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aufzuweiſen im Stande wäre, und als ſolche verdient er um ſo mehr die Aufmerſamkeit und Bewunderung, die ihm ſeit ſeiner Ankunft in Paris gezollt worden, als das ruhmredige Gerücht, welches ihm vorangeeilt war, und das man ſchon
ſeines amerikaniſchen Urſprungs halber verdächtigen konnte,—
diesmal nicht gelogen hat. Wenn man den Thatbeſtand in ſeiner einfachſten Form zuſammenfaſſen wollte, ſo iſt Tom, der blinde Neger, oder
der blinde— und nicht ungläubige— Thomas, wie man ihn noch vor ſeiner Ankunft auf unſerem Continente getauft hat,— Einer der Wenigen, welche die Natur auf der einen
Seite reichlich dafür entſchädigt, was ſie ihnen auf der anderen Seite vorenthalten hat. Tom verlor in ſeinen früheſten Kinderjahren die hohe Naturgabe des Geſichtes, darum hat in ihm das Gehörorgan einen hohen Grad von Entwickelung erreicht. Und das iſt ein Beweis, daß die Blindheit zu⸗ weilen auch ihre gute Seite hat. Hätte Tom ſein Augenlicht nicht verloren, ſo wäre aus ihm ein tüchtiger Arbeiter ge⸗ worden— was jedenfalls eine höchſt ehrenvolle Aufgabe iſt: ſeine Blindheit ſtempelt ihn zum Künſtler und trägt ſofort ſeinen Namen bis zu den Sternen des Ruhms.
Freilich iſt Tom kein Virtuoſe, freilich fehlen ihm die die Gaben, welche ſo häufig das größte Verdienſt unſerer modernen Künſtler ausmachen. Aber dieſe Forderung, inſo⸗ fern es ſich um den mechaniſchen Theil des Klaviermeiſters handelt, darf nun und nimmermehr an ihn geſtellt werden. Seit ſeiner zarteſten Kindheit mit Blindheit geſchlagen, durfte Tom nicht ſo ſehr die Ausbildung ſeiner techniſchen Fähig⸗ keiten als die Geltendmachung ſeines muſikaliſchen Vermögens anſtreben; und die Folge wird es zeigen, ob er in dieſer Richtung glücklich geweſen iſt.
Der Zufall fügte es, daß ich am 26. April ſeiner erſten Vorſtellung in Paris beiwohnte. Wer ihn nie zu Geſichte be⸗ kam, oder nie über ihn las, würde ſich ſchwerlich einen Begriff von der äußern Häßlichkeit deſſelben machen. Doch das Beſte in der Welt hat nicht immer eine goldene Einfaſſung, und die äußerſt beſchränkte Zahl von Zuhörern bewies nur zu deutlich, daß ſich die öffentliche Meinung von dem Auf⸗ treten des amerikaniſchen Muſenſohnes nicht viel verſprach.
Nach einer Reihe der ſonderbarſten Handbewegungen und Geberden ſchlug Tom die erſten Accorde an und ſpielte ſo gut, als es ging, einen Walzer von Chopin, der ſeine mechaniſche Tüchtigkeit geradezu in kein glänzendes Licht ſtellte, und ſo Mancher der ſpärlich auweſenden Zuhörer fing ſchon an, den Verluſt eines Abends zu bedauern. Ein gleiches, wenngleich minder ſchreckliches Schickſal wurde den übrigen Stücken, unter andern der pathetiſchen Sonate von Beethoven zu Theil. Erſt in dem nachfolgenden Stücke, welches er in einem dumpfen verhaltenen Tone ſpielte und deſſen Namen mir entfallen iſt, verrieth Tom Gefühl und Geläufigkeit, worgus man mit der größten Gewißheit ſchließen konnte, daß das Stück zu den beſten, gediegenſten Leiſtungen ſeines reichver⸗ ſehenen muſikaliſchen Regiſters gehöre.
Soviel über ſeine künſtleriſchen Leiſtungen; denn das⸗ jenige, was ich noch berichten will, ſieht mehr einem Kunſtſtücke ähnlich, welches die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer ganz in Anſpruch nahm und Tom für die ſcheinbar erlittene Nieder⸗ lage reichlich entſchädigte.
Ein junger Mann, den ich zu meinen beſten Freunden zähle, und den ich unter keiner Bedingung des Einverſtänd⸗ niſſes mit dem Neger zeihen könnte, ſpielte hierauf ein Stück von ſeiner eigenen Compoſition, das ich ganz gut kenne und das Tom nach einmaligem Hören wiederholen ſollte. Kaum hatte mein Freund die erſten Noten angeſchlagen, ſo begann Tom ſeine beliebteſten Leibesübungen, deren Anblick ſämmt⸗ liche Zuſchauer zur Heiterkeit ſtimmte. Während nämlich mein Freund am Klavier ſaß und ſpielte, brachte der Neger ſeinen
muſikaliſches Talent.
