Jahrgang 
1867
Seite
596
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auch die Muſik der Lateiner war auf der Umkehr begriffen,

zeichnet, die nicht anzuſehen ſind; Kaulbach iſt ein Künſtler von mäßigem Verdienſt; die Düſſeldorfer und die Münchner Schule ſind eben nur künſtleriſche Abe⸗Bänke. Knaus B. malt ſehr hübſch, aber warum? Weil er in Frankreich gelebt und ſtudirt hat.Wir können ihn mithin als den unſrigen betrachten.

Dergleichen Urtheile ſtehen nicht etwa in Pariſer Winkel⸗ blättern, ſie werden von hier anerkannten Kritikern in den erſten Zeitungen gefällt und allgemein gebilligt.

Was ſagt man von dem Urtheil eines hieſigen muſikali⸗ ſchen Kritikers, der den Heiligenſchein der Unfehlbarkeit uſurpirt und von Meherbeer ſagt, dieſer ſei nichts alsMaccaroni mit Sauerkraut. Alſo ſchon wieder Choucroute! Was würden die Franzoſen ſagen, wenn wir Norddeutſche behaupten wollten, die franzöſiſche Nation beſtehe nur aus Hutmachern und Perruquiers, weil ſie bei uns eben nur durch ſolche ver⸗ treten iſt? F

Die Oberflächlichkeit der Franzoſen nimmt mit jedem Jahre zu. In demſelben Maße, in welchem der Leichtſinn und der Materialismus hier fortſchreiten, verſchwindet lauch jede Fähigkeit zu ernſteren Studien. Liederlichkeit und Freſſerei die Cocottes und der Speiſezettel beherrſchen ganz Paris. In welcher Nation wäre es nur denkbar, daß ein Blatt wie dieLiberté ihren 30,000 Abonnenten eine Sammlung von Speiſezetteln als Prämie verabfolgte! Und wo anders wäre es möglich, daß die Tagesliteratur in jeder Nummer von der Kochkunſt eines Baron Briſſe ſchwärmte und ihm täg⸗ liche Ovationen brächte!

Nur ſo konnte auch die franzöſiſche Literatur zu der Stufe hinab ſinken, auf welcher ſie ſich gegenwärtig befindet. Man macht den unſrigen den Vorwurf, ſie ſei langweilig, und vor Jahren erklärte mir einmal der hieſige deutſche Buch⸗ händler F., nur deshalb ſei der Verkauf deutſcher Bücher hier ſo gering, aber ſie iſt noch eine Schatzgrube gegen die fran⸗ zöſiſche Literatur der Gegenwart.

Das dritte Kaiſerreich iſt die Untergangsperiode des fran⸗ zöſiſchen Geiſtes; wie viel auch Napoleon III. gethan, um äußerlich ſeiner Nation allen Glanz zu verleihen, Paris zur ſchönſten Stadt der Welt zu machen und was unverkenn⸗ bar iſt Wohlſtand und Reichthum zu verbreiten: geiſtig iſt Alles ruinirt.

Vor wenigen Jahren erſt wurde Richard Wagner's Tann⸗ häuſer hier auf eine jämmerliche Weiſe ausgepfiffen. War auch dieſe Demonſtration zum Theil gegen die Perſon des Componiſten gerichtet, der neben ſeinem muſikaliſchen Talent auch das beſitzt, ſich unausſtehlich zu machen, ſo galt ſie doch in der Hauptſache der Langweiligkeit ſeiner Zukunfts muſik.

Nichts deſtoweniger hörte man bald darauf einzelne Nummern aus dem Tannhäuſer in den Concerten und fand ſie gut. Man hört ſie noch heute und namentlich den Tann⸗ häuſer⸗Marſch.

Indeß ſollte Wagner bald gerächt werden. Verdi kam mit ſeinem Don Corlos. Der Pariſer ſaß ganz verdutzt bei der erſten Aufführung und fragte ſich, ob denn die Muſik von Verdi, ſeinem Liebling ſei, da ſie ſo maßlos langweilig. Aber da ſie dennoch von Verdi war, ſo wurde ſie gut ge⸗ eißen.

Der Componiſt war in den Zukunfts⸗Duſel hinein ge⸗ rathen, war ſich ſelbſt untreu geworden, und wie der Schüler dem Meiſter nachſteht, ſo war auch dieſer Don Carlos nichts als eine elende Nachahmung. Trotzdem war auf Monate hinaus kein Billet zu den Vorſtellungen dieſer Oper zu haben. Was man an Wagner haßte, das ließ man ſich von Verdi gefallen.

