Jahrgang 
1867
Seite
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an ihn; er war ihr nie ein Bruder. Indem trat die Baronin zu den Männern, das Geſpräch brach ab.

Der letzte Abend des Beiſammenſeins kam. Die drei Menſchen hatten ſich in der kurzen Zeit ſo ineinander hinein⸗ gelebt, daß Margarethe, als ſie vom Monte Pincio aus die Stadt ſich mit Abendluft umweben ſahen, ihre Thränen nicht hemmen konnte. Benno nahm ſanft ihre Hand und ſtrich ihr die Locken aus der Stirn, ohne ein Wort zu ſprechen. Weikert blickte ernſt vor ſich hin. Es war ein verſtändnißinniges Schweigen. Jeder wußte warum dem Andern das Herz nicht leicht werden wollte.

Endlich trocknete die junge Frau ihre Lider und brach zuerſt die feierliche Stille:Sie haben ſich wirklich für immer von Deutſchland losgeſagt, Weikert?

Meine ſchöne Muſe, ließ der Künſtler ſich melancholiſch vernehmen,es gibt ein altes Stück, darin heißt es:

Man ſagt, wer auch als Mann Italien ſieht, Wird niemals glücklich, wenn er's laſſen muß! Ich fühle, es liegt Wahrheit in der Sentenz.

Dann müſſen Sie bleiben! ſeufzte ſie leiſe.

Du haſt uns geſtattet, begann Hochberg zögernd, vor unſerer Abreiſe dich an etwas zu erinnern.

Kommt, meine Lieben! ſagte der Maler. Er führte ſie von dem erhabenen Ausſichtspunkt niederwärts in ſeine Wohnung.Meinen Cromwell habt Ihr aus Nobleſſe ver⸗ ſchmäht, werdet Ihr auch dieſe Gabe zurückweiſen? Er hob das eingerahmte Bild, das er bei ihrem Ankunftsbeſuch ihrer Neugier entzogen, von einem verſteckt ſtehenden kleinen Geſte und hielt es den Beiden entgegen. Himmel! Du! Margarethe! rief der überraſchte Hoch⸗

Die Baronin ſtand ſprachlos vor ihrem Portrait. Weikert ſchüttelte das Haupt mit trübem Lächeln:Ihr täuſcht Euch, wie die Natur hier getäuſcht hat. Es ſcheint nur Margarethe

Scheint nur? unterbrach der Baron misverſtehend.

berg.

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Sie iſt in jeder Linie getroffen! Nie hab' ich vollkommenere Aehnlichkeit geſehen!

Das Bild bewegte ſich, denn Weikert's Hand fing leiſe zu zittern an.Es iſt mein begrabenes Weib! ſprach er.

Margarethens Zähren floſſen reich über die rührung⸗ glühenden Wangen. Nach einer langen Pauſe fragte Hochberg faſt ſchüchtern:Und dies unſchätzbare Kleinod willſt du uns ſchenken?

Nehmt es hin! Ich bitte Euch darum. Ich bedarf ſeiner nicht. Das Bild der Todten lebt in meiner Seele! Noch wißt Ihr nicht, wie ich die Geliebte verlor. Unglück klingt ſo gewöhnlich, ſo alltäglich, wenn man's erzählt; es hat ſchon Tauſende, Millionen in gleicher Art beraubt, aber den Einzelnen rüttelt es immer wieder zuſammen, als bebte die weite Erde und ſänke ins Chaos zurück. Fünf Jahre ſind's her oft däucht mir, es ſind funfzig, oft ſcheint mir's vor fünf Tagen geſchehen! Wir hatten uns im Rhein⸗ gau angeſiedelt den Sommer hindurch. Der Herbſt ſollte uns ein Kind ſchenken. Da brach kurz vor der erſehnten Zeit bei Nacht Feuer im Nachbarhauſe aus. Der jähe Schrecken, der mein zartes Weib überfiel, ließ die Geburt zu früh eintreten. Der Knabe kam todt zur Welt, am andern Tage war auch ſeine ſüße Mutter eine Leiche. Sie trug ihn im Arm mit hinab in die Gruft. Iſt das nicht höchſt alltäglich?

Und in wildem Schmerz um ſein entſchwundenes Glück umklammerte der Einſamgebliebene den goldenen Rahmen, preßte einen verzehrend heißen Kuß auf die gemalten Lippen, reichte das Bild dem Freunde, die freie Hand Margarethen und riß ſich ungeſtüm von ihnen los:Fahrt wohl! Raſchen Schritts verſchwand er im Nebengemach.

