der Menſch nicht für ihn cultivirt. Dieſer Einwand verdient etwas näher beleuchtet zu werden,
da man hierbei ſehr häufig das Kind mit dem Bade aus⸗
ſchüttet und dem Einwande eine Allgemeinheit gibt, die ſchließlich höchſt fehlerhaft wird. Man kann es ſchon von vornherein einem Vogel am Schnabel anſehen, welcher Art ſeine Nahrung ſei. Ein dünner, ſpitzer Schnabel kann unmög⸗ lich geeignet ſein, harte Samen aufzubeißen; er wird folglich
durchaus nur für Inſektennahrung eingerichtet ſein müſſen.
Das iſt in der That auch der Fall bei den allermeiſten unſerer Singvögel, von der Nachtigall bis zu den Grasmücken uud Fliegenſchnäppern, die ihr Weſen ſchon in ihrem Namen ſelbſt tragen. Aber es gehören hierher auch die Schwalben, Kukuke und Ziegenmelker, und dieſe machen folglich auf den gleichen Schutz einen ebenſo großen Anſpruch. Die Schwalben reden für ſich ſelbſt; denn es könnte nur ein Blinder ſein, welcher es nicht wüßte, daß dieſer unruhigſte aller unſerer kleineren Vögel nur darum in beſtändiger Be⸗ wegung iſt, weil er ſich durchaus von Inſekten nährt und, um dies erreichen zu können, ſeine Nahrung in unausge⸗ ſetzter Thätigkeit erwerben muß. Darum iſt die Schwalbe, wie alle Thiere, welche in beſtändiger Bewegung leben, ein äußerſt magerer Vogel. Und dennoch ſehen wir, daß der
gierige Vogelſteller auf dieſe ſtaunenswerthe Thätigkeit eines
ſo winzigen Geſchöpfes auch nicht die allergeringſte Rückſicht nimmt; er iſt dem Italiener gleich, der die Schwalben, ſonder⸗ bar genug, für eine Art von Raubvogel hält.
In gleichem Falle befindet ſich der Kukuk. Man hat Urſache, die ſonderbare Lebensweiſe dieſes äußerſt ſcheuen Vogels, ſeine Eier in die Reſter kleiner Singvögel zu legen, nur darauf zu ſchieben, daß er genöthigt iſt, fort und fort auf Nahrung auszufliegen, weil die Schwierigkeit, Inſekten zu finden, für ihn nicht minder groß iſt, als ſein beſtändiger Appetit. Wollte er ſeine Jungen ſelbſt pflegen, ſo würden
darüber entweder die Aeltern oder die Jungen zu Grunde gehen. Dazu kommt noch, daß der Kukuk gerade die ver⸗ derblichſten Waldraupen, namentlich die giftige Proceſſions⸗ raupe mit dem dichtbehaarten Felle, am liebſten verſpeiſt; eine Eigenthümlichkeit, welche die Wände ſeines Magens allmählich mit einer Kruſte von ſtacheligen Haaren überzieht. Und doch ſehen wir, daß der Kukuk in einen Wuſt von Aberglauben hineingewebt iſt, der ſchwerlich eine Ahnung von ſeiner großen Nützlichkeit aufkommen läßt. Gerade darum, weil er ſo große Maſſen von Inſektennahrung braucht, bewacht der Kukuk ſo eiferſüchtig ſein von ihm gewähltes Revier gegen jeden andern ſeines Gleichen. Die Größe dieſes Reviers zeigt am beſten, wie viel Inſektennahrung der Vogel braucht, und welche empfindliche Lücke im Naturhaushalte darum eintreten muß, wenn einer dieſer Vögel gewaltſam aus einem ſolchen Revier herausgeriſſen wurde. Man kann es folglich nur einen Act gänzlicher Verkennung nennen, wenn manche Länder, wie z. B. der Canton Uri noch bis in die neueſte Zeit, das Geſchöpf für vogelfrei erklärten und ſogar ein Schußgeld auf ſeine Erlegung ſetzten.
Aber der Ziegenmelker, höre ich fragen, iſt es nicht derſelbe, der ſeinen Namen daher bekam, daß er ſich nächt⸗ licherweile einſchleichen ſoll in die Viehſtälle, um die Ziegen durch ſeinen Flügelſchlag blind zu machen und ihnen darauf die Milch auszuſaugen, bis die Euter vertrocknen? Der Aermſte! Weil er wie die Fledermäuſe darauf angewieſen iſt, ſeine Nahrung in der Dämmerung zu erjagen, darum iſt er ſchon von vornherein bei dem Licht liebenden Menſchen ver⸗ dächtig, und darum noch verdächtiger, wenn es ihm einfällt, in einen Stall zu dringen. Was hat er dort zur nacht⸗ ſchlafenden Zeit zu machen, wenn er nicht Unfug treiben wollte! Der ſo ſchließende Menſch hätte nur einmal den Schnabel und Magen des Vogels prüfen ſollen, um mit Einem Male zu wiſſen, daß erſterer ſchwerlich zum Saugen und letzterer ſchwerlich für Milchſpeiſen eingerichtet ſein kann. In der That verhält ſich der Ziegenmelker wie die Schwalbe, die ruhelos ihrer Nahrung nachjagt, und darum heißt er auch bezeichnender Nachtſchwalbe, ſo weit er ſonſt auch ſeiner Organiſation nach von den Schwalben entfernt ſteht.
Selbſt den Specht verſteht nicht Jedermann; denn er iſt ein unverwüſtlicher Zimmermann, dem es die größte Freude zu machen ſcheint, zum Aerger des Förſters tiefe Löcher in die Bäume zu hacken, in denen ſich leicht das Waſſer ſammelt und zum Anfaulen des Holzes Anlaß gibt. Trotzdem treibt er damit keinen Schabernack, ſondern klopft und pocht nur an und in die Bäume, weil er auf dieſe Weiſe die Inſekten aus ihren Schlupfwinkel jagt, die er dann in haſtigen Bewegungen auf der andern Seite des Baumes erhaſcht. Wenn er es bequemer haben kann, ſich zu ſättigen, hat er Verſtand genug, die ſchwere Holzhackerarbeit einzuſtellen. Ich traf vor einigen Jahren auf der Wartburg einen Roth⸗ ſpecht, welcher aus der freien Natur an die Fenſter der Burg geflogen kam, um die Leckerbiſſen auf dem Fenſterſims ent⸗ gegenzunehmen, die man für den originellen Pflegling gern und aufmerkſam auftiſchte.
Die Miſteldroſſel nennt Karl Vogt einen äußerſt ſchäd⸗ lichen Vogel, obgleich ſie in obigem Verzeichniſſe unter den nützlichen Inſektenfreſſern aufgezählt iſt. Sie ſoll es darum ſein, weil ſie gern die Beeren des paraſitiſchen Miſtelſtrauches ſucht und verſpeiſt, die Kerne aber unverdaut mit ihren Ercrementen wieder von ſich gibt und hierdurch dazu bei⸗ trägt, daß dieſe Kerne auf einem Zweige ſitzen bleiben, keimen und einen neuen, gefährlichen Strauch erzeugen. Die Thatſache iſt an ſich richtig; nur fragt es ſich, ob der Nutzen der Miſteldroſſel nicht größer als ihr Schaden ſei? Mit ſehr wenigen Ausnahmen, habe ich wenigſtens noch nicht beobachtet,
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