Jahrgang 
1867
Seite
594
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mein Weib ging und ſtand. Die Hausthiere ſchmiegten ſich an ſie, die Vögel flatterten ihr nach, ſogar das wilde Reh ſprang nicht ins Dickicht, wenn ſie den Waldweg hernieder⸗ ſtieg. Ich ſehe ſie wieder im weißen Sommergewande am Abhange ruhen, den Kornblumenkranz auf den Locken, ich höre wieder ihr leiſes, ſüßes Singen, das Volkslied:

Ich hab' einmal ein Ringerl kriegt

Von meiner Herzensdirn

Es iſt wieder Frühling! loderte er, von der Viſion geblendet, leidenſchaftlich auf,aber weinen muß ich doch! klang es herzbrechend nach, als er ſich enttäuſcht in die Gegenwart zurückfand, und die heißen Wogen ſeiner Bruſt brachen ſich Bahn durch die Augen, vor die er im Uebermaß des Wehs die geballten Hände ſchlug.

Hochberg trat ergriffen zu ihm, legte die Linke auf des Gebeugten Schulter und umſchlang ihm mit der Rechten den Nacken. Auch die Comteffe näherte ſich; ſchwere, langſame Tropfen rannen ihr über die purpurumhauchten Wangen. Mit einem Seufzer, der alles Unausſprechliche in ſich faßte, richtete der bleiche Mann das Haupt in die Höhe, ſah vor ſich Margarethen, an ſeiner Seite den Baron ſtehen, faßte ohne einen Laut Beider Hände, drückte ſie ſanft ineinander, dann, ehe die Freundin oder der Freund ihre regungsloſe Haltung verloren, ſprach er unendlich mild:Gott mit Euch! Gute Nacht! Kein Blick rückwärts. Den Grafen Alexan⸗ der, an dem er dicht vorüberſchritt, beachtete er nicht.

W

Etwa eine Woche nach dieſem Abend erhielt Weikert aus der Hauptſtadt eines Nachbarlandes die Aufforderung, ſeinen Cromwell zu der dört vorbereiteten großen Kunſtaus⸗ ſtellung einzuſenden. Er mußte umgehend den Beſcheid er⸗ theilen, das Gemälde ſei Eigenthum der Staatsgalerie ge⸗ worden. Die Bemühungen Hochberg's hatten unerwartet ſchnellen und günſtigen Erfolg gehabt.

Es ſah kahl in dem Atelier des Malers aus. Die Skizzen waren von den Wänden, die Gliedergruppen aus den Ecken des Saales verſchwunden. Dafür ſtanden mehrere ſtarkvernagelte Holzkiſten in dem öden Raum. Laſtträger kamen und ſchafften auch dieſe hinweg; eine Anzahl junger Männer ſammelten ſich im Hauſe, um dem Meiſter das Ge⸗ leit bis zum Südbahnhof zu geben. Die ernſte Abſchieds⸗

ſtimmung ward durch die Ausſicht verdrängt:auf Wieder⸗

ſehn in Rom! Und im Vorgefühl der baldigen neuen Vereinigung folgte dem geliebten Lehrer von vielen Schüler lippen ſchon der italieniſche Ruf:Addio, addio, maestro carissimo!

Kaum zwei Monate ſpäter trat auf demſelben Bahnhof ein junges Ehepaar die Hochzeitsreiſe an und ſchlug genau die nämliche Richtung ein, wie der Künſtler, bis Sanct⸗Peters mächtiger Dom am Horizont auftauchte. Bei dem Anblick jauchzte die ſchlanke, elegante Dame vor Entzücken wie ein Kind. Der Gatte freute ſich an ihrer Freude, ihm war die Gegend nicht fremd, die Fahrt nicht neu.

Die Stadt der ſieben Hügel, einſt mit Rechtdas Haupt der Welt genannt, umfing die Vermählten. Aber Keines von Beiden fragte:Wohin ſollen wir zunächſt, in welchen Palaſt, in welche Kirche? Ihr erſter Weg war ihnen durch ſtillſchweigende Uebereinkunft vorgezeichnet, er führte ſie in eine berganklimmende' Straße. Der elaſtiſche Gang des Paares litt nicht auf dem ſteileren Pfade. Jetzt zeigte der Herr auf ein Gebäude mittelalterlichen Stils:Dort hauſt er, mein ſüßes Herz!

Wenn er wüßte, wie nahe wir ihm ſind! flüſterte die Dame, als beſorgte ſie, der Bewohner der Caſa könnte ſie vernehmen. Ihr Führer ſchaute ſie mit tiefer Zärtlichkeit an:

Wußte ich an jenem Abend, wie nahe mir die höchſte Freude meines Lebens war?

Sie ſchmiegte ſich feſter an ſeine Schulter. Noch wenige Schritte, dann ſchlüpfte ſie in die ſchmale Thür und drehte

ein Frühlingswölkchen neben ihren Cavalier hinan.