Oberleib und den einen Fuß in eine horizontale Stellung, drehte ſich um die Axe des andern Fußes und vollbrachte auf dieſe Weiſe jene merkwürdige Kreiswendung, auf die unſere Ballet⸗Tänzerinnen ſo viel geben,— wobei er ſelbſtver⸗ ſtändlich die ſonderbarſten Geſichter ſchnitt. Hierauf kehrte er ans Klavier zurück und wiederholte bis auf einige lückenhafte Stellen das Stück, das er ſoeben gehört hatte. Die Schwierig⸗ keit, welche ſeinem Spiele ein linkiſches Ausſehen verlieh, rühtte daher— meinten ſeine Begleiter— daß an einer gewiſſen Stelle die Hände gekreuzt werden mußten, wovon der Blinde freilich keine Ahnung haben konnte.
Weit beſſer gelang ihm die Löſung der zweiten Aufgabe. Die letztere beſtand in einem Salonwalzer, den ein Zuſchauer vorſpielte, während Tom wie zuvor ſeine kreiſende Bewegung ausführte. Sein Beſtreben ward diesmal von dem glück⸗ lichſten Erfolge gekrönt, und um das Intereſſe ſeiner Nach⸗ ahmung zu erhöhen, ſuchte er den Salonwalzer durch Ver⸗ zierungen, die er ſelbſt componirte, auszuſchmücken. Von allen Seiten erſcholl lauter Beifall, worin Tom, ſelig und mit ſich ſelbſt zufrieden, ganz herzlich mit einſtimmte.
Nicht minder groß war ſein Erfolg mit der Zergliederung der Accorde geweſen. Man ſchlug ihm nämlich einige der ſchwierigſten Accorde an, und Tom errieth und nannte augen⸗
blicklich die einzelnen Noten, woraus die erſteren gebildet
worden ſind.— Es iſt beinahe zum Raſendwerden, und doch reicht Alles, was hier vorangeht, dem Stückchen, das man für den Schluß der Vorſtellung vorbehalten hat, nicht einmal an die Knöchel— wenn ich mich dieſes Ausdrucks be⸗ dienen darf.
Heinrich Potier, einer unſerer beſten Klavierſpieler und Lehrer am Pariſer Converſatorium, beſitzt unſtreitig ein großes Er iſt im Stande, zwei in verſchiedenen Tonarten geſchriebene Stücke auf dem Fortepiano zu gleicher Zeit zu ſpielen. So weit bringen es Sterbliche ſelten; denn es gehört hierzu ein außerordentliches Unterſcheidungsvermögen, das mit der Gedächtnißkraft gleichen Schritt halten muß. Die Geſchichte berichtet, daß Cäſar die Gewohnheit hatte, mehrere Briefe verſchiedenen Inhalts in einem Zuge zu dictiren. Er hätte es in der Muſik wahrſcheinlich auch ſo weit gebracht, wenn er Tonkünſtler geweſen wäre; und es muß H. Potier unendlich ſchmeicheln, eine der ſchätzbarſten charakteriſtiſchen Gaben mit dem großen römiſchen Imperator gemein zu haben.
Und gerade in dem Augenblicke, wo H. Potier vielleicht von ſeiner Unſterblichkeit phantaſirte und wahrſcheinlich auf neue Lorbeern ſann, läßt der Himmel ſchadenfroh den amerikaniſchen Schwarzen aus ſeinen Wolken herunterfallen und dem beneideten Muſenſohn den Sieg entreißen.
Tom, der blinde Tom ſpielt nämlich mit ſeiner Rechten ein Stück, ein anderes mit ſeiner Linken— beide Stücke ſind in verſchiedenen Tonarten geſchrieben— und um den teufliſchen Streich zu krönen, ſingt er zu gleicher Zeit eine dritte, gleichfalls in einer fremdartigen Tonart verfaßte Melodie in dieſen Wirrwarr von Tönen hinein und bildet aus dieſen gellenden Ungereimtheiten ein nie angenehmes Trio, worüber dem Herzhafteſten die Ohren vergehen würden.
Und nun wirft ſich dem unbefangenſten Beobachter die Frage auf, ob der mechaniſche Theil ſeines Talents ſowie die muſikaliſchen Fähigkeiten bei Tom in ihrer jetzigen Potenz mit ihm zur Welt gekommen ſind? Die phrenologiſche Zer⸗ gliederung würde mich jedoch weit zu führen. Soviel ſteht unſtreitig feſt, daß ſeine Gedächtnißgabe etwas Niedageweſenes darſtellt, und obſchon man ſich von ſeinen Vorſtellungen keinen
Hochgenuß verſprechen darf, kehrt man doch mit dem ruhigen
Bewußtſein nach Hauſe, daß man einen Abend recht vergnügt zugebracht hat. Pompeérh.
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