Jahrgang 
1867
Seite
597
Einzelbild herunterladen

Aber Freiheit iſt einmal die Loſung. Mit dem Worte täuſcht ſich Jeder über die Wirklichkeit.

Da iſt z. B. die Theater⸗Freiheit. Seit man die Theater von jeder Conceſſion befreit und ſogar die Cafés chantants berechtigt hat, in Coſtüm zu ſpielen, wird allmählich das ganze franzöſiſche Theater in ein Bierhaus verwandelt werden. Victor Hugo u. A. müſſen bereits den Künſtlern und Künſtlerinnen der Cafes die Erlaubniß geben, ganze Scenen ihrer Stücke aufzuführen. Dieſe Cafes nehmen kein Entree, ſie machen ſich nur durch ihre hohen Bier⸗ und Grog⸗Preiſe bezahlt, und den⸗ noch ſind ſie im Stande, ihre Künſtler höher zu beſolden als die großen Theater. Schauſpielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen laſſen ſich ſchon durch dieſe hohen Gagen in die Theater der Bierſchoppen hinüber ziehen; es werden fort⸗ während neue und große Cafes derart gegründet; die Theater, ſelbſt die kaiſerlichen, die ja auch in den Händen von Privat⸗ Unternehmern ſind, kämpfen mit Geldverlegenheiten, und wer weiß, ob ſie ſchließlich noch die drohende Concurrenz werden bekämpfen können.

Thereſa, diePatti des Bierkrugs, iſt nach Paris zurück gekehrt. Sie hatte in Marſeille die Frechheit, ein Concert für 20 Francs Entrée anzukündigen, die Marſeiller aber bereiteten ihr eine ſo energiſche Demonſtration, daß aus dem Concert nichts wurde und ſie eilig nach Paris reiſte.

Thereſa, die lange die Göttin der Pariſer war, ſtammt aus Marſeille, ſie war früher Perruquiere und nahm als Volksſängerin des Jahres ihre 100,000 Franes ein. Ver⸗ ſchiedene Pariſer Blätter ſcheinen ihr Wiederauftreten jetzt unmöglich machen zu wollen, indeß ein Kind aus dem Volke ſchreckt auch vor einigen Bierſeideln und faulen Aepfeln nicht zurück. Ich bin überzeugt, daß wir ſie demnächſt in den Champs⸗Elyſees wieder ſehen werden.

Louis Veuillot nennt Parisun emplacement céloèbre, sur lequel se forme une ville encore inachevée, einen be⸗ rühmten Platz, auf welchem ſich eine noch nicht vollendete Stadt erhebt.

Wohin wir auf unſerer Promenade den Fuß ſetzen, ſehen wir uns plötzlich auf einer Stätte, die uns an Pompeji ge⸗ mahnt. Rückſichtslos ſind hier die ſchönſten Gebäude heraus⸗ gebrochen oder man iſt eben im Begriff, Häuſer zu zerſtören, die noch Jahrhunderte hätten dauern können. Staubwolken erheben ſich in dichten Maſſen aus dem Werk der Zerſtörung, und vielleicht ſind unten in den Parterre⸗Wohnungen noch die Leute im Ausziehen begriffen, während die Arbeiter ſchon das Dach heruntergeriſſen und mit ihren Hacken die oberſte Etage in ganzen Klumpen hinabſtürzen.

Länger als zehn Jahre dauert nun ſchon dieſes Werk des Zerſtörens und Wiederaufbauens. Die ſchönſten Gartenan⸗ lagen und Fontainen zieren jetzt die Plätze, wo früher ſich ein Labhyrinth von engen und ungeſunden Straßen befand. Prachtvolle Gebäude, breite Straßen ſind an die Stelle dieſer Gaſſen getreten.

Mit der Rue de Rivoli machte man den Anfang, in⸗ dem man das Louvre mit dem Hötel de Ville verband; dann kamen aus Geſundheitsrückſichten jene kleinen Citeés, die einſt der Herd der Revolution waren, dann wurden die Boule⸗ vards eröffnet, und ſo iſt das Werk unaufhaltſam fortge⸗ gangen.

Das alte Paris iſt verſchwunden; diebureaux des démolitions, die ſich an jeder dieſer Bauſtellen befinden, können uns die beſte Auskunft geben, was früher an der Stätte dieſer Paläſte geſtanden. Aber auch die Lebensweiſe iſt in demſelben Grade koſtſpieliger geworden. Suche Niemand die Stätten, wo er einſt glücklich geweſen; die Nothwendigkeit, Paris zu verſchönern, hat Alles demolirt.

Und dennoch, es iſt unglaublich, begegneſt Du, Leſer, in den Straßen von Paris auf den ſchmalſten Trottvirs einem Laternenpfahl, der dir nicht einmal geſtatter, mit dem Regen⸗ ſchirm zwiſchen ihm und den Häuſern hindurch zu kommen! Man hat das Straßenpflaſter durch den Macadam erſetzt und iſt dadurch genöthigt, bei trockenem Wettey fortwährend die Straßen zu beſprengen. Jeder Dame, die beſter Toilette

über die Boulevards fährt, kann es paſſiren, daß irgend einer der die Spritzenſchläuche hantierenden Arbeiter ihr die Robe mit Waſſer beſprengt, und ſchickt der Himmel eine Zeit lang Regen, ſo löſt ſich der ganze Macadam in ein ſchwarzes Meer auf. Es kann eben nicht alles vollkommen ſein, wenn es auch noch ſo viel Geld koſtet.

