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Miethe herauszuſchlagen. Der Kellner plündert den Gaſt, um neben der Pacht, die er für ſeine Stelle zahlt, noch Geld zu verdienen.
Jeder Stuhl im Park der Ausſtellung iſt verpachtet und koſtet 2 Sous, jeder Commiſſionär, der den ermüdeten Frem⸗ den auf einem Rollſtuhl umherfährt und ſich für die Stunde 2 Francs berechnet, findet es unbillig, wenn man ihm weniger als einen halben Franc Douceur gibt, und hält dem Gaſt noch eine Rede über ſeinen Geiz. So iſt Alles, Alles auf der Jagd, und der Fremde iſt Jedem noch ſchuldig, ſelbſt wenn er gezahlt hat, was er ſoll; ja er muß noch eine Miene der Verachtung in den Kauf nehmen, wenn er ſich nicht gentil gezeigt hat. Alles iſt bis zu den höchſten Preiſen hinaufge⸗ ſchraubt und ſelbſt, wenn dieſem genügt iſt, kommt man auf das Feld der générosité, das gar kein Ende hat.
Bei alledem muß man Eins an dem Franzoſen bewun—⸗ dern: er hat das Talent des Kaufmanns; er verſteht zu cal⸗ culiren, zu controliren. Ueberall iſt Controle, weil man weiß, daß man ſich auf Niemanden verlaſſen kann. Selbſt die Frauen, welche im Park des Marsfeldes die Stühle ver⸗ miethen, tragen eine kleine Meſſing⸗Uhr am Gürtel, die mit einem leiſen: Ting! die Zahl der vermietheten Stühle anzeigt, natürlich, wenn die Trägerin ehrlich genug iſt, ſie gewiſſen⸗ haft bei jeden vermietheten 2 Sous zu dieſer Anzeige zu veranlaſſen.
Die Kaſſe ſpielt die Hauptrolle in jedem Magazin, vom größten bis zum kleinſten; ſie iſt die Seele des Ganzen, comme de raison. Selbſt bei den kleinen Handwerkern, die eine mäßige Boutike halten, liegt das Buch auf dem Kaſſentiſch; ſie treiben im Kleinen, was die Andern im Großen treiben. Ohne„Caisse“ kein Geſchäft.
Eine ganz eigenthümliche Controle wird in den Pariſer Bädern von den Bademeiſtern über die Gäſte geübt. Wer ein ſolches Bad betritt, hat zunächſt an der Caisse ſeine 75 Cent. für ein bain simple zu bezahlen. Er wird in die Zelle geführt, die Thür wird hinter ihm geſchloſſen und iſt von innen nicht zu öffnen. Der Gaſt könnte ja dem Bade⸗ meiſter davon gehen, ohne ein Douceur gezahlt zu haben! Der Eingeſperrte muß alſo erſt die Klingelſchnur in Bewe⸗ gung ſetzen, um gegen ſein Douceur in Freiheit geſetzt zu werden.
Eine andere Induſtrie knüpft ſich noch an dieſe Bäder,
nämlich die der Serviettes, der Handtücher. Auch dieſe wer⸗ den gegen 10 Centimes für jedes beſonders verabreicht und müſſen erſt beſtellt werden. Hat der Gaſt alſo 75 Cent. für ein Bad bezahlt, ſo muß er beim Hinausgehen noch 40 Cent. an Trinkgeldern für den Bademeiſter und die Handtücher ahlen. Ich leſe ſveben in einem deutſchen Blatte, der„Garten⸗ laube“, den Rath, man ſolle als Deutſcher nur in die deutſchen Hotels von Paris gehen. Was den geehrten Verfaſſer dieſes Artikels zu dieſem Rathe vermocht, weiß ich nicht: aus lang⸗ jähriger Erfahrung aber weiß ich— und daſſelbe weiß jeder Deutſche in Paris— daß uns in dieſen Hotels nichts ge⸗ ſchenkt wird, daß ſogar in Gaſthäuſern wie dem Hötel de Bavière recht anſtändige Rechnungen gemacht werden, und wenn ein deutſches Hotel zu empfehlen wäre, es höchſtens das Hötel Violet in der gleichnamigen Paſſage ſein könnte.
Es iſt eine Thorheit, wenn Deutſche eiligſt in deutſche Hotels laufen, um nur wieder zu Hauſe zu ſein; unſre Lands⸗ leute verſtehen es ebenſo gut wie die Pariſer, uns übers Ohr zu hauen. Deutſche Kellner findet man in faſt jedem franzö⸗ ſiſchen Hotel, denn es ſind ihrer Tauſende hier, beiſpielsweiſe findet man in den engliſchen Büffets der Ausſtellung über⸗ wiegend deutſche Bedienung und in dem Buffet americain kann man dreiſt jeden Kellner deutſch anreden.