ſich vergügt um:Er war nicht am Fenſter, die Ueberraſchung glückt uns An der Treppe blieb ſie ſtehen, um ihren Ge⸗ mahl vorauf zu laſſen. Galant reichte er ihr von den unterſten Stufen rückwärts die Hand, ſie verweigerte mit einem ſcherzen⸗ den Schlag die Annahme der Stütze und ſchwebte leicht wie Dieſer machte Halt vor einer breiten Thür und wiſperte:Hier, Liebchen!

Biſt du deiner Sache auch gewiß.

Er nickte ihr freundlich zu:Dieſe Höhle war ſtets eine Kunſtherberge. Wie oft bin ich hier geweſen! Wer mir ge⸗ ſagt hätte, ich würde ſie an deiner Seite wieder betreten! Er ſchlang den Arm um ihre Hüfte.

Raſch ſah ſie ſich um, lispelte:Es ſieht's Niemand! und ſpitzte ihm den reizenden Mund entgegen.

Sollte das ein Kuß ſein? neckte der Gatte.

Still! Das iſt ſein Schritt! dabei deutete ſie auf die Thür und neigte das feine Ohr.

Wir wollen ihn ärgern! lächelte der Cavalier und klopfte an.

Intrate! lautete die Einladung von drinnen. Gaſt öffnete nicht, ſondern klopfte von Neuem.Intrate! klang es wieder vergebens. Ein drittes Klopfen.Corpo di Baccho, intrate! ſcholl es aus dem Zimmer, und gleichzeitig flog die Pforte auf.

Mit Flüchen empfangen, aber hoffentlich mit Segen entlaſſen! ſcherzte der hinter der Dame Eintretende. Der Hand, die geöffnet hatte, entfiel Malſtock und Palette. Der Gaſt bückte ſich gewandt danach und rief:Mein Tizian, dein Kaiſer Karl iſt glücklich, dir dein edles Werkzeug aufheben zu dürfen!

Der Maler fuhr ſich über Stirn und Augen, als fürchtete er das Opfer einer Sinnentäuſchung zu ſein; dann aber jubelte er:Margarethe! Hochberg! Meine liebſten Menſchen!

Da haſt du uns! Der Baron warf ſich in Weikert's⸗ Arme, der ſich losriß, die Hände Margarethens küßte, den Freund wieder umarmte und ſich nicht faſſen konnte vor Freude. Erſt als der Sturm einigermaßen verbrauſt war, bemerkte der Künſtler, wie gewaltig ſein Arbeitscoſtüm abſtach gegen die untadlige Toilette der theuren Landsleute.

Die junge Baronin lachte ihm das tragikomiſche Ent⸗

Der

ſetzen weg, in welches er gerieth, und beurlaubte ihn, ſein

Feiertagskleid anzulegen; inzwiſchen wolle ſie mit Benno den angefangenen Gemälden, die ſie umherſtehen ſah, ihre Auf⸗ wartung machen. Weikert eilte hinaus, kehrte indeß raſch zurück und ergriff ein ungefähr zwei Fuß hohes Bild, das eingerahmt, mit der Rückſeite nach außen, an der Wand lehnte.

Halt! interpellirte Hochberg,was entführen?

Erinnere mich daran, Bruderherz, wenn Ihr wieder heimreiſt! verſetzte der Maler ernſt und nahm das Bild mit. Schon nach wenigen Minuten begrüßte er, im Aeußern vor⸗ theilhaft metamorphoſirt, die Freunde noch einmal und klatſchte in die Hände, als er hörte, ſie, ſeien geſonnen, ihre Flitter⸗ wochen nur in Rom zu verleben. Er hatte ſich ſeither mit kleineren Compoſitionen beſchäftigt, ein größeres Werk wollte er erſt in Angriff nehmen, nachdem er die Fresken des Vaticans gründlich ſtudirt. So traf ſich's überaus günſtig, daß er keine Zeit zu verlieren brauchte, ſondern vielmehr das Erfreuliche uit dem Nützlichen verband, wenn er dem jungen Paare als Cicerone diente und ihnen in Paläſten wie Tempel all' die großartigen Reſte aus dem goldenen Zeitalter der Malerei und Sculptur zeigte, die Hochberg zwar ſchon kannte an denen ſich jedoch kein Auge je ſattſieht, das mit Schön heitsſinn begabt iſt. Die Tage verflogen, die Wochen rauſcht dahin. Ein einzig Mal fragte Weikert unter vier Augen N Baron, was aus dem Grafen Alexander geworden.*

willſt du uns da

Provinz verſetzt. Wäre er in der Reſidenz geblieben, ſo hzie ich den Ort gewechſelt. Du haſt mit deinem ſicheren P vor Margarethen ſeiner nie erwähnt; ſie denkt nur ungern