Nothwendig wird der ärmere Theil der Bevölkerung durch dieſe Prachtbauten, durch dieſe eleganten und theueren Woh⸗ nungen immer mehr in die entfernteſten Stadttheile zu⸗ rückgedrängt. Die Exiſtenz wird Jedem vertheuert, und fieberhafter wird mit jedem Tage das Ringen nach den un⸗ entbehrlichſten Erhaltungskoſten. Der Corruption wird Vor⸗ ſchub geleiſtet, die Familie zerſtört, die Verbrechen mehren ſich, und kaum gibt es ein Land, in welchem ſo viel Morde und andere ſchwere Verbrechen ſich häufen wie in Frankreich.

Während ein Mord bei uns Entſetzen überall verbreitet, geht man hier ſchnell zur Tagesordnung über; die Zeitungen ſchreiben davon, der Reſt wird den Gerichten überlaſſen.

Viel mag dazu auch das Umſichgreifen des Alkohol bei⸗ tragen. Sonſt war es eine Seltenheit, in Paris einem be⸗ trunkenen Arbeiter zu begegnen; heute ſtoßen wir täglich auf roth angelaufene Köpfe, denen das Trottoir und das Straßen⸗ pflaſter zu enge iſt, und man gebe Acht, wird die allgemeine Militärpflicht, ſelbſt mit der vorgeſchlagenen Modification angenommen, der Alkohol findet noch mehr Opfer, die ſich mit ihm über ihr Unglück tröſten. Schon längſt iſt der Ab⸗ ſynth ein Gift, das an der ganzen franzöſiſchen Armee frißt, namentlich an den Truppen in Afrika; die Pau-de-vie aber wird immer gefährlicher in Frankreich, und an den Barrièren von Paris geht es in den Schenken oft lebhaft genug zu.

dem Fremden oft abſtoßend genug. Derſelbe ſei hier nament⸗ lich auf ſeiner Hut, wenn der Garcon im Café ihm mündlich die Rechnung macht. Dieſe Leute haben ihre eigene Art und Weiſe, uns murmelnd etwas daher zu addiren und dabei den Gaſt um fünf bis zehn Sous zu betrügen, ehe er noch eine Ahnung hat. Man laſſe ſich mit Ruhe ſpecificiren, was man zu zahlen hat. Ebenſo iſt es eine beliebte Kriegsliſt der Gar⸗ cons, wenn ſie uns auf einer kleinen Porzellanſchale das Geld bringen, was wir heraus zu bekommen haben. Gewöhnlich legen ſie die Rechnung ſammt dem Gelde in die Schale, doch ſo, daß ſich irgend ein Franc oder ein kleines goldenes Fünf⸗ frank⸗Stück unter das Papier verirrt. Der Fremde, während er nach Hut und Stock greift oder ſeiner Dame behülflich iſt, achtet nicht auf dieſe Finte, zählt das Geld nicht nach und iſt betrogen..

Die Trinkgelder und die Anſprüche der Bedienung auf ſolche, man ſei, wo man wolle, ſind ſchon ſchamlos genug, und die Expoſition trägt das Ihrige dazu bei, dieſe Präten⸗ ſionen zu vergrößern.

Es gibt einzelne große Kaffeehäuſer in Paris, in welchen die Kellner ihre Stelle dem Patron bezahlen. Dieſe ſind alſo darauf angewieſen, die Gäſte auszuplündern, während doch ſchon die Preiſe der Getränke auf ein gewiſſes Raubſyſtem berechnet ſind. Man zahlt 8 Sous für eine Taſſe Kaffee, für einen Abſynth àc. Dazu 2 Sous Trinkgeld. Für ein Gläs⸗ chen Vieux⸗Cognac(nicht den gewöhnlichen, der nur Waſſer iſt) 8 Sous, ja in dem deutſchen Bierhauſe von Fanta bei der neuen Oper iſt man unverſchämt genug, ſich für ein Gläs⸗ chen des gemeinſten Cognac⸗Fuſels 8 Sous zahlen zu laſſen, macht alſo mit dem Trinkgelde 4 Sgr! Eine Schale Kaffee mit Milch als Frühſtück muß in jedem Kaffeehauſe mit 8 Sgr. bezahlt werden.

Indeß das Alles bleibt noch hinter dem Marsfelde zurück. Im Palais der Ausſtellung gibt es Büffets, die von drei

Preis von 4 500,000 Francs. Man denke; für ſechs Monate! Ein Büffet dieſer Art hat wol gegen hundert Kellner, von denen jeder ſeine Stelle mit 45 50 Sous bezahlt. Der Wirth alſo plündert den Gaſt und läßt ſich beiſpiels⸗

weiſe für ein Gläschen Gefrornes 12 Sgr. bezahlen, um ſeine

Das fieberhafte Ringen und Jagen nach dem Sou iſt

oder vier Wirthen in Compagnie gemiethet ſind für den