Bad Bru
Von E. A. Dempwollf.
Komm mit mir, lieber Leſer, wir wollen einen herrlichen Spaziergang mit einander machen! Nehmen wir an, wir ſtünden vor der Facade des Königsbaues in München und bewunderten die ſchönen Verhältniſſe des ſtolzen Palaſtes, ſo gehen wir links an dem großartigen Portal des Hof⸗ und Nativnaltheaters vorüber und haben vor uns die ſchier unab⸗ ſehbaren Linien der Maximiliansſtraße, die ſich mit den Linden in Berlin, der Newsky⸗Perſpective in Petersburg, den Boulevards in Paris recht wohl meſſen kann. Wir durchwandern die langen Häuſer⸗ und Palaſtreihen dieſes letzten Werkes eines Königs, der ſeinem Lande nur zu früh geſtorben, paſſiren die ſchöne Brücke, durch deren hohe Bogen die wilde Iſar(Iſara, d. i. Rauſchende) fort und fort ihre grünen, bom weißen Schnee des zackigen Karwendels genährten Wogen wälzt, und kommen dann an einem leider noch immer unvollendeten rieſigen Bau, dem Maximilianeum, vorüber in Anlagen, wie ſie ſchöner nicht leicht gedacht werden können. Hier, wo ſonſt der wilde Gebirgsſtrom nach Gefallen wüthete und ſeine Kies⸗ bänke jahraus jahrein wechſelte und in dem weiten öden Bette bald hierhin und bald dorthin ſchob, hat die lei⸗ denſchaftliche Naturliebe eines Königs in wenig Jahren ein kleines Paradies erſtehen laſſen. Wir ſchlendern hier auf ſorgfältig gepflegten Wegen durch ſaftige, tiefgrüne Wieſen, durch Baumanlagen, welche durch ihre Mannichfaltig⸗ keit ſelbſt den geübten Botaniker in Verlegenheit ſetzen können, an kühlen Grotten, an murmelnden Quellen vorbei, und überall, wo die vielfach verſchlungenen Pfade wieder bergan ſteigen, haben wir eine Ausſicht, die ſich kühn den ſchönſten an die Seite ſtellen kann: den ſchäumenden Strom zu unſern Füßen, längs ſeinen Ufern die vielthürmige Stadt und darüber hinaus in langer, endloſer Kette die Alpen von der Zugſpitze an bis zu den fernen, fernen Salzburger und Tiroler Alpen.
Trunken ſchweift das Auge von Strom zu Berg, von Wald und Wieſe zu Kuppel und Thurm, und weiß nicht, ſoll es ſich ſtromauf den ſchöngezogenen Linien der blauen Gebirgskette zuwenden, oder ſtromabwärts auf dem herrlichen Grün des engliſchen Gartens, jenes ſchönen Parkes, wie ihn in ſo unmittelbarer Nähe und in ſolcher Ausdehnung keine zweite Stadt in Europa aufzuweiſen hat, ausruhen. Wieder ſenken ſich die Pfade, die Anlagen ſind zu Ende, und hier, in einer ſonnigen Hügelbucht des rechten Iſarufers gelagert, liegt das Ziel unſerer Promenade: Brunnthal.
Wir treten in eine Anlage, halb Garten, halb Park; vor langgeſtreckten Gebäuden unter ſchattigen Bäumen ſitzt hier an jedem ſchönen Tage eine zahlreiche und elegante Geſellſchaft um ihren Kaffee, um mit dieſem jenes köſtliche Naß aus erſter Quelle zu ſich zu nehmen, welches der echte Münchener unter dem Namen Brunnthalerwaſſer ſo hoch
verehrt. Eine reinliche, friſche Kellnerin bringt uns den Kaffee und gleich darauf in großen Gläſern das herrliche Waſſer.