Doch damit nicht genug. Der Pariſer hat das Sprich⸗ wort: jedes Genre iſt gut, nur nicht das langweilige; aber

und Gounod, der ſchon einen kürzeren Weg als Verdi hatte, brachte nach Oſtern ſeine OperRomeo und Julia. Schon während der Proben mußte in der Partitur

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langweilig und monoton, daß nur die Diener und Pagen, die auf der Bühne mit ihren Schwertern ſich herum katzbalgen, an der Vorſtellung Vergnügen finden können. Da war alſo ein Doppelverbrechen begangen worden. Schiller und Shakeſpeare waren von den Libretiſten auf eine erbarmenloſe Weiſe verunglimpft. Die Oper Don Carlos

Ballet läßt ſich kein Pariſer gefallen. Romeo und Julie mußten ihr Ballet haben, das Duett aber von der Nachtigall und der Lerche, das die Helden auf dem Balcon ſingen(die Lerche war's nicht, die Nachtigall) brachte die Pariſerinnen bis zu Thränen.

zum glühenden Roſt wurde, regiſtrirte Paris am ſelben Abend doch einengrand succés. Am nächſten Tage ſchwärmte derFigaro von der herrlichen Muſik; einzelne Kritiker in⸗ deß, deren Feder nicht ganz der Reclame und ihren goldnen Einflüſſen ergeben, ließen Worte wielangweilig, monoton fallen; dasPetit Journal aber, das Allerwelts⸗Orakel namentlich der Provinzen, ſchlug in der Naturgeſchichte nach und brachte lange Citate aus derſelben über die Lerche und über die Nachtigall, über ihre Verdienſte um den Geſang, ihr Gefieder, ihr Familienleben und was ſonſt die Naturkundigen von dieſen Vögeln in Kenntniß gebracht.

Das Beſte war, daß man im Beginn der Oper erſt das Publikum durch einen Prolog benachrichtigen mußte, was es mit dieſen Beiden, dem Romeo und der Juliette, eigentlich für eine Bewandtniß gehabt, wie es in Verona zwei feind⸗ liche edle Häuſer der Monteechi und der Capuletti gegeben ꝛc.

Da nämlich dieſe tragiſche Liebesgeſchichte nicht in Paris paſſirt, ſo hatte das Publikum keinerlei Verpflichtung, je da⸗ von gehört oder geleſen zu haben. Shakeſpeare exiſtirt für den Franzoſen nicht, ebenſo wenig wie Göthe und Schiller,⸗ die nur den Gelehrten bekannt ſind. Le peuple le plus spirituel mußte ſich alſo die hiſtoriſche Bedeutung der Sache erſt zu Anfang der Oper erzählen laſſen.

Fragt den Pariſer: wer iſt Rocambole? er wird es Euch ſofort erzählen; ich ſelber weiß es freilich nicht genau und ertappe mich da auch auf einer nationalen Unkenntniß. Ich habe ſchon früher Skizzen von ihm geſchrieben; er iſt, ſo glaube ich verſtanden zu haben, ein aus dem Haupte des Romanſchriftſtellers entſprungener Galeerenſträfling, der Jahre hindurch Paris in Schrecken und Spannung verſetzte. Ponſon du Terrail ſchrieb dieſen fürchterlichen Roman; er ließ ſeinen Helden ſterben und wieder erſcheinen, ſchloß ſeinen Roman endlich, nachdem er ſchon ein Dutzend Bände umfaßte, und jetzt zeigt die Petite Presse zur Freude Aller eine vermuthlich allerletzte Abtheilung dieſes Romans an unter dem TitelLe dernier mot de Rocambole.

Mit einem ſolchen Räuber⸗Roman kann ein Schriftſteller wie dieſer, etwa auf der Stufe der Deutſchen Leibrock, Cramer,

ſchonungslos geſtrichen werden; trotzdem blieb die Oper ſo

Spieß ꝛc., die ganze Weltſtadt Paris in Athem erhalten. Und dennoch hat Ponſon du Terrail ſeine Verdienſte. Er iſt wenigſtens noch im Stande, einen Roman zu ſchreiben, ſeit Dumas pore kindiſch geworden, und er ſchreibt eben, wie er für ſeine Pariſer ſchreiben muß.

Einen ganz eigenthümlichen Eindruck macht auf mich jedes⸗ mal das Wortliberté, das man hier täglich in jeder⸗ Zeitung zehmal findet. Während des Luxemburger Zankes ſchrieben die Pariſer Jvurnale: wir Franzoſen waren es, welche der ganzen Welt die Freiheit gegeben haben; Frank⸗ reich iſt das Bollwerk der Freiheit, alle übrigen Völker wären ohne Frankreich im Barbarismus untergegangen!

Und wo iſt dieſe Freiheit? Findet man ſie darin, daß jede Cocotte jetzt das Recht hat, ſchamlos beim Tanz die Beine in die Luft zu ſchleudern? Iſt ſie auf den Theatern, wo jede Figurantin nackt vom Scheitel bis zur Sohle v dem Publikum erſcheinen darf. Iſt ſie in den Pariſer Kome⸗ dien, in welchen die Ehe lächerlich gemacht wird, die Ehe männer ſtets die Rolle des Hahnrei ſpielen und die Lieder⸗ lichkeit apotheoſirt wird? Ich finde ſie ſonſt nirgendwo.

mußte natürlich ihr Ballet haben, denn eine Oper ohne

Obgleich während der Vorſtellung der Sitz dem Zuhörer

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