— 600„—
in der Naturheilanſtalt Brunnthal ſei und ſeine Geneſung, reſpective ſeine Magerkeit(oder„Entfettung“ wie ſie in Brunnthal mit dem techniſchen Ausdruck ſagen) der dortigen Cur verdanke. Ich war juſt preſſirt, aber der glückliche Gaſt⸗ wirth ließ mich nicht eher los, bis ich ihm einen Beſuch in Brunnthal verſprochen.
Gerne hielt ich Wort und zum erſten Mal überſchritt ich den Kreis jener Bäume, unter denen es ſich ſo gut ſitzt, und trat in die eigentliche Curanſtalt ein. Wenn der geehrte Leſer mich begleitet, ſo ſieht er im Vordergrunde die Iſar. Die Brücke im Hintergrunde verbindet die herrliche Maximilians⸗ ſtraße mit dem Maximilianeum, jenem rieſigen Gebäude. Der Kirchthurm hinten gehört der Vorſtadt Au und vom Gebirge ſehen wir einige Andeutungen, welche die Zauber der Fern⸗ ſicht, die man in der That dort oben genießt, kaum ahnen laſſen. Vom Maximilianeum, dem Gebäude im Mittelpunkt aus erſtrecken ſich den Berg entlang die Anlagen, von denen wir oben geſprochen, und unten links der Häuſercomplex iſt Bad Brunnthal.
In das vordere dieſer Häuſer, das mit einem wunder⸗ baren Thürmchen geziert iſt, trat ich alſo ein, um Herrn Meyer zu beſuchen.
Ein freundlicher Kellner nahm ſich meiner an und führte mich über eine Stiege durch lange teppichbelegte Corridors.
„Herr Meyer wohnt im Nebenhauſe“, ſagte der ſervietten⸗ ſchwingende Jüngling,„wir müſſen durch die zwei Häuſer durchgehen.“
Ich ſah ein Zimmer nach dem andern, alle numerirt; es war wie in einem großen Gaſthauſe, Dienſtmädchen ſchoſſen hin und her, Kellner mit Frühſtückbrettern kamen und gingen, es herrſchte reges Leben und ging doch Alles ſehr geräuſchlos und ſtill zu.
„Alles beſetzt, alles voll, auch drüben im Dorfe wird bald kein Zimmer mehr ſein, Herr Hofrath wird wieder bauen müſſen“, nahm der Jüngling wieder das Wort.
Als ich ihm meine Freude über die Frequenz ausdrücken wollte, kam uns ein merkwürdiges Gefährt entgegen, das mir das Wort im Munde abſchnitt.
„Ein Zimmerbad für einen Schwerkranken, die leichtern baden alle im Badehaus“ erklärte mein Begleiter.„Hier iſt jedoch das Zimmer, das Sie ſuchen.“
Ich dankte für die freundliche Führung, klopfte an und trat bei Herrn Meher, der juſt ſeine Cigarre am offenen Fenſter rauchte, ein.
Ein nettes, freundliches, elegantes Zimmer. Durch das offene Fenſter ſtrömte Blumenduft und Waldesathem.
„Ich ſtöre doch nicht?“
„Nicht im Geringſten, Verehrteſter. Ich wollte gerade mein Frühbad nehmen und da können Sie mich ja begleiten, ich will nur etwas Toilette machen.“
„Um in's Bad zu gehen?“
„Wir haben viel Damen hier“, ſagte Meyer kokett.
Ich lachte laut auf.
„Lachen Sie nur, jetzt lache ich auch mit. Wochen war mir's anders zu Muthe!“
„Und was hat eigentlich das Wunder bei Ihnen voll⸗ bracht?“
„Nichts wie Diät und Waſſer, Waſſer und Diät.“
„Alſo man hat Sie hungern laſſen?“
„Im Gegentheil, ich habe immer mich ſatt gegeſſen, aber mit Auswahl, keinen Zucker, kein Brot, keine Kartoffeln, aber Fleiſch“—
„Alſo Banting; Liebſter, das hätten Sie zu Haus ja auch haben können.“
„Doch nicht ſo, der Banting allein thut's nicht, das Waſſer und die zweckmäßige Behandlung muß auch dabei ſein. Die Heilmethode hier hat den Hauptzweck der Wiedererneuerung oder Regeneration des geſammten Organismus durch die Her⸗ ſtellung der den normalen Stoffwechſel bedingenden Factoren. Das richtige Vorſichgehen des Stoffwechſels kann aber nur mit Hülfe geſunder Nahrung, richtiger Blutbildung und Eirculation, normaler Durchdringlichkeit der Haargefäßwände,
Vor ſechs
zweckmäßiger Ernährungsflüſſigkeit und regelmäßiger Neu⸗ bildung der Gewerbsbeſtandtheile geſchehen.