In der That ein wahrer Labetrunk! Wie aus der Tiefe eines Champagnerkelches ſteigen die Perlen der Kohlenſäure noch fort und fort in die Höhe, und ſelbſt der entſchiedenſte Verächter des Waſſers, der, wie Noah in elaſſiſchen Trinklied, niemals einen Tropfen Waſſer trinkt, „dieweil darin erſäufet ſind all ſündhaft Vieh und Menſchenkind“, wird dies Glas Waſſer nicht verſchmähen. Früh Morgens wimmelt hier alles von Dienſtboten in allen möglichen Livreen, welche eifrig die Krüge füllen, damit ihre Herrſchaften zum Kaffee ein Glas echtes, unverfälſchtes„Brunnthaler“ trinken können. Hundertmal war ich draußen geweſen in Brunnthal und hatte unter den herrlichen Bäumen meinen Kaffee genommen,
meine Cigarre geraucht und meine zwei Glas Waſſer ge⸗
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daß Brunnthal eine Heilanſtalt ſei, deren Ruf weit über Baierns Grenzen, ja über das Weltmeer hinaus bereits ſich verbreitete, während wir in München nur hinausgingen, um Kaffee und Waſſer zu trinken. Da begegnete mir eines Tages ein Bekannter aus früherer Zeit. Er war der Beſitzer eines großen Hotels in einer berühmten Handelsſtadt. Der Mann hatte viel Glück gehabt, er hatte ſich vom einfachen Hausknecht zum Eigenthümer des vortrefflichen Gaſt⸗ hofes emporgeſchwungen, hatte Geld auf Geld gehäuft, eine liebenswürdige reizende Frau, allerliebſte Kinder, nichts fehlte ihm, was ſonſt einem Menſchen lieb und werth ſein kann, und doch war er die unglücklichſte Creatur auf Gottes weiter Welt, und der ärmſte Bettler, deren viele aus der reichen Küche des Gaſthauſes ſich Nahrung holten, war glücklicher als der reiche, vielbeneidete Hotelbeſitzer. Das ging aber ſo zu. Als Meyer— wir wollen ihn Meyer nennen, der Name iſt gar ſo bequem— noch Kellner war, beſaß er eine ſchlanke Taille und erfreute ſich überhaupt einer ſo prononcirten Magerkeit, daß ihn die Stammgäſte des„rothen Adler“ nur den„ Wind⸗ hund“ nannten. Als er jedoch Oberkellner wurde, da rundete ſich die klapperdürre Geſtalt allgemach, und mit dem Amt wuchs auch ein ſtattliches Bäuchlein heran, das der glückliche Beſitzer, dem der Name Windhund gar nicht gefiel, ſorgſältig hegte und pflegte. Aber o weh, die Pflege trug erſchreckliche Früchte. Kaum hatte Meyer ſein prachtvolles Hotel übernommen, ſo wurde aus dem Bäuchlein ein Bauch, der nach und noch ſo koloſſale Dimenſionen annahm, daß es dem armen dicken Gaſtwirth ſelbſt angſt und bange wurde. Von ſeinen Knieen hatte er ſchon längſt Abſchied genommen, und Alles, was unterhalb der dicken Uhrkette vorging, die ſich auf ſeinem Bauche wiegte, war für ſeine Augen nicht mehr vorhanden. Von vielem Treppenſteigen war auch nicht mehr die Rede, Kurzathmigkeit hatte ſich eingeſtellt, der frohe Lebensmuth hatte einer düſtern Melancholie Platz gemacht, die fort und fort über mediciniſchen Handbüchern grübelte. Der ſonſt den Tafelfreuden nicht ab⸗ holde Mann, der natürlich ſeiner Table⸗dhöte vorſtehen mußte, litt Tantalusqualen und verhungerte faſt in ſeinem Reich⸗ thum;— es half alles nichts, er wurde nur immer fetter. Als ich zuletzt in ſeinem Hotel gewohnt und an ſeinem Tiſch ge⸗ geſſen hatte, nahm eine Unterredung mit ihm über ſeinen Zuſtand, die anfangs ſcherzhaft geweſen, eine ſo ernſthafte Wendung, der Mann zeigte ſo ſehr ſeine Verzweiflung, daß ich mit der Ueberzeugung von ihm Abſchied nahm, ich werde ihn nicht wieder ſehen. Entweder würde ſein Fett ihn oder er ſich ſelbſt umbringen. Dieſem Herrn begegnete ich nun eines ſchönen Tages in München; ich hätte ihn wahrhaftig nicht erkannt, wenn er mich nicht angeredet. Heiliger Gott, wie ſah der Menſch aus! Groß und ſtattlich war er immer geweſen, aber der Bauch war total fort, er war anzuſehen wie eine jener Guttapercha⸗Figuren, die früher mit Luft ge⸗ füllt, einfallen und ſich zuſammenrunzeln wenn die Luft einen Ausweg gefunden. Alles an ihm war faltig und runzelig, ſeine Kleider hingen an ihm herum, wie wenn ſie für einen andern gemacht wären, ſein Geſicht, ſeine Hände waren wie eingetrocknete Pflaumen ſo faltig und runzelig. Aber ver⸗ gnügt und fidel war der Mann wie ein Gott, und vergnügt und froh war der Ton, in dem er mir zurief:„Gelt, Sie hätten mich nimmer gekannt? Glaub's wohl, kenne mich ſelber kaum mehr, ich will jetzt zu meinem Schneider, zum dritten Mal in ſechs Wochen. Diesmal laſſe ich aber nicht mehr ändern, jetzt gibt's neue Anzüge, denn wie ich jetzt bin, ſo bleib' ich, hat der Hofrath geſagt.“
„Welcher Hofrath?“
„Nun, der Hofrath Steinbacher, der Beſitzer von Brunn⸗ thal, dem ich meine Rettung verdanke.“
Und jetzt ſprudelte der Mann über und nach und nach
trunken und war wieder heimgeſchlendert, ohne daran zu denken,
entnahm ich denn aus ſeiner Rede, daß er ſeit ſechs Wochen
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