Da iſt z. B. der Wiener Reſtaurant Zöhls in der Rue de Rougemont 3, bei welchem die Deutſchen gern verkehren. Der Mann hat eine gute Küche und gutes Wiener Vier. Mit Anfang April aber ſchlug er in ſeinen Preiſen um 25 Procent
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auf— natürlich aus Liebe für ſeine Landsleute. Ich wüßte,
wie geſagt, kein deutſches Hotel in Paris, das billiger wäre
als die franzöſiſchen, denn ſie haben alle dieſelben Preiſe und Niemand gibt hier etwas auf die Landsmannſchaft, denn die Wirthe ſelbſt geben nichts darauf und machen ihre Rechnungen nach der Pariſer Scala, nicht nach der deutſchen.
Zur Zeit der Expoſition gibt es überhaupt kein Erbarmen mehr, und die Pariſer Zeitungen beklagten ſich ſelbſt ſchon, daß man die Fremden durch die Nachricht der Theuerung ſo abgeſchreckt; man habe behaupten müſſen, ſagen ſie, das Alles ſpottwohlfeil und im Preiſe herabgeſetzt worden ſei, um den Fremden den Aufenthalt recht wohlgefällig zu machen.
Der Charivari brachte bereits unter den Sehenswürdig⸗ keiten der Ausſtellung die Statue eines„écorché“, eines ge⸗ ſchundenen Fremden, ein Skelett, das ſeine Hotelrechnung in der Hand hält! Nichts treffender als dieſes Bild.
Es iſt, wie ſchon früher erwähnt, eine großartige Rüſtung im Gange, und ſeit der Sommer gekommen, der Krieg vermieden ſcheint, mag die Expoſitions⸗Campagne denn beginnen.
Das Theätre du Chatelet ſtudirt ein großartiges Aus⸗ ſtattungsſtück,„Gulliver's Reiſen“, ein. Die Damen des Theaters, die ohnehin nur noch mit einem Gürtel bekleidet ſind und ſelbſt die kleine Couliſſe unter den Armhöhlen ſchon verbannt haben, die Tänzerinnen, die, mit Ausnahme der prémiers sujets, ohne maillot erſcheinen, ſie ſpeculiren Alle auf die fremden Banknoten, die ſie zu den höchſten Courſen anzunehmen erklären. Das Quartier Breda geht mit teuf⸗ liſchen Anſchlägen um, alle Biches ſind auf dem qui vive. Man denke ſich: ſie ſtudiren ſchon Sprachen! Sie lernen Eng⸗ liſch, ſogar Ruſſiſch und Deutſch, und mancher elſaſſiſche Con⸗ cierge wird jetzt zum Vertrauten ſeiner ſchönen Inwohnerin, die ihm die Geheimniſſe dieſer ſo ſchwierigen, kaum zu er⸗ lernenden deutſchen Sprache abfragt.
Paris lernt fremde Sprachen— es iſt unerhört! Aber man glaube nicht, daß das aus purer Gefälligkeit, aus Hoch⸗ achtung für die Gäſte geſchieht. Es iſt Geſchäftsſache, nichts weiter; den Unterricht müſſen Messieurs les voyageurs pour 'Exposition bezahlen.
Selbſt die Schuldgefangenen von Clichy werden losge⸗ laſſen, denn der Kaiſer will, daß Alles ſeine Freiheit habe. Es entſteht bei dieſer Angelegenheit nur noch die Frage, ob Diejenigen, welche nur die Hälfte der geſetzlich ſtatuirten Schuldhaft abgeſeſſen haben, ihrer Schuld entledigt ſein werden. Vermuthlich doch, da es ja nicht an ihrem Willen gelegen, für die täglichen 30 Sous noch länger zu ſitzen. — Man denke nurt dreißig Sous! Es wäre mir zu theuer, um meinen beſten Freund dafür einſperren zu laſſen.
Man wird hinfort zwar nicht weniger leichtſinnig in Paris leben, aber man wird weniger leichtſinnig Geld ver⸗ borgen.
Den Loretten ſoll dieſer Act des Corps legislativ durch⸗ aus nicht erwünſcht geweſen ſein. Clichy war immer ein ge⸗ fälliger Ort, an welchem man gern einen vollſtändig gerupften Liebhaber, der doch nur noch im Wege ſein konnte, unterge⸗ bracht werden ſah. Ja, was ſchlimmer noch iſt, wer wird in Zukunft den leichtſinnigen Söhnen noch die Summen borgen, welche unſere Löwinnen zu verſchlingen gewohnt ſind, wenn ſie ſchon einen reichen Onkel verſpeiſt haben? Man wird ſich einſchränken müſſen, aber wie das anfangen?— C'est „raide!“
Ein Glück, daß die Expoſition eröffnet iſt; es werden ja die Bojaren und die indiſchen Nabobs kommen, und inzwiſchen werden ja die ungerathenen Söhne Zeit haben, neue Erb ſchaften zu machen..
So wird jede Romantik unerbittlich ebolirt. Die Klöſter
werden abgeſchafft, die Schuldgefängniſſe werden abgeſchafft
— wie ſoll da am
ſchriftſteller beſtehen!
Eide noch ein Dramatiker, ein Roman⸗
Hans Wachenhuſen.
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