Die junge Frau ſank dem Gatten ſchluchzend an die Bruſt.Laß uns gehen, drängte Benno ſanft,er will es ſo! Erinnerungen und Qualen, wie ſie ihn durchfluten, ſind Wellen des heiligen Stroms, der den Baum des Genius befruchtet.

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Weltansſtellungs Pilder.

XII. Wie man über uns Deutſche denkt. Die Choucroute. Rocambole und die franzöſiſche Literatur. Wagner's Tannhänſer, Verdi's

Don Carlos und Gounod's Romeo und Julia. Die Lerche und die Nachtigall. Die Theaterfreiheit. Die Demolitions. Der

Alkohol. Die Jagd nach dem Sou. Die Büffets und die Gäſte. DieCaisse. Die Bäder. Die deutſchen Hotels. Alles pour messieurs les voyageurs pour[Exposition.

Girardin iſt noch immer der größte Flaumacher der Börſe; er bleibt dabei: Frankreich iſt durch Bismarck gede⸗ müthigt: Blut muß fließen! Man iſt übrigens vielfach der Meinung, dieſer Bajazzo ſei von oben her beauftragt, die Volksſtimmung zu heizen, um für alle Fälle den nöthigen Enthuſiasmus für den Krieg zu bereiten. Sein Schmollen mit dem Palais Poyal war nichts als Komödie.

Unbegreiflich iſt es, daß man in Paris ſeit lange der Ueberzeugung lebt, die Deutſchen haßten die Franzoſen. Dieſen Gedanken facht man hier jetzt an, um auch dem Volke einen Grund an die Hand zu geben, wieder zu haſſen. Der Pariſer hat von Deutſchland und deutſchem Weſen gerade ſo viel Begriffe wie wir von den chineſiſchen Zuſtänden; er iſt ſogar ſtolz darauf, nichts von uns zu wiſſen; er hat's Gott ſei Dank nicht nöthig, denn ſeine Boulevards ſind ihm die Welt.

Eine ganz beſondere Manier beſitzen die Pariſer, alle Deutſche als fanatiſche Sauerkraut⸗Eſſer zu betrachten. Weil Gericht im Elſaß viel gegeſſen wird, hat man uns Alle m Verdacht, daß wir Morgens zum Kaffee und Abends zum

hee jeden Tag unſere Portion Sauerkraut vertilgen müſſen.

Seit Beginn der Expoſition hängt man mehr als je einen ette mit dem WorteChoucroute an die Fenſter der Fleiſcher⸗ und Gemüſeläden. Hört ein Kellner uns bei Tiſche deutſch reden, ſo verſäumt er nicht, uns Choucroute vorzu⸗

Deutſchen geiſtige Vorzüge einzuräumen.

ſchlagen, in der Ueberzeugung, uns damit eine ganz beſondere Freude zu bereiten. Hering und Sauerkaut, darin beſtehen nach Meinung der Pariſer unſere deutſchen Laſter, denn wir ſind zu phlegmatiſch, um andere zu beſitzen, die aus Leiden⸗ ſchaften hervorgehen.

In keiner Weiſe iſt der Pariſer bis jetzt geneigt, uns Die Kritiken der Pariſer Zeitungen über die Ausſtellung geben hiervon wieder ein ſchlagendes Beiſpiel.

Alles was Paris und Frankreich hat und leiſtet, iſt superbe, magnifique, beau, spirituel spirituel namentlich! Was andere Nationen können und ſchaffen, erſcheint den Franzoſen immer nur als elende Nachbildung,

Unſere deutſche Abtheilung auf dem Marsfelde hat gewiß des Schönen und Verdienſtvollen ſehr viel, aber man leſe die Berichte der Franzoſen in den hieſigen Zeitungen! Wird den Erzeugniſſen wirklich ein gewiſſes Verdienſt zugeſprochen, ſo kommt hinterdrein ganz beſtimmt ein Vergleich mit denen der franzöſiſchen Induſtrie, gegen welche ſie eben nur etwas ganz Gewöhnliches ſind.

In den Sälen der ſchönen Künſte ziehen die Gemälde unſerer deutſchen Künſtler die größte Aufmerkſamkeit auf ſich, aber vor der Pariſer Kritik Anerkennung zu finden, iſt ihnen nicht gelungen. Cornelius hat nichts als rieſige Fratzen ge⸗

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