„Das Weſen der Cur hier beſteht demgemäß nicht in ein⸗ ſeitiger Beſchränkung der Diät(Schroth'ſche Cur), nicht in vorherrſchendem innerlichen Gebrauch des Waſſers(Priesnitz'ſche Cur), ſondern darin—
„daß von allen Curmitteln mannichfaltiger Gebrauch ge⸗ macht wird“, ergänzte ich lachend,„Sie haben Ihren Katechis⸗ mus vortrefflich auswendig gelernt.“
Meyer ſchaute mich einen Augenblick verdutzt an, dann lachte er ſelbſt. Ich hatte nämlich, während er ſeine große Rede beginnen wollte, mit einem Heftchen geſpielt, das auf der Kommode lag. Es war der Proſpect und die Haus⸗ ordnung von Bad Brunnthal, und eben als der Gute beginnen wollte mir den ganzen Proſpect vorzudeclamiren, war ich im Stande, noch zur rechten Zeit einzufallen und dieſe Declamation von mir abzuwenden.—„Nehmen Sie ſich übrigens den Proſpect einmal mit und leſen Sie ihn aufmerkſam durch, es iſt der Mühe werth, ich habe ſelten etwas Klareres über einen ſo verwickelten Gegenſtand geleſen. Sie glauben gar nicht, welche Summe von Leiden hier unten dieſen Dächern wohnt. Unter uns Herren ſpricht man ſich aus, und da habe ich ſchon die wunderlichſten Geſchichten gehört. Wir haben hier jetzt einen Mexicaner und zwei Südſtaatler, die alle drei ihre Gicht über den Ocean getragen, um ſie hier los zu werden. Ein reicher Bankier aus Konſtantinopel iſt mit mir zuſammen ent⸗ fettet worden, ein Geſandtſchafts⸗Attaché ebendaher will hier ſein überflüſſiges Queckſilber deponiren, verſchiedene Herren aus verſchiedenen Ländern wollen ſich ihre Steine vom Hofrath Steinbacher abnehmen laſſen u. ſ. w. Kurzum, überall da, wo ein armer Leidender jegliche Hoffnung aufgegeben hat, jemals wieder geſund zu werden, hat er immer doch noch eine Chance und das iſt Brunnthal.
„Unſere Cur hier krempelt den ganzen Menſchen um, ſie ſchwitzt und ſchwemmt den alten Adam complet weg, und ihre galvaniſchen Batterien erwecken, was abgeſtorben iſt, zu neuem Leben.— Jetzt kommen Sie aber mit ins Vollbad.“
Wir gingen wieder durch lange, unendliche Corridors bis wir nach und nach alle drei Häuſer durchgeſchritten, ſtiegen eine Treppe hinunter und traten in einen Dunſtkreis, der ſchon durch ſeine Feuchtigkeit anzeigte, daß wir uns den Bädern näherten. In der That war das ganze Erdgeſchoß zu Bädern beſtimmt.
Eine offene Thür zeigte uns eine heftig arbeitende Dampfmaſchine.„Die pumpt das Waſſer in die Reſervoirs“, ſagte Herr Meyer,„ſie hat beſtändig zu thun, denn wir ver⸗ brauchen unſinnig viel Waſſer.“
Wir treten in einen großen Saal, wo es ſehr lebhaft zuging. Unſer Bild gibt eine annähernde Idee davon, in welch' verſchiedener Weiſe man hier das Waſſer, die herrliche Gottesgabe, gebraucht. Auf meinen vielen Reiſen habe ich Bäder der mannichfachſten Art geſehen, daher waren mir all die zweckmäßigen Einrichtungen, namentlich der Douchen, nicht neu; zwei Sachen überraſchten mich aber doch. Zuerſt das Kaſtendampfbad, eine Erfindung des Beſitzers und Director von Brunnthal: Hofrath Dr. Steinbacher. In dieſem Kaſter dampfbad, das ungemein einfach und ſinnreich conſtruirt iſ, genießt der Körper alle Wohlthaten eines Dampfbades, ohne das der Kopf darunter leidet. Es iſt das ein Apparat, den man ſich mit ſehr wenig Koſten in jeder Haushaltung her.
ſtellen kann und deſſen Wirkungen bei vielen Erkrankungen
unſchätzbar ſind. Während wir im Waſſer waren— ach, dies herrliche Quellwaſſer ſchmiegt ſich wie Sammt dem Körper an und iſt von einer wonnevollen Klarheit— ſollte mir die zweite Ueber⸗ X raſchung zu Theil werden. Meyer ſchwamm mit mir zu einer Douche hin, deren Strahl geleitet werden konnte, nahm das Rohr und richtete den Strahl auf mich. Ich ſprang, von dem Waſſerſtrahl getroffen, wie ein Hirſch in die Höhe, denn ich hatte mit dem Waſſer einen heftigen elektriſchen Schlag
empfangen.
Meyer lachte hellauf über ſeinen ſchlechten Witz, ein


